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StartseiteKommentare und Themen der WocheRücktritte sind kein Selbstzweck04.06.2021

Missbrauchsskandal in der KircheRücktritte sind kein Selbstzweck

Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Marx, hat dem Papst seinen Rücktritt angeboten. Der Top-Mann im Gewissensbildungsbetrieb hat sich der Gewissensfrage gestellt, kommentiert Christiane Florin. Aber Rücktritte nützen wenig, wenn sie ein Davonstehlen sind.

Ein Kommentar von Christiane Florin

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Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, gibt im Innenhof seiner Residenz ein Statement vor der Presse. Marx hat zuvor Papst Franziskus seinen Rücktritt angeboten. (picture alliance/dpa | Peter Kneffel)
Kardinal Marx bietet dem Papst seinen Rücktritt an. (picture alliance/dpa | Peter Kneffel)
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Dieses Rücktrittsangebot von Reinhard Marx nehme ich persönlich. Der Noch-Erzbischof von München und Freising schreibt, dass ihn mehrere Fragen seit Jahren umtreiben. Er nennt ausdrücklich jene, die ich ihm 2018 auf der Pressekonferenz zur Missbrauchsstudie gestellt habe. Marx war damals Vorsitzender der Bischofskonferenz. Neben ihm saß sein Trierer Amtsbruder Stephan Ackermann.

Ob unter den mehr als 60 in Fulda versammelten Bischöfen einer oder zwei gesagt hatten, dass sie wegen persönlicher Schuld die Verantwortung des Amtes nicht mehr tragen könnten, wollte ich wissen. Marx sagte "Nein", mehr nicht. Ackermann nickte zum Nein. Dieses letzte Wort der Konferenz hallte lange nach, in mir und - wie ich nun weiß - auch in Reinhard Marx.

Ein großes Mea Culpa

Aus dem Nein ist ein Ja geworden. Der Kardinal spricht ein großes Mea Culpa. Er sagt 'Ich', nicht bloß 'Wir'. Der Top-Mann im Gewissensbildungsbetrieb hat sich der Gewissensfrage gestellt.

Archivfoto vom 13.03.2020 von Reinhard Kardinal Marx (picture alliance / dpa - SvenSimon / Frank Hoermann ) (picture alliance / dpa - SvenSimon / Frank Hoermann )Sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche - Kardinal Marx bietet Papst Rücktritt an
Kardinal Marx hat dem Papst den Rücktritt von seinem Amt als Erzbischof von München angeboten. Er wolle "Mitverantwortung für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs" in der katholischen Kirche übernehmen. Ein Schritt, dessen Wirkung noch nicht absehbar ist.

Die Szene von 2018 wurde oft im Fernsehen gezeigt, weil das Publikum eines schaurigen Wunders teilhaftig wurde: Erschütterung, in Beton gegossen. Maximale Verurteilungssprache bei minimaler persönlicher Verantwortung.

Warum ich mich an der Kirche abarbeiten müsse, fragten Glaubensfunktionäre damals zurück. Meine Antwort: Ich arbeitete mich nicht ab, ich arbeite. Machtkontrolle ist journalistisches Kerngeschäft, erst recht bei einer Institution, die sonst niemand kontrolliert. Wer zu sexualisierter Gewalt recherchiert, bekommt eine Ahnung davon, was Betroffenen an Lügen und Ignoranz, an juristischer und theologischer Brutalität entgegenschlägt. Dass ein Bischof nett wirkt, sagt nichts darüber aus, wie er sich gegenüber Betroffenen verhält.

Was hat Marx getan und was unterlassen?

Reinhard Marx zeigt sich nun selbstkritisch und selbstbewusst zugleich. Er bestimmt, wie er geht. Er bestimmt, was er gesteht. Sein Kölner Kollege hat den Zeitpunkt für einen respektablen Rücktritt verpasst. Aber Marx‘ Souveränität blamiert nicht allein Rainer Maria Woelki. Meine Frage war nicht nur eine Kardinalsfrage. Sie gilt allen, die eine Kirche erbaut haben, in der die Opfer sexueller Gewalt als Feinde oder Stimmungskiller gelten. Eine Kirche, deren Spitzenkräfte glaubten: Wir können machen, was wir wollen, unkontrolliert von Staat und Justiz.

Rücktritte sind kein Selbstzweck. Ich hänge mir keine Bischofsmütze als Hirschgeweih an die Wand. Rücktritte nützen wenig, wenn sie ein Davonstehlen sind. Die nächste Frage in die ganze Runde lautet: Was haben Sie getan und was unterlassen?

Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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