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StartseiteSport am WochenendeWarum Turnen so anfällig für Missbrauch ist18.07.2020

Missbrauchsvorwürfe britischer TurnerinnenWarum Turnen so anfällig für Missbrauch ist

Die Aufdeckung systematischen Missbrauchs im britischen Verband hat für einen weiteren Skandal im Turnen gesorgt. Die niederländische Sportwissenschaftlerin Annelies Knoppers erklärt im Dlf, warum sie nicht an echte Änderungen glaubt und mit welchen Mitteln Missbrauch im Turnen zu verhindern wäre.

Annelies Knoppers im Gespräch mit Maximilian Rieger

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Catherine Lyons steht auf dem Schwebebalken und holt Schwung für einen Sprung. (imago sportfotodienst)
Die britische ehemalige Turnerin Catherine Lyons, hier bei der Junioren-EM 2014, erhebt schwere Vorwürfe gegen Trainingsmethoden in ihrem Verband. (imago sportfotodienst)
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Catherine Lyons ist 19 Jahre alt, ehemalige britische Turnerin und eine der Stimmen im neuesten Missbrauchsskandal im Turnen - diesmal im britischen Verband. Nur wenige Jahre nachdem Larry Nassar, der ehemalige Teamarzt der US-amerikanischen Turnerinnen, wegen sexueller Übergriffe auf hunderte Mädchen und Frauen zu 175 Jahren Haft verurteilt worden ist.

In einer Dokumentation des britischen Senders ITV berichtet Lyons zwar nicht von sexuellen Übergriffen. Dafür aber von körperlichem und mentalem Missbrauch. Sie sei geschlagen worden, einmal sogar mit einem Stock. Der Trainer habe sie eine Woche lang hungern lassen, damit sie Gewicht verliert.

Nachdem die Dokumentation veröffentlicht wurde, haben diverse Athletinnen und Athleten ebenfalls von einer "Kultur der Angst" im britischen Turnverband gesprochen.

Lisa Mason (Großbritannien) am Stufenbarren bei der Turn-Europameisterschaft 2000 in Paris (imago / Ulmer ) (imago / Ulmer )Ausgehungert, angeschrien und beschimpft
Sie wurden geschlagen, mussten hungern und trainierten bis die Hände bluteten: Ehemalige führende britische Turnerinnen erheben schwere Missbrauchsvorwürfe gegen den Verband. Die Methoden hatten wohl System.

Annelies Knoppers ist Professorin für Sport und körperliche Erziehung an der Universität Utrecht. Sie hat in mehreren Studien Missbrauch im Turnen untersucht.

Maximilian Rieger: Warum hat es so lange gedauert, bis sich die Athletinnen und Athleten getraut haben, ihr Schweigen zu brechen? Wie haben sie vielleicht so lange rationalisiert, was mit ihnen passiert, bis sie verstanden haben, dass sie Missbrauch erlebt haben?

Annelies Knoppers: Nun, ich weiß, dass es kein beliebtes Wort ist, wenn man über emotionalen Missbrauch spricht, aber ich würde es eine Art Grooming nennen, eine Art Abwärtsspirale. Zuerst macht alles viel Spaß. Und dann werden sie allmählich stärker unter Druck gesetzt. Und mit jedem Schritt zucken sie mit den Schultern oder denken: 'So ist es eben hier. Das muss ich akzeptieren. Und so sind die Trainer.' Und so akzeptieren sie das. Wie ich schon sagte, das sind Kinder. Das sind Kinder. Und sie sind vom Turnen angefixt, weil sie den Sport lieben oder weil ihnen gesagt wurde, dass sie sehr gut darin sind oder sehr gut werden könnten. Und dann ist es sehr schwer zu sagen: 'Nein, das will ich nicht' oder: 'Du kannst mich nicht anschreien' oder was auch immer. Denn der andere Teil davon ist, wenn ein Kind nach Hause geht und sagt: 'Mann, der Trainer hat wirklich geschrien' oder 'er hat mich ignoriert', und die Eltern gehen zum Trainer und sie sagen etwas, dann werden die Athleten beim nächsten Mal dafür bestraft.

Annelies Knoppers ist Professorin für Sport und körperliche Erziehung an der Universität Utrecht. (privat)Annelies Knoppers ist Professorin für Sport und körperliche Erziehung an der Universität Utrecht. (privat)

Rieger: Der Trainer hat also viel Macht.

Knoppers: Genau.

Rieger: Wie verhindert man, dass der Trainer diese Macht missbraucht?

Knoppers: Nun, der Trainer steht auch unter Leistungsdruck, um Spitzensportler hervorzubringen. Wer übt also Druck auf den Trainer aus? Weil Turnen ein Vereinssport ist, sind es normalerweise die Manager oder der Vorstand des Vereins, die diesen Trainer einstellen. Und sie wollen, dass der Trainer Top-Athleten hervorbringt. Und dann hängt die Finanzierung des Vereins davon ab, ob der Trainer das tut. Der Trainer steht also auch unter Druck. Wenn ein Verein zum Trainer sagen würde: 'Gut. Wir haben viele Mädchen, die Gymnastik machen wollen. Sie stellen sicher, dass sie ihre Fähigkeiten erlernen und dass sie wirklich viel Freude am Sport haben.' Das ist etwas ganz anderes als zu sagen: 'OK, in fünf Jahren sollten Sie mindestens einen Athleten auf die Top-Ebene bringen oder regionale oder nationale Wettbewerbe oder was auch immer gewinnen.'

Rieger: In einer Ihrer Studien haben Sie mit Trainern und auch Leitern dieser Organisationen gesprochen. Können Sie beschreiben, wie die ihr Verhalten begründen?

Knoppers: Nun, die Trainer sagen, dass diese Methoden funktionieren. 'Ich war hier oder dort, oder meine Erfahrung ist...' Sie greifen viel auf ihre eigenen Erfahrungen zurück und sagen: 'Das hat für mich funktioniert' oder 'ich war Athlet und das hat für mich funktioniert'. Und sie haben all diese Argumente dazu: Dies funktioniert oder jenes funktioniert. Und diese Argumente können aus ihren eigenen Erfahrungen als Sportler stammen oder aus dem, was sie bei anderen Top-Trainern gesehen haben.
Wenn Sie in der Geschichte zu den Olympischen Spielen 1976 in Montreal zurückgehen, da hat Nadia Comaneci die Goldmedaille im Turnen gewonnen. Sie war ganz anders als die Turnerinnen, die vorher dort gewesen waren, weil sie jünger war, viel jünger. Und sie machte Übungen und Elemente, die noch niemand zuvor gesehen hatte. Und ich glaube, sie war die Erste, die eine Zehn bekam. Also achteten die anderen Trainer auf sie und beobachteten: 'OK, was hat ihr Trainer getan, um das hinzubekommen?' Und ihre Trainer waren die rumänischen Trainer. Und die machten das, was wir heute als emotionalen Missbrauch und körperlichen Missbrauch des Athleten bezeichnen würden.

Rieger: Das gab also im Grunde den Ton für alle Trainer an, die folgten. Denn diese rumänischen Trainer waren die Karolyi-Trainer, die dann in die USA geflohen sind und das System dort aufgebaut haben.

Knoppers: Und dort war ja auch Nassar (Larry Nassar, der Teamarzt der US-Turnerinnen, der mittlerweile wegen Missbrauchs zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, Hinweis der Redaktion) und hat auch in den USA auf der Karolyi-Ranch gearbeitet. Da gibt es also all diese seltsamen Kombinationen, in denen Trainer sozusagen herrschen.

Der ehemalige Arzt der US-Turnerinnen, Larry Nassar, steht wegen sexuellem Missbrauch und anderen Delikten vor Gericht. (AFP/Geoff Robins) (AFP/Geoff Robins)"Das Thema Larry Nassar soll Olympia nicht überschatten"
Im Missbrauchsfall um den früheren Arzt Larry Nassar bietet der US-Turnverband den Opfern Entschädigungen in Höhe von insgesamt 215 Millionen Dollar an. Doch im Gegenzug sollen die Athletinnen ihre Klagen gegen den Verband nicht weiter verfolgen.

Rieger: Gibt es eine Möglichkeit, dieses System aufzubrechen?

Knoppers: Der einzige Weg, wie man das schaffen kann - nicht der einzige Weg, sondern einer der Wege das zu schaffen - ist zunächst die Altersgrenze zu erhöhen, ab der Turnerinnen auf nationaler oder internationaler Ebene antreten dürfen. Nehmen wir an, sie erhöhen es auf 18, anstatt zuzulassen, dass so junge Mädchen mitmachen dürfen.
Und eine andere wäre, wenn ein Land sagen würde: Hey, beim Turnen wird die Eliteebene nicht unsere Priorität sein. Wir wollen es an der Basis, weil Mädchen und einige Jungen es wirklich mögen. Aber wir wollen keine Medaillen oder was auch immer. Denn am Ende kann es den Mädchen langfristig schaden, sei es emotionaler, körperlicher Missbrauch oder der langfristige Verschleiß ihrer Körper.

Rieger: Weil es in einigen Ländern immer solchen Missbrauch geben wird, egal was passiert?

Knoppers: Richtig.

Rieger: Wenn ich also Elternteil bin und darüber nachdenke, mein Kind in einen Turnverein zu schicken, wie stelle ich fest, dass mein Kind in Sicherheit ist?

Knoppers: Das ist eine sehr gute Frage. Wir haben gerade ein Projekt mit Diskussionsgruppen mit den Eltern. Und alleine schon in Diskussionsgruppen zu sein, öffnet den Eltern die Augen. Weil sie zum Beispiel voneinander lernen. Einer sagte: 'Mein Kind hat sich einen Muskel gezerrt oder sogar einen Knochen gebrochen. Und niemand hat etwas getan.' Und alle waren schockiert. Und dann stellen sie Fragen: Ja, aber wie ist das geregelt? Wie verhält sich der Verein? und solche Dinge. In diesem Sinne werden die Eltern stärker involviert und stellen Fragen, weil sie die Erfahrungen anderer hören. Das ist eines der Dinge, die Sie tun sollten, sich mit anderen austauschen. Eine andere Sache, die ich vorschlagen würde, wenn Sie ein Elternteil sind, ist, sich mit anderen Eltern treffen und sicherzustellen, dass bei jedem Training ein Elternteil dabei ist.

Rieger: Also einen anderen Erwachsenen im Raum zu haben.

Knoppers: Genau. Denn ein Großteil des Missbrauchs, den wir aufgedeckt haben, war, als kein anderer Erwachsener anwesend war oder sie Vorhänge hatten, damit niemand zuschauen konnte.

Rieger: Glauben Sie, dass sich angesichts der neuen Erkenntnisse im britischen Turnen in einigen Ländern die Kultur verändern wird, in welcher Art und Weise sie mit den Turnern umgehen?

Knoppers: Nun, wenn ich von den Erfahrungen hier in den Niederlanden ausgehe, bezweifle ich es.

Rieger: Warum?

Knoppers: Wir haben vor ein paar Jahren eine Studie durchgeführt und all diese Trainingsmethoden und insbesondere emotionale Praktiken aufgezeigt. Und Fälle von Athleten, die sich aus dem Sport zurückgezogen hatten, in denen die Athletinnen und ihre Familien danach eine Therapie brauchten, weil sie so verletzt worden waren. Und das haben wir unserem nationalen Turnverband vorgestellt. Aber es gab nur sehr wenige Veränderungen, weil sie so erfolgreich waren. Sie punkteten auf internationaler Ebene. Sie hätten auf keinen Fall ihr System verändert. Sie sagten zwar, dass sie positives Coaching machen würden. Gleichzeitig wollten sie aber Athleten hervorbringen, die Medaillen gewannen. Das ist also eine sehr komplizierte Angelegenheit.

Tim Evans und Marisa Kwiatkowski (Reith/Dlf) (Reith/Dlf)"Diese Recherche hat uns aufgezehrt"
Marisa Kwiatkowski und Tim Evans sind zwei der Reporter, deren Recherche zur Aufdeckung des Missbrauchsskandals im US-Turnverband führte. Sexueller Kindesmissbrauch sei ein allgegenwärtiges Gesellschaftsproblem, sagten sie im Dlf-Sportgespräch.

Rieger: Das Problem beginnt also grundsätzlich mit den Erwartungen der Spitze des Verbands oder Vereins?

Knoppers: Ja. Es ist ein Problem an der Spitze. Auch auf der Eliteebene. An der Basis ist es nicht so sehr ein Problem. Da purzeln Kinder durch die Gegend und springen und machen alle möglichen Radschläge oder was auch immer und genießen das. Da gibt es keinen Druck. Das Ziel ist dann das Genießen - zu sehen, was man mit dem Körper machen kann. Der Druck entsteht, wenn sie knapp unter der Eliteebene sind und weiterentwickelt werden sollen, sodass sie letztendlich auf nationaler oder internationaler Ebene gut abschneiden können. Ich denke, meine pessimistische Sichtweise ist, wenn man den Sport ändern will, muss es zu einer Zeit sein, in der ein Land sehr schlecht im Turnen ist und es wirklich nicht so sehr am Turnen interessiert ist. Damit sie keinen Druck ausüben, um Medaillen zu produzieren. Denn bei allem, was wir gesagt haben, haben sie nur geantwortet: 'Ja, aber sieh mal, es läuft so gut bei uns und die Athleten lieben es.'

Rieger: Aber sie tun es nicht.

Knoppers: Nun, in dem Moment schon. Ich meine, welcher Athlet, der punktet und im internationalen Wettbewerb gut abschneidet, wird sagen: 'Ich mag es nicht. Ich hasse es. Ich will hier raus.' Sie werden dass nicht sagen, wenn sie am Zenit ihrer Karriere stehen oder wenn ihnen gesagt wird: 'Hey, wenn du die nächsten zwei Jahre wirklich hart arbeitest, kannst du es zu den Olympischen Spielen schaffen', und so weiter.
An dem Punkt haben sie schon so viel investiert, ihre Eltern haben schon so viel investiert. Es gibt sehr, sehr wenige Kinder, denn das sind sie: Kinder, die sagen: 'OK, jetzt werde ich aufhören.' Sagen wir mal, ich bin Turnerin oder ich werde Turnerin und meine Eltern fördern mich wirklich und bestärken mich. Also fahren sie mich zu Meetings und unser Zeitplan für die ganze Familie ändert sich, nur damit ich zum Training gehen kann. Und an den Wochenenden fahren wir durch das ganze Land, damit ich antreten kann. Und so sehe ich, wie meine Eltern und meine Familie ihren gesamten Familienplan um mich herum arrangiert. Dann fällt es mir ab einem bestimmten Punkt sehr schwer, wenn ich weiß, was Sie in mich investiert haben, zu sagen: 'OK, ich höre jetzt auf, ich habe genug.' Sie wollen ihren Eltern oder ihrer Familie sozusagen auch eine Belohnung geben. Sie wollen zeigen, dass sie es wirklich wert waren.

Aus Zeitgründen haben wir im Deutschlandfunk eine gekürzte Version des Interviews gesendet. Hören Sie hier eine ungekürzte Version im englischsprachigen Original.

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