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StartseiteSonntagsspaziergangMit dem Rad durch deutsche Geschichte11.10.2009

Mit dem Rad durch deutsche Geschichte

Von Travemünde bis Hof entlang der alten Grenze

20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern nur noch wenige Spuren an die innerdeutsche Grenze. Doch es gibt Mahnmale, Museen und Erinnerungsstätten entlang des deutsch-deutschen Radwegs, der durch die ehemaligen Grenzorte von Travemünde bis nach Hof führt.

Von Eva Firzlaff

Nur noch wenige Mauerreste erinnern am deutsch-deutschen Radweg an die einstige Teilung. (Eva Firzlaff)
Nur noch wenige Mauerreste erinnern am deutsch-deutschen Radweg an die einstige Teilung. (Eva Firzlaff)

Von Hof sind wir 15 Kilometer hoch in den Wald gefahren. Am Dreiländereck plätschert ein Bach durch den grünen Busch, zwei Schilder markieren die deutsch-tschechische Grenze und wer mag, geht einfach rüber. Heute. Eine Ahnung davon, wie es hier vor 20 Jahren ausgesehen hatte, kriegen wir erst etwas später in Mödlareuth, wo mitten durch das Dorf die Grenze verlief. Ein Stück davon blieb stehen: hoher Zaun, Graben, spanische Reiter, Mauer, Wachtürme.

Der Radwanderweg entlang der früheren Grenze ist schlecht ausgeschildert. Es gibt auch keinen durchgehenden Radweg. Man fährt auf Wald- und Wirtschaftswegen, kleinen Straßen - mal rechts, mal links der früheren Grenze. Der sogenannte Kolonnenweg ist zwar noch stellenweise erhalten, Betonplatten mit Loch an Loch, doch den fährt man besser nicht, denn man trifft garantiert jedes zweite Loch. Im Thüringer Wald ist von der aufwendigen Grenzanlage kaum noch was zu sehen. Die Schneise im Wald wächst zu.

"Hier, wo es ein bisschen abwärtsgeht, das war der Kraftfahrzeugsperrgraben, so circa drei Meter breit oben und 1,50 Meter tief und mit Betonplatten ausgelegt. Und hier begann dann schon der K 6, der Kontrollstreifen, der ja ständig geeggt wurde. Anschließend dann der Kolonnenweg, ausgelegt mit Betonplatten."

Karl Zenkel war Grenzoffizier in Bayern. Über die Jahrhunderte war der Rennsteig, wenigstens stellenweise, immer mal wieder Grenze. Historische Wappensteine aus fünf Jahrhunderten zeigen, wer wann auf welcher Seite das Sagen hatte. Etwas kurios sind die Grenzsteine, die nach dem Grundlagenvertrag von 1972 aufgestellt wurden.

"Auf der einen Seite, dieser neuen Steine, steht DDR und auf der anderen Seite, wo nichts ist, das ist die Bundesrepublik. Wir haben ja die DDR offiziell nicht anerkannt. Deswegen konnten wir da auch nicht BRD drauf machen. Und so war da nichts. Also dort, wo nichts ist, das sind wir dann."

Oben vom Rennsteig geht der Blick über ausgedehnte Wälder, ab und zu machen wir Pause auf einer duftenden Kräuterwiese. Hinter dem Thüringer Ort Heinersdorf war die Welt zu Ende. Auch hier steht noch ein Stück Mauer, die ging ums halbe Dorf. Erich Eckehard:

"Hier vom Fluss aus war die Mauer durchs ganze Tal und, wo der Ortsbereich aufhört, noch 100 Meter weiter ungefähr. Ja das wollte man alles wegreißen. Ein paar couragierte Leute haben das dann verhindert. So blieb zumindest dieses Stück als Mahnmal stehen."

Eine Mauer wie in Berlin wurde nur gebaut, wo ein DDR-Dorf direkt an der Grenze lag - so wie Heinersdorf. Ansonsten beließ man es bei dem drei Meter hohen Zaun und dem Grenzstreifen. Die kleine Grenzkontrollbaracke von 1989 ist jetzt Gedenkstätte, zeigt ein Modell des Dorfes, wie es ummauert war, und wie die Grenze das Leben beeinträchtigte.
"Das Land da ist zum größten Teil von Heinersdorfer Bauern bewirtschaftet worden. Das war zwar bayerische Flur, aber Heinersdorfer Eigentum. Bis 1952 ging das, konnte man noch rüber und das bewirtschaften. Mit einem Schlag am 5. oder 6. Juni 1952 war dann Schluss."

Lange vor 1961 wurde also schon der Zaun dichtgemacht. Und wir erfahren von der Aktion Ungeziefer. Über 10.000 Menschen wurden aus dem fünf Kilometer breiten Sperrgebiet zwangsweise ausgesiedelt, ins DDR-Hinterland. Wer im Grenzgebiet wohnen blieb, durfte nur von Familienmitgliedern besucht werden, nur zu einem besonderen Anlass und nur mit Genehmigung.

Der Weg verläuft jetzt südlich des Thüringer Waldes. Gelegentlich erinnert ein Wachturm an die Grenze oder ein Stück zerlöcherte Mauer. Wir kommen in die Rhön: hügelig, Felder, schmucke Dörfer. Im Mittelalter war die Rhön noch komplett bewaldet und man nannte sie Buchonia, wegen der ausgedehnten Buchenwälder.

"Nach dem 30-jährigen Krieg, als die Landschaft wieder besiedelt wurde, wurden diese Freiflächen geschaffen, um eben auch Weidevieh halten zu können und Ackerbau zu betreiben. Das ist bis heute so, dass die Landwirtschaft großen Anteil an der Erhaltung dieser Landschaft hat."

Jürgen Holzhausen vom Biosphärenreservat Rhön, das reicht über Ländergrenzen Bayern, Hessen und Thüringen. Nicht nur im DDR-Grenzgebiet, wo kein Fremder rein durfte, war Ruhe, auch auf fränkischer und hessischer Seite.

"Wir haben am Ende der Welt gewohnt und viele junge Leute sind weggegangen in die Stadt, um Arbeit zu finden. In diesem grenznahen Bereich war so gut wie niemand mehr zu Hause. Und dadurch sind auch alte Strukturen erhalten geblieben. Da wurde keine Flurbereinigung durchgeführt. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Pflanzen- und Tierwelt gehabt, diese Abgeschiedenheit."

So ist der seltene Schwarzstorch in den 80er-Jahren in die Rhön gekommen. In Geisa lassen wir dann die Räder stehen und steigen zu Fuß den Berg hoch - zum Point Alpha. Der wichtigste Beobachtungsposten der Amerikaner blieb als einziger erhalten. Berthold Dücker:

"Point Alpha liegt im Zentrum des legendären Fulda-GAP, das erstreckt sich oben aus dem Raum Hersfeld bis an die bayerische Grenze etwa. Es soll ein besonders für Panzer geeignetes Gelände sein. Deshalb ging man bis zuletzt davon aus, dass in einem Konfliktfall zwischen Ost und West hier der Erstfall ausbrechen würde, also möglicherweise auch ein dritter Weltkrieg."

Im damaligen Camp, direkt an der Grenze, wird diese Zeit lebendig. Als Ticket bekommt der Besucher eine Media-Card, mit der er an verschiedenen Stationen die Amerikaner erzählen lassen kann.

"Ich bin Capitan Michael Barbero und war von März 1987 bis Juni 1990 beim 11. Panzeraufklärungsregiment in Fulda. Wir waren so ausgerüstet, als würden wir in den Krieg ziehen."

Zwei Beobachtungstürme - amerikanischer und DDR-Turm - stehen sich nur wenige Meter entfernt gegenüber. So war es wirklich. Dazwischen ist ein Stück Grenze wieder aufgebaut.
Wir fahren noch ein Stück entlang der Ulster, dann die nächsten 120 Kilometer an der Werra. Das Fachwerkstädtchen Vacha erholt sich von seiner grauen Zeit im Grenzgebiet. Ein riesiges historisches Rathaus zeugt von besseren Zeiten. Denn über die fast 670 Jahre alte Steinbrücke über die Werra ging die Handelsstraße von Frankfurt nach Leipzig. Die Brücke von Creuzburg - auch über die Werra - ist noch ein paar Jahre älter und die älteste Steinbrücke nördlich des Mains. Im öffentlichen DDR-Bewusstsein gab es diese Brücken nicht, genauso nicht die wuchtige Creuzburg hoch über dem Ort. Dabei war es eine wichtige Thüringer Landgrafenburg, genauso wie die berühmte Wartburg, lag nur eben im Grenzgebiet. Klaus Martin:

"Man hat über die Wartburg gesprochen, über die Neuenburg. Aber über die Creuzburg, als Thüringer Landgrafenburg, ist nie ein Wörtchen geredet worden, ist verschwiegen worden."

Als die Burg nicht mehr Landgrafensitz war, diente sie als Verwaltungssitz und verfiel später. Noch zu DDR-Zeiten haben engagierte Bürger das historische Gemäuer aus der Landgrafenzeit erhalten.

"Aus der Zeit sehen wir noch den Wohnturm, den Brunnen, die Ringmauer mit den Zinnen und Gratsteinen und das Osttor."

Weiter geht es an der Werra. Von Wahnfried - auf hessischer Seite - radeln wir direkt an die Grenze, die nicht mehr da ist. Doch das große Eichsfelder Kreuz steht noch, es war wie eine Pilgerstätte. Matthias Haartier stand hier als Grenzsoldat.

"Die sind ja mit dem Sakrament hier hochgekommen aus Wanfried, aus der Kirche. Man hat es läuten gehört. Das ist ja so ein Serpentinenweg hier und das hat man schon von Weitem gehört, dass sie kommen. Sie sind immer zur Grenze gekommen und haben dort ihr Gebet gesprochen, dass auch der Hülfensberg, die Franziskaner dort oben das hörten."

Und von Ostseite wurde gegengehalten.

"Da gab es Lautsprecherwagen, die sind richtig an die Grenze rangekommen und haben laute Musik gemacht, meistens Partei-Musik, um ja den Gottesdienst zu stören."

Das Franziskaner-Kloster oben auf dem Hülfensberg blieb trotz seiner Lage im DDR-Grenzgebiet der wichtigste Wallfahrtsort im katholischen Eichsfeld. Ein riesiges Kreuz leuchtete auch damals vom Berg über die Grenze. Oben im Kloster treffen wir Bruder Rolf.

"Als schon Franziskaner, aber noch Student war ich mal zu einer Priesterweihe in Fulda. Und auf dem Rückweg sind wir dann über Wanfried gefahren - und von Wanfried so weit wir konnten an die Grenze gefahren und haben auf dem Berg die Kirchturmspitze gesehen und so geseufzt: Das Kloster da oben gehört zwar zu unserer Ordensprovinz, aber da kommen wir wahrscheinlich nie hin. Aber jetzt muss man sagen: Der Mensch dachte und Gott lachte."

Bei Werleshausen verlassen wir die Werra und quälen uns einen stattlichen Berg hoch. Oben die Burg Hahnstein. Auf alten Bildern sehen wir den Grenzzaun direkt an der Burg. Man wollte sogar die eigentlich gut erhaltene Ruine abreißen, betreten durfte sie sowieso keiner, damit man ja nicht von der exponierten Stelle aus irgendwelche Zeichen gen Westen sendet. Jetzt kann jeder rein, sich fühlen wie im Mittelalter. Und immer im August steigt ein großes Burgfest.

Weiter geht es über Berg und Tal durch das Eichsfeld. Daran übrigens erkennt man den Fremden der Insider, sagt Eiksfeld, wer weiß warum.

Auf den engen Straßen im Harz wollen wir uns nicht zwischen die Autos quetschen und steigen in die Harzer Schmalspurbahn. Die bringt uns nach Elend. Von dort ist es nicht weit bis Schierke, wo wir die Räder stehen lassen und zu Fuß hoch auf den Brocken steigen. Der war gesperrt, aber nicht die Grenze.

"Nein, die Grenze verlief nicht über den Brocken. Viele Leute denken das - der ehemalige Kolonnenweg, der Panzerweg geht ja hier halb über den Brocken drüber weg, dass hier halb Ost halb West war. Aber die eigentliche Landesgrenze zu Niedersachsen verläuft 2,5 Kilometer westlich vom Brocken."

Der Nationalpark-Ranger Mario Netzel. Erst seit Dezember 1989 ist der höchste Berg des Harzes wieder offen. Übriggeblieben ist eine riesige Parabolantenne, zu sehen im Brockenhaus.

"Der Wurmberg war eine Abhörstation. Auf dem Stöberhai war - glaube ich - der Franzose drauf. Dann gibt es den Bocksberg bei Hahnenklee, da waren auch die Franzosen drauf. Und wir hatten die Staatssicherheit hier oben auf dem Brocken, die dann von hier aus bis zum Atlantik, zum Ärmelkanal, bis nach England abgehört haben."

Im Gegenzug konnte die NATO bis zum Ural horchen. Der Harz ist nun grenzenloses Wandergebiet, mit tiefen dunklen Wäldern, bizarren Fels-Klippen, murmelnden Bächen.
In Schöningen, einer kleinen niedersächsischen Stadt direkt am Braunkohle-Tagebau, steht vor der Kirche eine Stele von 1959: Berlin soll immer Hauptstadt bleiben. An der Ostseite des Tagebaus liegt Hötensleben. Hier hat man einen Abschnitt Mauer und Grenzstreifen direkt am Dorf erhalten. Wir haben auf der Tour schon viele Fotos gesehen, wie die Grenze sich in die Landschaft gefressen, Dörfer umzingelt hat. Sie machen uns immer wieder betroffen.

Die Autobahn A2: Der Grenzübergang Marienborn war in der Zeit des Kalten Krieges die größte Grenzübergangsstelle. Hier wurden nicht nur Pässe kontrolliert. Frank Stucke:

"Dass jeder Reisende gefahndet und gerastert wurde auf Brauchbarkeit durch das Ministerium für Staatssicherheit, geht weit über eine normale Kontrolle hinaus. Also es sind alle Reisenden erfasst worden. Es wurde mindestens eine Fahndungskartei angelegt über sie. Wir haben die Fahndungskartei gefunden und auch einen Schlüssel zum Decodieren, wo man sagen kann: Es sind ungefähr 127 Unterpunkte, was es alles an Fahndungsobjekten gegeben hat."

Die alte Kontrollstelle ist jetzt Gedenkstätte und auch von der Autobahnraststätte aus zu erreichen. Damals musste jeder runter von der Autobahn und durch die Kontrolle. Wer mit Vollgas durch wollte, der endete an einer plötzlich auftauchenden Sperre.

"Eine Rollschranke, die wir dort sehen, diese rot-weiße, die innerhalb von Sekunden die Autobahn zugemacht hat und ausgelegt war, einen 50-Tonnen-LKW bei 80 Kilometer pro Stunde zu stoppen. Und das ist hier mehrfach passiert, dass Flüchtlinge auf diese Rollschranke aufgefahren sind. Ich sage mal, jeder DDR-Bürger wusste, dass es gefährlich ist, wenn man versucht in den Westen zu fliehen. Aber was die im Einzelnen hatten, das war in der Regel nicht bekannt."

Weiter im Norden kommen wir durch den Drömling, das Land der 1000 Gräben. Der Preußen-König Friedrich der Große ließ hier ein Sumpfgebiet entwässern. Doch die ausgedehnte Niedermoorlandschaft war unbekannt, weil Grenzgebiet. Auf schmalen Wegen radeln wir ewig an verschilften Wassergräben entlang, sehen Störche und Reiher.
Durch die Altmark mit ihren weiten Feldern geht es dann zur Elbe. In Schnackenburg saß der Zoll der Bundesrepublik. Damals war hier was los, denn die Lastkähne von Hamburg nach Westberlin durften nachts nicht über die Grenze. Reinhard Kögel:

"Eine Abfertigung der Schiffe auf der DDR-Seite in Cumlosen war nicht möglich. Und deswegen mussten die Schiffe bei Einbruch der Dunkelheit hier in Schnakenburg vor Anker liegen. Hier gab es bis 1989 kein Ladenschlussgesetz und nichts. Die Leute haben abends, wie sie eben rein kamen, eingekauft, alles, was sie noch brauchten, um bis nach Westberlin zu kommen."

Obwohl das Ostufer mit dem hohen Grenzzaun bestückt war, haben es immer wieder Menschen bis ins Wasser geschafft und versucht, die Elbe zu durchschwimmen. Viele sind nicht angekommen.

"Weil viele die Strömung der Elbe stark unterschätzen. Sie hat eine sehr hohe Fließgeschwindigkeit, vier bis fünf Kilometer in der Stunde. Viele haben gedacht, wenn ich am Punkt A einsteige, komme ich gerade rüber raus. War nicht. In der Regel wurden sie zwei bis drei Kilometer abgetrieben. Und bei Wassertemperaturen von zehn bis zwölf Grad - null Chance. Die zweite Sache war am Tage der starke Schiffsverkehr. Viele haben sich eine Taucherausrüstung zugelegt, sind in eine Schiffsschraube gekommen und wurden dann hier zerfetzt angeschwemmt."

Unterwegs erinnern ab und zu Gedenksteine an Opfer der Grenze. Wir erfahren allerdings auch, dass es zwischen 1961 und 1989 doch 44.000 Menschen gelang, irgendwie durchzukommen.

Am Ostufer in Lütkenwisch fallen uns etliche große Backsteinscheunen auf, aber kein Bauernhaus dazu. In diesem alten Dorf direkt am Deich wurde, sobald einer gestorben oder weggezogen war, schnell das Wohnhaus abgerissen. Die Scheunen hat die LPG genutzt. So sollten die Grenzdörfer entvölkert werden.

Wir sind jetzt eine Weile auf dem Elbe-Radweg, auf oder hinter dem Deich. Ein besonderes Naturerlebnis. Andrea Schmidt vom Umweltzentrum Elbe.

"In erster Linie sind es die ausgedehnten Vordeichflächen, die auch wirklich noch mit dem Hochwasser überschwemmt werden. Dass wir neben der Elbe verschiedenste Nebengewässer haben - Bracks, Flutrinnen, Altarme -, die auch über das Hochwasser miteinander verbunden sind. Die Elbe ist einer der wenigen Flüsse in Deutschland, die tatsächlich noch zufrieren können, aber andererseits im Sommer auch sehr Niedrigwasser haben. Wir haben über das Jahr einen Wechsel von über fünf Metern im Wasserstand. Da kann man sich vorstellen, das prägt so eine Landschaft ganz enorm."

In Dömitz - auf Mecklenburger Seite - stoßen wir dann auf eine gewaltige Festung.

"Die Festung ist eine Renaissancefestung und sie ist gebaut im 16. Jahrhundert. Fertig war sie im Jahr 1565. Die Festung ist in dieser Art das einzige Bauwerk, was es hier in Westmecklenburg gibt. Es war eine Grenzfestung und ist vom Herzog bewusst nach Dömitz gebaut worden, weil die Elbe damals auch schon Grenzfluss war."

Museumleiter Jürgen Scharnweber. Prominentester Gefangener der Festung war der Mecklenburger Heimatdichter Fritz Reuter. Bei Lauenburg verlassen wir die Elbe und radeln auf einem Treidelweg gen Norden. Schon vor 1400 wurde hier ein Kanal gegraben, "die nasse Salzstraße" ist der älteste Kanal im nördlichen Europa. Um 1900 ausgebaut zum Elbe-Lübeck-Kanal. In Büchen biegen wir ab und kommen in das Biosphärenreservat Schaalsee. Rainer Mönke:

"Der Schaalsee selber hat eine Fläche von ungefähr 24 Quadratkilometer Größe. Er ist ja sehr buchtenreich, sehr zerteilt, hat viele Inseln, Halbinseln. Durch diese reiche Struktur des Sees hat er eine Uferlänge von etwa 80 Kilometern. Und als Besonderheit: Er ist der tiefste See der Norddeutschen Tiefebene. Er ist nämlich knapp 72 Meter tief."

Ein Werk der Eiszeit. Mitten durch den Schaalsee ging die Grenze. An Wassersport - wie jetzt - war nicht zu denken. Die Einheimischen durften zwar baden gehen, aber nur im abgezäunten Strandbad.

"Aber ansonsten an anderen Stellen überhaupt nicht. Und hier auf dem Schaalsee patrouillierten ja auch Grenzboote. Da war kein Tourismus, überhaupt nichts."

Da hatten es die Ratzeburger besser, die konnten auf ihren Ratzeburger See. Das alte Ratzeburg liegt auf einer Insel im See. Wir stehen mit Ute Fritzsche am Dom und gucken rüber auf das steile Ostufer, wo jetzt edle Häuschen am Hang stehen.

"Das heißt 'Zur schönen Aussicht' und da stand bis 1945 eine Gastwirtschaft. Und da fand das sogenannte Bierdeckelabkommen statt, dieser Gebietsaustausch zwischen russischer und britischer Besatzungszone. In die Geschichte eingegangen als Barber-Ljaschtschenko-Abkommen. Einmal Gebiete, die am Schaalsee lagen und britisch waren, kamen in die sowjetische Besatzungszone. Und Gebiete, die unmittelbar am Ratzeburger See lagen und sowjetisch waren, kamen in die britische Besatzungszone."

Dieser Gebietstausch löste hektischen Betrieb aus, den die Generäle wohl nicht erwartet hatten.

"Keiner wollte in der sowjetischen Besatzungszone bleiben und so wurde eine Woche lang alles von den Schaalsee-Bauern in die britische Zone geschoben über den Schaalsee rüber. Mit Viehtransporten, alles, was sie irgendwie bewegen konnten, wurde mithilfe der Engländer, also der Pioniere, die die Brücken bauen, in die britische Zone geschafft."

Endlich am Ostseestrand, nach 1300 Kilometern. Östlich von Travemünde, auf der anderen Seite der Trave liegt der Priwall. An der schmalsten Stelle dieser Halbinsel war die Grenze. Jetzt mahnt dort ein großer Findling mit der Aufschrift "Nie wieder geteilt".

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