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StartseiteHintergrundMit der alten Garde in die neue Zeit13.08.2005

Mit der alten Garde in die neue Zeit

Tadschikistans schwieriger Aufbruch in Richtung Demokratie

Tadschikistan, wo nur sechs Millionen Menschen leben, gilt als das Armenhaus der ehemaligen Sowjetunion. Rund die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der absoluten Armutsgrenze. Im Oktober 2004 schloss Tadschikistan einen Vertrag mit Moskau, der die enge Anbindung an Russland untermauert: Zwei staatliche russische Unternehmen werden 1,3 Milliarden US-Dollar in den zweitgrößten Staudamm der Welt und ein Wasserkraftwerk investieren.

Von Peter Böhm

Die Tadschiken sind um einen toleranten und liberalen Islam bemüht. (AP)
Die Tadschiken sind um einen toleranten und liberalen Islam bemüht. (AP)
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Imam Loite Nasirow ruft zum Gebet. Einen Lautsprecher braucht er dafür nicht. Ohnehin ruft er nur die Männer aus zwei, drei Straßen unmittelbar in der Nähe der Moschee, am Südrand des kleinen Städtchens Garm, zusammen. Auf den ersten Blick ist die Moschee auch überhaupt nicht als islamisches Gebetshaus zu erkennen. Sie hat kein Minarett, keine Halbmonde auf dem Wellblechdach, und in ihrem Innern liegen keine Gebetsteppiche.

Eher sieht sie aus wie ein Vereinsheim, und die 20 Männer, die zum Abendgebet gekommen sind, nennen sie auch wie in der Sowjet-Zeit, als es in vielen Ortschaften Tadschkistans geheime Moscheen gab, "Club" oder "Tschaichona" - das Teehaus. Sie kommen hierher, um zu beten, zu reden, Tee zu trinken und nicht selten auch eine Hochzeit zu feiern. Ihre Moschee steht auch Nicht-Muslimen offen, wie Imam Nasirow betont.

" Im Bürgerkrieg hatten wir mit dem Bau der Moschee noch nicht richtig angefangen. Als der Krieg begann, blieb die Arbeit liegen. Danach haben sich die Männer versammelt und sie gebaut. Nur die Mauern standen. Die Säulen gab es nicht, die haben wir errichtet. Angestrichen haben wir, aber wir sind noch nicht fertig. Es gibt immer noch Arbeit."


Imam Nasirow ist 83 Jahre alt und trägt, wie bei alten Männer in Tadschikistan üblich, einen langen, weißen Bart, der ihm bis weit auf die Brust reicht. Seine Moschee ist typisch für den moderaten Volks-Islam mit starken Sufi-Einflüssen, der schon vor der Sowjetzeit in Zentralasien vorherrschend war.

In Garm, einem Städtchen mit 3 500 Einwohnern, 200 km östlich der Hauptstadt Duschanbe, gibt es acht solche Moscheen. Und alle wurden nach dem Bürgerkrieg gebaut.

" Wir leben heute in einer friedlichen Zeit. Heute gibt es nichts Schlechtes bei uns. Alle sind zufrieden. Wir arbeiten, wir essen, wir sitzen hier, wie Sie sehen, und beten. Niemand sagt: "Du arbeitest nicht. Was machst du?" Wir leben heute in einer Demokratie."

Dass der Imam auf die Frage nach dem Bürgerkrieg in Tadschkistan antwortet, als habe der nie stattgefunden, mag erstaunen, denn bis vor einigen Jahren galt das Garm-Tal noch als Brutstätte des Islam, die ganz Zentralasien erschütterte.

Im Bürgerkrieg, von 1992 bis 1999 war das schwerzugängliche Flusstal die Hochburg der Vereinigten Tadschikischen Opposition. Damals galt dort die Scharia-Gesetzgebung. In dem Dörfchen Sangwor, 40 km südlich von Garm, gaben die Mudschahedin Juma Namangani Zuflucht, dem Anführer der Islamischen Bewegung Usbekistans.

Er richtete sich dort mit mehreren hundert Kämpfern ein und überfiel in den Jahren 1999, 2000 und 2001 Dörfer in Kirgistan und Usbekistan. Noch bis in die jüngste Zeit erscheinen in der usbekischen und kirgisischen Presse Berichte, die, auf obskure Geheimdienstquellen gestützt, islamische Guerillas im Garm-Tal vermuten. Und bis heute verbietet die usbekische Regierung Direkt-Flüge aus Tadschikistan nach Usbekistan.

Aber die Zeiten hätten sich geändert, äußert Hubertus Rüffer, der schon 1995 für die Deutsche Welthungerhilfe im Garm-Tal gearbeitet hat.

" Als dieser Friedensschluss kam, hat sich die Sache wieder sehr stark stabilisiert. Die Leute sind religiös. Die Leute gehen in die Moschee. Aber andererseits haben sie durchaus eine Affinität zu einer normalen, weltlichen, modernen Lebensweise mit all ihren Attributen, die sie annehmen, die sie akzeptieren, und die sie eigentlich auch nicht missen wollen."

Hubertus Rüffer verweist darauf, dass es nach dem Friedensschluss im Garm-Tal zu einem wirtschaftlichen Aufschwung gekommen sei.

" Wenn ich heute nach Garm fahre und vergleiche das mit vor zehn Jahren, ist das heute eine ganz andere Situation. Das sieht man schon an den Berghängen, wo es mittlerweile wieder Bewaldung und Büsche gibt. Und die Leute andererseits auf ihren Feldern sehr erfolgreich anbauen und das auch gut vermarkten können. Also es geht ihnen heute im Vergleich zu vor zehn Jahren wesentlich besser."

Aber natürlich haben sich die mehreren tausend Mudschahedin, die im Bürgerkrieg vom Garm-Tal aus gegen die post-kommunistische Regierung in Duschanbe kämpften, nicht einach in Luft aufgelöst.

Ein kleiner Teil von ihnen, wie Mirzochodscha Achmadow zum Beispiel, einer der ehemals mächtigsten Kommandeure der Mudschahedin in Garm, wurde in Polizei und Militär aufgenommen. Bis heute leitet Achmadow die sechste Spezialabteilung der Polizei zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität in Garm.

Er hat rote Augen und stecknadelgroße Pupillen und spricht so langsam, als habe ihn jemand betäubt. Wie es der Zufall so will, verläuft die wichtigste Drogenschmuggel-Route in Tadschikistan durch das Gebirgstal von Garm. Das mag ein Grund dafür sein, dass Achmadow sich öffentlich nicht äußern will und keine Interviews gibt.

Andere Mudschahedin wurden, wie der stellvertretende Direktor des UNO-Entwicklungsprogramms (UNDP) in Garm Saimuddin Muhidinow berichtet, wieder ins zivile Leben integriert:


" In unseren Projekten waren mehr als 4.000 vormalige Mudschahedin, die zeitweise eine Arbeitsstelle bekamen. Sie setzten zum Beispiel Straßen im Garm-Tal instand und renovierten Gebäude der Sicherheitskräfte oder Mittelschulen. Außerdem halfen wir angehenden Landwirten. Wenn die vormaligen Kämpfer Häuser renovierten oder Dächer und Straßen, half es ihnen im späteren Leben auch wieder in der Baubranche Arbeit zu finden."

Landesweit wurden nach Regierungsangaben insgesamt 7.000 Kämpfer entwaffnet, im Garm-Tal rund 500 davon in Polizei und Militär aufgenommen.

Beim vormaligen Garmer Mudschahedin-Chef Achmadow steht eine Kiste mit Panzerfaust-Granaten im Büro, und unter dem Porträt des tadschikischen Präsidenten hängt ein alter Karabiner. Er droht, dass es mit der Ruhe in Garm vorbei sein werde, wenn die Regierung wie im September 2004 in Tadschikabad, 30 Kilometer talaufwärts, versuche ehemalige Mudschahedin festzunehmen. Ein Polizist wurde bei der Schießerei getötet, einer verletzt.

Doch der stellvertretende UNDP- Direktor Muhidinow glaubt nicht, dass solche Vorfälle den Friedensprozess im Garm-Tal ernsthaft gefährden können:




" Ich bin der Ansicht, dass der lange Krieg in Afghanistan nicht nur für Tadschikistan eine gute Lektion war, sondern für die ganze Welt, und dass die Tadschiken mit der Zeit verstanden haben: durch den Bürgerkrieg gewinnen wir gar nichts. Außerdem gibt es bei uns im Gegensatz zu unserem Nachbarn Afghanistan nicht die Tradition, dass auch Zivilisten Waffen zuhause haben. Das gab es vor dem Krieg nicht und heute auch nicht."



Ortswechsel. Schauplatz Duschanbe. Obwohl in der tadschikischen Hauptstadt 700.000 Einwohner leben, hat sie sich ihren provinziellen Charme bewahrt. Nachts um halb elf sind die Boulevards der Innenstadt schon verwaist, und die Straßen der Wohnviertel gehören herrenlosen Hunden.

Tadschikistan, wo nur sechs Millionen Menschen leben, gilt als das Armenhaus der ehemaligen Sojwetunion. Rund die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der absoluten Armutsgrenze, und wie beim nördlichen Nachbarn Kirgistan sind die natürlichen Voraussetzungen des Landes denkbar ungünstig.

Der gesamte östliche Teil Tadschikistans liegt im Hochgebirge des Pamir, und damit mehr als die Hälfte des Territoriums höher als 3.000 Meter über dem Meeresspiegel.


Ebenso wie in Kirgistan haben auch in Tadschikistan Ende Februar Parlamentswahlen stattgefunden. Und wie beim nördlichen Nachbarn gewann die Regierungspartei bis auf eine Handvoll Sitze alle Mandate im Parlament. Auch in Tadschikistan haben die Wahlbeobachter der OSZE und die unabhängigen Medien massive Manipulationen moniert, aber die Opposition in Tadschkistan hat darauf völlig anders reagiert als die in Kirgistan. Muhidin Kabiri, stellvertretender Vorsitzender der Partei der Islamischen Wiedergeburt (PIW):

" Mir scheint Regierung und Opposition verfolgen dasselbe Ziel: Friede und Stabilität in Tadschkistan. Das ist das allerwichtigste. Natürlich hat dieses Ziel mehrere Aspekte, dazu gehört auch die Demokratisierung der Gesellschaft. Deshalb haben wir Beschwerde eingelegt bei der Zentralen Wahlkommission und werden uns wenn nötig an den Obersten Gerichtshof wenden. Ehrlich gesagt haben wir keine große Hoffnung, dass die Wahlen wiederholt werden. Darum geht es auch nicht. Es geht vielmehr darum klarzumachen, dass die Opposition nicht mit den Ergebnissen einverstanden ist, die die Wahlkommission veröffentlicht hat."

Der Mann, der hier so legalistisch argumentiert, vertritt die einzige legale politische Partei in Zentralasien, die sich den Islam auf die Fahnen geschrieben hat. Zu Zeiten des Bürgerkrieges war die PIW das Schreckgespenst der ex-kommunistischen Kader in Zentralasien, die in allen Ländern - abgesehen von Kirgistan - an der Macht geblieben waren und noch heute am Ruder sind.

Auch das ist wohl ein Zeichen dafür, wie sehr sich die Situation in Tadschikistan durch den Bürgerkrieg verändert hat. Wie viele andere Tadschiken auch, betont Kabiri, dass ihn die Ereignisse in Kirgistan an den Beginn des Bürgerkrieges in seinem Land erinnerten, als es 1992 zu Massenprotesten gegen die Regierung kam, und diese schnell in Kämpfe zwischen den Clans der verschiedenen Regionen Tadschikistans ausarteten: Zwischen denen des Garm-Tales und des Pamir-Gebietes auf der einen Seite und denen des Nordens und des zentralen Südens auf der anderen.

Aber es ist auch ein Indiz dafür, dass der radikale Islam seit dem Sturz der Taliban in Afghanistan in der Region den Rückhalt verloren hat, und dass sich ähnlich ausgerichtete Parteien wandeln mussten.

" Wir müssen einen anderen Islam anstreben, der historisch in Tadschikistan und in Zentralasien vorherrschend war - einen sehr toleranten und liberalen Islam, viel demokratischer als in vielen Regionen der Welt. Mir scheint, wir werden zu einer Situation kommen, in der die Rolle der Religion in der Gesellschaft irgendwo zwischen der des Christentums in den westlichen Ländern - natürlich nicht genau analaog - und der der Türkei und Malaysias oder anderer Länder Südasiens liegen wird."

Trotz der Berichte über Wahlfälschungen in Tadschikistan hat die Opposition ihre Anhänger nicht zu Protesten aufgerufen. Die Tadschiken beobachteten interessiert die Ereignisse in Bischkek, aber dem Beispiel des Nachbarlandes folgten sie nicht.

Viele Beobachter vertreten deshalb den Standpunkt, Tadschikistan habe unter Präsident Emomali Rachmanow den Weg der zentralasiatischen Nachbarn eingeschlagen: Den der post-sowjetischen Diktatur, in dem das alte, kaum reformierte System weiterlebe und die alten Eliten weiter an der Macht blieben.


Das spiegelt sich auch in den Abendnachrichten des tadschikischen Fernsehens als das neue Parlament zu den ersten Sitzungen zusammentritt. Auf eine kurze Ankündigung der Moderatorin folgt gleich ein fast 15-minütiger Ausschnitt aus der Rede des Präsidenten vor dem Abgeordnetenhaus.

Der Politologe und Journalist Nurali Daulatow betont, dass die Parallelen der tadschikischen Politik zur einstigen Politik der Sowjetunion unübersehbar seien.

" Mir erscheint der Unterschied nicht besonders groß. In der Regierung sind dieselben Kommunisten mit der alten Herkunft, Mentalität und im Grunde dem alten Regierungsstil. Und was die vielen Leute angeht, die in die Volksdemokratische Partei eingetreten sind - es heißt ja, sie habe mehr als 100.000 Mitglieder - dann denke ich, viele Leute haben verstanden, dass die Partei an der Macht ist, und dass, wenn sie sich einen Mitgliedsausweis holen, sie Karriere machen können, das heißt, einen Posten kriegen. In der Sowjetzeit war das auch das einfachste Mittel, um eine Stelle zu bekommen."

Der tadschikische Präsident Emomali Rachmanow ist ein ehemaliger Kolchos-Vorsitzender. Nach Massenprotesten im Jahr 1992 hatte der ehemalige Sekretär der kommunistischen Partei Rachman Nabiew zurücktreten müssen.

Die Opposition bildete daraufhin eine Koalitionsregierung. Durch einen Putsch der Neo-Kommunisten im Sommer 1992 kam mit Rachmanow jedoch wieder die alte Garde an die Macht. Sie hat sich auch im Bürgerkrieg mit Hilfe der russischen Truppen, die im Land verblieben waren, behauptet.

Laut Friedensvertrag, der 1997 unterschrieben aber erst im Jahr 1999 richtig umgesetzt wurde, erhielt die Opposition 30 Prozent der Ämter in Regierung und Armee. Inzwischen sind davon jedoch nicht mehr viele übriggeblieben. Seine Macht stützt Präsident Rachmanow vor allem auf Funktionäre aus seiner Heimatregion Kuljab, im zentralen Süden. Der Politologe Nurali Daulatow:

" Man kann sagen, dass Präsident Rachmanow nach den Parlamentswahlen im Februar 2000 seine Macht gefestigt hat. Er hat angefangen nicht nur die Leute zu entlassen, die über die 30-Prozent-Quote der Opposition in die Regierung gekommen sind. In Wirklichkeit hat er alle entlassen, die ihm hätten in die Quere kommen können. Und ich denke, dass heute niemand mehr eine Bedrohung für ihn darstellt."

Eine Folge dieser Machtkonsolidierung des Präsidenten ist sicherlich, dass Tadschikistan inzwischen selbstbewusster gegenüber dem einst übermächtigen Russland auftreten kann.

Nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion blieb die 201. Division mit rund 12.000 russischen Soldaten in Tadschikistan. Rund 2000 russische Offiziere überwachten außerdem die 13.000 einheimischen Rekruten an der Grenze zu Afghanistan. Die tadschikischen Rekruten waren Teil der russischen Armee, und ihr Sold wurde von Russland bezahlt.

Im Oktober 2004 schloss Tadschikistan einen Vertrag mit Moskau, der die enge Anbindung an Russland untermauert: Zwei staatliche russische Unternehmen werden 1,3 Milliarden US-Dollar in den zweitgrößten Staudamm der Welt und ein Wasserkraftwerk sowie ein Aluminiumwerk investieren. Russland erhält dafür eine ständige Basis für seine 201. Division und darf das Weltraumteleskop in Nurek nutzen.

Zuvor hatte Tadschikistan auch Fühler in Richtung USA ausgestreckt und wie Kirgistan nach dem 11. September Washington einen Militärstützpunkt angeboten.


Doch Russland drohte mit Visapflicht für Tadschiken. Rund 800.000 Tadschiken verdienen ihr Geld, zumeist ohne legalen Status, als Gastarbeiter in Russland. Für Regionen wie das Garm-Tal bedeutet das: Jeder dritte Mann im arbeitsfähigen Alter hält sich in Russland auf, und ohne das Geld, das die Gastarbeiter nach Hause schicken, würde die tadschikische Wirtschaft vermutlich zusammenbrechen.

Der Vertrag mit Russland sieht außerdem vor, dass Tadschkistan bis zum Ende des Jahres die Verantwortung für die Truppen an der gesamten Grenze zu Afghanistan übernimmt. Der Vorsitzende des Grenzkomitees General Said Amir Suchorow verhehlt nicht, dass sein Land dafür Hilfe brauchen wird:

" Auf der Karte kann man sehen, dass ein großer Teil unserer Grenze zu Afghanistan im Hochgebirge liegt. Deshalb benötigen wir gewaltige Ressourcen, um dort die Sicherheit zu gewährleisten. Wir erscheinen heute als Puffer und auch als Opfer der großen Politik in der Welt. Deshalb denke ich, dass eine Menge Länder interessiert sein sollten uns zu helfen, diese Grenze zu kontrollieren."

Bis zum Jahresende muss die tadschikische Armee 2.000 russische Offiziere ersetzen. Sie hat keine Flugzeuge zur Verfügung, und wenn das Wetter schlecht ist, sind einige Posten an der über 1.400 km langen Grenze zu Afghanistan per Funk nicht erreichbar.

Die Europäische Union und die USA haben 25 Millionen US-Dollar für die Ausbildung und Ausrüstung der Grenztruppen zugesagt. Doch das dürfte nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein - werden doch an dieser Grenze mehr als 90 Prozent der Drogen beschlagnahmt, die durch Zentralasien transportiert werden. Awas Juldaschew, Sprecher der tadschikischen Anti-Drogen-Agentur in Duschanbe:

" Tadschikistan ist ein Transitland für die Drogen aus Afghanistan nach Russland und weiter nach Europa. In den vergangenen fünf Jahren haben wir mehr als 42 Tonnen Rauschgift beschlagnahmt, davon 22 Tonnen Heroin. Im Jahr 1996 haben wir zum ersten Mal etwa sechs Kilogramm Heroin aus Afghanistan konfisziert, aber im vergangenen Jahr waren es allein fünf Tonnen 600 Kilogramm, das heißt das Opium wird zunehmend direkt in Afghanistan zu Heroin verarbeitet."

Diese Menge Rauschgift hat in Europa einen Straßenverkaufswert, der um ein Vielfaches das tadschikische Bruttosozialprodukt übersteigt. Und die Drogen über die Grenzen zu transportieren, ist äußerst lukrativ. Awas Juldaschew:

" In Kundus, im Norden Afghanistans, zum Beispiel kostet ein Kilogramm Heroin 1.500 Dollar. Wenn das Heroin nach Duschanbe kommt, steigt der Preis auf 15.000 bis 20.000 Dollar. Wenn sie es nach Moskau bringen, auf 150.000 bis 200.000 Dollar. Und gestern waren finnische Journalisten hier. Sie sagen in Helsinki kostet es 300.000 Dollar."

In einem extrem armen Land wie Tadschikistan können viele einer solchen Versuchung nicht widerstehen. Da überrascht es nicht, wenn auch tadschikische Regierungsbeamte mit ein paar Kilogramm Heroin im Koffer an der Grenze festgenommen werden. Überdies hält sich hartnäckig das Gerücht, dass auch die russischen Truppen in den Drogenhandel verwickelt seien.

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