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StartseiteKalenderblattMit der Kamera an vorderster Front01.08.2010

Mit der Kamera an vorderster Front

Vor 100 Jahren wurde die Fotografin Gerta Taro geboren

Greta Taro fotografierte an vorderster Front im Spanischen Bürgerkrieg. Die Bilder der jungen Antifaschistin erschienen in zahlreichen internationalen Zeitungen und Zeitschriften. Ende Juli 1937 kam Gerta Taro als erste Kriegsfotografin an der Front ums Leben.

Von Anette Schneider

Fotografin Greta Taro verfolgte das Geschehen an der Front mit der Kamera (AP)
Fotografin Greta Taro verfolgte das Geschehen an der Front mit der Kamera (AP)
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Tod aus den Wolken

Eine Milizionärin mit Pistole im Anschlag; genossenschaftliche Landarbeiter bei der gemeinsamen Ernte; ein junges, uniformiertes Paar, das verliebt in einem Café sitzt, neben sich griffbereit die Gewehre.

Sommer 1936. Die junge Fotografin Gerta Taro dokumentiert den Alltag des republikanischen Spanien kurz vor Ausbruch des Bürgerkrieges und entwickelt dabei eine neue, unmittelbare Fotografie.

Taro, am 1. August 1910 in Stuttgart geboren, verbrachte ihre Jugend in Leipzig. Von dort floh die jüdische Antifaschistin 1933 nach Paris, wo sie - völlig mittellos - Robert Capa kennenlernte, der ihr das Fotografieren beibrachte. 1936, unmittelbar nach dem Putsch Francos gegen die demokratische Volksfrontregierung, reisten Taro und Capa nach Spanien. Die Taro-Biografin Irme Schaber:

"Dass sie sofort nach Spanien wollten, hing damit zusammen, dass sie als Fotografen natürlich sagten: Die ganze Weltöffentlichkeit, der Fokus, geht gerade auf Spanien. Was passiert da: Da ist ein Vorkampf zwischen Faschismus und Demokratie. Und sie waren natürlich von ihrer politischen Überzeugung her und als Emigranten, die aus Deutschland vertrieben worden sind, parteiisch. Und hatten auch gleich das Gefühl, sie könnten in Spanien vielleicht etwas bewirken. Sie hatten in Spanien die Vorstellung, dass sie die Weltöffentlichkeit aufrütteln könnten, mit ihrer Arbeit."

Gegen die faschistischen Massenblätter und deren Verherrlichung der deutschen Legion Condor, die regelmäßig die spanische Zivilbevölkerung bombardierte, zeigten die Fotografen auf republikanischer Seite das Geschehen von unten. Moderne Kleinbildkameras ermöglichten dabei erstmals schnelles, flexibles Arbeiten. Und je brutaler die Faschisten vorgingen, desto schockierender wurden Taros Bilder.

Soldaten in der Schlacht, in Schützengräben, hinter Schutzwällen; Mütter, Kinder, alte Menschen, die vor Fliegerbomben flüchten; zerstörte Straßenzüge. Tote. Verletzte.

In Madrid lernte Gerta Taro die antifaschistischen Schriftsteller Rafael Alberti, Ludwig Renn und Gustav Regler kennen. Sie machte Fotoreportagen über die Revolutionärin Dolores Ibárruri, sowie über den Schriftstellerkongress in Valencia, auf dem sie Pablo Neruda, Anna Seghers und André Malraux begegnete. Hauptsächlich aber verfolgte sie mit ihrer "eingreifenden Fotografie" das Geschehen an der Front.

"Das eingreifende Fotografieren ist für mich eine Umschreibung eigentlich für eine Fotografie, die sich solidarisch zeigt, mit dem was da vorne passiert. Die sich mit Empathie eigentlich den Protagonisten nähert, ob das nun Milizionäre oder Soldaten sind, die in einem Kampfeinsatz sind, oder ob das die Bevölkerung ist."

Taros Arbeiten erschienen in "Ce soir", in "Life", sowie in zahlreichen Exil- und Gewerkschaftszeitschriften. Ende Juli 1937 kam Gerta Taro als erste Kriegsfotografin an der Front ums Leben. Dichter wie Luis Pérez Infante und Rafael Alberti betrauerten die zierliche, mutige und charmante junge Frau als "eine Kameradin gleich der Rose", als "Lerche von Brunete". Am 1. August - Taros 27. Geburtstag - folgten in Paris ihrem Sarg Tausende von Menschen. An der Spitze: Pablo Neruda und Louis Aragon.

"Ich denke schon, dass ihre Beerdigung auf jeden Fall eine Manifestation war für die Solidarität mit Spanien. Für den Kampf gegen den Faschismus. (...) Über ihren Tod ist bis hin nach Tokio berichtet worden."

Kurz darauf waren Gerta Taro und ihr Werk vergessen. Briefe oder Tagebücher von ihr sind nicht überliefert und Robert Capa gab später viele ihrer Fotos als seine eigenen aus. Die wahren Gründe dafür, dass man sich bis heute nicht an Taro erinnert, seien jedoch andere, so Irme Schaber:

"Ich denke, in Deutschland war sicherlich mitentscheidend, dass sie Jüdin war, Kommunistin war, Antifaschistin. Man kann es daran aufzeigen, dass zumindest in der DDR früher als in Westdeutschland an Gerta Taro erinnert wurde. In Westdeutschland gab es kaum eine linke, antifaschistische Erinnerung an den Spanischen Bürgerkrieg und ist lange Jahre noch die Legion Condor sehr positiv gesehen worden, die haben ihre Rente bezogen für ihre Kampfzeit in Spanien. Die Emigranten, die in Spanien gekämpft haben, da hat niemand hier eine Rente anerkannt bekommen."

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