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StartseiteSprechstundeMit Knochenzement gegen ''Witwenbuckel''26.03.2002

Mit Knochenzement gegen ''Witwenbuckel''

Neues Verfahren zur Behandlung der Osteoporose

Michael Engel

Die Osteoporose ist die häufigste chronische Erkrankung des Knochenapparates. Sie schädigt vor allem die Wirbelsäule. Bei jeder vierten Frau über 60 Jahren kommt es zu Deformierungen und Brüchen von Wirbelkörpern. Schmerzmittel und Bewegungstherapie - das waren bislang die einzigen Behandlungsmöglichkeiten. Von Heilung konnte keine Rede sein. Echte Hilfe verspricht ein neues Verfahren: die sogenannte "Kyphoplastik". Hier werden die brüchigen Knochen mit Hilfe von Knochenzement stabilisiert. In zehn Kliniken in Deutschland sind erste Patientinnen kypho-plastisch behandelt worden - darunter in Hannover und in Heidelberg.

Eigentlich war es ein harmloser Autounfall. Ein bisschen Blechschaden. Doch im Fahrzeug saß Irmgard Schöffel. Die 75-Jährige Frau leidet an Osteoporose – Knochenschwund – und so kam, was kommen musste: beim Aufprall brach einer der morschen Wirbel und wurde in sich zusammengestaucht.

Die Feuerwehr war da und Notdienst. Die haben mich auf Luftmatratzen gelegt. Ich habe immer gesagt: Bloß nicht anfassen. Das ist als wenn Sie einen Zahn ziehen ohne Betäubung – so ein Schmerz war das. Und ich habe richtig das erste Mal in meinem Leben geschrien vor Schmerzen, ich bin nicht sonst so empfindlich. Dann hat die Feuerwehr so eine Luftmatratze geholt und dann haben sie mich da ganz behutsam draufgelegt. Und dann wurde ich zum Krankenhaus gefahren.

Normalerweise hätte sie drei Monate auf einem harten Holzbrett liegen müssen, damit sich die Wirbelsäule langsam erholt. Die Entscheidung für eine "Kyphoplastik" – mit Aussicht auf schnelle Heilung - fiel ihr deshalb nicht schwer. Dr. Ulrich Berlemann führte den minimalinvasiven Eingriff durch:

Minimalinvasiv ist – denke ich - das richtige Stichwort. Es handelt sich hier um einen Eingriff, der sogar unter lokaler Betäubung durchgeführt werden kann. Man muss sich das so vorstellen, dass unter zwei kleinen Stichinzisionen, die jeweils nur einige Millimeter lang sind, auf der Rückenhaut ein spezielles Instrumentarium unter Röntgenkontrolle in den Wirbelkörper eingeführt wird, sodass letztendlich die Operation durch die Haut, durch die Muskulatur vorne an der Wirbelsäule, sprich am Wirbelkörper in der Nähe der Bandscheibe durchgeführt werden kann.

In einem ersten Schritt werden zwei fünf Millimeter dicke "Arbeitskanülen" in den defekten Wirbelkörper geschoben. Anschließend positionieren die Ärzte jeweils einen Streichholz langen Ballon an der Bruchstelle und füllen ihn hydraulisch mit Flüssigkeit: der Wirbelkörper richtet sich unter dem Druck jetzt auf – das alles kontrolliert unter dem Röntgenschirm. Nach dem Entfernen der Ballone kommt "Knochenzement" in den entstandenen Hohlraum: rund sechs Milliliter Spezialzement werden unter 20 Atmosphären Überdruck hineingepresst. Nach 15 Minuten ist die Substanz ausgehärtet. Und schon am Folgetag stehen die Patientinnen auf, erläutert Prof. Christian Krettek nicht ohne Stolz:

Für die Patientinnen, aber auch an Anfang für uns war dieser Effekt wirklich überraschend. Es ist wirklich so: die Patientinnen stehen auf nachdem sie sich noch am Tag vor der Operation bei kleinsten Bewegungen vor Schmerzen im Bett gekrümmt haben. Sie stehen auf und laufen erheblich schmerzreduziert oder schmerzfrei durchs Zimmer. Diese Effekte sind wirklich ganz beeindruckend und lassen dieses Verfahren als neue Therapieoption erscheinen.

3000 Euro kostet die Apparatur zum Verpressen des Zements. Finanziert vorerst noch vom Hersteller im Rahmen einer Studie. 25 Patientinnen sind es in Hannover – 18 in Heidelberg – bundesweit kaum mehr als 100 Behandlungen. Prof. Krettek rechnet mit großen Kosteneinsparungen. Der Eingriff kann ambulant durchgeführt werden – hinzu kommt ein großes Plus an Lebensqualität:

Die jetzt schmerzfreie Wirbelsäule ist natürlich wieder auch ganz anders zugänglich für physikalische rehabilitative Maßnahmen, die nicht erzwungen werden müssen mit hohen Spiegeln an Schmerzmitteln, sondern durch die innere Stabilisierung der betroffenen Wirbelkörper. Auch hier haben wir einen erheblichen Fortschritt erzielt dadurch, dass wir einfach sehr viel freier, ungezwungener und ohne Medikamente die physikalische Therapie einleiten können.

Mittlerweile haben Prof. Krettek und sein Team bereits mehrere Wirbelkörper einer Wirbelsäule mit Zement stabilisiert und krumme Rücken auf diese Weise begradigen können. Noch allerdings sind viele Fragen offen: Ist der harte Zement in einem der Wirbelkörper möglicherweise eine Stauchgefahr für die anderen noch ungeschützen Knochen? Langzeituntersuchungen sollen das klären!

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