Montag, 23. Mai 2022

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Mit Tux günstig telefonieren

Telefonieren mit dem Computer über die Autobahnen des weltweiten Datennetzes revolutioniert derzeit die Telekommunikation. Eine neue Variante des so genannten Voice-over-IP unter dem freien Betriebssystem Linux tritt an, dabei alle Preisrekorde zu brechen: "FreeWorld Dialup"

02.04.2005

"Man meldet sich bei FreeWorld Dialup (FDW) an und erhält dann einen Zugang, mit dem man Verbindungen zu Telefonen von anderen Teilnehmern herstellen kann, die bereit waren, ihre Anschlüsse zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise kann man entweder mit diesen Teilnehmern oder auch in die Telefonnetze hinein telefonieren", berichtet Professor Carsten Bormann, Informatiker der Universität Bremen. Dadurch werde das weltweite Telefonnetz zwar nicht von heute auf morgen durch Voice-over-IP (VoIP) abgelöst, wohl aber habe das Verfahren das Potenzial, die Gebührenstrukturen aufzubrechen: "Niemand wird zu üblichen Kosten nach China telefonieren, wenn er das mit VoIP auch fast kostenlos machen kann. Das zeigt, wie gut die Technologie heute bereits ist und dass die Probleme etwa mit der Bandbreitenzuteilung nicht wirklich daran hindern müssen, VoIP einzusetzen."

Der Experte für Rechnernetze ist selbst begeisterter Nutzer von FreeWorld Dialup. Als Software steht ihm Asterisk zur Verfügung, das als Nebenstellenanlage für VoIP arbeitet und Bormann mit dem FDW-out-Network verbindet. Über netzwerkinterne Vorwahlen kann er so weltweit Telefonanschlüsse in vielen Städten und Ländern erreichen. Das Netzwerk sucht sich automatisch den nächstgelegenen Übergang ins regionale Telefonnetz. Das Gespräch wird also vom FWD-Anrufer zu einem Festnetzanschluss eines weiteren Teilnehmers geleitet, der wiederum automatisch den gewünschten Gesprächspartner anruft und über das Voice-over-IP-Netzwerk mit dem Anrufer verbindet. Eventuelle Kosten entstehen dabei lediglich dem Inhaber des Festnetzanschlusses - Carsten Bormann zahlt dafür keinen Cent, nimmt aber kleine technische Mängel in Kauf: "Gelegentlich geht mal etwas verloren, gelegentlich kommt einmal eine Silbe nicht an. Aber das sind wir ja von den Mobilfunksystemen schon gewohnt - die Erwartungshaltung hat sich ja dabei schon stark geändert."

FreeWorld Dialup setzt allerdings einiges an eigener Technik voraus. Teilnehmen kann daran nur, wer über einen Linux-Rechner an einem eigenen Internetanschluss verfügt. Mit rund einer halben Million Teilnehmern ist FreeWorld Dialup aber bereits mehr als nur ein Spielzeug für Technikverliebte. Thilo Salmon, technischer Geschäftsführer des VoIP-Anbieters Sipgate sieht in dem Netz neue Alternativen: "Wir glauben, dass der Ansatz gerade in den USA interessant ist, weil dort typischerweise alle Anschlussinhaber lokal zu sehr geringen Kosten telefonieren können. Diese Möglichkeit über das Internet mit anderen Teilnehmern quasi zu tauschen, ist natürlich sehr attraktiv." Allerdings gibt es auch Kritik an FWD, sagt etwa Oliver Barthels, selbst Internetdienstanbieter aus Erding bei München: "Angesichts der Problematik, dass ein Anschluss dabei durchaus von Unbekannten missbraucht werden kann, etwa für betrügerische Geschäfte oder unbegründete Notrufe, muss ich momentan von einer derartigen Bereitstellung abraten. Es ist keinesfalls geklärt, ob der Anschlussinhaber dafür nicht zivilrechtlich in Haftung genommen werden kann. Für die Nutzer dieses privaten Dienstes stellt sich zudem die Frage, wie das Fernmeldegeheimnis dort gewahrt wird. Schließlich möchte man ja nicht, dass der Anschlussinhaber das Gespräch, das ja bei der Übergabe in das Festnetz im Klartext vorliegt, mithören kann."

[Quelle: Holger Bruns]