Dienstag, 11.12.2018
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteKalenderblattMit Vollgas in den Tod11.06.2005

Mit Vollgas in den Tod

Vor 50 Jahren ereignete sich in Le Mans das bis dahin schwerste Unglück in der Motorsportgeschichte

Im Juni 1955 startete im französischen Le Mans das berühmte 24-Stunden-Rennen, einer der Höhepunkte des Rennsports - und eine seiner schlimmsten Katastrophen. 82 Zuschauer und ein Fahrer kommen ums Leben, als ein Wagen in eine Zuschauertribune hinein donnert. Was als spannendes Spektakel begann, endete als Tragödie.

Von Martin Hartwig

Mike Hawthorn nach seinem Sieg beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 12. Juni 1955: Trotz der Katastrophe wurde das Rennen nicht abgebrochen. (AP Archiv)
Mike Hawthorn nach seinem Sieg beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 12. Juni 1955: Trotz der Katastrophe wurde das Rennen nicht abgebrochen. (AP Archiv)

" Hier meldet sich Le Mans. Um 16 Uhr wurde das 24-Stundenrennen unter Beteiligung der deutschen Werks- und Privatwagen von Mercedes Benz und Porsche gestartet. Wir erwarteten einen großen sportlichen Kampf, aber all das sollte wenige Stunden später tragisch und erschüttert überschattet sein. "

83 Menschen verloren bei der 24. Auflage des 24-Stunden-Rennens von Le Mans, ihr Leben. 82 Zuschauer und ein Rennfahrer.

" Am Lärm der vorbeifahrenden Wagen erkennen Sie, dass das Rennen vom Veranstalter nicht abgesagt wurde. Wie weit es moralische Pflicht gewesen wäre, die eigenen Wagen abzuwinken, soll an dieser Stelle nicht erörtert werden. "

Es herrscht strahlender Sonnenschein als am Nachmittag des 11. Juni 1955 der damals noch übliche Le Mans Start durchgeführt wird. 60 Fahrer rennen zu ihren an der Haupttribüne abgestellten Wagen, steigen ein, starten und jagen los. Obwohl das Rennen über 24 Stunden geht, und die Rennwagen mehr als 300 Mal den Rundkurs absolvieren müssen, fahren die Favoriten von Anfang an extrem schnell.

Der favorisierte Mercedes brachte es bei einer Motorleistung von 300 PS auf eine Spitzengeschwindigkeit von über 290 Stundenkilometer - heute werden auf dem Kurs bis zu 330 km gefahren. Experten und Publikum erwarteten, dass sich vor allem deutsche und britische Wagen wie schon in den Rennen zuvor erbitterte Duelle liefern würden.

Schon nach wenigen Runden setzen sich der Engländer John Hawthorn im Jaguar und der Argentinier Juan Antonio Fangio mit seinem Mercedes vom Rest des Feldes ab. Sie führen einen für diesen Zeitpunkt des Rennens erstaunlich erbitterten Zweikampf. Die Zuschauer, die meist dicht an der Strecke sitzen oder stehen, sind von der frühen Dramatik des Rennes begeistert. Hawthorn gelingt es, sich mit seinem eigentlich unterlegenen Wagen vor den amtierenden Weltmeister zu setzen.

Die Begeisterung der Öffentlichkeit für Motorsport kannte Mitte der 50er Jahre keine Grenzen. Zu den großen Rennen kamen Hunderttausende und die Zeitungen berichteten fast täglich von heute kaum noch bekannten Fernfahrten, Ausdauer- und Bergrennen. Dass bei diesen Rennen immer wieder Fahrer, Streckenposten oder Mechaniker verunglückten, wurde als bedauerliche Begleiterscheinung hingenommen.

Das Jahr 1955 allerdings galt schon vor dem Rennen von Le Mans als Unglücksjahr. Im März starb in den USA der Rennfahrer Larry Crocket. Am 1. Mai verbrannte Mika Nazaruk. Noch im selben Monat starben der italienische Doppelweltmeister Alberto Ascari und der Amerikaner Bill Vukovich.

Nach gut zwei Stunden Rennen führt Hawthorn mit etwa 100 Meter Vorsprung auf Fangio. Auf der langen Geraden vor den Boxen überrundet er einen deutlich langsameren Austin und zieht scharf nach rechts, um an seine Box zu kommen. Der Überrundete muss ausweichen und versperrt die Fahrbahn für den von hinten heranrasenden Mercedes von Pierre Levegh. Levegh fährt auf den Austin auf und prallt gegen die niedrige Schutzmauer vor der Zuschauertribüne. Sein Mercedes zerschellt und die Einzelteile schlagen in die Menschenmenge. In einer riesigen Stichflamme verbrennt der Tank des Wagens und hüllt alles in dunklen Rauch. Ein Überlebender berichtete im englischen Guardian:

" Es gab eine schreckliche Explosion. Zwei Autoräder flogen über mich hinweg. Ich sah ein Mädchen in einem hellen Kleid, das von den Zuschauern niedergetrampelt wurde, in einer großen Blutlache liegen. Ein Metallteil streifte meine Stirn und ich sah einen Mann ohne Kopf neben mir zusammenbrechen wie eine Puppe. "

Apokalypse des Motorsports! Blutbad in Le Mans! Massaker an der Rennstrecke! Drastisch und mit vielen blutigen Details schilderten am Tag darauf die Zeitungen in aller Welt die Ereignisse und fragten nach den Schuldigen. Eine eindeutige Antwort fand auch die eingesetzte Untersuchungskommission nicht.

Weltweit hatte der Unfall von Le Mans Folgen. In Europa wurden fast alle Grand-Prix-Rennen der Saison abgesagt. In den USA stieg die American Automotive Association aus dem Rennbetrieb aus. In Spanien und Mexiko wurden Autorennen gleich ganz verboten. In der Schweiz sind sie es bis heute.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk