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StartseiteKommentare und Themen der WocheWie die Flut den Wahlkampf beeinflusst24.07.2021

Mitgefühl, Hilfe, Pannen Wie die Flut den Wahlkampf beeinflusst

Naturkatastrophen können zu einer ganz besonderen Eigendynamik im Wahlkampf führen. Denn mit Gummistiefel-Auftritten im Hochwassergebiet können Politiker vom "Macher-Effekt" profitieren, kommentiert Andreas Rinke, Chefkorrespondent bei Reuters. Doch mitunter drohen auch Pannen, wie der Lacher von Armin Laschet zeigt.

Ein Kommentar von Andreas Rinke, Reuters-Chefkorrespondent

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Armin Laschet mit von den Unwettern betroffenen Bürgern in Altena (Staatskanzlei NRW)
Armin Laschet mit von den Unwettern betroffenen Bürgern in Altena (Staatskanzlei NRW)
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Wahlkampf im Katastrophengebiet "Politiker sind rational und machen das dezent"

Laschets Lachen im Hochwassergebiet Warum über den Fauxpas berichtet werden muss

Selten dürfte sich ein Politiker so sehr über sein eigenes Lachen geärgert haben wie Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet vergangenen Samstag. Seit Wochen segelte der CDU-Chef in Umfragen sehr langsam, aber stetig an den Kontrahenten Annalena Baerbock von den Grünen und Olaf Scholz von der SPD vorbei.

Die Union erreichte in einer Umfrage sogar einen Wert von 31,5 Prozent. Bei solchen Zahlen könnte es nach der Bundestagswahl für die anderen Parteien schwer werden, eine Regierung ohne CDU und CSU zu bilden.

Der Laschet-Lacher im unbedachten Moment 

Laschet könnte also zufrieden sein. Doch dann kam der Samstag, an dem er nach zwei Tagen intensivem Krisenmanagement in einem unbedachten Moment hinter dem Bundespräsident stehend gefilmt wurde. Die Aufnahmen eines amüsierten nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten im Katastrophengebiet wirkten deplatziert – was der Unions-Kanzlerkandidat auch zerknirscht einräumte.

Seither hat er eine erneute Debatte über seine Eignung als Kanzler an der Backe. Gleichzeitig wird diskutiert, wie sehr Katastrophen im Wahlkampf die politische Stimmung im Land herumreißen können.

Schon Schröder gewann die Wahl 2002 auch wegen des Elbehochwassers 

Tatsächlich wäre es nicht das erste Mal, dass ein Gummistiefel-Auftritt eine Wahl zumindest beeinflusst. So wurde 2002 der energische Auftritt von Kanzler Gerhard Schröder im Elbehochwasser dafür mitverantwortlich gemacht, dass er bei der Bundestagswahl am Ende doch noch an dem Unions-Herausforderer Edmund Stoiber vorbeiziehen konnte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel steht mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und der Bürgermeisterin von Bad-Münstereifel in einer zerstörten Straße (picture alliance/dpa/AFP Pool | Christof Stache) (picture alliance/dpa/AFP Pool | Christof Stache)Wahlkampf im Katastrophengebiet
Helmut Schmidt nach der Sturmflut in Hamburg, Gerhard Schröder in Gummistiefeln nach dem Elbe-Hochwasser – solche Bilder können Einfluss auf die Wahlentscheidung haben, sagte Politologe Wolfgang Merkel im Dlf. 

Doch so einfach ist die Rechnung diesmal nicht. Denn selbst bei einem "Gummistiefel-Wahlkampf" laufen diesmal verschiedene Trends gegeneinander. Zum einen können die Grünen grundsätzlich davon profitieren, dass mit dem Starkregen der Klimaschutz wieder zum Thema wird, ist etwa Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen überzeugt.

Denn bei diesem Thema werden den Grünen die größten Kompetenzwerte zugewiesen. Schon vor Monaten war spekuliert worden, dass ein Sommer der extremen Wetterlagen im Wahlkampf den Grünen nutzen könnte.     

Zum anderen aber gibt es nach Ansicht von Manfred Güllner vom Forsa-Institut den erwähnten "Macher-Effekt". "Die Grünen haben den strategischen Nachteil in der Flut, dass sie als Oppositionspartei derzeit nichts machen können", sagt er. Tatsächlich sind bei den Gesprächen mit Flutopfern Kanzlerin, Bundesminister und Ministerpräsidenten von Union und SPD im Fernsehen zu sehen.


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Mit dem "Macher-Effekt" können Politiker punkten

Grünen-Co-Chefin Baerbock hat sich dagegen deutlich zurückgehalten, um nicht den Eindruck des Katastrophentourimus zu erwecken, der bei Wählern nicht gut ankommt. Wäre der "Macher-Effekt" für die Stimmung in der Bevölkerung dominierend, müssten vor allem SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz und NRW-Ministerpräsident Laschet punkten. Beide können qua Amt und mit großer Selbstverständlichkeit neben Kanzlerin Angela Merkel Katastrophenorte besuchen und große Hilfssummen versprechen.

Armin Laschet (2. v.l., CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, lacht während Bundespräsident Steinmeier (nicht im Bild) im Hochwassergebiet in Erftstadt ein Pressestatement gibt. (picture alliance / dpa / Marius Becker) (picture alliance / dpa / Marius Becker)Warum über den Fauxpas berichtet werden muss
Das Lachen von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet während der Rede des Bundespräsidenten im Hochwassergebiet spaltet die Medien. Soll man darüber berichten oder nicht? 

Drittens kommt allerdings der "Fettnäpfchen-Effekt" in diesem Wahlkampf hinzu - dessen Dynamik schon deshalb einzigartig ist, weil erstmals drei Kanzlerkandidaten gegeneinander antreten und die Amtsinhaberin abtritt. Einige Wochen musste zunächst Baerbock mit den wenig schmeichelhaften  Berichten über ihren Lebenslauf und ihr Buch kämpfen, die an ihrem Image nagten. Die Flut-Thematik könnte jetzt die Erinnerung daran etwas wegspülen. Dafür ist nun Laschet in Gummistiefeln in die Lach- und Seriositäts-Falle getapst.

Olaf Scholz könnte der lachende Dritte sein

Damit könnte Vizekanzler Scholz der lachende Dritte sein, weil er derzeit am stärksten "merkelt" - also ohne große Patzer und falsche Tonlagen auftritt. Tatsächlich setzt die SPD ihre ganze Hoffnung darauf, dass die Wähler am Ende den Finanzminister als den Solidesten im Trio wertschätzen und wählen - und der Laschet-Lacher die sicher geglaubte Führungsposition der Union unterspült.

Allerdings: Welcher der Effekte am Ende wirklich am stärksten zieht, ist in einer immer kurzfristiger denkenden Gesellschaft und der Nervosität vor allem in sozialen Medien selbst den Parteistrategen völlig unklar. Nur wenige Tage nach dem Lacher-Lapsus überlagern schon wieder Bilder vom gemeinsamen, besorgten Auftritt von Merkel und Laschet in Bad Münstereifel die Wahrnehmung – Gelegenheit für den NRW-Ministerpräsident, das Krisenmanager-Image zu reaktivieren. Zumindest die ersten Umfragen nach der Flut lassen weder einen Absturz der Union noch einen neuen Höhenflug der SPD erkennen.

Möglicherweise liegt dies aber auch an einem weiteren Phänomen, den Meinungsforscher ausgemacht haben - einem "Laschet-Gewöhnungseffekt". Gummistiefel hin oder her: Danach sollen sich zwar auch Unionsanhänger durchaus über Laschets Patzer ärgern. Ihre Parteipräferenz ändert dies aber offenbar nicht.

Andreas Rinke (privat)Andreas Rinke (privat)Andreas Rinke, Jahrgang 1961, studierte in Hannover, London und Paris Geschichte, Politik und Soziologie. Der promovierte Historiker volonierte bei der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" und arbeitete dort zunächst in der Lokal-, dann in der Politikredaktion. Im Jahr 2000 wechselte er zum "Handelsblatt" nach Berlin, wo er zuletzt stellvertretender Büroleiter und Chefkorrespondent Außenpolitik war. Seit 2010 arbeitet er für die internationale Nachrichtenagentur "Reuters". Dort ist er politischer Chefkorrespondent des deutschen Dienstes und Teamleiter Politik. Er ist Autor der Bücher "11 drohende Kriege" und "Das Merkel-Lexikon".

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