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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie dunkle Seite der Empathie01.03.2018

Mitgefühl und GrausamkeitDie dunkle Seite der Empathie

Wer empathisch ist, so zumindest die Annahme, handelt integer und moralisch einwandfrei. Jedoch regen sich Zweifel an dieser stets positiv besetzten Einschätzung: Empathie habe Schattenseiten und könne sogar zu egoistischem Verhalten führen. Gibt es eine dunkle Seite der Empathie?

Von Norbert Lang

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Ein Mann bettelt in Stuttgart (Baden-Württemberg) am Rande einer Fußgängerpassage. (dpa/Lino Mirgeler)
Empathie habe Schattenseiten und könne sogar zu egoistischem Verhalten führen, so Autor Fritz Breithaupt. (dpa/Lino Mirgeler)
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Zeitalter der Empathie? Fühlen, was andere fühlen

Empathie Nicht nur nett

Polizisten, die Menschen mit Gummigeschossen und Schlagstöcken daran hindern, wählen zu gehen – es sind Aufnahmen von den zum Teil blutigen Auseinandersetzungen während des katalanischen Unabhängigkeitsreferendums Anfang Oktober; Bilder, die zweifelsfrei Empathie auslösen. Doch nach diesen Vorfällen kam das Mitleid nur von jenen, die ohnehin schon mit den Protestierenden sympathisierten. International blieb die Empathie weitgehend aus, denn für viele sind die Katalanen keine diskriminierte, sondern eine privilegierte Minderheit mit überzogenen Forderungen und einem aggressiven Auftreten.

Empathie als Brandbeschleungiger von politische Konflikten

So hat das Mitgefühl, das die Fernsehbilder bei einigen auslöste, nicht zur Schlichtung des Konflikts beigetragen. Im Gegenteil: Es hat ihn angeheizt und die Fronten verhärtet. Empathie als Brandbeschleuniger von Konflikten – das widerspricht dem geläufigen Image dieses Gefühlsvermögens. Schließlich gilt Empathie doch als elementare Grundlage für moralisches Handeln: Wer fähig ist, mit anderen mitzufühlen, so die häufige Annahme, tut automatisch das richtige. Ist das positive Bild, das wir von der Empathie haben also korrekturbedürftig? Erwarten wir zu viel von der Fähigkeit, uns in Andere hineinzuversetzen? Das findet zumindest Fritz Breithaupt. Er lehrt Germanistik, Komparatistik und Kognitionswissenschaften an der Indiana Universität in Bloomington, USA:

"Mit Empathie verbinden die meisten Menschen große Hoffnung. Wenn wir nur mehr Empathie hätten, dann würde es der Menschheit besser gehen. Barack Obama hat das ungefähr so einmal formuliert: Das größte Problem unserer Zeit wäre das Empathie-Defizit der jüngeren Generation. Und wenn wir das verändern könnten, dann würden wir die Welt verbessern."

Empathie wird zur Lebensmaxime

Zu der Klage über die vermeintliche Empathielosigkeit einzelner oder ganzer Gruppen kommt häufig die Forderung nach mehr Empathie in allen Lebensbereichen, privat, beruflich oder eben in der Politik. Bücher über Empathie werden zu Bestsellern, Empathie-Coaching und Achtsamkeits-Seminare werden als berufliche Weiterbildung angeboten. Empathie ist Schlagwort, ja fast schon Lebensmaxime der Gegenwart geworden. Und gerade durch diesen inflationären Gebrauch wird der Begriff häufig unscharf verwendet. Das bemängelt auch Hans-Ludwig Kröber, emeritierter Professor für forensische Psychiatrie an der FU Berlin:

"Das Problem ist, dass der Begriff Empathie in seinen Bedeutungen sehr massiv ausgeweitet worden ist, eigentlich für alles, was irgendwie an zwischenmenschlichen, guten, emotionalen Beziehungen möglich ist. Und von daher braucht man immer eine Nachfrage, wenn jemand Empathie sagt, was er damit eigentlich meint. Und das lässt sich im Deutschen durchaus in ganz unterschiedlichen Worten ausdrücken. Also Mitgefühl ist was anderes als Einfühlungsvermögen. Einfühlungsvermögen ist was anderes als Fürsorglichkeit."

Diesen inflationären Umgang mit dem Begriff "Empathie" beobachtet Kröber auch in seinem eigenen Arbeitsalltag. Als forensischer Psychiater schreibt er Gerichtsgutachten über angeklagte Straftäter. In den letzten Jahren werde den Straftätern häufig eine grundlegende Empathielosigkeit bescheinigt. Diese Tendenz beklagt Kröber. Zwar handle ein Straftäter im Augenblick der Gewalttat selbstverständlich nicht empathisch, doch das sage wenig über dessen generelle Fähigkeit zur Empathie aus.

"Wir haben ja auch ganz viele, auch Strafgefangene, die sich dann hinterher im Gefängnis völlig ordentlich und kooperativ und hilfsbereit und freundlich und auch "einfühlfähig" erweisen, die aber diesen Rahmen brauchen, der sie stabilisiert und der sie ordnet und die alleine, draußen in freier Wildbahn eben nicht zurande kommen und dann plötzlich wieder Sachen machen, die sich gegen andere richten. Also diese Einschätzung, diese Generalisierungen, aus einer Tat, die sind sicherlich in vielen Fällen fragwürdig."

Der Mensch, ein hyperempathisches Wesen

Auch Fritz Breithaupt beharrt in seinem Buch "Die dunklen Seiten der Empathie" von 2017 darauf, dass Menschen nie vollkommen empathielos seien. Selbst Soziopathen oder Autisten, die deutliche Mängel an Empathie zeigen, seien dennoch zur Empathie in erstaunlichem Maße fähig. Das zeigt, wie ausgeprägt sie ist – diese Fähigkeit, die Lebenssituation Anderer mitzuerleben, mitzufühlen und mitzudenken. Mehr noch: Nach Breithaupt sind Menschen zunächst hyperempathische Wesen, sie neigen zur Empathie. Das zeigt sich daran, dass man selbst für fiktionale Figuren oder längst Verstorbene Empathie empfinden kann:

"Menschen haben diese ungeheure Empathiefähigkeit, auf viele Art und Weise. Aber deshalb sind wir auch ein wenig vorsichtig. Die meisten von uns lernen das zu steuern, auch zurückzuhalten. Einer der großen Momente, in dem wir überlistet werden und uns zur Empathie hinreißen lassen, besteht in der Parteinahme. Wir Menschen können eigentlich gar nicht anders als andere Menschen zu beurteilen. Und wenn wir einen Konflikt zwischen zwei Menschen sehen oder zwei Parteien – das kann auch Sport sein – dann springen wir sehr schnell, vielleicht bewusst, vielleicht nicht bewusst, auf die eine oder die andere Seite."

Für Breithaupt ist Parteinahme eine Art "Saugnapf" oder "Schlupfloch", das Menschen dazu bringt, Empathie zu empfinden, die ansonsten blockiert wird. Dieser Mechanismus muss im Alltag nicht immer negative Folgen haben. Doch gerade in politischen Konflikten kann empathische Parteinahme dazu führen, dass das Verständnis für die andere Seite schwindet, weil man sich in größerem Maße mit den Leiden der eigenen Gruppe identifiziert.

"Man kann jetzt nur hoffen, dass es jetzt in Katalonien nicht zu solchen Entwicklungen kommen wird, in denen die Menschen beobachten, wie ihre Seite in einem Konflikt unterliegt, wie sie unterdrückt wird. Und weil sie sich auf die Partei beziehen, weil sie sich immer stärker auf sie einlassen, können sie dazu kommen, dass sie immer stärker diese eine Perspektive hochhalten und dann auch die Empfindungen und Gefühle entwickeln, die zu dieser Seite passen. Wenn Sie ihre Seite für unterdrückt halten, dann kann daraus ja erst mal Verzweiflung werden und dann schließlich Hass und Wut. Und das kann in der Tat dann Terroristen produzieren."

Empathie tendiert zu einem Schwarz-weiß-Denken

Die Einschätzung, dass Empathie polarisieren kann, teilt auch Thiemo Breyer. Er ist Philosoph und hat eine Juniorprofessor an der Universität Köln sowie eine Gastprofessur an der Universität Mainz inne. Er kritisiert die Tendenz, sie als eine Art "Heilsbringer" anzusehen, gerade wenn es darum geht, globale Probleme zu lösen. Dagegen sprechen laut Breyer bereits Ergebnisse der Evolutionsbiologie. Die Fähigkeit zum Mitgefühl und Mitleiden sei zunächst nur innerhalb von Kleingruppen entstanden, mit dem Ziel, sich zu helfen, weil man von einander abhängig sei. Empathie über Gruppengrenzen hinweg war zunächst nicht vorgesehen. Daran hat sich auch in der Gegenwart offenbar nicht viel verändert.

Breyer: "Man muss zumindest einräumen, dass Empathie durch unterschiedliche Parameter reguliert wird, die auch in der Sozialpsychologie untersucht werden, wie zum Beispiel Ähnlichkeit und Unähnlichkeit. Und es ist durchaus in zahlreichen psychologischen und soziologischen Studien nahegelegt worden, dass Empathie gegenüber Mitgliedern der eigenen Gruppe stärker ausgeprägt ist."

Es ist eine der wesentlichen Grenzen der Empathie: Sie kommt in Bezug auf Fremde und Andersdenkende einfach nicht immer zum Einsatz. Oder anders formuliert: Sie ist möglicherweise nicht stark genug, um Vorurteile und Diskriminierung wirksam zu überlagern. Empathie ist vielmehr selbst ein Spielball verschiedener psychologischer Mechanismen. Trotz dieser Grenzen beharrt Breyer auf die Potenziale der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen: Sie kann im besten Fall über Kultur- und Ländergrenzen hinweg Verständnis erzeugen und zu sozialem Verhalten motivieren. Es ist der Idealfall menschlicher Empathie: das Mitfühlen und Mitleiden trotz räumlicher Entfernung, trotz sprachlicher und kultureller Barrieren. Doch führt Empathie im globalen Maßstab, etwa im Kontext von Entwicklungsprojekten, tatsächlich immer zu sinnvoller Hilfe? Hans Ludwig Kröber bezweifelt das:

"Das ist insgesamt natürlich in dieser ganzen vor allem journalistischen Bilderproduktion, dass durch solche Leidensbilder – die hungernden Biafra-Kinder, man kann das beliebig weit zurückverfolgen eigentlich – dass es dann zu einem Mitgefühl kommt aus sicherer Entfernung, dass man denkt, da muss was getan werden und ich unterstütze diese Sache unabhängig von der Prüfung weiterer Umstände und unabhängig von der Prüfung von realen politischen Möglichkeiten. Also das eigentlich Politische wird eigentlich ausgeblendet hinter diesem bildlichen Hilferuf: Tut was für mich!"

Führt Empathie automatisch in die Opferrolle?

Kröbers Argument erinnert an die anhaltende Kritik westlicher Entwicklungspolitik, wie sie jüngst von der Ökonomin Dambisa Moyo aus Sambia vorgebracht wurde. Moyo fordert ein Ende staatlicher Entwicklungshilfen für Afrika, da sie in ihren Augen Unternehmergeist unterdrücken, Abhängigkeiten schaffen, Korruption fördern und in manchen Fällen gar repressive Regime unterstützen. Stattdessen favorisiere sie einen Abbau von Zöllen und Handelsverträge auf Augenhöhe. Eine kritische Prüfung dieser Argumente erfordert offensichtlich andere Fähigkeiten als Empathie. Dass Empathie alleine nicht immer zu nachhaltiger Hilfe führen kann, betont auch der Literaturwissenschaftler Fritz Breithaupt. Ganz im Gegenteil, sie kann kontraproduktiv wirken, etwa, wenn andere durch das eigene Mitleid in die Rolle des Opfers gepresst werden und auf einem bestimmten Mitleidsniveau gehalten werden.

Breithaupt: "Was aber meiner Ansicht nach häufig missverstanden wird, ist, dass Empathie zwar sehr wichtig ist, und uns als Menschen wirklich wesentlich prägt. Aber, dass Empathie nur erst mal gut ist für denjenigen, der Empathie empfindet. Und nicht unbedingt für denjenigen, mit dem man Empathie hat. Das muss man sich erst mal wirklich auf der Zunge zergehen lassen, diesen Gedanken, dass Empathie gut und schön ist für den, der Empathie empfindet. Denn derjenige, der Empathie hat: Er lebt reicher. Er lebt mehr als ein Leben, er kann an anderen partizipieren. Das ist sehr bereichernd."

Und für Breithaupt durchaus der Normalfall. Doch es bleiben zahllose Ausnahmen, etwa wenn Empathie genutzt wird, um ein bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen. So stellt Breithaupt bei mancher Entwicklungshilfe infrage, ob wirklich nur aus Empathie mit den Opfern gehandelt wird. In vielen Fällen, so die These Breithaupts, entstehe Empathie mit Notleidenden nicht unvermittelt, sondern über Umwege, etwa indem man sich einen rettenden Helfer vorstellt, der etwas verändern kann. Man sehe sich dann selbst in der Rolle des Retters und blicke durch dessen Augen auf die Opfer von Dürre, Kriegen oder Umweltkatastrophen. Mit Empathie könne damit auch das Bedürfnis verbunden sein, sich selbst ins rechte Licht zu rücken. Doch wann dieser Mechanismus wirkt, kann man freilich nicht immer eindeutig entscheiden. Dass Empathie vor allem demjenigen nutzt, der sie empfindet, lässt sich aber auch an vielen weiteren Beispielen belegen.

Empathie als egoistische Bedürfnisbefriedigung

Kröber: "Ja, ich meine, es wird unterstellt, dass Empathie immer darauf hinaus läuft, dass man zum Wohl des anderen denkt. Das ist aber, zumindest in der kognitiven Empathie überhaupt nicht vorgesehen. Sondern in der kognitiven Empathie muss ich nur wissen, was der andere vorhat und was der will und wie der funktioniert. Und das hilft mir dafür möglicherweise, ihn zu manipulieren, auf ihn einzuwirken – sei es, beim Flirt, weil man ein bestimmtes Ziel vor Augen hat oder beim Geschäftspartner, den ich zu einem Deal bewegen will oder den Fußballtrainer von der anderen Seite und dessen Gedanken über meine Gedanken. Und eben bis hin zu dem Psychopathen, der ein gutes Feeling dafür hat, wie ein Tatopfer funktioniert, wie es ihm gelingt, Angst in dem anderen zu erzeugen."

Sadismus ist letztlich eines der extremsten Beispiele für antisoziales Verhalten durch Empathie. Und es handelt sich dabei laut Fritz Breithaupt nicht um den Regelfall. Wenn diese Beispiele thematisiert werden, dann nicht, um Empathie an sich zu diskreditieren, sondern vor allem, um das einseitig positive Image zu korrigieren. Fritz Breithaupt vertritt gar die Ansicht, dass die Menschen – trotz aller Schattenseiten – vielleicht sogar mehr Empathie bräuchten als bisher. Dennoch stellt sich damit zugleich die Frage, wie man mit diesen Grenzen der Empathie umgehen soll. Welchen Begriff sollte man statt Empathie ins Feld führen, um positives Sozialverhalten zu erreichen? Thiemo Breyer:

"Es gibt Vertreter, wie den Psychologen Paul Bloom, der in seinem aktuellen Buch "Against Empathy" die These vertritt: Wir sollen uns, wenn wir moralisch gut handeln wollen nicht auf Empathie-Gefühle – so etwas wie Mitleid, Mitgefühl – verlassen und uns davon zu einem bestimmten Handeln ob pro- oder antisozial leiten lassen. Sondern wir sollen so etwas wie rationales Mitleid etablieren, also nicht die Gefühle, sondern die Vernunft soll uns leiten, um ein gezieltes und möglichst gekonntes Hilfeverhalten anderen Leuten anbieten zu können, das dann moralisch wertvoll ist."

Rationales Mitleid statt Empathie

Aber auch Begriffe wie "rationales Mitleid" lösen ein grundsätzliches Problem der Empathie nicht: Denn obwohl Empathie eigentlich eine individuelle Fähigkeit beschreibt, wird der Begriff häufig genutzt, um politische Prozesse zu beschreiben. Der Begriff Empathie steht damit symptomatisch für das Zeitalter der Post-Politik, das nach dem Ende des kalten Krieges begonnen hat: Statt auf großen gesellschaftlichen Erzählungen lag die Betonung nun auf der Wirkmacht des Individuums und dem freien Spiel der Wirtschaft. Statt Solidarität setzte man auf Empathie, um Menschen zu sozialem Handeln zu motivieren. Doch es bleibt zu fragen, ob der individualistische Begriff Empathie angesichts von Rechtspopulismus, Terror, Filterbubbles und wachsenden Spaltungen in den westlichen Gesellschaften noch klug gewählt ist. Vielleicht bedarf es einer Ergänzung, welche die individualistische Perspektive der Empathie um eine politische Dimension ergänzt und dabei nicht nur an die Vernunft appelliert. Vielleicht, so Breithaupts Vorschlag, fehlt der Empathie ja ein "Wir", das weit über das Individuum und auch die eigene Gruppenzugehörigkeit hinaus geht:

"Das wichtige beim Wir, ähnlich wie bei der Solidarität, ist erst mal, dass man die Menschen, die man beobachtet, die Probleme haben, vielleicht erst mal in der Opferrolle sind, dass man sie nicht auf dieser Rolle halten will, dass sie die Leidenden, die Opfer sind. Sondern: auf einer Ebene der Gleichberechtigung, der Ähnlichkeit, der solidarischen Einheit oder des offenen Wirs. Und da finde ich das offene Wir vielleicht noch einen Schritt wichtiger, dass wir Wir-Gefühle kultivieren."

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