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StartseiteGesichter EuropasMitgegangen - mitgehangen21.03.2009

Mitgegangen - mitgehangen

Island und die Finanzkrise

Island hat mit der Wirtschaftskrise schwer zu kämpfen. Binnen weniger Tage verlor die isländische Krone zwei Drittel ihres Wertes, die Banken auf der Insel wurden zahlungsunfähig. Nun wird nach einem Weg aus der Krise gesucht. Während einige sich auf nationale Werte, Fleiß und Sparsamkeit berufen, setzen andere auf einen EU-Beitritt des Landes.

Mit Beiträgen von Marc-Christoph Wagner

Nach der Finanzkrise: Anleger protestiere in Island (AP)
Nach der Finanzkrise: Anleger protestiere in Island (AP)

Eine isländische Mutter und Juristin blickt zurück:

"Die vergangenen zehn Jahre waren kein Abenteuer, es war ein gedankenloser Wahnsinn."

Und der isländische Außenminister optimistisch nach vorn:

"Wir werden schneller auf die Beine kommen, als viele glauben. Wir waren die erste Nation, die von der Krise getroffen wurde. Aber wir werden auch das erste Land sein, das sich aus diesem Sturm herausnavigieren wird. In Zukunft wird man nach Island schauen und sich an uns ein Beispiel nehmen."

Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen - Island und die Finanzkrise.

Eine Sendung von Marc-Christoph Wagner.
Am Mikrofon begrüßt sie Henning von Löwis.

Der Himmel droht, schwer rollt die See
im Frühlingsnebelflor.
Es war Herr Eggert Ólafsson,
der abstieß vom kalten Skór.

Ein kluger Alter am Strande saß,
der machte ein sorglich Gesicht;
er sagte zu Eggert Ólafsson:
Die Wolken gefallen mir nicht.

Ich fahr' nicht auf Wolken, fahr' über die See!,
entgegnete lachend der Held;
ich glaube an Gott, doch an Schreckbilder nicht,
und das stürmische Meer mir gefällt.

Der kluge Alte verließ den Strand
und sprach mit traurigem Sinn:
Nicht fährst du heute über die See,
zum Herrgott fährst du hin!

Noch höher das Segel, ruft der Held;
doch flinker war der Tod.
Der Bulk fiel zusammen, die Sturzsee schlug
hin über das ganze Boot.

Und droht der Himmel, rollt schwer die See
im Frühlingsnebelflor,
so tönt noch jetzt ein Klaggesang
fernher vom kalten Skór


Hochmut kommt vor dem Fall. Das wusste auch der isländische Theologe und Dichter Matthías Jochumsson, Autor des zitierten Gedichts - ein Mann, der sich bereits im 19. Jahrhundert für die Unabhängigkeit Islands einsetzte und der die heutige Nationalhymne des Landes verfasste.

Und in der Tat hat es auch im Island der Gegenwart nicht an Warnungen gefehlt. Als isländische Geschäftsleute in den vergangenen Jahren wie einst die alten Wikinger von ihrer Insel hoch oben im Atlantik auszogen, um überall in Europa ganze Ladenketten, Kaufhäuser, Versicherungs- und Fluggesellschaften aufzukaufen, da fragte sich mancher, wie all das finanziert wurde.

Im Oktober des vergangenen Jahres kam die ernüchternde Antwort - auf Pump. Drei Banken, deren Existenz vorher nur Finanzanalysten kannten, machten plötzlich Schlagzeilen: Landsbanki, Glitnir und Kaupthing. Zusammen hatten die drei Kreditinstitute Schulden angehäuft, die in etwa dem Zehnfachen des isländischen Bruttoinlandsproduktes entsprachen.

Eine Panik setzte ein, denn auch in Europa, vor allem in Großbritannien, hatten die Sparer ihr Geld in isländischen Banken deponiert. Am 8. Oktober, als der isländische Vulkan bereits die ersten Eruptionen verursachte, ließ Premierminister Gordon Brown unter Berufung auf Antiterrorgesetze das Auslandsvermögen isländischer Banken im Vereinigten Königreich einfrieren.

Das vermeintliche isländische Wirtschaftswunder erwies sich als gigantische Luftnummer. Die vielbesungene "Insel aus Feuer und Eis", das "Kleinod im Nordmeer", wurde quasi über Nacht zu Europas Sorgenkind Nummer eins - zum "verlorenen Paradies des Turbokapitalismus", wie es die Hamburger "Zeit" formulierte. Nur Milliardenkredite aus dem Ausland verhinderten den Staatsbankrott.

Die Katastrophe riss das ganze Land mit in den Abgrund. Zuvor hatte die Aussicht auf schnelle Gewinne einen Großteil des Volkes infiziert. Geld hatte man nicht, man lieh es sich - und im Kasino Island war es leicht, an immer größere Summe zu gelangen. So auch in Grindavík an der Südküste Islands - einem 3000-Seelen-Ort, in dem die Menschen seit Jahrzehnten vom Fisch leben.

Mit Wut im Bauch auf das Meer - Ein Fischer

Es ist kurz vor vier Uhr. Jón Gauti Dagbjartsson und seine drei Kompagnons laufen in den Hafen ein. Heute Morgen um drei Uhr stachen sie in See - 13 Stunden später kehren sie mit fünf Tonnen Fisch im Laderaum zurück. Ein guter Tag, sagt Jón, und nimmt einen letzten Schluck Kaffee:

"Vor 15, 20 Jahren waren die Isländer ein hart arbeitendes Volk. Aber die Zeiten sind vorbei. Heutzutage möchte jeder studieren und im Anzug herumlaufen. Mich kotzt das an. Die wenigsten haben noch Respekt für richtige Arbeit wie unsere, wo man mit beiden Händen zupacken muss. In der Fischerei arbeiten so viele Ausländer - aus Thailand, Polen, sie kommen aus der ganzen Welt. Die Isländer wollen das nicht mehr."

Die Sonne glitzert auf dem Wasser. Seemöwen schweben hinter dem Boot her, auf Fischreste lauernd. Im Schiffsinneren ein heilloses Durcheinander: zerknautschte Bettdecken in der Kajüte, überfüllte Aschenbecher und Pötte mit Kaffeeresten auf der Brücke - ein Fischkutter als Spiegel der Gesellschaft:

"Ich habe Geld verloren, und zwar sehr viel. Ich habe getan, was jeder getan hat - habe den Kredit für mein Haus in eine ausländische Währung konvertiert, unter anderem japanische Yen. Durch den Wertverfall der Krone haben sich meine Schulden mehr als verdoppelt. Aber ich kann mich nicht beschweren. Mir geht es besser als vielen anderen. Nehmen sie die Alten - viele haben ihre ganze Pension verloren. Die Banken haben sie betrogen. Niemals hätten sich die Leute auf sie einlassen dürfen."

Jón, 38 Jahre, groß, schlank, blond, mit einem spitzbübischen Lächeln fährt seit seinem 14. Lebensjahr zu See. Einst besaß er ein eigenes Schiff. Das aber verkaufte er, um den Erlös in eine Firma für Holzfußböden zu investieren. Auch sie ging pleite. Heute mieten Jón und seine drei Mitstreiter das Boot, mit dem sie Fisch fangen.

Der Kai ist erreicht, Jón zieht sich sein Ölzeug über, eine Kiste nach der anderen wird aus dem Laderaum gelöscht. Jede Bewegung, jedes Handzeichen ist verinnerlicht. Jón und seine Kameraden flachsen gerne, tatsächlich aber fühlen sie alle sich betrogen: von den Banken, die einem das Geld hinterher schmissen - wer eine halbe Million borgen wollte, bekam eine Ganze. Aber auch von den Behörden und der Politik, die weder die Banken kontrolliert, noch die Bürger gewarnt hätten. Auch von der Übergangsregierung hält er nichts:

"Die eine Hälfte der Koalition bilden die Grünen. Sie sind gegen die Aluminiumfabriken. Sie wollen die Natur Islands nicht zerstören. Im Grunde möchten sie doch, dass wir wieder unser Gras fressen. Das ist doch illusorisch. Wir müssen unsere Ressourcen nutzen - die günstige Energie, die Kraftwerke. Auch sind diese Linken gegen den Walfang. Das ist unglaublich. Warum bitte sollen wir keine Wale fangen? Die gleichen Leute essen Rind. Wo ist da der Unterschied?"

Aber auch auf Europa ist Jón nicht gut zu sprechen - vor allem auf Großbritannien und Gordon Brown. Dieser habe sich auf Kosten Islands profiliert, wie einst Margaret Thatcher, die den Falklandkrieg nur begonnen hätte, um ihrem Umfragetief zu entfliehen. Ein EU-Beitritt Islands, so Jón, komme nicht in Frage:

"Island ist so klein, niemand wird auf uns hören. Das Schlimmste aber ist, dass dann die spanische Flotte, die portugiesische, ja alle Flotten Europas hier in unseren Gewässern fischen würden. Das geht nicht. Wir selbst haben genügend Probleme. Schon heute hadern wir mit den zu kleinen Quoten."

Die Ladung gelöscht, der Fisch auf dem Weg zur Auktion - bleibt nur noch, Deck und Laderaum zu säubern. Jón lacht - jetzt nach Hause, ein kaltes Bier und ein Fußballspiel im Fernsehen. Morgen früh um drei Uhr geht es wieder hinaus auf das Meer.

"Der beste Fisch der Welt kommt von dem 'Terror-Land' Island. Ja!"


Man muss nicht unbedingt auf den Finanzmärkten spekuliert haben, um zu den Verlierern der Krise auf Island zu gehören. Viele Menschen haben für ihr Alter gespart, ihr Geld in vermeintlich sichere Bankaktien und Fonds investiert. Mit dem Zusammenbruch und der folgenden Verstaatlichung der Banken wurden Milliardenbeträge vernichtet.

Im Vergleich zum vergangenen Frühjahr hat die isländische Krone rund die Hälfte ihres Wertes verloren. Im Januar 2009 erreichte die Inflation 18,6 Prozent - der höchste Wert seit 1990. Die Arbeitslosenrate stieg auf 8,2 Prozent. Und auch die Preise kletterten in die Höhe. Das Leben auf Island, einem Land, das die meisten Lebensmittel und Gebrauchsgüter importieren muss, wurde von Tag zu Tag teurer.

Kein Wunder, dass die gewöhnlich so ruhigen und friedlichen Isländer Anfang des Jahres ihrem Unmut Luft machten und auf die Strasse gingen, um gegen die Verantwortlichen für den Finanz-Crash zu demonstrieren - die Banker und die Politiker, die ihnen die bittere Suppe eingebrockt hatten.

Enorm viel Frust hatte sich da im Laufe der Zeit aufgestaut - Frust, der sich jetzt entlud. Von Woche zu Woche stieg die Zahl der Demonstranten vor dem Parlament. Die aufgebrachte Menge forderte den Rücktritt der Regierung. Steine flogen, die Polizei setzte Tränengas ein.

Schließlich waren die Demonstranten erfolgreich. Ende Januar trat der konservative Ministerpräsident Geir Haarde zurück. Die ehemalige Sozialministerin Jóhanna Sigurdardóttir von den Sozialdemokraten übernahm die Amtsgeschäfte - eine Anwältin der Schwachen, wie viele Isländer meinen. Doch auch sie vermag nicht zu zaubern. Vorerst müssen die Isländer jeden Tag auf das Neue mit den Folgen der Krise im Alltag zurechtkommen:


Die Krise trifft jeden - Eine Familie

Brynhildur Flóvenz ist auf dem Weg nach Hause. Im lokalen Supermarkt kauft sie noch ein paar Kleinigkeiten für das Abendessen. Ungläubig schaut sie in der Obst- und Gemüseabteilung auf die Preise.

"Normalerweise esse ich sehr viel Obst und Gemüse. Damit aber ist nun Schluss. Ab jetzt gibt es nur isländischen Fisch und isländisches Lamm."

Brynhildur ist Juristin, seit Jahren arbeitet sie als Dozentin an der Universität. Eine kultivierte Frau Mitte 50 - schwarzer Rock, rot karierte Jacke, der Schal aus Seide; Schuhe und Handtasche aus teurem Leder, dezenter Schmuck. Auch Brynhildurs schwarzes, lockiges Haar erinnert eher an die Eleganz Italiens, als an die Kargheit des Nordens.

Jeden Sonntag, erzählt Brynhildur, kommt die Familie zum Essen - ihre vier Kinder, die Schwiegertöchter und -söhne, die Enkel. Früher, sagt sie, habe ich eingekauft, was mir gerade in den Sinn kam. Heute muss ich rechnen wie einst als Studentin.

"Die Krise trifft jeden, man macht sich Sorgen um die eigene Familie, um Freunde und Bekannte. Zwei meiner engsten Freundinnen hatten gerade damit begonnen, ein Haus zu bauen, haben ihr altes aber nicht mehr verkaufen können. Jetzt sitzen sie da, müssen die Raten für zwei Häuser bezahlen und es besteht keine Aussicht, dass sich daran etwas ändert. Der Markt für Immobilien ist ja völlig zusammengebrochen. Zudem hat der Mann der einen Freundin seinen Job verloren. Meine Güte, Arbeitslosigkeit - das war hierzulande in den vergangenen Jahren ja ein Fremdwort."

Im Vergleich zu vielen anderen Landsleuten geht es Brynhildur und ihrem Mann Daniel noch gut. Ihren Job an der Universität wird sie nicht verlieren, die Ingenieursfirma ihres Mannes verzeichnet Auftragsrückgänge, aber kommt über die Runden. Auch haben die Flóvenzes weder Kredite in ausländischer Währung gezeichnet, noch an den Aktienmärkten spekuliert.

Bei aller Besonnenheit aber - vor der Krise gibt es kein Entkommen und zwar nicht nur aufgrund der gestiegenen Preise. Die Zinsen für das Haus sind mit der Inflation gestiegen - trotz jahrelangen Abzahlens schulden die Flóvenzes nun mehr, als sie ursprünglich für das Haus bezahlt haben. Auch ein Teil ihrer privaten Alterssicherung war angelegt in scheinbar sicheren Bankaktien - schätzungsweise 100.000 Euro haben sich in den vergangenen Monaten in Luft aufgelöst. Brynhildurs Mann Daniel ist wütend:

"Das Schlimmste, was wir verloren haben, ist das Vertrauen des Auslands. Für meine Firma ist das sehr wichtig. Wir haben viele ausländische Geschäftspartner. Gerade in den ersten Wochen der Krise war es offensichtlich, dass uns niemand mehr vertraute."

Vertrauen verloren aber hätten auch die Isländer selbst, ergänzt Daniel - in Banken, Behörden und den Staat. Einziger Lichtblick sei die jetzige Regierungschefin. Sie sei eine Frau des Volkes. Wenn einer Politikerin vertraut werden könne, dann ihr:

"In dieser Situation darf man keine Wunder erwarten. Aber vielleicht gelingt es der jetzigen Regierung, noch Schlimmeres zu verhindern."

Der Tisch ist gedeckt, das Abendessen fertig, zum Fisch gibt es Wasser, keinen Wein. Vielleicht hat das Ganze doch etwas Gutes, sagt Brynhildur. Nur wenn es wehtue, würden sich Mensch und Gesellschaft, würden sich Werte, Mentalitäten und Gewohnheiten verändern. Und ein Neuanfang sei das, was Island jetzt brauche:

"Offiziell und in den internationalen Vergleichen gibt es in Island keine Korruption. Und richtig ist: Es fließt kein Geld. Vielmehr wäscht eine Hand die andere. Jeder kennt jeden - nicht selten drückten der Vorstand eines Unternehmens, der Bankmanager sowie der Beamte der Finanzaufsicht die gleiche Schulbank. Wer das System kennt, für den sind die Verstrickungen offensichtlich. Für einen Außenstehenden aber ist das ganz undurchschaubar."


Kaum ein Mann symbolisiert Aufstieg und Fall Islands so sehr wie David Oddsson. 1948 in Reykjavik geboren, studierte er Jura, verdingte sich dann als Journalist, Theatermacher, Kulturschaffender und Übersetzer. 1982 bewies er erstmals sein politisches Talent, wurde zum Bürgermeister von Reykjavik gewählt, ein Amt das er neun Jahre später mit dem des Ministerpräsidenten vertauschte.

13 Jahre lang war Oddsson Regierungschef - so lange wie keiner vor ihm. In dieser Zeit liberalisierte er den Banken- und Finanzsektor und legte damit den Grundstein für Islands Boom-Jahre. Neben den Amtsgeschäften fand Daddi, wie ihn in seine Landsleute nennen, immer wieder Zeit für seine große Leidenschaft - das Schreiben. Auch Gedichte, Bühnenstücke, Kurzgeschichten entstanden aus seiner Feder.

Im Steidl Verlag erschien 2001 der Erzählband "Schöne Tage ohne Gudny". In der Geschichte "Ein Verbrechen erschüttert die Wohnungsgenossenschaft" geht es vordergründig um den Diebstahl einer Rechenmaschine. Tatsächlich aber auch um den Kampf des kleinen Mannes für Gerechtigkeit und die Überheblichkeit der herrschenden Klasse auf Island.

Hannes Adalsteinsson nahm seine Arbeit ernst, außerordentlich ernst. Der Direktor hatte Hannes sogar im Verdacht, er könne meinen, die alltägliche Arbeit in der Wohngenossenschaft habe etwas mit Idealen zu tun. Bjartmar musste innerlich schmunzeln. Doch dann lauschte er etwas aufmerksamer auf das Klopfen und begriff, dass dieses Hannes-Klopfen anders, drängender klang als gewöhnlich, obwohl es auch sonst immer eine besondere Note hatte.

Hannes öffnete die Tür einen Spalt und blickt den Direktor fragend an, wie um eine Bestätigung dafür zu erhalten, dass er wirklich eintreten dürfe. Dann eilte er herein. Bjartmar sah sofort, dass sein Abteilungsleiter über die Massen erregt war. Er kannte das schon. Hannes konnte sich über einen Kreditantrag furchtbar aufregen, wenn er den Antragsteller eines falschen Spiels verdächtigte.

Hannes Adalsteinsson war jedem Antragsteller grundsätzlich wohlgesonnen, aber die Interessen des Gemeinwesens durften nicht gefährdet sein. Die Steuereinnahmen waren die Grundlage des Wohlfahrtsstaates, und solange Hannes Adalsteinsson ein Wörtchen mitzureden hatte, sollte niemand seine schmutzigen Finger nach ihnen ausstrecken.

"Eine Rechenmaschine ist gestohlen worden!"

"Eine Rechenmaschine ist gestohlen worden?"

"Ja."

"Und wer hat das bemerkt?"

"Ich. Ich selbst habe es bemerkt. Es war meine Rechenmaschine. Die neue Rechenmaschine, die Sie selbst mir im Frühjahr genehmigt hatten. Sie ist gestohlen worden. Meine neue Maschine."


Im Jahr 2005 wechselte der Verfasser dieser Zeilen, David Oddsson, von der Regierungsbank auf den Chefsessel der Zentralbank - ein Rückzugsposten. Doch drei Jahre später befand er sich einmal mehr im Zentrum der Ereignisse - dieses Mal aber auch im Zentrum der Kritik. Als Zentralbankchef, so hielt man ihm vor, habe er die Banken besser kontrollieren und die Bürger vor der drohenden Krise warnen müssen.

Daddi aber schaltete auf stur, wies alle Schuld von sich, klebte an seinem Stuhl. Erst als das Parlament Ende Februar ein Gesetz verabschiedete, dass Oddsson seines Amtes enthoben hätte, warf er das Handtuch. Ein Nachfolger musste gefunden werden - ein Nachfolger, der einen Neuanfang markieren und das Vertrauen in den isländischen Finanzsektor wiederherstellen soll. Man fand, wonach man suchte - nicht in Island, sondern in Norwegen.

Der Retter aus Norwegen? - Der Zentralbankchef

Dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, ein markantes Gesicht, der Händedruck fest - auf den ersten Blick ist alles, wie man es bei einem Zentralbankchef erwartet. Svein Harald Øygard aber wirkt angespannt. Erst seit wenigen Tagen ist er im Amt. Immer wieder sucht er während des Gesprächs den Blick seines Pressesprechers, der mal zustimmend nickt, mal vorsichtig mit dem Kopf schüttelt. Die Angst vor einem falschen Wort ist allgegenwärtig:

"Es sind zwei Dinge, die mich an der Aufgabe reizen. Zum einen wurde Island zum Symbol der Finanzkrise, zum Symbol dafür, wie hart ein Land getroffen werden kann. Für die Zukunft aber hoffe ich, dass Island auch zu einem Symbol des Wiederaufstiegs werden wird, dafür, wie man durch harte Arbeit und die richtigen Entscheidungen zu erneutem Wachstum gelangt. Die Isländer sind ein fleißiges und kompetentes Volk mit einer im Grunde starken Wirtschaft. Auch die Staatsfinanzen waren vor der Krise stabil. Kurzum: Es existiert eine Grundlage, auf der sich aufbauen lässt. Darüber hinaus ist diese Aufgabe hier für einen Ökonomen wie mich natürlich eine der spannendsten Aufgaben, die es gibt - auf der ganzen Welt. Als mir der Job angeboten wurde, war das eine große Ehre und Herausforderung."

Von seinem Schreibtisch aus hat Øygard die Krise tagtäglich vor Augen. Der 48-Jährige blickt auf den Hafen und die Bauruine des neuen Konzerthauses - vielleicht das symbolträchtigste Projekt, das dem Zusammenbruch der isländischen Wirtschaft zum Opfer fiel. Über die Vergangenheit, über die begangenen Fehler, auch über die daraus zu ziehenden Lehren für die Zukunft möchte Øygard nicht sprechen. Er will niemanden verprellen, konzentriert sich ganz auf das, was vor ihm liegt.

"Das Wichtigste ist, dass man entscheidet, was zu tun ist - und dies dann auch tut. Dort, wo Finanzkrisen lange anhalten, erreicht man keinen Konsens über einen gemeinsamen Kurs oder hat nicht den Mut, das, was nötig ist, auch umzusetzen. Hier in Island ist das anders: Es wird getan, was nottut."

Svein Harald Øygard redet sich warm, hält sich an das, was er beherrscht - nämlich Zahlen. Anfang der 1990er Jahre arbeitete er als Staatssekretär im norwegischen Finanzministerium, zuvor für Norges Bank. In den vergangenen 13 Jahren war er für den Beratungsriesen McKinsey tätig, bei dem er 2007 knapp 600.000 Euro verdiente. Øygard weiß, wie ernst es um den Patienten Island bestellt ist. Seine Freunde, frotzelt er, sagten ihm, er sei ein mutiger Mann.

"Ich fühle, die Art und Weise wie ich berufen wurde gibt mir eine besondere Autorität. Niemand ist im Zweifel darüber, warum ich hier bin und was ich zu tun habe. Niemand kann meine Unabhängigkeit bezweifeln. Ich möchte dazu beitragen, Island wieder auf die Beine zu bringen."

Erstmals lehnt sich Øygard in seinem Bürostuhl zurück, lässt den Blick aus dem Fenster schweifen. Die isländische Zentralbank, sagt er selbstbewusst, ist eine der unabhängigsten der Welt. Tatsächlich hat Øygard ein starkes Mandat. Die Ministerpräsidentin persönlich hat ihn berufen. Empfohlen wurde er den Isländern von der norwegischen Regierung. Die dortige grüne Finanzministerin Kirstin Halvorsen schätzt ihn als Fachmann, mit dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg ist Øygard persönlich befreundet.

"Island wurde zum großen Teil von Menschen besiedelt, die aus Norwegen kamen. Sie haben also die karge Landschaft Norwegens verlassen, um sich in einem noch raueren Klima niederzulassen. Das heißt, diese Leute waren noch härter als die Norweger selbst. In diesen Zeiten ist das keine schlechte Eigenschaft."

Der Finanzexperte Øygard macht aus seiner sozialdemokratischen Prägung keinen Hehl. Vor allem die Staatsfinanzen gelte es jetzt zu stabilisieren. Ein Gemeinwesen müsse handlungsfähig sein. Spekulationen über einen schnellen Beitritt zum Euro gehören für ihn zum jetzigen Zeitpunkt in das Reich der Sagen und Märchen:

"Nun, als Zentralbankchef befasse ich mich vor allem mit der Geld- und Valutapolitik. Auf kurze Sicht ist es nötig, die isländische Krone und die isländische Wirtschaft zu stabilisieren - und das können wir nur innerhalb des Rahmens tun, der derzeit existiert. Natürlich wird die Euro-Debatte auf Island, aber das müssen die Politiker und die Menschen hier entscheiden. Für die Zeitspanne, die ich im Moment überblicken kann, gibt es andere Prioritäten."


Bjartmar bemerkte, dass er sich bereits selbst über den Vorfall erregte, ohne so recht zu wissen warum. Es stand ja nicht gerade der Weltuntergang bevor, nur weil eine Rechenmaschine verschwunden war.

Der staatliche Rechnungshof würde sich kaum bemüßigt fühlen, die Angelegenheit in seinem Jahresbericht zu vermerken. Aber Hannes Adalsteinssons Gesichtsausdruck war unmissverständlich. Der Pressesprecher einer Sondereinheit der isländischen Polizei hätte kaum mit ernsterer Sorge über einen bewaffneten Raubüberfall informieren können. Eine solche Nachricht auf die leichte Schulter zu nehmen, war schlimmer als blasphemische Reden in der Kirche. Sein Klopfen, das stoßweise Atmen und der hochrote Kopf, all das verstärkte die Wirkung noch.

"Wer um alles in der Welt kann die Rechenmaschine gestohlen haben?"

Nach einer Pause konstatierte Bjartmar Felixson, dass Hannes alles gesagt hatte, was zu sagen war. Er hoffte, dass irgendjemand hereinkäme oder das Telefon klingelte und dem Problem ein Ende setzen würde, das sich im Büro breitgemacht hatte. Schließlich griff er zum Telefon, wählte eigenhändig die 5511166 und setzte den Dienst habenden Polizeibeamten davon in Kenntnis, alle Zeichen deuteten darauf hin, dass aus einem Büro der staatlichen Wohnungsgenossenschaft eine Rechenmaschine entwendet worden war. Später am Abend sagte er zu Aurora, wie dankbar er war, dass Abteilungsleiter Hannes Adalsteinsson nicht die Reaktion des Polizisten habe hören können: "Wollen Sie, dass wir eine Spezialeinheit entsenden?"


Wie weiter im "verlorenen Paradies" - auf dem Krisen-Eiland Island. In gut einem Monat, am 25. April, finden vorgezogene Neuwahlen statt. Dann wird sich zeigen, ob die Isländer Ministerpräsidentin Jóhanna Sigurdardóttir und ihrer Koalition aus Sozialdemokraten und Linksgrünen das Vertrauen schenken oder - in Zeiten der Krise - doch eher auf die bürgerlich-liberalen Parteien setzen.

Zu einem der zentralen Themen des Wahlkampfes dürfte sich Islands Verhältnis zu Europa entwickeln. Die Frage stellt sich dringender denn je, würde ein Beitritt Islands zu EU und Eurozone doch zumindest die angeschlagene Währung des Landes stabilisieren.

Doch Europa ist - noch - nicht konsensfähig, der Riss in dieser Frage zieht sich quer durch die Parteien. Auch das amtierende Regierungsbündnis ist gespalten. Während die Links-Grünen einen Beitritt zur Europäischen Union ablehnen, kann es dem sozialdemokratischen Außenminister des Landes damit gar nicht schnell genug gehen:

Aufbruch nach Europa - Der Außenminister

Össur Skarphéðinsson hatte einen langen Tag, doch das merkt man ihm nicht an. Entspannt sitzt er hinter dem Lenkrad seines Dienstwagens, fährt durch sein Reykjavik, in dem er 1953 geboren wurde - Fahrer und Personenschützer: Fehlanzeige.

"Hier habe ich meine Wurzeln. Immer wieder komme ich hierher in den Hafen und schaue mir die Schiffe an. Genau von diesen Schiffen träumte ich, als ich noch auf einem kleinen Kutter fischte. Es war mein Traum: Ich wollte Kapitän eines solchen Schiffes werden, wollte auf der Kommandobrücke stehen."

Aus diesem Traum wurde nichts, stattdessen kontrolliert Skarphéðinsson nun die Geschicke seines Landes. Neben dem Außenministerium ist der Sozialdemokrat verantwortlich für die Ressorts Industrie, Energie und Tourismus. Ein erfahrener Seemann für stürmische Zeiten:

"Das einzige Mal in der Geschichte Islands, dass wir Ausschreitungen erlebt haben, war 1949, als Island der NATO beitrat. Das war damals sehr umstritten. Nie hätte ich geglaubt, dass ich selbst so etwas einmal erleben würde: Lagerfeuer vor dem Parlament; tausende Demonstranten, die das Althing blockieren; Einsatzkräfte in voller Montur und mit Tränengas."

Skarphéðinsson deutet auf einen schlichten Wohnblock neben der Hauptstraße - dort wohnt er mit Frau und zwei Töchtern. Schon lange hat der 56-Jährige das Ölzeug der Fischer mit dem Zwirn des Staatsmannes vertauscht. Seit 1991 sitzt er im Parlament, jahrelang war er Vorsitzender von Fraktion und Partei. Sein langes, breites Gesicht, vor allem aber der kurze, rot-graue Bart, der Wangen und Kinn, nicht aber die Oberlippe bedeckt, erinnert noch heute an die Vergangenheit auf dem Meer.

"Jeder Isländer kennt die Beschreibung des Ragnarök, wenn die bekannte Welt zusammenbricht. Danach aber entsteht eine neue Welt. Ich würde das derzeitige Schicksal Islands nicht als Ragnarök beschreiben, aber was die Wirtschaft angeht kommt es der Katastrophe sehr nahe. Doch ich bin zuversichtlich. Die Geschichte Islands ist voll von Desastern: Erdbeben, Vulkanausbrüche, Sturmfluten, furchtbare Seuchen, wenn die Schiffe früher aus Europa kamen. Wir haben stets überlebt. Und wir werden wieder überleben."

"It always seems to be the social-democrats, that have to clean up the mess after ..."

"…after the bloody capitalist, yes."

Ortswechsel. Das isländische Parlament, das älteste noch aktive der Welt. 63 Abgeordnete verrichten hier ihre Arbeit.

"Das hier ist das Plenum - schön, klein, komfortabel. Ich war ein radikaler Studentenführer und damals verabschiedete das Parlament ein Gesetz, dem wir Studenten extrem kritisch gegenüberstanden. Meine erste Rede hier im Parlament hielt ich dort oben, auf dem Balkon. Damals waren wir mehr als 200 Studenten, die die Zuschauerränge besetzten. Ich hielt meine Rede und wurde von der Polizei abgeführt. Ich selbst stamme aus einer extrem konservativen Familie und mein Vater war damals erzürnt. Noch heute erinnere ich mich an diesen Abend, als ich nach Hause kam und er sagte: Du hast die Ehre deiner Familie beschmutzt."

Össur Skarphéðinsson geht an seinen Platz auf der Regierungsbank, blättert durch einen Stapel Papiere. Noch immer schüttelt er ungläubig den Kopf, wenn er über die Geschehnisse der vergangenen Monate spricht.

"Als die isländischen Banken privatisiert wurden, als das neoliberale Denken das Land eroberte, als es nur darum ging, Unsummen an Geld zu verdienen, bekam das Land ein ganz neues Werteschema. Die jungen Bankmanager mit ihren dicken Boni, die Millionäre, die auf den Forbes-Listen der weltweit reichsten Menschen auftauchten, wurden Leitbilder für junge Leute. Meine eigene Tochter ist heute 14 Jahre, ein cleveres Mädchen. Als sie zwölf war und wir über ihre Zukunft sprachen, sagte sie, Papa, weißt du, was ich werden möchte? - Ein Bankmanager. Genau diese Art des Denkens hat uns auf den falschen Pfad geführt. Es steht schon in der Bibel: Der Tanz um das Goldene Kalb."

Die Politik, räumt Skarphéðinsson selbstkritisch ein, habe in den vergangenen Jahren versagt. Die Banken hätten strenger reguliert werden müssen, die Unternehmen besser kontrolliert. Gleichgültig, wer die Parlamentswahl am 25. April gewinne, nun gelte es, das Vertrauen der Menschen wiederherzustellen - in Banken, Wirtschaft und, ja, auch in die Politik.

"Was muss die neue Regierung nach der Wahl im April tun? Sie muss den Menschen einen klaren Weg aufzeigen, was mit der Währung passieren soll. Auf der isländischen Krone lässt sich nicht aufbauen. Jetzt gibt es Stimmen, die sagen, lasst uns die norwegische Krone einführen, wozu der norwegische Ministerpräsident sagte: danke, nein danke. Andere sprechen vom amerikanischen Dollar, aber das ist politisch nicht vorstellbar. Für mich ist die eigentlich denkbare Lösung der Euro."

Skarphéðinsson zeigt sich überzeugt: Nicht weniger Globalisierung sei die Lehre aus der Krise, sondern mehr. Ein Zurück zu nationalstaatlichen Lösungen könne es nicht geben. Er selbst bezeichnet sich als den größten und ältesten EU-Befürworter Islands. Wäre das Land Teil der Europäischen Union sowie der Eurozone gewesen, die Krise hätte die Insel im Atlantik niemals so hart getroffen. Ginge es nach Skarphéðinsson selbst, könne es mit dem Beitritt Islands nicht schnell genug gehen.

"Ich denke, wir werden den Antrag auf eine EU-Mitgliedschaft schon in den nächsten Jahren stellen. Ja, es besteht sogar die Möglichkeit, die ich keinesfalls ausschließe, dass wir dies noch in diesem Jahr tun werden. Ich selbst würde das befürworten. Und die EU selbst mit Deutschland an der Spitze hat ja auch stets betont, Islands Weg in die EU würde problemlos verlaufen. Der große Haken ist die Fischerei. Aber ich meine, auch hier würden wir schnell eine Lösung finden."

"Aber Sie müssen dann auch die Isländer überzeugen. Wie kann Europa Ihnen diesbezüglich helfen?"

"Zum Beispiel, indem die EU uns hilft, vernünftige Lösungen bei unseren Verhandlungen mit Großbritannien und den Niederlanden zu finden. Dabei geht es um die Schulden unserer Banken, die eine Menge Sparer in einer misslichen Situation hinterlassen haben. Das wäre eine große Hilfe. Würden Sie Angela Merkel das ausrichten?"


Hannes Adalsteinsson hatte ein wissenschaftliches, genauer gesagt ein soziologisches Interesse an Armut, er wusste fast alles über ihr Wesen und ihre Ursprünge. Er war überzeugter Sozialist und nahm an einem Lesezirkel zum Thema Armut teil. Schon früh war ihm bewusst, dass Armut und Unwissenheit miteinander verschwistert waren. Die Kapitalisten zogen ihren Profit daraus, diese familiäre Beziehung zu stärken und zu fördern. Die Armut der Massen war eine unerschöpfliche Quelle für die Reichen und Mächtigen. Und diese Klasse schien es sich in dem armen Land außerordentlich gut gehen zu lassen.

Aber so einfach war es doch wieder nicht. Sicher, an der Oberfläche schien alles wohlgeordnet, aber Hannes wusste, dass die besitzende Klasse nicht wirklich unbeschwert lebte. Sie war nervös geworden. Trotz all ihrer Macht fürchtete sie sich vor den Massen und ihrer unter der Oberfläche brodelnden, unberechenbaren Gewalt. Die unwissenden Massen waren schon liebenswert. Jener Teil der Massen aber, der die Lügen bereits durchschaut hatte, musste gefürchtet werden. Mit jedem Tag wuchs er weiter an und verringerte die Zahl der Unwissenden. Eines Tages wäre das nicht mehr aufzuhalten, weder hier noch in anderen Ländern.

Die herausgeputzte Oberschicht hatte in so manchem Land bereits ihre Macht eingebüßt. Die klassenlose Gesellschaft hatte Einzug gehalten, in der der Wohlstand des einen der Wohlstand aller war und alle Menschen wir Brüder lebten, ohne Missgunst. Vater und Sohn wussten das, und sie brauchten darüber kein Wort zu wechseln, dass der isländische Kapitalismus niemals Ruhe finden würde.


Kapitalismus oder klassenlose Gesellschaft - das ist für Island keine realistische Alternative - trotz der einschneidenden Wirtschafts- und Finanzkrise. Andere Fragen drängen sich auf, die einer Antwort harren: Wie lässt sich das verlorenen gegangene Vertrauen der Wähler, Bürger und Verbraucher wiederherstellen? Wie kommen die Banken, wie die Wirtschaft des Landes wieder auf die Beine? Könnte die Fischereiwirtschaft ein Rettungsanker sein? Oder der Tourismus? Welche Rolle kann und soll der Staat künftig spielen? Und welche das ferne EU-Europa?

Nach den Jahren des Turbokapitalismus und der Eruption der Finanzmärkte plädieren viele Isländer für eine Rückbesinnung auf eigene Traditionen und Werte - auf Fleiß, Spar- und Genügsamkeit, auf die Verankerung in der eigenen Kultur.

Andere können sich mit einer solchen Vision ganz und gar nicht anfreunden. Sie fordern, die Ressourcen des Landes zu vermarkten. Ihre Blicke richten sich vor allem auf das große Potenzial geothermischer Energie.

Noch gibt es keine Möglichkeit, diese unterirdische Energie, über die Island so reichlich verfügt, etwa per Seekabel nach Europa zu exportieren. Stattdessen baut man Kraftwerke im Lande selbst und versucht, energielastige Unternehmen wie Aluminiumschmelzen zu einer Ansiedlung zu bewegen. Doch inzwischen scheint ein kritischer Punkt erreicht. Das Unbehagen über derlei Großprojekte wächst - nachdem jahrelang kaum darüber diskutiert wurde:

Aus Fehlern lernen - Die Isländerin Osk Vilhjalmsdottir

Bláfjøll - eine Skigebiet eine halbe Stunde mit dem Auto von Reykjavik entfernt. Ósk Vilhjálmsdóttir begleitet ihre beiden Kinder hinaus zum Lift.

Ósk Vilhjálmsdóttir ist in Reykjavik geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur verließ die heute 46-Jährige Island in Richtung Paris. Zwei Jahre später zog sie nach Berlin, wo sie jahrelang lebte und noch heute eine Wohnung besitzt. Ich musste damals einfach weg, sagt sie heute:

"Keine Ahnung. Es war einfach so ein Gefühl. Irgendwie hat man Lust, da raus zu gehen."

Um dann - irgendwann - auch wieder heimzukehren. So auch Ósk, die es um die Jahrtausendwende zurück nach Reykjavik zog, die anderthalb Jahrzehnte nach ihrer Flucht auf den europäischen Kontinent ein verändertes Land vorfand. Die einst ländliche Gesellschaft war in der Moderne des Westen angekommen - mit allen Vor- und Nachteilen, noch potenziert durch die Rasanz des Wandels.

"Es geht nicht gut. Wir haben so viele Scheidungen - ich glaube fast, wir halten den Weltrekord. Und gebrochene Ehen. Es gibt kaum ein Klasse in Island, die mehr als vielleicht ein Kind oder zwei hat, wo die Eltern zusammenleben. Und ich glaube, es passt nicht gut zusammen. Meiner Meinung nach gibt es eine wahnsinnige Leichtsinnigkeit den Kindern gegenüber."

Viele Isländer, erläutert Ósk, träumten den amerikanischen Traum: Großes Haus, großes Auto, am liebsten zwei oder drei davon, Allradantrieb selbstverständlich. Vor allem das Verhältnis ihrer Landsleute zu Umwelt und Energie habe sie nach all den Jahren in Berlin überrascht: Mülltrennung Fehlanzeige, Energiesparen auch. Selbst ein befreundeter Abgeordneter der Grünen würde den Motor seines Wagens laufen lassen, während er einkaufe, stellt Ósk resigniert fest. Energie sei billig, weil im Übermaße vorhanden:

"Es ist normal, wir sind es gewohnt. Wir haben Schwimmbäder überall. Sogar die Gehwegplatten werden beheizt, damit man keinen Schnee abschaffen braucht. Es fließt einfach. Es ist auch ein Teil von diesem mangelnden Umweltbewusstsein. Wir machen das Fenster auf, wenn es innen zu warm wird. Man läuft im T-Shirt im Januar herum, bei der Kälte. Man sieht es auch hier, wie die Pisten beleuchtet sind. So ist es im ganzen Winter. Da kann man Skifahren, auch im Januar, wo es nur ein paar Stunden Licht gibt."

Nach ihrer Rückkehr machte Ósk das, was auf Island typisch ist - sie verdiente Geld gleich mit mehreren Jobs: als Reiseführerin, mit Vorlesungen an der Kunstakademie, heute organisiert sie Wandertouren auf der ganzen Insel - je abgelegener, desto besser. Die Bestrebungen der Regierung, die Zukunft des Landes mit billiger Energie zu sichern, sieht sie skeptisch:

"Ich habe nichts gegen Aluminium, ich habe auch nichts gegen Kraftwerke. Ich finde aber, wir haben genug Wasserkraftwerke gebaut in Island und wir haben zu viel geopfert. Meiner Meinung nach, zu viel. Wir haben wahnsinnig viele Orte in Island, tolle Naturstücke, und die sollte man einfach zur Seite legen, für die kommenden Generationen. Und wir, unsere Generation, hat auch nicht das Recht zu entscheiden für die kommenden Generationen. Ich glaube nicht, dass es zusammen geht. Kann man Walfang betreiben und nebenbei Walbesichtigungstouren machen? Geht das zusammen? Ich glaube nicht. Ich glaube, man muss sich entscheiden. Und wenn man hier Island präsentieren möchte als ein Naturparadies, dann kann man nicht gleichzeitig die Natur zerstören für alle Aluminiumschmelzen. Ich finde, da muss man eine Grenze ziehen und sich entscheiden."

Ósk blickt auf die Uhr. Draußen ist es jetzt dunkel, nur ein orangefarbener Streifen glüht am Himmel hinter den Bergen. Immer mehr Eltern und Kinder kommen in die Hütte, um sich umzuziehen, davor leert sich der Parkplatz nach und nach. Die richtige Balance, sagt Ósk abschließend, die gelte es zu finden. Sie selbst plädiere nicht für ein Zurück zur Natur. Island könne nur auf einem breiten wirtschaftlichen Fundament überleben: Tourismus und Fischfang, Dienstleistung und Design und selbstverständlich auch ein bisschen Energie. Die Krise als Chance:

"Ich glaube, wenn ich einmal Großmutter bin, dann guckt man auf diese Zeiten und denkt: Es war gut, dass es passiert ist, es war gut, dass es geplatzt ist, weil: Es konnte nicht so weiter gehen."

Und das waren sie, die Gesichter Europas an diesem Samstag:

Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen - Island und die Finanzkrise. Eine Sendung von Marc-Christoph Wagner. Musik und Regie: Babette Michel. Am Mikrofon verabschiedet sich Henning von Löwis.

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