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StartseiteForschung aktuellMitleiden im Gehirn08.04.2004

Mitleiden im Gehirn

Psychologin untersucht Hirnaktivität bei Empathie

<strong>Neurologie. - Schmerz ist subjektiv soviel ist sicher. Für den einen ist eine Spritze ein Klacks für den anderen der blanke Horror. Der Psychologe Niels Birbaumer machte dazu vor einigen Jahren ein interessantes Experiment. Männer mit Rückenschmerzen empfanden deutlich mehr Schmerzen, wenn ihre Frauen im Raum waren. Eine deutsche Psychologin hat nun in Großbritannien ein ähnliches Experiment durchgeführt. Sie interessierte dabei, wie stark die Frauen, den Schmerz ihrer Männer nachempfinden können.</strong>

Von Kristin Raabe

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Die Pärchen, die freiwillig an dem Experiment am Londoner University College teilnahmen mussten schon einiges aushalten: Eine Elektrode an ihrer Hand versetzte ihnen schmerzhafte Elektroschocks. Aber natürlich dürfen auch im Auftrag der Wissenschaft keine Menschen gequält werden:

Das sind keine wirklichen Elektroschocks, man benutzt Elektroden, die speziell für die Schmerzforschung entwickelt wurden. Man muss sich das so vorstellen, es wird zwar Elektrizität benutzt, um die Elektroden zu bedienen, aber der Schmerz ist dann wie eine Art kurzer Bienenstich, oder so was wie ein Nadelstich, der dauert aber nur eine Sekunde und hat keinerlei Nebenwirkungen. Also wirklich erträglich.

Die deutsche Psychologin Tania Singer hatte keine Probleme, Pärchen für ihre Studie zu finden. Anscheinend wollten viele gerne wissen, was in ihrem Gehirn eigentlich passiert, wenn sie Schmerz empfinden. Die Wissenschaftlerin verriet nicht, dass es ihr eigentlich gar nicht um den Schmerz, sondern nur um das Einfühlungsvermögen der Frauen ging. Dazu hat sie sich ein raffiniertes Experiment ausgedacht.

Das Experiment sieht so aus. Da ist ja um den Kopf herum, so ein großes Magnetfeld, das wird da aufgebaut. Der Körper liegt auf so einer Bank und der Mann ist jeweils ganz in der Nähe, neben diesem Magnetfeld, neben dieser Röhre und beide Hände liegen auf so einer Art Plattform, die das erlaubt, dass die Frau, wenn sie in dieser Röhre liegt, sie ihre eigene Hand und die rechte Hand ihres Partners sieht, der sitzt nur daneben.

Beide Partner kommen auf einem Monitor durch Pfeile vorgeführt, wer als nächstes einen kleinen Elektroschock bekommt. Wie stark der Schmerz sein wird, zeigt die Farbe des Pfeils an. Mal ist es so schlimm wie ein Bienenstich, mal nur ein leichtes Kribbeln. Durch den Magnetresonanztromographen, kann Tania Singer sehen, was im Gehirn der weiblichen Versuchsperson vor sich geht. Bislang gingen Experten davon aus, dass beim Nachempfinden von Schmerzen, im Gehirn dasselbe Programm abläuft, wie bei real erlebtem Schmerz. Singer:

Diese Befunde zeigen eher, nein, es wird nicht automatisch diese ganze Schmerzmatrix aktiviert, sondern eben nur sinnvolle Teile davon. Und evolutionär gesehen wäre das ja auch sehr kostspielig, wenn wir diesen ganzen Schmerz mit der ganzen physiologischen Konsequenz miterleben, dann würden wir die ganze Zeit erschöpft sein. Nur weil wir anderen Leuten zusehen, wie sie Schmerzen haben.

Zu sehen, wie ihr geliebter Partner Schmerzen empfindet, aktivierte bei den Frauen Bereiche im Gefühlszentrum des Gehirns, dem limbischen System. Besonders die sogenannte anteriore Insel und das ACC waren aktiv. Das sind dieselben Hirngebiete, die auch aktiv sind bei der subjektiven Einordnung von tatsächlichen Schmerzen. Die Bereiche im Gehirn, die nur die pure Schmerzinformation vermitteln, die uns sagen "am Zeigefinder der rechten Hand sticht es gerade", diese Hirnbereiche sind nicht aktiv, wenn wir Schmerz nur nachempfinden. Singer:

Was sehr schön war, ist, das wir auch schon sehen konnten, das die Aktivierung auch einherging mit individuellen Unterschieden in Empathie. Das heißt die Frauen, die den Fragebögen zur Empathie zufolge besonders empathisch waren, in Fragebögen, die man standardmäßig für Empathiefähigkeit benutzt und so Fragen hat wie "Wie schnell weinen sie, wenn sie einen Film sehen?" "Wie sehr stresst sie das, wenn sie an einem Unfall vorbeikommen?" Und die Frauen, die dort höhere Empathiefähigkeit hatten, zeigen auch höhere Aktivität in der anterioren Insel und im ACC.

Das weibliche Einfühlungsvermögen ist nun nicht mehr nur sprichwörtlich sondern auch wissenschaftlich belegt. Bleibt nur die Frage, wie es mit den Männern steht. Das will Tania Singer in ihrer nächsten Studie untersuchen.

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