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StartseiteKommentare und Themen der WocheVertrauen von ganz weit unten wieder aufbauen25.04.2019

Mitte-StudieVertrauen von ganz weit unten wieder aufbauen

Trotz einiger Kritikpunkte gibt die neue Mitte-Studie im Auftrag der SPD-nahen Ebert-Stiftung zu denken, kommentiert Gudula Geuther. Jeder dritte Befragte glaube, Politiker seien Marionetten "dahinterstehender Mächte" - das zeige, wie wichtig politische Bildung und Förderung der Demokratie seien.

Von Gudula Geuther

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Reichstag, Berlin, Deutschland, Europa. (picture alliance / Norbert Michalke)
Die gesellschaftliche Mitte als Anker von Pluralismus und Demokratie in Deutschland bröckelt angeblich (picture alliance / Norbert Michalke)
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Alarmismus gehört offenbar zu den Zwangsläufigkeiten gesellschaftlicher Polarisierung. Man kennt das von politischen Parteien am rechten und linken Rand. Die neue Studie, die Wissenschaftler rund um den Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung vorgelegt haben, beklagt eine solche Polarisierung, beklagt verstetigte extremistische Ansichten. So wichtig viele der Erkenntnisse sind – leider tappen auch die Forscher in die Alarmismus-Falle. "Verlorene Mitte" überschreiben sie ihre Erkenntnisse. Das ist eine deutliche Steigerung seit 2014. Da war die Mitte, glaubt man den Überschriften, noch "fragil", zwei Jahre später "gespalten".

Man fragt sich, was beim nächsten Mal noch kommen soll. Dabei behaupten auch die Autoren nicht etwa, dass die Mittelschicht an den Rechtspopulismus verloren sei. Die Aussage soll eine ganz andere sein: Die gesellschaftliche Mitte als Anker von Pluralismus und Demokratie bröckelt. Nur geben die erhobenen Werte auch diese Aussage wohl nicht unbedingt her. Zustimmungswerte zu Demokratie und Menschenwürde sind hoch, Sorge gegenüber Rechtspopulismus und Hetze sind verbreitet.

Fehlinterpretationen durch fehlenden Kontext

Freilich lohnt der Blick hinter solche eher formelhaften Selbstbeschreibungen. Doch auch im Detail stellen sich Fragen. Etwa zu einem der offenbar wesentlichen Indikatoren für Fremdenfeindlichkeit. 35 Prozent Zustimmung bekommt die Aussage, es lebten zu viele Ausländer in Deutschland. Spräche das auch für Fremdenfeindlichkeit, fragt heute etwa der Extremismusforscher Klaus Schröder, wenn die große Mehrheit der Einwohner Deutschlands ausländisch wäre?

Oder nehmen wir den Satz, die meisten Flüchtlinge würden nicht verfolgt, 40 Prozent glauben das. Das ist eine schwierige Aussage. Legt man aber zugrunde, was der deutsche Staat als Fluchtgründe anerkennt, dann ist sie richtig. Ohne Kontext haben solche Fragen wenig Sinn. Auch wenn solche Einzelaussagen immer nur Teil einer größeren Bewertung sind - die Schlussfolgerungen muss man nicht überschätzen. Und einige Befunde geben sogar Anlass zur Beruhigung.

Die Zustimmung zu rechtsextremistischen Aussagen sinkt im Osten, ist jetzt in Ost und West gleichermaßen niedrig. Sexismus und Homophobie werden immer weniger gesellschaftsfähig. Und doch gibt die Studie zu denken. Etwa, wenn abwertende Aussagen zu Flüchtlingen zunehmen - trotz sinkender Zahlen. Hier dürfte nicht nur die Rhetorik der AfD eine Rolle spielen. In die Mitte der Gesellschaft haben wohl eher einzelne Vertreter der Unionsparteien die verrohte Sprache getragen, von Asyltourismus bis Anti-Abschiebe-Industrie.

Vertrauen in Politik und Medien schrumpft

Keinen Vergleich lassen die Daten zu Verschwörungstheorien zu, weil sie erstmals erhoben wurden. Wenn aber jeder dritte Befragte glaubt, Politiker seien Marionetten "dahinterstehender Mächte", wenn für fast ein Viertel Medien und Politik "unter einer Decke stecken", dann muss da Vertrauen von ganz weit unten aufgebaut werden. Dass politische Bildung und Förderung der Demokratie immer wichtiger werden, wusste man bereits. Die Studie belegt es, bei allen Schwächen, vielfältig.

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