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StartseiteKalenderblattMitteilungen aus der Zauberwelt16.12.2009

Mitteilungen aus der Zauberwelt

Vor 150 Jahren starb der Sprach- und Literaturwissenschaftler Wilhelm Grimm

Mit ihren Märchensammlungen haben die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm das kollektive Gedächtnis ganzer Generationen geprägt. Unter den Geschwistern interessierte sich vor allem der jüngere Wilhelm für die Märchen- und Sagenwelt. Er starb heute vor 150 Jahren.

Von Karin Haferland

Brüder-Grimm-Denkmal in Hanau (AP)
Brüder-Grimm-Denkmal in Hanau (AP)

"Lieber Wilhelm, wir wollen uns einmal nie trennen."

Schon als Kinder sind die Brüder Grimm unzertrennlich. Während sich Jacob als Erstgeborener nach dem Tod von Vater und Mutter um seine Geschwister kümmert und darum nie heiratet, gründet Wilhelm eine eigene Familie, zu der wie selbstverständlich auch sein Bruder Jacob gehört.

Gemeinsam studieren die Brüder Grimm Rechtswissenschaften bei Karl von Savigny in Marburg. Er weckt ihr Interesse an Quellenforschung und geschichtlichen Entwicklungen und führt sie in den Kreis der romantischen Dichter ein. Der geistige Austausch mit Bettina und Achim von Arnim und Clemens Brentano führt zur Mitarbeit an der Volksliedsammlung "Des Knaben Wunderhorn", für die die Brüder ihre ersten Märchen sammeln.

Während Jacob als Verfasser der "Deutschen Grammatik" seinen Ruf als einer der bedeutendsten Sprachforscher seiner Zeit begründet, gilt Wilhelms ungeteiltes Interesse der Literatur. Aus seiner Liebe zur altdeutschen Minnedichtung und den Autoren der Romantik schöpft er immer wieder Motive für seine philologische Arbeit - getrieben von der Vorstellung, den großen, im Volksgedächtnis verankerten Vorrat an Poesie und Geschichte zutage zu fördern. Er schreibt:

"In den Märchen ist eine Zauberwelt aufgetan, die auch bei uns steht, in heimlichen Wäldern, unterirdischen Höhlen, im tiefen Meere, und den Kindern noch gezeigt wird. Diese Märchen verdienen eine bessere Aufmerksamkeit, als man ihnen bisher geschenkt. Nicht nur ihrer Dichtung wegen, sondern auch, weil sie zu unserer Nationalpoesie gehören."

240 Märchen tragen die Brüder aus den unterschiedlichsten Quellen zusammen. Sie durchforsten die Bibliotheken und bitten vor allem gebildete, literarisch versierte junge Frauen aus dem Bürgertum um Beiträge. Wilhelm Grimm spielt mit dem Material dieser Überlieferungen, macht es durch Verse und direkte Rede lebendig, entwickelt einen naiven Erzählton. Er gilt als der eigentliche Schöpfer der "Märchensprache".

Inhaltlich passt Wilhelm Grimm die Texte dem Kanon bürgerlicher Wertvorstellungen an und macht sie kindertauglich - ohne dabei das Wunderbar-Unheimliche auszublenden. 1812 und 1815 erscheinen die ersten beiden Bände der "Kinder- und Hausmärchen", die sich in das kollektive Gedächtnis ganzer Generationen einbrennen werden. Sieben Ausgaben werden es insgesamt.

Ihre Sammel- und Forschungsarbeit betreiben die Brüder nicht als Selbstzweck, vielmehr suchen sie neue Zugänge zur kulturellen Identität der Deutschen. Wilhelm Grimm schreibt in seiner Autobiografie:

"Das Drückende jener Zeiten zu überwinden half denn auch der Eifer, womit die alten Studien betrieben wurden. Ohne Zweifel hatten die Weltereignisse und das Bedürfnis, sich in den Frieden der Wissenschaft zurückzuziehen, beigetragen, dass jene lange vergessene Literatur wieder erweckt wurde."

Es ist eine Zeit des großen politischen Umbruchs: Die napoleonische Herrschaft über Deutschland geht zu Ende, ganz Europa ordnet sich nach dem Wiener Kongress neu. Die Frage der nationalen Einigung ist für die Brüder Grimm von zentraler Bedeutung: Sie kann nur über das Bewusstsein einer gemeinsamen Sprache und Kultur entstehen. In Göttingen, wo Wilhelm zunächst als Bibliothekar arbeitet und später wie Jacob zum Professor ernannt wird, verleihen sie ihrer Forderung nach Recht und Freiheit des Einzelnen entschieden Ausdruck. Im Bund der "Göttinger Sieben" protestieren sie 1837 gegen die verfassungsrechtlich bedenkliche Aufhebung des Staatsgrundgesetzes und werden entlassen.

1840 erhalten die Brüder den Ruf nach Berlin. Dort widmen sie sich der Herausgabe des Deutschen Wörterbuches, der umfassendsten gemeinsamen Arbeit, die unvollendet bleiben wird. Daneben hält Wilhelm Grimm über zehn Jahre lang Vorlesungen an der Berliner Universität. Dem Märchen bleibt er bis zuletzt treu. Noch auf dem Sterbebett arbeitet er an einer Neuauflage der Kinder- und Hausmärchen.

Einen Tag nach seinem Tod am 16. Dezember 1859 schreibt sein Bruder Jacob in die Familienbibel:

"Gestern ist Wilhelm, die Hälfte von mir, gestorben. Vor dem Wörterbuch stehe ich jetzt allein und meine Schultern sollen die Bürde ohne Hilfe tragen. Am liebsten lese ich jetzt in den Märchen."

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