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StartseiteKultur heuteMixtur aus Welterklärungsmodellen und Trivialität04.10.2011

Mixtur aus Welterklärungsmodellen und Trivialität

Das Staatstheater Karlsruhe zeigt Peter Sloterdijks "Du musst dein Leben ändern"

Eine Studie über den modernen Menschen und über seine Neuorientierung, das ist das 2009 erschienene Buch "Du musst dein Leben ändern" von Peter Sloterdijk. Eine Theaterfassung des Werks mit Trash und Gesang zeigt das Staatstheater Karlsruhe.

Von Christian Gampert

Philosophie auf dem Theater ist so eine Sache. Man kann das Publikum zumüllen mit Text (wie René Pollesch), man kann es an die Wand klatschen und klein machen. Man kann für die Gedankenarbeit aber auch eine Spielsituation erfinden, in der eine Konzentration entsteht und sich etwas entwickeln kann. Der Abend, den der aus der Trash-Szene kommende Patrick Wengenroth in Karlsruhe inszeniert hat, ist durchaus eine Überforderung für den Zuschauer, aber eine produktive - und damit ganz im Sinne von Peter Sloterdijk, der ja "mehr Vertikalspannung" fordert, mehr "Übung" und Askese, mehr Ansprüche des Einzelnen an sich selbst: du musst dein Leben ändern.

Dass Sloterdijk die Verantwortung damit wieder zurückverlegt aus dem Kollektiv ins Individuum, ist die eine Sache. Andererseits holt er seine - von Habermas in die Tonne gestampften - "Züchtungsphantasien" wieder heim ins Soziale - in ein Trainingsfeld, in dem Nietzsches Übermensch als positive Figur verstanden wird: gebt euch nicht zufrieden mit den Flachbildschirmen, sondern schwingt euch empor, macht was aus eurem Dasein.

Wengenroth beginnt mit Becketts "Endspiel"-Situation: das Publikum sitzt, wie bei einem politischen Verhandlungs-Marathon, an langen Konferenztischen, in der Mitte der blinde Hamm im Rollstuhl, sein Diener Clov mit steifen Beinen, zwei philosophierende Dominas ganz in Schwarz, die eine auf einem Feldbett, die andere stets erotisiert wippend auf einem Gymnastikball. Beckett war 50er-Jahre, heute ist alles noch viel schlimmer: Unsere Krise heißt Globalisierung. Wengenroth legt den ganzen ersten Teil allen Ernstes als Vorlesung an - und bricht das dann durch scheinbar triviale Pop-Songs und Schlager, die die Philosophie wieder auf den Boden holen.

"Wenn du ein Leben willst, das sich zu leben lohnt, musst du dem Glück imponier'n." (Aus: Udo Jürgens "Nur die Sieger steh'n im Licht")

Von Beckett zu Udo Jürgens, von Nietzsche zu Yvonne Catterfield und von Rilke zu den "Toten Hosen": Das ist das schräge Crossover dieses Abends. Es stellt sich aber schnell heraus, dass die scheinbar trivialen Songs einen ernsten Kern haben, so wie Sloterdijks Texte ja, neben Sarkasmus und treffender Analytik, auch einen Hang ins Schwadronieren aufweisen. Wengenroth hat das durchaus gesehen: Der "Archaische Torso Apollos" ist in Karlsruhe der Torso einer Schaufensterpuppe und besteht aus Styropor. Und einmal tritt eine Sloterdijk-Puppe auf wie in der Muppet-Show - der Schauspieler Klaus Cofalka-Adami imitiert die Sprechweise des Philosophen dabei bis in dieses ständige, unvermeidliche Räuspern hinein.

Vielleicht ist das ja die Lage der Philosophie heute: dass man sich ständig räuspert, aber ansonsten wenig zu melden hat. Dass man die Situation ganz gut analysiert, die "Axiome des übenden Lebens" aber in der politischen Sphäre nicht wirklich ankommen. Auf dem Theater entfaltet Wengenroths subtile Mixtur aus Welterklärungsmodellen und Trivialität einen schönen Sog; wobei es durchaus apart aussieht, wenn der blinde Hamm sich einen Nietzsche-Schnauzer anklebt und sich aus dem Rollstuhl erhebt.

Stefan Viering, der diesen gebrochenen Menschen spielt, singt dann den Grönemeyer-Song von der Angst so herzbewegend lakonisch, dass man fast wieder an die Popmusik glauben könnte. Lisa Schlegel gibt die laszive Lederlady, die einen Schlager von Yvonne Catterfield wie einen Verkündigungs-Text aufsagen kann ("Die Zeit ist reif"), und Antonia Mohr bringt sich selber (und den Saal) fast zum Heulen, wenn sie (von "Wir sind Helden") "Bist du nicht müde" singt.

Ja, wir alle sind sehr müde, von der Bundesregierung bis zum Hartz-IV-Empfänger. Auch Sloterdijks Übungskultur der Askese bringt da zunächst wenig Tröstung. Zum Beginn von Peter Spuhlers Karlsruher Intendanz aber (das Eröffnungswochenende machte so nebenbei die Bühne frei für 20 Jungdramatiker) ist wenigstens das Theater auf einem guten Weg: Dieser relativ stille, unaufwendige Abend stößt uns mehr auf uns selber als viele Großproduktionen.

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