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Startseite@mediasresDas Ende der Wohlfühloase13.11.2018

Mobbing auf InstagramDas Ende der Wohlfühloase

Das Cybermobbing auf Instagram nimmt zu, weshalb der Mutterkonzern Facebook öffentlichkeitswirksam verkündet hat, entsprechende Kommentare auf der Plattform jetzt noch besser zu filtern. Kritiker sehen diesen Ansatz allerdings skeptisch. Und für betroffene Jugendliche bleibt oft nur eine Lösung.

Von Annika Schneider

Das Instagram-Logo ist auf einem gesprungenen Display eines iPhones zu sehen (imago / Eigner)
Die Zahl der Cybermobbing-Fälle auf Instagram ist stark gestiegen (imago / Eigner)
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Alltag einer 17-Jährigen. Die Schülerin, die nicht namentlich genannt werden will, stellt nicht nur selbst Fotos auf Instagram online. Sie checkt auch regelmäßig, was ihre Freundinnen posten, hat Kochrezepte und Modeblogs abonniert. Wenn sie keinen Unterricht hat, ist sie fast ununterbrochen im Netz.

"Den ganzen Tag. Es ist einfach… Instagram ist mein Leben. Ich kann wirklich nicht aufhören. Ich krieg das halt alles einfach mit und das ist halt das Schöne daran. Wenn ich mein Handy in der Hand hab, dann geh ich kurz rein, nur kurz, und guck, wer was gepostet hat. Und dann geh ich wieder raus. Und dann nach zwei, drei Minuten wieder rein."

"Zwischen den vielen bunten Bildchen fällt ein Foto aus dem Rahmen, gepostet von einer Nutzerin: Es zeigt einen Unterarm, übersät mit blutigen Schnitten.

Instagram keine "Wohlfühloase" mehr

"Es gibt auch Menschen, wenn die gemobbt werden auf Insta, die ritzen sich und die posten das dann halt auch, dass man sich geritzt hat und so was."

Cybermobbing, so berichtet die Schülerin, begegnet ihr auf Instagram jede Woche. Nutzer verschicken Nacktbilder und peinliche Videos von anderen oder kommentieren Bilder mit Sprüchen wie: "hässlich" oder "geh mal abnehmen!" - und das sind noch die harmlosen Varianten.

"Instagram hat sich immer so als Wohlfühloase innerhalb des Internets oder innerhalb der Social-Media-Apps positioniert. Das mag auch lange Zeit vordergründig so gestimmt haben, aber jetzt wo Instagram sehr viel mehr Aufmerksamkeit bekommt, sehr viel stärker im Fokus steht, sieht man auch immer wieder Berichte, die darauf hinweisen, wie stark auch auf Instagram gemobbt wird und Leute mit Hasskommentaren übersät werden", sagt Martin Fehrensen, der den Social-Media-Watchblog betreibt.

Wie viele Nutzer von Cybermobbing betroffen sind, ist unklar: Studien zufolge könnte es jeder fünfte bis achte Jugendliche sein. Die Online-Attacken finden oft in Kombination mit herkömmlichem Mobbing statt, sind für die Opfer aber besonders belastend, wie Medienpädagoge Matthias Felling von der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz NRW erklärt:

Mobbing auf Instagram drastischer als auf dem Schulhof

"Wo ich früher als Betroffener von Mobbing eine Pause hatte, weil die Schule vorbei war, bin ich heute 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche erreichbar. Ich habe ein viel stärkeres Phänomen von Öffentlichkeit. Das heißt, es gibt einen, der aktiv was macht, und es gibt Hunderte, 200, 500 Leute, an einer Schule oder in einer Stadt, die diese Sache dann wieder weiterverbreiten. Dann haben wir einen starken Unterschied: Das Leid des Betroffenen ist nicht direkt sichtbar. Das kann mitunter dazu führen, dass Sachen drastischer werden, härter werden, weil ich halt nicht die direkte Reaktion des Gegenübers mitbekomme."

Für den Mutterkonzern Facebook ist das Mobbing auf Instagram ein großes Problem. Die App ist wichtig, um vor allem jüngere Zielgruppen zu erreichen, die kaum noch auf Facebook unterwegs sind. Instagram setzt deswegen auf Machine Learning: Ein Tool soll Mobbing-Botschaften herausfiltern und dabei konstant dazulernen. Seit kurzem kann es nicht nur Kommentare, sondern angeblich auch beleidigende Bilder erkennen. Das vermeldete Instagram im Oktober. Fraglich ist, wie gut das funktioniert

"Dann spricht man sehr schnell von künstlicher Intelligenz, aber Kritiker oder Beobachter der Branche sind dann doch etwas skeptisch, ob man das schon 'künstliche Intelligenz' nennen darf, oder ob das nicht einfach automatisierte Prozesse sind, die bestimmte Schlagworte versuchen herauszufiltern und dann entsprechende Beiträge blockieren", so der Social-Media-Journalist Martin Fehrensen.

Noch entscheiden Moderatorenteams über Mobbing-Posts

Noch landen die gefilterten Posts größtenteils bei Moderatorenteams, die über jeden Einzelfall entscheiden. Dass eine künstliche Intelligenz Beleidigungen ohne menschliche Hilfe eliminiert, ist also noch Zukunftsmusik. Medienpädagoge Matthias Felling setzt derweil lieber auf die Einsicht der Jugendlichen. Mit seinen Kollegen schult er Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter, damit sie Cybermobbing in den Schulklassen thematisieren. Die technischen Bemühungen von Facebook sieht er eher skeptisch.

"Ich glaube, es ist schwer, da wirklich über Plattformen zu gehen. Wenn man mit Schülern arbeitet zu dem Thema, dann ist es immer gut, Schülern deutlich zu machen: Du kannst Sachen blocken, du kannst Sachen melden, auch Nutzer melden. Was aber wirklich den Betroffenen hilft, ist, wenn sie eine klar benannte Ansprechperson in ihrer Nähe haben - einen Erwachsenen, der sagt, falls es da Probleme gibt, bin ich ansprechbar und ich versuche, dir zu helfen, dass das aufhört."

Hier sieht Matthias Felling vor allem die Schulen in der Pflicht. Unsere 17-jährige Instagram-Nutzerin ist das Thema derweil in Eigenregie angegangen. Sie hat inzwischen ihren alten Account mit hunderten Followern gelöscht. Jetzt hat sie nur noch 43 Freunde auf Instagram - und blockiert konsequent alle, die ihr blöde Kommentare schicken.

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