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StartseiteCampus & KarriereZwischen Ausbeutung und neuer Freiheit10.05.2016

Mobile ArbeiterZwischen Ausbeutung und neuer Freiheit

Mobile Arbeiter haben keine Stechuhr und keinen festen Büroplatz. Das ortsunabhängige Arbeiten ermöglicht ihnen flexibler zu sein. Doch auf der anderen Seite laufen sie Gefahr, sich selbst auszubeuten, sagt Jochen Prümper, Organisationspsychologe an der Hochschule für Technik und Wissenschaft in Berlin. Prümper hat sich mit dem Thema in der Studie "Mobile Workers" beschäftigt.

Zwei Laptops stehen sich gegenüber. Hände tippen darauf. (picture alliance / dpa - Aliisa Piirla)
Mobile Arbeiter neigen dazu, Privates und Berufliches zu vermischen (picture alliance / dpa - Aliisa Piirla)

Manfred Götzke: Eigenes Büro mit Gummibaum, Foto von der Family und Gesundheitssitzball. So sah der Standardarbeitsplatz aus, und zwar nine to five. Aber mit Vernetzung, Industrie 4.0, Digitalisierung verändert sich auch der Arbeitsplatz beziehungsweise er verschwindet. Immer mehr Leute arbeiten mobil. Jochen Prümper ist Organisationspsychologe an der Hochschule für Technik und Wissenschaft in Berlin, und er hat sich in einer neuen Studie mit diesen Mobile Workern, wie sie heißen, beschäftigt. Ich habe ihn vor der Sendung gefragt, ob das eigene Büro längst schon Vergangenheit ist.

Jochen Prümper: Ja, nach unserer Befragung sind es lediglich noch 46 Prozent, die stationär arbeiten. Der größte Teil arbeitet irgendwie mobil, sei es innerhalb des Unternehmens mobil – zum Beispiel mit dem Patientenwagen im Krankenhaus –, sei es außerhalb des Unternehmens – denken Sie an den elektronischen Pilotenkoffer, oder innerhalb und außerhalb des Unternehmens gemischt. Das ist der größte Teil.

Es gibt nicht den typischen mobilen Arbeiter

Götzke: Wie muss ich mir den typischen mobilen Arbeiter vorstellen? Ist das jetzt der Unternehmensberater, der irgendwo einen Klappschreibtisch neben der Teeküche beim Auftraggeber bekommt? Oder was ist so der typische mobile Arbeiter?

Prümper: Von dem typischen mobilen Arbeiter zu sprechen, ist ganz schwierig. Wir haben in unseren Studien eine Kategorisierung vorgenommen von vier verschiedenen Arten von Beschäftigten. Das ist zunächst mal ganz konservativ die klassische Gruppe, wir haben sie als Stationary worker bezeichnet, die eben nach wie vor einen festen Arbeitsplatz haben – klassischer Büroarbeitsplatz, Rechenzentrum, Flugüberwachung, Leitstand. Aber dann haben wir eben auch die Internal mobile worker, das ist die Besprechung der Röntgenaufnahme am Patientenbett, das ist die Maschinensteuerung mit dem iPad, das ist die elektronische Bestellaufnahme im Restaurant, oder auch nur, wenn Sie mit dem Laptop zum nächsten Konferenzraum gehen.

Götzke: Das sind ja zum Teil Dinge, die es ja schon immer gab, also Pilot, Außendienstmitarbeiter. Aber gibt es Branchen, in denen das mobile Arbeiten zugenommen hat, in denen es sozusagen neu ist?

Prümper: Es gibt eine ganze Reihe von Beschäftigten, die innerhalb des Unternehmens mobil tätig sind, was sie vorher nicht waren, in diesem Umfang zumindest nicht. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass es keine Berufe gibt, in denen die Mobilität nicht Einzug hält. Es gibt immer mehr Berufe, die grundsätzlich auch digital arbeiten, die vernetzt werden und dementsprechend auch immer mehr Berufe, die mobil arbeiten.

Eigene Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit erkennen

Götzke: Wie kommen die mobilen Arbeiter damit klar, dass sie eben kein Büro, keinen festen Arbeitsplatz mehr haben?

Prümper: Eine große Herausforderung, die für die Beschäftigten besteht, ist wirklich, vor der Herausforderung zu stehen, diese Entgrenzung zwischen Arbeit auf der einen Seite und privat auf der anderen Seite, diese verantwortungsbewusst selbst zu managen, mit dieser neugewonnenen Selbstständigkeit verantwortungsvoll umzugehen. Sich eigene Grenzen zu setzen im Sinne von: Sonntag ist Sonntag, und wenn ich privat kommuniziere am Rechner, kommuniziere ich privat und nicht auch noch beruflich. Das ist die größte Herausforderung.

Götzke: Da weiß man ja auch von anderen Studien, dass es viele Mitarbeiter, Arbeitnehmer nicht so gut hinbekommen, dass diese Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit durch die mobilen Technologien immer weiter verfließen.

Prümper: Ja. Das ist in der Tat so. Das ist etwas, was auch in der Wissenschaft als Entgrenzung bezeichnet wird. Es läuft Gefahr, dass auch eine Selbstausbeutung damit Hand in Hand geht. Und wir wissen aus anderen Studien, dass diejenigen, die mit dieser in Anführungsstrichen neugewonnenen Freiheit mehr Arbeitszeit verbringen als vorher.

Götzke: Was müssen die Arbeitgeber vielleicht noch verbessern?

Prümper: Es muss eine neue Führungskultur entstehen, die auf Vertrauen aufbaut und die eben nicht über Anwesenheit kontrolliert, sondern über Zielerreichung. Das bedeutet natürlich auch für viele Führungskräfte, dass auch an selbigen höhere Anforderung gestellt wird. Gemeinsam Ziele zu vereinbaren und auch nachzuverfolgen, ob diese Ziele erreicht wurden, und dann weniger als Controller, vielmehr als Coach zur Verfügung zu stehen, bei der Zielerreichung dann unterstützend und korrigierend einzugreifen.

Götzke: Das ist das Ideal. Wie weit sind die Unternehmen da?

Prümper: Ich sehe hier auf jeden Fall noch viel Nachholbedarf. Eine große Unsicherheit, was mir zumindest in Gesprächen mit Führungskräften zurückgemeldet wird und reflektiert wird, wir haben es noch nicht empirisch repräsentativ erfasst, aber einfach aus persönlichen Gesprächen, dass dadurch Unsicherheiten entstehen, wie mit diesem neuen Führungsverhalten umgegangen werden soll.

Götzke: Mobile Arbeiter sind in der Mehrheit, und sie sind in der Regel auch zufrieden damit, mit ihrer Art zu arbeiten, hat der Organisationspsychologe Jochen Prümper herausgefunden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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