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StartseiteComputer und KommunikationDie Verlockungen des Internet der Dinge07.03.2015

Mobile World CongressDie Verlockungen des Internet der Dinge

Im Mittelpunkt des Mobile World Congress in Barcelona stand das Internet der Dinge - also intelligente Geräte, die sich mit mobilen Geräten verknüpfen und damit steuern lassen. Die Technologie verspricht ihren Nutzern Annehmlichkeiten, doch geht es dabei auch um Daten und wie man aus ihnen Profit schlagen kann.

Von Manfred Kloiber

Eine Frau liegt in einem Bett und verändert mit einer Handbewegung das Licht. Die Technik wird in dem Prototyp eines Smart Home in Fuenterrabia in Spanien.  (AFP PHOTO/ Ho/ Think Big Factory)
Vision Smart Home: Mit nur einem Handgriff alle Hausgeräte steuern. (AFP PHOTO/ Ho/ Think Big Factory)
Weiterführende Information

Internet der Dinge - Spam aus dem Kühlschrank
(Deutschlandfunk, Computer und Kommunikation, 25.01.2014)

Mobile World Congress - Handy-Sicherheit durch Krypto-Apps
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 05.03.2015)

Regeln gesucht
(Deutschlandfunk, Computer und Kommunikation, 11.05.2013)

Das ist die erste Frage, die ich mir dieses Jahr auf dem Mobile World Congress in Barcelona stelle: Bin ich hier überhaupt richtig? Denn das, was mir Thomas Holmsberg vom norwegischen Halbleiterhersteller Nordic Semiconductors zeigt, das verwirrt mich dann doch erst einmal:

"Das ist ein Dildo. Er ist natürlich über das Internet mit der Cloud verbunden. Der sendet über Bluetooth Smart. Und das Ding daran ist, dass ein Benutzer sich mit seinem Handy mit dem Dildo verbinden kann. So kann sich zum Beispiel der Freund am anderen Ende der Welt mit dem selben Dildo verbinden."

OK, das ist also die Erklärung für das Internet der Dinge, dem aktuellen Überthema der Mobilfunkmesse schlechthin. Klar - Holmsberg ist natürlich nicht im Erotik-Business unterwegs, er benutzt den Vibrator nur als Marketing-Vehikel. Dann zeigt er mir seinen neuen Bluetooth-Smart-Funkchip, mit sogenannten Ipv6-Stack. Der IPv6-Stack, das ist eine Art Software-Ausstattung, die nach dem neuen Internet-Protokoll mit rund 340 Sextillionen Adressen funktioniert. Damit kann dann wirklich jedes Ding im Internet der Dinge eine eigene Internet-Adresse bekommen. Für rund einen Euro mehr - soviel kostet solch ein simpler Funkchip für Bluetooth-Smart in großen Stückzahlen - wird die weite Welt des Internets erschlossen.

Das Internet der Dinge hat den Mobile World Congress total verändert. Noch vor zwei drei Jahren ging es um neue Funknetze, um energiesparende Basisstationen und um Geschwindigkeitsrekorde im mobilen Internet. Und heute entdecke ich in der Innovation City, einer Sonderausstellung auf der Messe, neben einem total vernetzten Sportwagen Marke Maserati auch noch eine elektrische Zahnbürste.

"Ja, diese Zahnbürste hier, die haben wir mit einer Bluetooth-Schnittstelle ausgerüstet," erklärt Frank Kressmann von Oral-B geduldig den Besuchern. Zuerst will er mich überreden, dass ich mir selbst die Zähne mit der neuen Bürste putze. Das spare ich mir und lass mir von ihm erzählen, welchen Sinn es hat, wenn die Zahnbürste mit dem Handy kommunizieren kann:

"Wenn man die App mit der Zahnbürste dann benutzt, wird man feststellen, dass die App einem eine Führung gibt über die vier oder sechs Bereich des Mundes. Wenn ich zu fest andrücke, dann krieg ich eine Rückmeldung, dass ich den Andruck reduzieren soll. Und wir haben festgestellt, dass die durchschnittliche Putzzeit, wenn die Leute mit der App putzen, auf zwei Minuten vierundzwanzig hochgegangen ist."

Gesichtserkennungskamera für die Haustür

Ähnlich argumentiert auch Jörn Watzke von Garmin, einer Firma, die bislang eher für Navigationsgeräte bekannt war. Sein Unternehmen produziert jetzt auch Wearables, also Uhren, die mit dem Handy kommunizieren. Die Modelle, die mir Watzke zeigt, liefern allesamt Bewegungs- und Körperdaten an das Handy. Und das wiederum liefert diese Daten an einen Cloudservice, der sie aufbereitet:

"Wir wollen die Leute motivieren, im Prinzip sich mehr zu Bewegen und bei ihrem Sport, den sie haben, im Prinzip auch wirklich mehr Information zu kriegen und mehr Spaß davon zu haben. Wenn die Leute diese Uhr tragen, dann bewegen sie sich dreißig Prozent mehr am Tag als ohne. Und das senkt das Krebs- und auch das Herzinfarktrisiko dramatisch."

Hört sich irgendwie - genauso wie die Geschichte mit der Putzzeit - einleuchtend an. Überprüfen kann ich die Fakten aber nicht - aber darum geht es mir auch nicht. Ich frage mich eher, was wohl passiert, wenn jemand meine Zahnbürste hackt...

Ein ganz anderes Ding im Internet der Dinge, diesem großen Sammelbegriff für alles, was irgendwie mit dem Handy Kontakt aufnehmen kann, das zeigt mir Janina Mattausch vom französischen Unternehmen netatmo. Eine Kamera, versteckt in einem stylishen, circa 20 Zentimeter hohen Alu-Rohr, sie könnte bei mir zuhause den elektronischen Pförtner geben.

"Welcome ist die erste Heimkamera, die Gesichter erkennt. Das heißt, jedes Mal, wenn an der Kamera Gesichter oder Menschen vorbeigehen, kann die Kamera feststellen, ob sie diese Person erkennt oder ob es ein unbekanntes Gesicht ist. Wenn die Kamera zum Beispiel ihre Tochter erkennt, wird sie ihnen eine Nachricht schicken, zum Beispiel Anna wurde gesehen, direkt auf ihr Smartphone. Das heißt, sie werden direkt informiert, wer von der Kamera gesehen wurde."

Gesichtserkennung in einer Alarm-Kamera für den Hausgebrauch - das habe ich bislang noch nicht gesehen, obwohl es von solchen Gadgets auf dem Mobile World Congress ja nur so wimmelt. Und Janina Mattausch versichert mir - allerdings erst auf Nachfrage - dass man bei bekannten Personen die Kamera selbstverständlich auch so konfigurieren kann, dass sie keine Meldung ausgibt. Die Konzepte für die verschiedenen Kameras, sie unterscheiden sich alle kaum voneinander. Meist haben sie auch einen Bewegungsmelder, der dafür sorgt, dass bei Personen im Raum eine Videoaufzeichnung beginnt. Und selbstverständlich kann ich mir bei allen Modellen auch das Videobild auf dem Handy anzeigen lassen. Man kann in den überwachten Raum hineinhorchen und auch hineinrufen. Und außerdem wird alles in die Cloud gebeamt, damit die Videos von einem Einbruch sicher aufbewahrt werden.

Vier plakative Beispiele aus dem Internet der Dinge. Doch, wer glaubt, es ginge allein darum, nützliche oder trendige Elektronikgeräte zu verkaufen, der irrt natürlich. Es geht um Daten und wie man aus ihnen Profit schlagen kann. In Halle acht, dort wo sich die ganze Start-up-Firmen versammeln, treffe ich Jörg Bienert. Bienert ist Chef des Kölner Datenbankspezialisten Parstream, der Analysetools und Hardware für die Datenströme aus dem Internet der Dinge produziert.

"Wir glauben, dass das Internet of Things eine Revolution auslösen wird, die wir im Internet auch gesehen haben. Wir werden Anwendungsgebiete sehen, die wir uns heute noch nicht einmal erträumen können, wenn gewisse kritische Massen an Vernetzung, an Usern und an Devices erreicht sind. Datenmengen, die wir uns heute auch noch nicht vorstellen können. Und in diesen Datenmengen liegt sehr viel Information, sehr viel wertvolle Information, die analysiert werden muss und die sehr schnell analysiert werden muss, damit man direkt auf diese Information reagieren kann. Und deswegen bieten wir eine eigene IoT-Analytics-Plattform an, die in der Lage ist, Milliarden von Datensätzen in Antwortzeiten von weniger einer Sekunde zu analysieren, gleichzeitig die Daten zu berücksichtigen, die gerade im System angefallen sind."

Millionen von Daten sammeln und auswerten

Auch wenn sich Bienerts Firma eher mit der Datenflut von Sensoren in Wind- oder Maschinen-Parks beschäftigt, um deren Betrieb zu optimieren: Ihn Frage ich, warum sich zum Beispiel auch eine Krankenversicherung mit dem Internet of Things beschäftigen sollte:

"Ich würde generell empfehlen, in dieses Thema sehr detailliert rein zu gucken, welche Daten man zum Beispiel mit Zahnbürsten oder mit den ganzen Fitnesstrackern, welche Daten man dort erfassen kann, analysieren kann. Und wie man - natürlich mit dem Einverständnis und im Einvernehmen mit den Kunden und den Nutzern, dort Modelle entwickeln kann, die für beide Seiten sehr gewinnbringend sind. Nämlich, am Ende des Tages die Gesundheit der Versicherten zu erhöhen und gleichzeitig auch die Kosten der Krankversicherung und damit wieder die Kosten, die auf die Versicherten umgelegt werden, zu senken."

Von Messestand zu Messestand wird mir klarer: Das ist der nächste Schritt, die Daten von Millionen von Usern mit Wearables, mit Zahnbürsten oder von Autos einzusammeln und auf alles mögliche zu untersuchen. Je nach dem, was der Kunde wissen will, mit solchen Analysen macht man Geld. Oder besser gesagt, will die IT-Industrie demnächst Geld machen. Und so ähnlich stellt sich auch das französische Start-up-Unternehmen Wezr seine Zukunft vor. Es geht - der Name legt es ja wirklich nahe, um Wetterdaten. Ein kleiner runder Sensor im schicken Alu-Gehäuse, kaum größer als ein Zwei-Euro-Stück, sammelt Umweltdaten ein, erklärt Vincent Crosnier.

"Der Sensor misst Luftdruck, Temperatur, Druck und Feuchtigkeit und die Ergebnisse der Messungen werden in die Cloud gesendet. Diese Daten werden dann abgeglichen mit klassischen Wetterdaten und wir errechnen daraus alle fünf Minuten einen lokalisierten Wetterbericht mit einem Radius von einer Meile genau für den Ort, an dem Sie sich aufhalten."

Das Geschäftsmodell von WEZR beruht auf einem Datendeal, in der Szene wird das gerne Crowdsourcing genannt: Dafür, dass ganze viele Wanderer, Radfahrer, Fußgänger oder wer auch immer sich den Sensor für circa 60 Euro kaufen und dann überall hin mitnehmen, bekommen sie hoch spezialisierte Wettervorhersagen für ihren Segeltörn oder ihre Gipfeltour kostenlos auf das Handy. Das ist der erste Teil des Handels. Die gleichen Daten aber will das Unternehmen aber auch für Behörden, Flughäfen oder Versicherungen auswerten, gegen Extra-Kasse natürlich. Das ist der zweite Deal. Auch ein interessanter Ansatz – ob er funktionieren wird, das muss die Zukunft zeigen.

Ein Model führt am 03.08.2004 die "Wearable Electronic"-Jacke "mp3blue" des Bekleidungsherstellers Rosner vor. In die Jacke sind die Funktionen MP3-Player und mobil Telefonieren per Bluetooth integriert. Mit Tasten am Ärmel kann man diese Funktionen bedienen. (dpa / picture alliance / Federico Gambarini)"Wearable Electronic"-Jacke "mp3blue" des Bekleidungsherstellers Rosner. Mit ihr kann man mp3s hören und mobil per Bluetooth telefonieren. (dpa / picture alliance / Federico Gambarini)

Da haben es die Anbieter, die sich nicht auf die Konsumenten, auf die Crowd konzentrieren, sondern im sogenannten B2B, im Business To Business-Markt unterwegs sind, einfacher. Am Stand von Panasonic bin ich mit Thomas Wiebke verabredet, der mir vernetzte Klimaanlagen demonstrieren will. Der japanische Elektronikkonzern rüstet jetzt seine großen Aircondition-Anlagen mit Mobilfunkeinheiten aus. Im professionellen Bereich wird übrigens nur mit Mobilfunk-Kommunikation gearbeitet, weil andere Funktechniken wie WLAN oder Bluetooth einfach zu kompliziert zu handeln sind. Doch von den Kühlgeräten mit eingebauten Datentelefon - keine Spur am Stand. Statt dessen bekomme ich einen Laptopbildschirm zu sehen, auf dem jede Menge Wartungsmeldungen, Diagramme und Statusberichte anzeigt werden. Simuliert wird eine Armada von Klimaanlagen, die alle einer europaweit aktiven Handelskette gehören und deren Ladenlokale kühlen.

"Wir haben heute die sehr aufwendige Lösung, dass man keine Information zentral verwalten kann, dass sehr viel Aufwand betrieben werden muss, lokal immer vor Ort zu gucken, ist der Betrieb in Ordnung, gibt es Probleme. Und mit der neuen vernetzten Lösung sind wir in der Lage, unseren Kunden eine zentrale Kontrolle anzubieten, um dann auch eine Optimierung für den gesamten Geschäftsprozess für unsere Endkunden darzustellen."

Innovationsschub bei den Herstellern

Auf einer einzigen Webplattform wird der Betrieb aller Klimageräte optimiert, in Rom, in Madrid, in Paris und in Berlin. Und Probleme, zum Beispiel mit verstopften Filtern oder störrischen Ventilatoren, die werden frühzeitig von den Sensoren erkannt, erzählt mir Wiebke. Ich bin beeindruckt – aber: Das alles kostet Geld. Und wenn schon ein Unternehmen in solch aufwendige Technik investiert, dann muss sie sich auch schnell bezahlt machen. Wie denn?

"In dem ich Sachen als Information bereits sehr früh zur Verfügung stelle, kann ich einfach unheimlich viel auch Wartungsaufwand einsparen. Ich habe Einsparungsmöglichkeiten direkt im Betrieb der Anlagen, ich kann also Energieverbrauch-Einsparung machen. Wenn ich dort auch nur zehn Prozent einsparen kann, dann ist das ein enormes Potenzial für unsere Geschäftskunden."

Mit ähnlichen Argumenten hat mir Macario Namie schon vor fünf Jahren erklärt, womit seine Firma Geld verdient. Das amerikanische Unternehmen Jasper bietet die Plattform an, mit der dann solche neuen Service-Konzepte wie die von Panasonic auch praktisch umgesetzt werden können - Mobilfunkeinheiten, SIM-Karten, Server und entsprechende Software. Damals habe ich mit Namie noch über M2M gesprochen, über Machine to Machine-Kommunikation. Was ist in der Zwischenzeit passiert, frage ich ihn heute. Warum heißt das ganze jetzt Internet of Things, im Branchenslang kurz IoT. Und warum ist es zu solch einem Boom-Thema geworden?

"Also, das Internet of Things hat wirklich für einen Innovationsschub bei den Herstellern gesorgt. Und im Prinzip ist das Internet of Things eine viel umfassendere Sichtweise als die Maschine zu Maschine Kommunikation. Und da sehen wir, was IoT macht: Es unterstützt die Firmen dabei, aus dem angestammten Geschäft mit Geräten ein Geschäft mit Dienstleistungen zu machen. Das Gleiche haben wir schon im Software-Geschäft gesehen. Da hat die Software-As-A-Service das klassische Programm abgelöst. Und das Gleiche passiert jetzt mit physischen Gütern. Aber das ist eine ganz andere Sache. Sie müssen viel mehr auf den Kunden und auf Geschäftsmodelle achten. Da liegt unser Wachstum, weil mehr und mehr Firmen diesen Wandel vollziehen."

Und Macario Namie gibt mir gleich auch ein Beispiel dafür, wie aus einem ehemals physischen Gerät eine Dienstleistung wird. Jetzt geht es um Kopierer. Wobei: Ein Kopierer bleibt ein Kopierer.

"Und stellen sie sich vor, dass die Firma, die diesen Kopierer benutzt, die zahlen jetzt für das, was rauskommt. Sie zahlen für die Kopien, die sie machen. Und der Hersteller kümmert sich um alles, um die Reparaturen, wenn mal was schief läuft, er wechselt auch den Toner vor Ort. Also ein Rund-Um-Service. Das ist doch mit den meisten Kunden so, sie wollen eigentlich nur für das Ergebnis zahlen und nicht für ein Gerät, das mir vielleicht auch Kopien anfertigt. Das ist ein außergewöhnlicher Wandel in der Art und Weise, wie Unternehmen einkaufen."

Alle Anwendungen in einer App

Das Zählen habe ich längst schon aufgehört. All die Internet-Of-Things-Lösungen für den Privatbereich, für die Beleuchtung, für die Alarmanlage, für die Kaffeemaschine, für den Heizungsthermostaten, für die Rollladen, für den Fitnesstracker und nicht zu vergessen - für die Zahnbürste - nur für diese kleine Auswahl müsste ich auf meinem Smartphone sieben verschiedene Apps laden. Und jede von ihnen würde irgendwie anders funktionieren. Also: Es herrscht ein gepflegtes Durcheinander, nicht nur im vernetzten Heim, sondern genauso im vernetzten Auto, in der Gebäudeautomation, im Energiemanagement oder sonst wo. Eine ganze Handvoll von verschiedenen Funksystemen zersplittern den Markt genauso wie fehlende Standards für Kommunikationsprotokolle. Also: Vereinbarungen darüber, mit welchen Kommandos eine Stehlampe, eine Klimaanlage oder ein Verkaufsautomat kommuniziert und in welcher Form er seine Daten abliefert.

Diese Kakofonie ist nicht gut fürs Geschäft, das wissen die Hersteller. Und bislang gibt es auch kein Unternehmen, das es geschafft hätte, mit seinen Produkten einen Defakto-Standard durchzusetzen. Deshalb bilden sich Allianzen – Hersteller aus unterschiedlichen Segmenten, die sich zusammentun, um gemeinsame Standards durchzusetzen. Darüber will ich mit Guy Martin sprechen. Sein Job bei Samsung nennt sich Senior Strategist und er soll das Open Interconnect Consortium promoten.

"Die Aufgabe des Open Interconnect Consortiums ist es, die verschiedenen Teile des Internets der Dinge vertikal zu vernetzen. Wir wollen also so etwas wie die Autobahn zwischen den verschiedenen Anwendungsgebieten bauen. Also smartes Heim, Industrie-Anwendungen, Gesundheitsbereich, all diese Sachen."

Hinter dem Open Interconnect Consortium, hinter dem OIC stecken vor allem der koreanische Elektronikriese und der amerikanische Chiphersteller Intel. Im Gespräch schwärt Martin von Offenen Standards, auf das OIC schwört. Offen - das muss man wissen - dieses Wort ist in der Branche eine Art Zauberwort geworden. Es soll suggerieren: Jeder kann mitmachen, sich einbringen und auch davon profitieren. Wir sitzen auf einem Sofa vor einem niedrigen Tischen, fast wie im Wohnzimmer, wenn auch ein bisschen laut. Aber vielleicht inspiriert grade die Umgebung Martin zum Vergleich mit der Fernbedienung:

"Es ist doch ein bisschen so wie in den 80er-Jahren, als sie im Wohnzimmer sechs verschiedene Fernbedienungen hatten für Ihre ganzen Audio- und Videogeräte. Im smarten Heim geht das gar nicht. Da müssen Sie das in ein oder zwei Apps bekommen, die einfach zu handeln sind. Und was wir mit unserem Software-Rahmen versuchen, ist den App-Entwicklern die Chance zu bieten, genau diese Universal App zu entwickeln. Und den Geräteherstellern bieten wir die Chance, dass diese Apps auch mit Ihren Dingen funktionieren. Damit schaffen wir zusätzliche Reichweite."

Doch wie solche eine Killer-App aussehen könnte, die alles und jenes was so im Internet der Dinge herumschwirrt, unter einen Hut, oder besser gesagt in eine App bringen kann, das verrät mir auch Guy Martin nicht. Auch als Strategist ist er wahrscheinlich zu sehr mit den praktischen Dingen des Tagesgeschäftes befasst. Denn die Allianz muss vor allem eines: Wachsen, damit sie in der Branche Relevanz und Durchsetzungsmacht bekommt. Knapp sechzig Firmen machen bislang mit.

Chatten mit virtuellen Dienstleistern

Mit solchen Sachzwängen muss sich Markus Hofmann von den Bell Labs in Holmdel, New Jersey nicht herumschlagen. Auf seiner Visitenkarte steht "Executive Vice President IP Plattforms Research", und ich habe vergessen, ihn zu fragen ob IP nun für Intellectual Property, also geistiges Eigentum oder Internet Protocol steht. Beides würde passen. Im Vorgespräch erzählt mir der Exil-Schwabe Hofmann, dass zwar auch in den alt-ehrwürdigen Bell-Labs in letzter Zeit ein bisschen mehr auf die Verwertbarkeit der Forschungsergebnisse geachtet würde. Aber - alles in allem - habe er als Mitarbeiter in einem renommierten Industrie-Labor für Telekommunikations-Forschung immer noch genügend Spielraum, jenseits des Tagesgeschäftes zu denken. Er denkt über das Chatten nach, und über neue Modell für diese Art der Kommunikation:

"Wir werden deutliche Änderungen sehen in diesem Chatmodell. Heutzutage ist der Chat zum Beispiel beschränkt auf statische Textnachrichten, Fotos und Videos. Und was wir glauben ist, dass die Chatmessages in Zukunft praktisch lebendig werden. They come to live. Also, das heißt, dass man nicht nur dieses statische Material austauschen kann, sondern dass man auch wirklich interaktiv sein kann, dass ganze Applikationen, Anwendungen innerhalb von Chat-Messages ausgetauscht werden können, grafische User-Interfaces. Dass wir praktisch so was wie das World Wide Web in Zukunft sehen, aber innerhalb von einem Chat-System."

Noch klingt das ein wenig kryptisch für mich. Irgendwie klebe ich an dem Gedanken, dass Chatten eine Kommunikationsform nur für Menschen ist, was natürlich viel zu kurz gedacht ist. Hofmann möchte auch mit Buddies chatten, mit virtuellen Freunden oder Agenten, die einem in allen möglichen Lebenslagen auf dem Handy begegnen und als Ansprechpartner stets zu Diensten sind:

"Wenn ich verreisen möchte - heutzutage gehe ich dann zu einer Webseite, mache meine Hotelreservierung. Wenn ich dann ins Hotel komme, dann bekomme ich meinen Schlüssel. Dann muss ich meine TV-Remote-Control finden, dann das Thermostat im Zimmer finden. Und wir stellen uns vor, dass das in Zukunft alles zum Beispiel über ein Chatsystem ablaufen könnte. Das heißt, ich chatte einfach mit einem Hotel-Buddy, sag ich möchte meine Reservierung haben. Und wenn ich dann zum Hotel laufe, erkennt der Hotelbuddy, dass ich komme, grüßt mich mittels einer Chatmessage und sagt mir, hier dein Zimmer ist Nummer ein, zwei, drei. Bitte klicke hier, um die Zimmertür zu öffnen, ich muss also gar nicht zur Rezeption gehen. Dann, wenn ich ins Zimmer rein komme, dann chattet der Hotelbuddy wieder mit mir und schickt mir innerhalb von einer Chatmessage ein grafisches User-Interface, mit dem ich dann die Raumtemperatur, das TV-Set kontrollieren kann, vielleicht ein Taxi reservieren kann, den Hotel-Concierge anrufen kann. Alles innerhalb dieser einen Chat-Anwendung."

Doch davon sind all die Dinge im Internet of Things, die in Barcelona gezeigt wurden, meilenweit entfernt. Sie können Daten funken und strukturierte Befehle erhalten. Doch in ganzen Sätzen mir chatten und wirklich verstehen, was ich will, das dauert noch.

"Vollkommen richtig. Und ich sehe da zwei Komponenten: Zum einen Mal ist es die natürliche Spracherkennung. Ideal wäre es, wenn ich innerhalb eines Chats auch wirklich chatten kann, wirklich sprechen kann und ich muss nicht eine künstliche Sprache wieder erlernen. Die zweite Komponente ist eine ganz wichtige und da arbeiten wir dran. Da geht es mehr darum, den Kontext von dem Anwender zu verstehen. Das heißt, wir analysieren Daten von dem Anwender, wir analysieren, was der Anwender gerade macht, in welchem Kontext er sich befindet, und versuchen dann, die entsprechenden Geräte oder die entsprechenden Chat-Buddies, die ein Anwender benutzt, entsprechend zu kombinieren, sodass wir das genau für den Kontext bereitstellen."

Aber, wie gesagt: Hofmann arbeitet in einem Forschungslabor. Und bis seine Buddies mich auf dem Mobile World Congress begleiten werden - wer weiß.

 

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