Samstag, 25.09.2021
 
StartseiteDie neue PlatteHarmonische Schärfen17.08.2014

Modest MussorgskiHarmonische Schärfen

Die "Bilder einer Ausstellung" sowie die "Lieder und Tänze des Todes" gehören zu Modest Mussorgskis populärsten Werken, dementsprechend viele Einspielungen gibt es. Trotzdem gelingt es dem Pianisten Andrej Hoteev und der Sopranistin Elena Pankratova, den Werken etwas Neues zu entlocken.

Von Klaus Gehrke

Der russische Komponist Modest Petrowitsch Mussorgski, 21. März 1839 in Karewo geboren, am 28. März 1881 in Petersburg verstorben, schwarz-weiß-Aufnahme (dpa/picture alliance/)
Der russische Komponist Modest Petrowitsch Mussorgski (dpa/picture alliance/)

Im Mittelpunkt der heutigen Sendung steht unter dem Titel "Pure Mussorgsky" eine Neueinspielung der "Lieder und Tänze des Todes" für Sopran und Klavier von Modest Mussorgsky sowie dessen berühmter Klavierzyklus "Bilder einer Ausstellung" mit der Sopranistin Elena Pankratova und dem Pianisten Andrej Hoteev, die beim Label Berlin Classics erschienen ist.

Mussorgski, Lieder und Tänze, Nr.

Sowohl die "Lieder und Tänze des Todes" als auch die "Bilder einer Ausstellung" gehören zu Mussorgskis populärsten Werken und liegen in zahllosen Einspielungen mit hochkarätigen Sängerinnen und Solisten vor; angesichts dieser Tatsache ist die Frage nach der Notwendigkeit einer Neueinspielung durchaus berechtigt. Allerdings gibt es auf dieser Aufnahme tatsächlich etwas Neues zu entdecken - dank des unermüdlichen musikwissenschaftlichen Forschungsdranges von Andrej Hoteev.

Vermutlich gibt es nur wenige Werke von Modest Mussorgski, die im Sinne des Komponisten uraufgeführt und dann genauso gedruckt wurden. Die meisten anderen wie beispielsweise die sinfonische Dichtung "Eine Nacht auf dem kahlen Berge" oder die Opern "Boris Godunov" und "Chowantschtschina" erfuhren nach Mussorgskis Tod zum Teil erhebliche und auch entstellende Bearbeitungen durch seine Freunde. Nikolai Rimsky-Korsakow oder Alexander Glasunow sahen in ihm einen komponierenden Dilettanten, der nicht wie sie eine fundierte Musikausbildung genossen hatte. Dem entsprechend taten sie seine gewagten harmonischen Ideen schlicht als "Fehler" ab, die dann im akademischen Sinne geglättet und "verbessert" wurden. Erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts konnte die Musikforschung viele von Mussorgskys Werken wieder in ihrer Originalgestalt präsentieren. Das gilt seit kurzer Zeit auch für die "Lieder und Tänze des Todes", die zwischen 1875 und 1877 entstanden. Mussorgsky selbst bezeichnete sie als "Danse macabre" und beschrieb deren Inhalt Mitte August 1877 in einem Brief folgendermaßen: "Irgendeine fesselnde, irgendeine gnadenlos tödliche Liebe ist zu hören! Genauer gesagt: der Tod - kalt und leidenschaftlich verliebt in den Tod - genießt den Tod."

Mussorgski, Lieder und Tänze, Wiegenlied

Das war das "Wiegenlied", das erste der vier "Lieder und Tänze des Todes" von Modest Mussorgski; die Sopranistin Elena Pankratova wurde am Klavier begleitet von Andrej Hoteev. Wie viele andere Werke Mussorgskis erschien auch dieser Liederzyklus erst nach dessen Tod 1881. An der Veröffentlichung waren sowohl Rimsky-Korsakow wie auch Glasunow beteiligt - und sie griffen auch hier korrigierend in den Notentext ein. Zwar erschien um 1930 im Zuge einer Gesamtausgabe von Mussorgskis Werken eine revidierte Fassung; doch auch diese weist gegenüber dem Originalmanuskript, das in der russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg aufbewahrt wird, rund 60 Abweichungen auf. Das fand der Pianist und Musikhistoriker Andrej Hoteev bei einem Vergleich heraus. Darüber hinaus war es ihm bei der Neueinspielung wichtig, dass der Solopart von einer Sopranistin gesungen wurde - zum einen, weil der Tod in der russischen Sprache weiblich ist, und zum anderen, weil Mussorgski sich bei der Komposition an der Stimme der Opernsängerin Daria Leonowa orientierte, die er seit 1870 häufig bei Liederabenden am Klavier begleitete. Die Sopranistin sang sowohl italienischen Belcanto als auch das hochdramatische Wagner- und Verdifach und besaß einen bemerkenswerten Stimmumfang. Heute wird der Liederzyklus besonders gerne von Baritonen und Bässen in entsprechend transponierten Fassungen gesungen. Die Einspielung mit der hochdramatischen Sopranistin Elena Pankratova ist laut Booklet die erste, die sämtliche Originaltonarten der Stücke beibehält und damit eine gewisse Vorstellung davon gibt, wie Mussorgsky sich den Zyklus gedacht hat.

Mussorgski, Lieder und Tänze, Der Feldherr

Wie bei den "Liedern und Tänzen des Todes", aus denen ein Ausschnitt aus dem letzten Lied "Der Feldherr" mit Elena Pankratova und Andrej Hoteev erklang, verglich der russische Pianist auch die jüngsten Ausgaben von Mussorgskis bekanntestem Werk, dem Klavierzyklus "Bilder einer Ausstellung", mit der Originalhandschrift in St. Petersburg und entdeckte auch hier zahlreiche Abweichungen. Die reichen von falschen Noten über Phrasierungen bis hin zum Gebrauch des Pedals. Möglicherweise gehört auch die betont langsame Interpretation des "Gnomus" zum Original, der ansonsten mit "Vivo", also "lebhaft" überschrieben ist und gerne mal als Virtuosenstück gespielt wird.

Mussorgski, Bilder einer Ausstellung, Gnomus

Andrej Hoteev spielte den "Gnomus" aus Mussorgskis "Bildern einer Ausstellung". Einige seiner Entdeckungen beschreibt der Pianist in dem sehr ausführlichen Booklet der CD anhand von Bildern aus dem Originalmanuskript, die durchaus als kritische Anmerkungen verstanden werden können. Zwar darf man angesichts des Titels "Mussorgski pur" und dem Zusatz "gespielt aus den Originalhandschriften" nicht unbedingt ein revolutionär anderes Bild der "Lieder und Tänze des Todes" sowie den "Bildern einer Ausstellung" erwarten; auch wird gerade bei letzterem Werk die lange Zeit oft weggelassene "Promenade" zwischen den Sätzen "Samuel Goldberg und Schmujle" und dem "Marktplatz von Limoges" von vielen Pianisten wieder gespielt. Dennoch weist diese Einspielung im Vergleich zu anderen Aufnahmen einige Akzentuierungen und harmonische Schärfen auf, die eher zum Bild des eigenwilligen und unkonventionellen Komponisten Mussorgski passen.

Mussorgski, Bilder einer Ausstellung, das große Tor von Kiew

Pure Mussorgsky: Lieder und Tänze des Todes/Bilder einer Ausstellung
Elena Pankratova, Sopran; Andrej Hoteev, Klavier
Berlin Classics 0300 568 BC

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk