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StartseiteWirtschaft am MittagKüstenregionen fürchten Staus und hohe Kosten 17.01.2019

Mögliche Brexitfolgen in FrankreichKüstenregionen fürchten Staus und hohe Kosten

Sie ist die bald wichtigste Grenze zwischen Großbritannien und der EU: An der Nordküste Frankreichs bereitet man sich angesichts des anstehenden Brexits vor allem auf das Ende der Zollunion vor. Denn bei einem Austritt Großbritanniens würden wieder Grenzkontrollen und Zollformalitäten nötig.

Von Anne-Francoise Weber

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Ärmelkanal zwischen Calais und Dover - Landkartenausschnitt (imago stock&people / Steinach)
Der meiste Warenverkehr zwischen der EU und Großbritannien läuft über die französische Nordküste (imago stock&people / Steinach)
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Drei bis vier Milliarden Euro Kosten könnte der Brexit für die französischen Unternehmen bedeuten, schätzt der dortige Unternehmerverband. Besonders betroffen ist die Region Hauts-de-France, wo über die beiden Häfen von Calais und Dünkirchen und den Tunnel unter dem Ärmelkanal jährlich Waren im Wert von 300 Milliarden Euro transportiert werden. François Lavallée, Vorsitzender der Industrie- und Handelskammer des Küstenstreifens, erklärt:

"Man kümmert sich sehr um Irland, das ist auch gut so, aber ich würde mir wünschen, dass man sich genauso um die Region Hauts-de-France kümmert. Denn wir sind nicht nur wegen unserer Häfen betroffen, sondern auch durch den Handel. Wir exportieren Waren im Wert von 4 Milliarden Euro jährlich nach Großbritannien und importieren 2 Milliarden Euro."

Französischer Zoll stellt bereits 700 neue Beamte ein

Vor allem Agrar- und Kosmetikprodukte sowie Autoersatzteile werden in der Region hergestellt und nach Großbritannien verkauft. Wenn all das in Zukunft verzollt werden soll, müssen die Unternehmen neu kalkulieren –falls es nicht doch noch ein Freihandelsabkommen mit Großbritannien gibt oder der Brexit ganz ausfällt.

Der französische Zoll stellt sich jedenfalls darauf ein, Zollerklärungen zu prüfen und Stichprobenkontrollen durchzuführen. 700 Zollbeamte sollen neu eingestellt werden, fast 300 sollen in die Region Hauts-de-France kommen. Häfen- und Tunnelbetreiber planen neue Park- und Kontrollflächen und Systeme zur möglichst schnellen Abfertigung. Denn der größte Trumpf der Region – den schnellsten Weg nach Großbritannien zu bieten – soll auf keinen Fall verloren gehen. Doch der Erfolg hängt nicht nur vom Zoll ab, erklärt Eric Meunier, beim französischen Zoll zuständiger Leiter für den Nordosten Frankreichs:

"Wenn sich die Unternehmen nicht selbst vorbereiten, dann bringt all unser Tun gar nichts. Man muss zu zweit sein, um Tango zu tanzen – und um eine Grenze zu passieren: es braucht einen, der die Waren anmeldet und einen Zollbeamten. Der Zollbeamte ist vorbereitet. Ich wünsche mir sehr, dass die Unternehmen verstehen, dass sie sich auf diese Zollerklärungen vorbereiten müssen."

Deutsche Unternehmen müssen sich vorbereiten

Der größte Teil der jährlich rund 4,3 Millionen abzufertigenden Lastwagen komme aus Deutschland, daher will Meunier bei deutschen Unternehmen besonders um entsprechende Vorbereitungen werben. Idealerweise soll es gar keine Staus geben, keine Wartezeit – und gleichzeitig kann nicht alles so bleiben wie vor dem Brexit, erklärt er:

"Natürlich wird es nicht das Gleiche sein. Es wird zäher laufen an der Grenze. Alle rechnen damit, dass der Verkehr nicht genauso flüssig sein wird wie ohne Brexit. Aber wir tun alles, damit wir auch mit dem unvermeidbaren Anteil derer umgehen können, die ihre Papiere nicht vorbereitet haben."

Das könnten am Anfang rund zwanzig Prozent der Lastwagen sein, schätzt Eric Meunier – aber er glaubt, dass die Unternehmen sehr bald verstehen werden, dass eine Zollerklärung nötig ist, um die Waren möglichst schnell von Frankreich nach Großbritannien zu bringen - oder umgekehrt.

Unternehmen rechnen mit Verlusten

Während der Zoll und die Betreiber der Häfen und des Eurotunnels Optimismus verbreiten, sind viele Unternehmer und Beobachter skeptischer. Sie rechnen mit Einkommensverlusten wegen der Zölle und der Wartezeiten an der Grenze. Der Handelskammersvorsitzende François Lavallée muss sich ziemlich bemühen, um dem Brexit positive Seiten abzugewinnen:

"Ja, es kann welche geben. Der Duty Free-Handel könnte eine positive Folge sein. Und vielleicht kommen Industrieunternehmen aus Großbritannien und lassen sich hier nieder. Wir müssen aber alle gut zusammen arbeiten, damit es überhaupt positive Folgen gibt. Denn letztlich sind beim Brexit beide Seiten Verlierer."

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