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StartseiteBüchermarktJüdisches Leben in der modernen Sowjetunion10.04.2018

Moische Kulbak: "Die Selmenianer"Jüdisches Leben in der modernen Sowjetunion

Radio, Strom, Weltkrieg, Oktoberrevolution: Mit Macht bricht die Moderne ein in die traditionelle Welt einer jüdischen Großfamilie in Minsk, die sich im Konflikt zwischen Modernisierungsverweigerung und Fortschrittsglauben behaupten muss. "Die Selmenianer" von Moische Kulbak ist ein tragik-komisches Epochenpanorama.

Von Uli Hufen

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Buchcover Moische Kubalk: Die Selmenianer und im Hintergrund der Palast in Peterburg zur Zeit der russischen Revolution (Buchcover: Die andere Bibliothek / Hintergrund: dpa/picture alliance)
Die russische Revolution änderte alles (Buchcover: Die andere Bibliothek / Hintergrund: dpa/picture alliance)
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Moische Kulbak: "Die Selmenianer" Jüdisches Leben unter Hammer und Sichel

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts lebten in Minsk um die 100.000 Menschen. Etwa die Hälfte der Bevölkerung war jüdisch. Es gab 99 Synagogen und Gebetshäuser in Minsk, jüdische Schulen, Kulturorganisationen, Krankenhäuser und vieles mehr. Minsk war eine moderne, große Stadt. Trotzdem lebten die meisten Juden ungefähr so, wie die große Familie von Reb Selmele: 

"Ein altes zweistöckiges Haus mit bröckelndem Putz und zwei Reihen Häuser voller kleiner Selmenianer. Dazu Ställe, Keller, Dachböden. Das Ganze sieht aus wie eine schmale Gasse. Im Sommer lässt sich der kleine Reb Selmele, nur mit langen Unterhosen bekleidet, bei Tagesanbruch als Erster blicken. Mal schleppt er einen Ziegelstein, mal schaufelt er mit ganzer Kraft Mist."

Tradition und Moderne 

Die Selmenianer, von denen Moische Kulbaks gleichnamiger Roman erzählt, leben nach den uralten Gesetzen, Bräuchen und Traditionen, die überall in den Schtetln des sogenannten Ansiedlungsgebietes der Juden im Russischen Reich galten. Die Männer heißen Itsche, Juhde oder Folje und arbeiten als Schneider, Uhrmacher oder Gerber. Die Frauen heißen Malke und Gite und versorgen den Haushalt und die Kinderschar. Kulbaks Roman führt uns erst mit Humor und viel Slapstick in diese patriarchale, gemächliche Welt ein. Und dann zeigt er, wie die Moderne mit rabiater Gewalt in die Idylle einbricht. Der Erste Weltkrieg und die Russische Revolution stellen die politischen Verhältnisse auf den Kopf, aber sichtbarer sind zunächst technische Revolutionen:

"Ein paar Tage später kam in den Abendstunden die Elektrizität an. Mit einem Mal breitete sich ein dünner, eigenartiger Lichtschein in den Häusern aus und brach sich seinen Weg durch die Fenster in den Hof hinaus. Alle saßen starr und fassungslos da. Tausend kleine Schatten, die seit Generationen an den Wänden gehangen hatten, wurden plötzlich wie mit einem Besen hinausgekehrt und machten sich davon. Die Zimmer sahen geräumiger und freier aus."

Vom alten Leben bleibt nichts

Die Alten wollen von der neuen Freiheit nichts wissen. Aber die Kinder greifen mit beiden Händen zu. Und so wird ein Selmenianer Bolschewik und Milizionär, andere reisen auf einmal bis nach Wladiwostok und wieder andere können gut rechnen und arbeiten im Volkskommissariat für Finanzen. Schnell wird klar, dass vom alten Leben wenig bleiben wird, das Tempo ist zu hoch und nach und nach zerbricht unter den Schlägen auch die Familie. Die jungen Frau rauchen und trinken und bekommen sogar uneheliche Kinder von Russen. Die jungen Männer nennen ihre Kinder auf einmal Marat und tragen statt Rausche- nur noch Schnurrbart:

"Falke fragte: 'Hältst du was von der Sowjetunion?'
'Was sonst?'
'Warum rasierst du dann nicht den Bart ab, der trieft doch?'
'Ehrlich gesagt', erklärte Itsche, 'ohne Bart würde ich wohl ein wenig jünger aussehen, aber was würden die Leute sagen?'
'Kleinbürger bleibt Kleinbürger', sagte Falke vom Dach."

Blüte und Repression - Kulbak wird erschossen

Der 1896 geborene Moische Kulbak war von der neuen Zeit, die mit der Oktoberrevolution angebrochen war, so begeistert, dass er 1928 aus dem damals polnischen Vilnius ins sowjetische Minsk übersiedelte. Hier, so glaubte er, bestanden ideale Bedingungen für sein unerhörtes Projekt: Kulbak wollte eine moderne, jiddische Literatur erschaffen. Tatsächlich beförderte die junge Sowjetmacht solche Ideen in den 20er-Jahren. Jiddische Verlage entstanden, Theater und Zeitschriften wurden eröffnet, auch die Akademie der Wissenschaften in Minsk hatte eine jüdische Abteilung. Und Kulbak machte Karriere.

Zu Beginn der 30er-Jahre wurden diese Experimente aber nach und nach eingestellt. 1937 kam Moische Kulbak dann genau so unter die Räder wie das alte Leben der Selmenianer. Dass sein virtuoser Roman von 1931 in der Sowjetunion nicht mehr erscheinen konnte, verstand sich da schon von selbst: zu kritisch der Blick auf die erbarmungslose Art und Weise, in der die sowjetische Moderne alles niederwalzte, was ihr in den Weg kam, zu seltsam auch die sprachliche Form zwischen der scheinbar altertümlichen Erzählhaltung, den plötzlichen surrealen und expressionistischen Ausbrüchen, wissenschaftlichen Einschüben und Briefen im neuen Parteisprech der Zeit. Moische Kulbak war 41, als er im Oktober 1937 als Volksfeind und jüdischer Nationalist erschossen wurde. Der Rebse-Hof seiner Selmenianer war da schon seit fünf Jahren zerstört.

"Nun lag der Hof ganz still da, wie ein Flussbett, aus dem das Wasser abgeleitet worden war. Nichts geschah. Die Revolution war durch ihn durchmarschiert und hatte dabei die Menschen vom Rebse-Hof, die sie gebrauchen konnte, mitgenommen; der Rest blieb liegen wie aufgebrochene Eierschalen."

Moische Kulbak: "Die Selmenianer"
Aus dem Jiddischen von Niki Graça und Esther Alexander-Ihme.
Die Andere Bibliothek, 398 Seiten, 42 Euro.

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