Samstag, 20.10.2018
 
StartseiteEuropa heute"Sind solche Äpfel etwa nicht gut genug für Europa?"02.10.2018

Moldaus dritter Weg (2/4)"Sind solche Äpfel etwa nicht gut genug für Europa?"

Einst gehörte Moldau zu Rumänien, später zur Sowjetunion. Mit der Unabhängigkeit 1991 begeisterten sich viele Moldauer für die EU. Doch die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens vor vier Jahren hat für viele Bauern nicht den erhofften Exporterfolg gebracht.

Von Andrea Rehmsmeier

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Der moldauische Obstbauer Furdoj in seiner Apfelplantage (Deutschlandradio/ Kerstin Weigand)
Der moldauische Obstbauer Furdoj hat in Apfelsorten investiert, die die Europäer gern mögen (Deutschlandradio/ Kerstin Weigand)
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"So sieht "Golden Delicious" aus, wenn er reif ist. Die Schale ist golden – sehen Sie diese wunderbare Farbe?"

Die Bäume auf der Plantage sind kaum drei Meter hoch, doch die Äste biegen sich unter der Last der Äpfel. Ihr Fruchtfleisch ist fest, süß und sehr saftig.

Dieser Beitrag gehört zu der Reportagereihe "Der dritte Weg - Die Bürger der Republik Moldau kämpfen um Selbstbestimmung" in der Sendung "Gesichter Europas". 

"Und, sind solche Äpfel etwa nicht gut genug für Europa? Und warum klappt das nicht?"

Die EU fordert 60 Millimeter Mindesdurchmesser für Äpfel

Der Obstbauer zieht eine Mess-Schablone aus der Tasche und hält sie prüfend an den Apfel. Die Europäische Union fordert 60 Millimeter Mindestdurchmesser für Import-Äpfel. 

"75 Millimeter Durchmesser. Alle meine Äpfel haben 60 Millimeter und mehr. Sie sind makellos! Eine Millionen Lei habe ich in diese Plantage investiert. Nur verkaufen kann ich nichts." 

Eine Million Lei, das sind über 50.000 Euro. Furdoj feuert den Apfel auf einen Fallobsthaufen. Der Landwirt geht auf das Rentenalter zu, sein Gesicht wirkt müde unter der wettergegerbten Haut. "Golden Delicious" und "Super Chief" hätten seine Eintrittskarten in den EU-Markt sein sollen: Als die Republik Moldau ein Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union ankündigte, da hat Furdoj einen Kredit aufgenommen und in Sorten investiert, die die Europäer gern mögen. Jetzt aber, wo die Bäume tragen, droht ihm das zum Ruin zu werden. Manche Apfelsorten kosten in diesem Jahr gerade noch ein Fünftel des Vorjahres, trotzdem will niemand sie kaufen. Stattdessen warten 20 Mitarbeiter auf ihren Lohn.

"Es ist so schwer. Wie soll das weitergehen? Ich kann nicht mehr ruhig schlafen. Ich kann nur noch an meine Kredite und an meine Schulden denken."

"Es gibt keinen direkten Verkaufskanal nach Europa"

Der unbefestigte Feldweg führt über eine sanfte Hügellandschaft. Nahe der Stadt Soroca, im Nordosten von Moldau, besitzt Michail Furdoj 180 Hektar Land, weitere 80 hat er dazugepachtet. Außer Äpfeln und Tomaten baut Furdoj Getreide, Sonnenblumen, Melonen, Knoblauch und Zwiebeln an. Doch nichts davon verkauft sich gut. Liegt es an dem langen, heißen Sommer, der in diesem Jahr vielen hier eine überreiche Ernte beschert hat? Oder hat ihn die Hoffnung auf das kaufkräftige Europa zu halsbrecherischen Fehlinvestitionen verleitet? 

"Es gibt keinen direkten Verkaufskanal nach Europa, das ist das Problem. Ja, wir haben den Assoziierungsvertrag mit der EU. Aber wenn jemand daran verdient, dann die da oben, nicht die, die auf den Feldern arbeiten." 

Der Transporter nähert sich einem kleinen See. Furdoj selbst hat ihn angelegt, als Wasserreservoir für die Plantagen. Am Ufer steht ein Bauwagen, davor sitzen plaudernd zwei Männer beisammen: Andrej, der Nachbar, und Eduard, Furdojs jüngster Sohn, der den Landwirtschaftsbetrieb bald übernehmen soll. 

"Mein anderer Sohn ist in Italien, meine Tochter in Russland. Nach Moldau zurückkehren wollen sie nicht. Wenn Eduard mich auch noch im Stich lässt, dann weiß ich nicht mehr, was ich tun soll." 

Die junge Generation braucht Berufschancen

Eduard, 18 Jahre, arbeitet auf der Plantage, kümmert sich um die Erntehelfer und arbeitet sich in die Betriebswirtschaft ein. Nicht sein Vater drängt ihn dazu, sagt der junge Mann. Er will es selbst:

"Ich war auch schon im Ausland, in Italien, Russland und Deutschland. Natürlich kann man da viel mehr Geld verdienen als hier – aber es ist schwer. Auch meine Geschwister haben Heimweh. Doch was bleibt ihnen übrig? Sie müssen ja arbeiten." 

Die beiden anderen schauen Eduard nachdenklich an. Seit die Moldauer visafrei in die EU einreisen dürfen, hat das Land viele fleißige und kreative Menschen verloren. Dabei bräuchte die junge Generation Berufschancen im eigenen Land, findet Nachbar Andrej. Schuld an der Misere habe aber nicht so sehr die EU, sondern vor allem die eigene Regierung. 

"Unsere Regierung ist korrupt, darum müssen wir uns fragen: Wohin geht eigentlich unser Steuergeld? Neulich bin ich zufällig dazugekommen, wie sie eine Landstraße ausbessern wollten. Aber anstelle von Asphalt haben sie Schotter gestreut. Entschuldigung, soll das jetzt so bleiben?, habe ich die Arbeiter gefragt. Ja, das soll so bleiben! Was haben sie mit dem Geld für den Asphalt gemacht? Was für eine Korruption! Wie absurd!"

"Nicht möglich, auf ein europäisches Niveau zu kommen"

Der alte Mann hat sich in Rage geredet. Mit seiner erdigen Hand wischt er sich die Augen.

"Mit so einer Regierung ist es nicht möglich, auf ein europäisches Niveau zu kommen. Unsere Elite, klar, die schafft das, aber das Volk lebt schlechter denn je. Für die sind wir Sklaven. Wir sind keine Menschen."

Eduard Furdoj hat seinem Nachbarn schweigend gelauscht. Jetzt tritt er beiseite und lässt seine Blicke über die hügelige Landschaft schweifen: der kleine See, die sonnenverbrannten Felder mit den Erntehelfern, die jungen Apfelbäume. 

"Ich werde den Betrieb weiterführen. Ich will hierbleiben. Ich mag die Arbeit auf dem Feld, die frische Luft, die Sonne, die Sommerhitze. Ja, das gefällt mir."
 

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