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StartseiteKalenderblattMonsieur Anti-Nucleaire14.08.2008

Monsieur Anti-Nucleaire

Vor 50 Jahren starb Frederic Joliot-Curie - Förderer und Gegner der Atomkraft

Er stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, besuchte die falschen Schulen und brachte es doch zum einem prominenten Wissenschaftler. Frederic Joliot heiratete die Tochter der weltberühmten Madame Curie. Zusammen mit seiner Frau Irene erhielt er den Chemie-Nobelpreis für die Entdeckung der künstlichen Radioaktivität. Er begründete das französische Atomprogramm und kämpfte gleichzeitig leidenschaftlich gegen die militärische Nutzung der Atomkraft.

Von Kay Müllges

Französischer Atombombentest auf dem  Mururoa Atoll 1971 (AP Archiv)
Französischer Atombombentest auf dem Mururoa Atoll 1971 (AP Archiv)

Paris. Ein kalter Wintertag im Januar 1934. Seit Wochen experimentieren Irene Curie und ihr Mann Frederic Joliot mit Aluminium, das sie bestrahlen. Am Ende dieses langen Arbeitstages legen sie das radioaktive Polonium, das ihnen als Strahlenquelle dient, vorsichtig zurück in seine mit Blei ausgeschlagene Kiste. Doch dann passiert etwas ungewöhnliches: obwohl eigentlich keine Strahlung durch den Bleimantel dringen kann, schlägt der Geigerzähler im Labor weiter aus. Frederic Joliot-Curie erinnerte sich später an diesen Moment:

"Wir wiederholten das Experiment wieder und wieder. Wir bombardierten das Aluminium mit Alpha Strahlen maximaler Stärke. Nach einer bestimmten Bestrahlungsdauer entfernten wir die Strahlungsquelle. Dabei konnten wir beobachten das die Aluminiumfolie weiterhin positive Elektronen emittierte und zwar über mehrere Minuten. Alles wurde plötzlich klar."

Frederic konnte in einem weiteren Experiment nachweisen , das in diesem Prozess ein radioaktives Phosphor-Isotop entstand. Die beiden hatten die künstliche Radioaktivität entdeckt. Noch am selben Wochenende erzeugten sie künstlich radioaktive Stickstoff- und Aluminium-Isotope. Noch heute werden solche Radionuklide beispielsweise in der medizinischen Diagnostik und Therapie eingesetzt und auch in vielen anderen Bereichen finden sie Anwendung. 1935 erhielten die Forscher dafür den Chemie Nobelpreis. In seiner Dankesrede wagte Joliot-Curie einen visionären Ausblick auf mögliche weitere Konsequenzen aus dieser Entdeckung:

" Astronomen beobachten gelegentlich, das ein Stern mittlerer Helligkeit plötzlich enorm zu strahlen beginnt. Wir nennen das eine Nova. Dieses plötzliche Aufleuchten des Sterns ist möglicherweise auf Umwandlungen explosiver Art zurückzuführen. Ein Prozess den Forscher zweifellos versuchen werden nachzuahmen. Und wir alle hoffen, das sie dabei die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen ergreifen."

# 1935 dachte noch niemand ernsthaft an Kernspaltung und nukleare Kettenreaktionen. Doch schon bald engagieren sich die Joliot-Curies in diesem neuen Forschungsfeld und machen wichtige Entdeckungen. Von denen sie viele allerdings nicht veröffentlichen, denn seit 1939 herrscht Krieg zwischen Deutschland und Frankreich. Im Auftrag des französischen Militärs schafft FrédéricJoliot in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Uranvorräte und schweres Wasser nach England, vier Tage bevor die französischen Truppen kapitulieren. Er selbst entscheidet sich im Land zu bleiben. Er schließt sich der Resistance an, lehrt seine Studenten das Herstellen von Molotow-Cocktails und wie man sich Schusswaffen organisiert. Alles unter den Augen der deutschen Besatzer, die den Nobelpreisträger zwar argwöhnisch beobachten, ihm aber nichts nachweisen können. Im Mai 1942 erschießen die Nazis vier Wissenschaftler der Sorbonne, die sich dem Widerstand angeschlossen hatten. Joliot tritt daraufhin der Kommunistischen Partei Frankreichs bei:

" Ich hatte den Eindruck um ein Kommunist zu sein, müsste ich Qualitäten besitzen, die ich noch nicht habe. Ich weiß jetzt das dieses Haltung falsch ist. Indem jemand in die Partei eintritt, lernt er Kommunist zu sein und sich des immensen humanen Wertes des Kommunismus bewusst zu werden."

Nach der Befreiung wird Joliot-Curie von General de Gaulle zunächst mit einer wichtigen Aufgabe betraut. Er wird Hochkommissar der neugegründeten französischen Atomenergiebehörde und somit Chef des nationalen Atomprogramms. Tief geschockt von den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki wollte der Wissenschaftler das seiner Ansicht nach riesige Potenzial der friedlichen Nutzung der Kernenergie demonstrieren. Diese Absicht deckte sich zeitweilig mit dem Ziel de Gaulles das angelsächsische Atommonopol zu brechen und die Grande Nation in den Kreis der Atommächte zu führen. Schon im Dezember 1948 ging der erste französische Atommeiler in Betrieb, Joliot-Curie und seine Mitarbeiter wurden parteiübergreifend wie Helden gefeiert. Doch schon bald wendete sich das Blatt. Der sich verschärfende Kalte Krieg machte einen überzeugten Kommunisten an der Spitze der französischen Atomenergiebehörde untragbar. Im Mai 1950 wurde er aus dem Amt geworfen, die bürgerliche Zeitung L’Aurore schrieb:

" Da Monsieur Joliot-Curie Stalin als seinen Gott gewählt hat, soll er für seine Gebete zu ihm gehen."

Joliot-Curie kämpfte bis zu seinem Tod am 14. August 1958 als Präsident des Weltfriedensrates gegen die Gefahren eines atomaren Krieges.

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