Donnerstag, 16.08.2018
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteTag für TagHype um die Hypermoral10.08.2018

Moralismus-DebatteHype um die Hypermoral

Moralismus, Hypermoralismus, Moraldiktatur: In Deutschland scheint es 2018 schlimmer zu sein, moralisch zu argumentieren als unmoralisch zu handeln. Ein Ausweg könnte der Plural sein: die Moralen.

Von Christian Röther

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Kleine Figur flüstert in das Ohr eines Mannes (imago / Ikon Images)
Ohne die Einflüsterungen der Moral ist Zusammenleben nicht möglich (imago / Ikon Images)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Anpassungsdruck "Moral hat sich verselbstständigt"

Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin "Ohne Freiheit können wir uns nicht entscheiden"

Lust an der Empörung "Moralismus mit totalitären Zügen"

Die Moral hat es dieser Tage nicht leicht. Sie ist zum Ismus verkommen und damit zum Schimpfwort. Ganz neu ist die Debatte nicht, doch im Zuge der Migrationshysterie wurde aus dem augenzwinkernden "Moralin" der spaßbefreite "Moralismus". Die rechte Publizistik hyperventiliert sogar von einer "Moralismus-Diktatur" - und rückt so Moral sprachlich in die Nähe von NS-Regime oder DDR. Aber Moral, war das nicht eigentlich mal was Gutes?

"Moral ist im Prinzip erst mal etwas Gutes. Also Moral brauchen wir ja auch, um den Gang der Gesellschaft irgendwie zu ordnen. Aber sobald Moral sich selbstständig macht, dann wird es eben schnell zum Moralisieren."

Die finnisch-deutsche Schriftstellerin Beile Ratut sprach sich deshalb im Deutschlandfunk für einen kritischen Blick auf moralische Belehrungen aus. Der Philosoph Alexander Grau diagnostizierte ebenfalls im Deutschlandfunk einen "Moralismus mit totalitären Zügen". Der verlangt dann auch nach einem neuen Superlativ, beziehungsweise Hyperlativ: dem Hypermoralismus.

"Der Hypermoralismus ist ja nicht politisch neutral, sondern wir kennen ihn vor allem eigentlich aus dem linken oder linksliberalen Lager. Er ist der Versuch, die Gesellschaft anhand linker Ordnungsvorstellungen und eines weitestgehend links konnotierten Menschenbildes auszurichten und hat seine Wurzeln in der 68er-Bewegung und in der kulturellen Hegemonie, die in einigen Teilen der Gesellschaft zumindest dieser Linksliberalismus inzwischen erlangt hat."

"Es ist nicht zu viel Moral. Im Gegenteil."

Die viel gescholtenen "alten weißen Männer" scheinen besonders stark unter der vermeintlichen linken Moraldiktatur zu leiden: Broder, Hahne, Tichy und so weiter haben dem Moralismus den Kampf angesagt. Oft zielt der Vorwurf des "links-grünen Moralismus" dabei auf Kirche und Theologie. Doch die verteidigen sich:

Margot Käßmann: "Ich kenne den Vorwurf, nur, wenn Sie Mitglied der evangelischen Kirche sind, dann wissen Sie, dass unsere Kirche wirklich viele Meinungen unter einem Dach beherbergt."

Karl-Josef Kuschel: "Es ist nicht zu viel Moral. Im Gegenteil, gegenüber einem zynischen Weltbild, einem Un-Menschenbild, das sich um Moral nicht schert und meint, immer das Realitätsprinzip gegen die Ideale ins Spiel bringen zu müssen, bin ich froh, dass einige noch daran erinnern, was die Kernbotschaft des Christlichen ist."

Klaas Huizing: "Kirche ist, wenn man richtig interpretiert, durchaus eine Moralagentur. Ja klar, warum nicht? Wir haben es mit Moralität zu tun und ich würde immer sagen: Von der Idee her ist die Ethik des Christentums eine ausgesprochen lebensfreundliche Ethik."

Margot Käßmann: "Ansonsten gibt es in der evangelischen Kirche eine große Vielfalt und es gibt keine Pfarrer mehr, die von der Kanzel mit erhobenem Zeigefinger den Menschen erklären, wie sie zu leben haben."

"Moral der Zäune und Grenzen"

Margot Käßmann, Karl-Josef Kuschel und Klaas Huizing in Interviews im Deutschlandfunk. Natürlich wollen auch die Moral-Kritiker die Moral nicht gänzlich abschaffen. Schon definitorisch geht das gar nicht: Denn eine Gesellschaft ohne Normen, Sitten, gängige Handlungsweisen gibt es nicht - kann es nicht geben, weil der Umgang miteinander immer irgendwie normiert ist.

Fluechtlinge auf dem Rettungsschiff von Mission Lifeline am 21.06.18 im internationalen Gewaesser vor der libyschen Kueste.  (imago)Flüchtlinge auf dem Rettungsschiff von Mission Lifeline (imago)

Nur: Die moralischen Leitlinien dafür sollen sich ändern, das fordern die Moral-Kritiker. Der Politikberater und Autor Johannes Hillje warf ihnen deshalb vor - im Politischen Feuilleton bei Deutschlandfunk Kultur: Grenzzäune seien ihnen wichtiger als Menschen:

"Es gibt in der heutigen Debatte eine Moral der Zäune und Grenzen. Statt Moral auf die Menschen, die nach Schutz suchen, zu beziehen, wird nun eine Moral des Schutzes vor Schutzsuchenden propagiert."

"Moral im Plural"

Es besteht also eine Konkurrenz der Moralen. Ja, Moral gibt es im Plural - zumindest laut dem Duden. Das Rechtschreibprogramm hingegen ist nicht einverstanden. Diese rot-unterkringelten Moralen könnten einen Weg weisen aus der Krise der Moral, sagt der Hypermoral-Philosoph Alexander Grau - und plädiert für einen anderen Ismus: Pluralismus statt Moralismus.

"Moral im Plural ist unheimlich wichtig, denn eine erstarrte Moral, die keinen moralischen Plural mehr zulässt, untergräbt sich selbst. Der Mensch, der nicht moralisch handelt, der moralisch unkonventionell handelt, hinterfragt ja auch immer damit die erstarrten moralischen Normen und sorgt dafür, dass die Moralentwicklung quasi im Gang bleibt, dass sie neu justiert wird. Und deshalb ist ein moralischer Pluralismus ganz, ganz wichtig."

Und Alexander Grau hat noch eine weitere Idee, um die Moral-Krise zu entschärfen: den Moralismus mürbe machen - durch Egoismus in Form von Sünden.

"Deshalb hat der Sünder eine ganz, ganz wichtige Funktion in der Evolution der Moral: Einfach, weil er unkonventionell handelt, weil er für moralische Konflikte sorgt, werden moralische Normen immer neu ausjustiert und neu ausgehandelt."

Also im Sommer einfach mit dem Flieger in die Südsee anstatt Menschen aus dem Mittelmeer retten? Und die Moral von der Geschicht': Moralapostel, das sind immer die anderen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk