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StartseiteKalenderblattMordmaschinerie bis zum Schluss09.04.2005

Mordmaschinerie bis zum Schluss

Vor 60 Jahren wurden Georg Elser, Dietrich Bonhoeffer und weitere Hitlergegner hingerichtet

Unter den Widerstandskämpfern gegen das Nazi-Regime ist Georg Elser fast ein Unbekannter geblieben. Nach seinem Attentatsversuch gegen Hitler im Münchner Bürgerbräukeller kam er 1939 ins KZ. Dort ließ ihn Himmler wenige Woche vor der Kapitulation erschießen. Am selben Tag ermordeten die Nazis sechs weitere Widerstandskämper.

Von Hans-Martin Lohmann

Eine Briefmarke für Georg Elser (Deutsche Post)
Eine Briefmarke für Georg Elser (Deutsche Post)

Bis heute ist Georg Elser ein so gut wie Unbekannter geblieben. Während man etwa der Männer und Frauen des 20. Juli in der Bundesrepublik regelmäßig gedenkt und Straßen nach ihnen benannt hat, weiß kaum jemand, wer Elser war und wofür er starb. Sein fehlgeschlagener Attentatsversuch gegen Hitler im Münchner Bürgerbräukeller am 8. November 1939 wurde, wie der NS-Historiker Ernst Klee schreibt, von der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit weitgehend verdrängt. Denn der einfache Handwerker Georg Elser, der aus einem sozialistischen Milieu stammte und frühzeitig und auf eigene Faust gegen Hitlers Kriegstreiberei gehandelt hatte, passte einfach nicht in das Klischee vom deutschen Widerstand, von ehrbewußten preußischen Offizieren und konspirativen Plänen zum Staatsstreich. Auch die Historiker des deutschen Widerstandes, etwa Hans Rothfels in seinem Standardwerk "Die deutsche Opposition gegen Hitler", tun sich bis heute schwer damit, die Tat des Einzelgängers angemessen zu würdigen. Nach seiner Festnahme gab Elser gegenüber der Gestapo zu Protokoll:

"Wenn ich gefragt werde, ob ich die von mir begangene Tat als Sünde im Sinne der protestantischen Lehre betrachte, so möchte ich sagen "im tieferen Sinne, nein!"...Ich wollte ja auch durch meine Tat ein noch größeres Blutvergießen verhindern."

Nach dem fehlgeschlagenen Anschlag wurde Elser ins KZ Sachsenhausen verschleppt und jahrelang in Isolationshaft gehalten. Gegen Ende des Krieges kam er ins KZ Dachau, wo er am 9. April 1945 auf Befehl Himmlers erschossen wurde.

Am selben Tag wurden die Henker auch im KZ Flossenbürg tätig. Dort wurde der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, ein führender Mann der Bekennenden Kirche, festgehalten, der Kontakte zum politischen Widerstand hatte und im April 1943 von der Gestapo verhaftet worden war. Ebenfalls in Flossenbürg saß Admiral Wilhelm Canaris ein, Chef des Amtes Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht. Er war bereits im Februar 1944 von Hitler kaltgestellt und kurz nach dem Stauffenberg-Attentat am 20. Juli 1944 verhaftet worden. Im Urteil der Nachwelt gilt Canaris als eine etwas sinistre Figur des Widerstands, als Exponent der Geheimdienstbranche, die überall mitmischte, ohne sich politisch wirklich festzulegen. Ganz anders Generalmajor Hans Oster, Stabschef des Amtes Ausland/Abwehr, der bei den Planungen zum Umsturz eine zentrale Rolle spielte und als "Seele des militärischen Widerstands" galt. Er war am 21. Juli 1944 verhaftet worden und saß ebenfalls in Flossenbürg fest. Über Oster heißt es in dem Buch Fabian von Schlabrendorffs "Offiziere gegen Hitler":

"Durch Oster hatte sich der erste praktische Grundsatz der Widerstandsbewegung von der Notwendigkeit des Brückenschlages zwischen der zivilen zur militärischen Opposition durchgesetzt. Hierin bestand vorzüglich die Arbeit Osters. Er war gewissermaßen der Geschäftsführer und die Clearingstelle der Widerstandsbewegung."

Schließlich ist des katholischen Schriftstellers und Kulturphilosophen Theodor Haecker zu gedenken. Haecker war ein Gegner der rassenbiologischen Vorstellungen der Nazis, bereits in den dreißiger Jahren mit Lehr- und Publikationsverbot belegt worden und unterhielt Kontakte zur "Weißen Rose" um Hans und Sophie Scholl. Zusammen mit Wilhelm Canaris, Hans Oster und Dietrich Bonhoeffer wurde Theodor Haecker am 9. April 1945 in Flossenbürg ermordet.

Auch an anderen Richtstätten wütete der Naziterror bis zuletzt. Der Jurist Hans von Dohnanyi, ein Schwager Bonhoeffers, der seit 1939 unter Oster im Amt Ausland/Abwehr tätig gewesen war, war im April 1943 wegen des Verdachts der Verschwörung festgenommen worden. Er saß im KZ Sachsenhausen und wurde dort am selben Tag wie sein Schwager hingerichtet. Nicht anders erging es Ewald von Kleist-Schmenzin, der als Angehöriger des altpreußischen Landadels von Anfang an entschiedener Regimegegner und 1935 der Bekennenden Kirche beigetreten war. In den Augen seiner Freunde und Mitverschwörer war Kleist-Schmenzin der intellektuell alle überragende Kopf des deutschen Widerstands. Nach seiner Verhaftung erklärte er vor dem berüchtigten Volksgerichtshof:

"Jawohl, ich habe Hochverrat getrieben seit dem 30. Januar 1933."

Ewald von Kleist-Schmenzin, ein deutscher Patriot ohne Misere (um ein bekanntes Wort Ernst Blochs abzuwandeln), wurde in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee umgebracht.

Die jüngere deutsche Geschichte ist nicht reich an Beispielen des persönlichen Muts und des individuellen Widerstands gegen die Herrschaft der Gesetzlosigkeit. Deshalb verdienen es die Namen der wenigen Mutigen und Gerechten umso mehr, im kollektiven Gedächtnis der Deutschen bewahrt zu werden.

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