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StartseiteTag für TagDie Zeit des Sultans ist vorbei03.08.2017

MoscheebauDie Zeit des Sultans ist vorbei

Noch immer beten die meisten deutschen Muslime in Hinterhöfen. Neue Moscheen orientieren sich oft an der osmanischen Tradition. Zeitgemäßes bauen geht anders, sagt der Kunsthistoriker Christian Welzbacher und plädiert für einen offenen Ideenwettbewerb.

Von Hüseyin Topel

Konzept des Architekten Alen Jasarevic für eine Moschee in München. (Alen Jasarevic)
Modernes Moschee-Design: Konzept des Architekten Alen Jasarevic für eine Moschee in München. (Alen Jasarevic)
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So hört sich das klassische Festgebet in einer deutschen Moschee an. In Deutschland leben mittlerweile mehr als fünf Millionen Muslime. Laut der Deutschen Islam Konferenz geht mehr als ein Drittel der Muslime mit Migrationshintergrund in die Moschee, überwiegend Männer sind dort anzutreffen. Doch in den meisten Kommunen hat man kaum bemerkt, dass Muslime zum Beispiel im Fastenmonat mehr als sonst die Moschee besucht haben. Dass das religiöse Leben der Muslime kaum auffällt, hängt vor allem damit zusammen, dass die meisten Moscheen in Deutschland sich nach wie vor eher versteckt in Hinterhöfen befinden. Aber diese Situation beginnt sich zu verändern, sagt der Kunsthistoriker Christian Welzbacher:

"Ich sehe, dass wir in einem Aufbruch befindlich sind. Ich sehe aber noch kein Ziel und das ist ja auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum möglich. Es ist wichtig, dass sich viele verschiedene Moschee-Gemeinden, an verschiedenen Orten in Europa, dass die sich Überlegungen machen, "Wie kann eine zeitgenössische Moschee des gegenwärtigen Islam in Europa aussehen?"

Präsente Vergangenheit, unbekannte Zukunft

In Köln steht die neue Zentralmoschee der DITIB, sie soll das Gesicht der türkischen Religionsbehörde Diyanet in Deutschland sein. Sie ist endlich eröffnet. Schon seit langem gibt es Querelen um das Prestigeprojekt. Aber ihre Architektur sei beispielhaft, meint Welzbacher:

"Wenn ich aber sehe, dass es Moschee-Gemeinden gibt, die zum Beispiel sich einem Wettbewerb öffnen, die sagen, wir müssen Ideen erst einmal finden und es gibt Experten, die solche Ideen entwickeln können, die heißen Architekten. Das ist zum Beispiel auch in Köln, in der Ditib-Zentralmoschee passiert. Die Ditib hat sich als Verband also da geöffnet und hat gesagt 'Ja, das ist eigentlich ein wichtiger Schritt, dass wir das genau so machen. Wir wollen eine Expertise haben, die über das hinausreicht, was wir selbst leisten können'."

Konzept des Architekten Alen Jasarevic für eine Moschee in München. (Alen Jasarevic)Außen wie innen modern: Konzept des Architekten Alen Jasarevic für eine Moschee in München. (Alen Jasarevic)

Zwar habe man sich in Köln trotz eines Wettbewerbs für ein eher traditionalistisches Modell ausgesprochen, das eigentlich eher das klischeehafte Bild einer osmanischen Moschee bestätige… 

"…aber gut, das ist halt so. Das ist dann auch der Prozess innerhalb eines Wettbewerbs und das muss man dann auch zulassen."

Den Kunsthistoriker Welzbacher wundert das Resultat nicht. Denn…

"…gerade bei dem Versuch des Aufbruchs - wie ich es nenne, wegzukommen von den alten Bildern, hin zum Mut neue Bilder zu entwerfen, die für ein zeitgenössischen in Europa beheimateten Islam stehen können. Bei diesem Aufbruch ist es schwer sich von den alten Bildern zu lösen."

Architektur mit Konfliktpotential

Für viele Muslime in Deutschland ist die Kölner Zentral-Moschee zu neuartig und keine gewohnte osmanische Architektur. In der großen DITIB Moschee in Duisburg sieht es hingegen ganz anders aus. Dort steht mitten im Ruhrgebiet ein Gebäude, das genauso gut in der türkischen Hauptstadt Ankara stehen könnte.

Gläubige haben sich am 09.06.2017 zum Freitagsgebet in der Zentralmoschee in Köln (Nordrhein-Westfalen) versammelt. Es war das erste Freitagsgebet in der neuen Moschee der Türkisch-islamischen Union Ditib. ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Nutzung des Gebetssaals der Kölner Moschee. Foto: Marius Becker/dpa | Verwendung weltweit (dpa)Für viele Muslime zu neuartig: Die Ditib-Zentralmoschee in Köln. (dpa)

Die Moschee-Gemeinden, die in Europa jetzt versuchen neue Bauten zu errichten, die sind ganz stark von den Bildern geprägt, die diese historischen Bauten ausstrahlen und man versucht natürlich dann so gut es geht, diesen Bildern nachzueifern. 

Doch neben diesen Kreisen, die an den klassischen Bildern und Formen festhalten, gebe es gleichzeitig eine jüngere Generation…

"…die sagt 'Aber wir sind doch jetzt hier. Wir sind Deutsche, wir sind Moslems, wir sind aber in der Gegenwart und da müssen wir doch was finden, ohne die Tradition zu verleugnen'."

Die vergangenen Monate, in denen über Moscheen, Verbände und Strukturen gesprochen und geschrieben wurde, waren sehr konfliktreich. Besonders viel Zündstoff bot die türkische Religionsbehörde Diyanet mit ihren Spitzeln unter den Imamen in deutschen Moscheen, oder der kollektive Rücktritt des Bundesjugendverbandes der DITIB. Aber auch der vielbeachtete Report des Journalisten Constantin Schreiber sorge für negative Schlagzeilen. Er warf den Predigern vor, vor der deutschen Gesellschaft zu warnen anstatt für Integration zu werben.

Welzbacher: "Die politische Instrumentalisierung der Moschee-Gemeinden ist tatsächlich ein zentrales Problem. Es betrifft nicht alle Moscheen und es betrifft viele Moscheen in unterschiedlicher Weise, also da muss man sehr genau hingucken, auch im Einzelfall."

Bei seinen Besuchen in den einzelnen Gemeinden habe Christian Welzbacher immer gute Erfahrungen mit offenen Gemeinden gemacht.

"Es gab nie irgendwelche Ressentiments, ich bin oftmals gerade in die sogenannten Hinterhofmoscheen - wenn ich mal eine erblicke, dann gehe ich schnell rein und gucke es mir an und spreche mit den Leuten und die haben nie gefragt 'Was ist denn los? Was bist du denn für einer?' Sie haben immer gesagt 'Komm rein! Was willst du sehen? Willst du einen Tee trinken?'"

Aber noch gehören in Deutschland und anderen europäischen Ländern nur wenige Moschee-Gebäude, meist auch nur in großen Metropolen, zum Bild einer Stadt. Die meisten Moschee-Gemeinden liegen eher verborgen in Hinterhöfen. Hier hat das Gemeindeleben oft eine jahrzehntelange Tradition. 

Erdogans steingewordene Träume

Aber Christian Weizbacher, der Kunsthistoriker und Experte für Moscheearchitektur, beobachtet nicht nur eine neue Entwicklung im Moscheebau in Europa, sondern auch in der Türkei. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nimmt sich dabei die Moscheen der osmanischen Sultane zum Vorbild. Zurzeit lässt er die größte Moschee der Türkei errichten. Als Ort hat er sich dafür den Çamlica Hügel ausgesucht, den höchsten Aussichtspunkt Istanbuls. Rund 40.000 Personen sollen in dieser Moschee Platz finden. Christian Welzbacher hält es allerdings für nicht mehr zeitgemäß, sich ausgerechnet die Moscheen aus der osmanischen Zeit zum Vorbild zu nehmen, weil diese stets auch als Ehrenmal für den Sultan erbaut wurden, der sie in Auftrag gegeben hat.

"Es ist durchaus richtig, dass man sich mit den großartigen Bauten der Vergangenheit identifiziert, zumal es religiöse Stiftungen sind, die wirklich prägend gewesen sind. Wenn man eine große Moschee in Istanbul zum Beispiel nimmt, dann muss man wissen, dass es die religiöse Stiftung eines politischen Herrschers war, eine Sultansmoschee - das ist schon im Begriff natürlich verankert. Die politischen Verhältnisse haben sich verändert, es gibt keinen Sultan mehr."

Recep Tayyip Erdogan scheint also vorzuhaben, sich mit dieser neuen großen Moschee in die Reihe der osmanischen Sultane zu stellen. Diese politisch-religiöse Botschaft würde durchaus zu seinem neo-osmanischen Kurs in der Türkei und dem geplanten Umbau der türkischen Republik passen. Welzbacher hat die neue Moschee genauer unter die Lupe genommen. Sein Urteil ist vernichtend.

"Das Problem an diesem Gebäude ist, dass es natürlich mit den heutigen Mitteln gebaut worden ist - das ist eine Stahlbetonkonstruktion mit einer Natursteintapete davor gesetzt, dass wird sein, dass man wenn man die Moschee dann direkt vergleicht mit den Moscheen, die vor 500 Jahren als massive Bauten in Stein errichtet worden sind, dann sieht man den enormen Qualitätsabfall."

Der Bau einer riesigen Stahlbetonkonstruktion ist für den Experten für Moschee-Architektur in keinen Fall mit den historischen und prächtigen Bauten des osmanischen Reiches zu vergleichen. Es ist eher der peinliche Versuch, sich politisch-religiös auf eine Stufe mit den Sultanen stellen zu wollen. 

Unter den zahlreichen Befürwortern des türkischen Präsidenten in Deutschland gibt es viele, die diese neo-osmanischen Phantasien unterstützen. Ob sich diese Haltung in die Moschee-Architektur in Deutschland auswirkt, ist eine spannende Frage für die Zukunft des deutschen Islam.

Christian Welzbacher: "Europas Moscheen. Islamische Architektur im Aufbruch"
Deutscher Kunstverlag, Berlin 2017. 112 Seiten, 16,90 Euro.

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