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StartseiteKommentare und Themen der WocheDITIB - ein Fall für den Verfassungsschutz21.09.2018

MoscheeverbandDITIB - ein Fall für den Verfassungsschutz

Das Bundesamt für Verfassungsschutz prüft, ob die DITIB-Zentrale in Köln beobachtet werden soll. Es gebe gute Gründe dafür, kommentiert Thorsten Gerald Schneiders, und zwar nicht wegen islamistischer, sondern wegen nationalistischer Bestrebungen des größten Moscheeverbands in Deutschland.

Von Thorsten Gerald Schneiders

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Auf einem Minarett der Moschee der Türkisch-islamischen Union Ditib steht am 06.06.2017 in Köln (Nordrhein-Westfalen) ein goldener Halbmond.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Zentralmoschee der DITIB in Köln (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
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Es ist ein tiefer Fall, den die DITIB da gerade fällt. Vom einstigen Lieblingskind deutscher Politik zum Paria unter den Islamvereinen. Laut NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" soll die Führung des größten Trägers von Moscheen in Deutschland ein Prüffall des Bundesamts für Verfassungsschutz geworden sein. Nach der avisierten Entscheidung im November könnte es somit eine offizielle Beobachtung der Kölner Verbandsspitze mit anschließendem Eintrag in den Verfassungsschutzbericht geben.

Es gibt gute Gründe für diese Entscheidung. Weniger wegen etwaiger islamistischer Bestrebungen, sondern mehr wegen nationalistischer. Der türkische Nationalismus war schon immer Teil der DITIB. Die emotionalen sowie die strukturellen Verbindungen zur Türkei sind bis heute deutlich stärker ausgeprägt als zu Deutschland. Was vor allem daran liegt, dass nach wie vor die erste oder zweite Generation von Einwanderern oder Türken selbst das Sagen im Vorstand haben. Bestrebungen jüngerer Mitglieder, die Deutschland mehr zugewandt sind, werden oft abgewürgt und unterbunden, wie man in vertraulichen Gesprächen mit DITIB-Mitgliedern erfahren kann.

Es ist umsichtig, genauer hinzuschauen

Zuletzt hat sich dieser Nationalismus mit seinen Anleihen islamistischer Ideologien noch deutlich verschärft - parallel zu den Zuspitzungen der politischen Lage in der Türkei. Davon zeugen sowohl die Spitzelvorwürfe gegen vermeintliche Gülen-Anhänger, die vom türkischen Staatspräsidenten Erdogan für den Putschversuch 2016 verantwortlich gemacht werden, als auch die zunehmend radikalere Verteidigung von Erdogans Türkei gegenüber Kritikern durch einfache DITIB-Mitglieder. Angesichts solcher Entwicklungen ist es umsichtig, einmal genauer hinzuschauen.  

Allerdings ist die heutige Haltung der deutschen Parteien zur DITIB etwas wohlfeil. Solange die Türkei noch als laizistisch galt, war alles in Ordnung. Erst mit der Wandlung des Regierungschefs Erdogan zum unverbesserlichen Sultan mit Großmachtsfantasien rückten Union, SPD, Grüne, FDP und Linke von der DITIB ab. Dabei gab es seit Langem viele mahnende Stimmen in Fachkreisen und darüber hinaus. Doch diese wurden stoisch übergangen.

Dieselben Leute klagen nun, ein wichtiger muslimischer Ansprechpartner fiele weg. Nun, liebe Politiker, da seid ihr jetzt eben aufgerufen, Alternativen zu entwickeln. DITIB ist zwar der größte Dachverband, aber auch er vertritt nur einen Teil der Muslime.

Die Liste der DITIB-Verfehlungen ist lang 

Wenig schlüssig ist aber auch, dass manche hier sofort Islamfeindlichkeit wittern. Gewiss gehört zur Wahrheit, dass mit der AfD die Feindlichkeit gegenüber Muslimen zugenommen hat. Und eine Reaktion darauf ist bei manchen türkischstämmigen Mitbürgern die verstärkte Hinwendung zum Heimatland der Vorfahren, was die DITIB wiederum fördert. Aber die Liste der DITIB-Verfehlungen ist nun einmal lang. Zudem sei daran erinnert: Zumindest in Thüringen ist auch die AfD zum Prüffall erklärt worden.

Man muss am Ende jedoch auch vorsichtig sein. Es gibt viele DITIB-Gemeinden, die ehrliche Arbeit leisten. Und auch die Besucher sind in absolut überwiegender Zahl gute deutsche Staatsbürger, die sich an Recht und Ordnung halten.

Der Deutschlandfunk-Redakteur und Islamwissenschaftler Thorsten Gerald Schneiders (Deutschlandradio / priv.)Der Deutschlandfunk-Redakteur und Islamwissenschaftler Thorsten Gerald Schneiders (Deutschlandradio / priv.)Thorsten Gerald Schneiders wurde in Duisburg geboren. Er studierte Sozialpädagogik, Politikwissenschaft, Arabistik und Islamwissenschaft in Münster und absolvierte eine Ausbildung an der Journalistenschule Ruhr in Essen. Er arbeitete mehrere Jahre als Wissenschaflicher Mitarbeiter am bundesweit ersten Lehrstuhl für Religion des Islam und war Vorstandsmitglied am Centrum für Religiöse Studien der Uni Münster. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Fachpublikationen vorgelegt und Fachvorträge im In- und Ausland gehalten. Journalistisch war er unter anderem für die Neue Ruhr Zeitung und die Westdeutsche Allgemeine Zeitung in Essen und die Redaktion ARD aktuelles/tagesschau.de in Hamburg tätig. Heute ist er Redakteur in der Abteilung Zentrale Nachrichten

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