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StartseiteUmwelt und VerbraucherImmer mehr Plastikverpackungen bei Obst und Gemüse15.08.2016

MüllproblemImmer mehr Plastikverpackungen bei Obst und Gemüse

Um die Verpackungsflut einzudämmen, kosten in Supermärkten Plastiktüten inzwischen Geld oder wurden ganz ausgemustert. Doch Plastikhersteller haben andere Absatzwege gefunden: die Obst- und Gemüse-Ecke. Immer häufiger werden dort Produkte in Schalen oder Kartons vorverpackt - die dünnen Tüten für lose Ware verursachen aber weniger Müll.

Von Philip Banse

Lebensmittelabteilung mit Obst und Gemüse (imago/Jochen Tack)
Fast zwei Drittel des Obsts und Gemüses, das Verbraucher kaufen, ist inzwischen verpackt, so der Naturschutzbund Deutschland. (imago/Jochen Tack)
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"Ich würde lieber ohne Plastikverpackungen kaufen, also mit Papiertüten zum Beispiel."

"Die Bananen oder die Orangen – ich versuche, alles nicht eingepackt zu kaufen, aber das fällt mir sehr schwer."

Kein Wunder. Denn fast zwei Drittel des Obsts und Gemüses, das Verbraucher kaufen, ist inzwischen verpackt, sagt Katharina Istel vom Naturschutzbund Deutschland, kurz NABU. Der NABU hat von einer Firma, die das Müllaufkommen auch für die Bundesregierung erhebt, untersuchen lassen, wie viel Obst und Gemüse vorverpackt verkauft wird:

"Das Ergebnis dieser Untersuchung ist, dass dieses Gefühl, was viele Kunden im Supermarkt haben, dass immer mehr Obst und Gemüse vorverpackt verkauft wird, dass das nicht trügt, sondern das 66 Prozent des Gemüses und 60 Prozent des Obstes schon vorverpackt verkauft werden."

Der Kunststoffbedarf für Verpackungen hat zwischen 2000 und 2014 bei Obst um 78 Prozent und bei Gemüse sogar um 164 Prozent zugenommen. Diese Zahlen werden auch von der Lebensmittel-Lobby nicht bestritten. Christian Böttcher vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels:

"Zunächst muss man mal sagen, dass Verpackungen kein Selbstzweck sind, sondern frisches Obst und Gemüse vor Druckstellen bewahren und damit Fäulnis und Verderb vorbeugen. Sie dienen also der Hygiene, aber auch der Sicherheit von Lebensmitteln."

Plastikschalen mit Deckel

Dem widerspricht der Naturschutzbund Deutschland zwar nicht grundsätzlich, Katharina Istel vom NABU argumentiert jedoch, dass die Verpackung völlig anders organisiert werden müsste:

"Wir sehen es als problematisch an, dass immer mehr Obst und Gemüse vorverpackt verkauft werden, weil es oft nicht notwendig ist, es sind also überflüssige Verpackungen."

Als Beispiel nennt Istel Tomaten und Möhren. Fast die Hälfte des Verpackungsmülls bei Gemüse entsteht, weil Tomaten und Möhren aufwendig verpackt werden, etwa in Plastikschalen mit Deckel. Möhren könnten sehr gut ohne Verpackung verkauft werden, ohne, dass sie Schaden nehmen, so der NABU. Auch Tomaten könnten mit weniger Verpackung transportiert und verkauft werden - ohne zu zermatschen. Im Laden könnten Kunden dann alles in hauchdünne Plastiktüten legen, die sogenannten Knotenbeutel, die acht Mal weniger Müll verursachten als eine Plastikschale. Wenn diese dünnen Plastikbeutel recycelt werden, so der NABU, sei deren Ökobilanz auch deutlich besser als die der braunen Papiertüten, deren Herstellung viel Wasser und mitunter auch Chemikalien erfordere. Der Sprecher des Lobbyverbands des deutschen Lebensmittelhandels gesteht, dass Möhren im Prinzip schadlos unverpackt transportiert werden können:

"Stimmt, bei Möhren ist es etwas anders. Wenn sie sich aber die ganzen Angebotsformen im Handel anschauen, dann sehen wir da eine große Vielfalt. Das bedeutet, sie bekommen Möhren sowohl lose einzeln, als auch in einem unverpackten Gebinde mit dem Grünblatt noch dran, sie bekommen Möhren in 750 oder 500 Gramm Packungen, sie bekommen sie aber auch als kleine Möhren, als Mini-Möhren in 300 Gramm Packungen, die dann natürlich auch aufgrund des besseren Transports verpackt werden müssen."

Druckempfindliche Waren

Verpackung also aufgrund der vielen Produkte und des leichteren Transports. Anders sei es bei Tomaten und Trauben:

"Gerade druckempfindliches Beerenobst oder Tomaten brauchen eben diese Verpackungen aufgrund der Schutz- oder Hygienefunktion. Wenn man solche Produkte lose anbietet, müsste man sie mit den Händen oder kleinen Schaufeln aus den Auslagen entnehmen, dann würden auch andere Produkte in Mitleidenschaft gezogen. Das würde auch bedeuten, dass dann mehr Produkte wegschmeißen würde."

Das bezweifelt der Naturschutzbund:

"Es gibt Varianten, wo man Trauben in leichten Beuteln verpacken kann. Und es gibt keine Studien, dass die Trauben, die so verkauft werden, mehr Abfall verursachen als Trauben, die in einer Schale verkauft werden. In Schalen ist es so, dass dann unten eine schimmelige Traube ist und die sieht der Kunde nicht und schmeißt zu Hause alles weg, oder aber die ganze Packung muss schon im Supermarkt entsorgt werden, weil eine Traube schlecht geworden ist."

Der NABU plädiert dafür, Obst und Gemüse ohne Verpackung anzubieten. Kunden sollen dann die leichten Knotenbeutel nutzen oder – noch besser – eigene Beutel und Gefäße mitbringen, um Obst und Gemüse, darin zu transportieren.

"Also, dass wir komplett auf Verpackungen verzichten, das kann ich mir nicht vorstellen", sagt Lebensmittelhandelslobbyist Christian Böttcher. Aber bei der Banane sei es doch auch gelungen, die Verpackungen zu reduzieren, argumentiert der Naturschutzbund. Darauf hat Christian Böttcher keine schlüssige Antwort. Nur so viel:

"Ich denke, dass man bei anderen Produkten natürlich überlegen kann, ob es möglich ist, in Abwägung aller Aspekte, die hier wichtig sind, etwas weniger Verpackung zu benutzen."

Wer schon heute Verpackungsmüll sparen will, kann das natürlich tun: bei Gemüsehändlern, vielen Bio-Läden und Direktvermarktern vor Ort.

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