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StartseiteUmwelt und VerbraucherAufruf zum Plastikfasten18.02.2021

MüllvermeidungAufruf zum Plastikfasten

Plastik verunreinigt die Weltmeere selbst noch in 11.000 Metern Tiefe. Nur durch die Vermeidung werde derzeit ein nachhaltiger Effekt erzielt, skizziert Rolf Buschmann vom BUND. Der Verband ruft deshalb zum Plastikfasten auf.

Rolf Buschmann im Gespräch mit Georg Ehring

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17.10.2020, Schleswig, ein herrenloser, leerer Müllbeutel aus Kunststoff liegt auf dem Bürgersteig zwischen Herbstlaub. (picture alliance / Torsten Sukrow/SULUPRESS.DE)
Der BUND ruft zum Plastikfasten auf (picture alliance / Torsten Sukrow/SULUPRESS.DE)
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Fastenzeit - Zeit des Verzichts. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) nimmt diese Periode zum Anlass und ruft zum Plastikfasten auf. Noch immer werden 50 Prozent des Plastikmülls in Deutschland thermisch entsorgt, was schwer zu Lasten der CO2-Bilanz geht. Darauf weist Rolf Buschmann hin, der beim BUND zuständig für das Thema Plastik ist. 

Als klassisches Beispiel nennt Buschmann die Mineralwasserflasche, bei der eine Mehrwegglasflasche die viel bessere Lösung sei als die Plastikflasche. Problematisch findet Buschmann den Begriff Bioplastik. Das sei eine Scheinlösung. So müsse eine Bioplastiktüte mühsam aus der Biotonne aussortiert werden, sagt Rolf Buschmann.

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Georg Ehring: Warum ausgerechnet Verzicht auf Plastik?

Rolf Buschmann: Wir wissen, dass wir uns eigentlich in einer Art von Plastikkrise befinden. Das heißt, wir finden immer mehr Plastik in den Weltmeeren, an Orten wie im Marianengraben bei 11.000 Metern Tiefe. Das ist schon sehr erschreckend. Und wir kriegen es auf diese Art und Weise anscheinend noch nicht in den Griff. Man prüft sich selbst in der Fastenzeit, ob man auf Sachen verzichten kann. Und ein Versuch ist es, tatsächlich zu lernen, kann ich auf Plastik verzichten und wo ist es für mich so wichtig, dass ich es wirklich brauche. Das soll man jetzt mal 40 Tage austesten.

Ehring: Geht es Ihnen denn da speziell um Verpackungen - die sind ja besonders in der Kritik -, oder ganz allgemein um Kunststoff?

Buschmann: Allgemein, kann man natürlich sagen, hat Kunststoff durchaus seine Berechtigung, wenn es um langlebige Produkte geht und wenn sie dann aber auch gut in einem Kreislauf zu führen sind. Aber wir haben eine große Menge an Verpackungsmaterial. Das hat gerade im letzten Jahr, durch Corona bedingt, noch massiv zugenommen. Und da stellt sich wirklich die Frage, sind das tatsächlich Konzepte, mit denen wir auch weiter arbeiten können. Einwegverpackungen? Sind nicht Mehrwegkonzepte besser und vielleicht auch nachhaltiger?

"Auf Plastiktüten verzichten"

Ehring: Wie mache ich das denn ganz praktisch? Wenn ich sage, das hat mich überzeugt, ich möchte auf Plastik verzichten, wie gehe ich da am praktischsten vor?

Buschmann: Die einfachen Sachen sind die: Auf Plastiktüten zu verzichten, ist einfacher geworden. Sie werden ja auch gar nicht mehr im großen Maße angeboten. Wenn ich eigene Tragesysteme, Taschen, Körbe oder Ähnliches, dabei habe, funktioniert das gut. Ein bisschen herausfordernd ist es immer noch beim Einkauf selber an den Wurst- und Käsetheken. Da muss man auch schon mal nachfragen und sagen, ich brauche eigentlich gar nicht die ganzen Zwischenplastikscheibchen, sondern mir reicht eine Verpackung für alles. Oder ich habe eine eigene Dose dabei.

Ehring: Im Selbstbedienungssortiment gibt es ja auch jede Menge Plastik. Das kann ich aber nicht vermeiden?

Buschmann: Ja! Da ist tatsächlich die Frage, ist das Produkt für mich so essentiell, dass ich es als einzelverpacktes Wegwerfprodukt kaufen möchte. Oder gibt es eine Alternative, die es im Mehrwegsystem gibt. Denken wir an das Mineralwasser. Da gibt es sehr viele Einwegplastikflaschen. Es gibt aber auch Glas- und Mehrwegplastikflaschen. Und dann ist die Mehrweglösung aus Glas natürlich für uns die attraktivere aus BUND-Sicht.

Umweltschaden entsteht auch durch die Verbrennung

Ehring: Plastik ist aber sehr praktisch. Wäre da nicht eine korrekte Entsorgung besser? Der Umweltschaden – den haben Sie auch gerade genannt – entsteht doch, wenn es nach Gebrauch in der Natur oder in den Meeren landet.

Buschmann: Ja, der Umweltschaden entsteht natürlich dann besonders stark, wenn es in der Umwelt landet. Aber wir müssen uns tatsächlich auch mal die Fakten ansehen und ich verweise da gerne auch noch mal auf den Plastikatlas, den wir gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung 2019 veröffentlicht haben. Der ist immer noch aktuell. Dort kann man sehr gut sehen, dass von dem, was wir sammeln, tatsächlich immer noch über 50 Prozent letztendlich thermisch verwertet werden. Das heißt, es wird verbrannt. Bei einer Rohstofflage, die immer noch stark fossil ist, tragen wir damit auch weiter dazu bei, dass unser CO2-Ausstoß erhöht wird und das Klima sich verschlechtert. Von daher: Reduktion von fossilen basierten Werkstoffen ist tatsächlich ein Schritt auch zum Umweltschutz.

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Ehring: Dauerhaft auf Plastik zu verzichten, das heißt ja mehr Glas und mehr Blech unter Umständen. Ist das denn wirklich besser? Das ist doch schwerer.

Buschmann: Genau. Das ist natürlich richtig. Auch die Alternative, einfach Pappe und Papier immer als Alternative zu sehen, ist auch nicht immer die richtige Lösung. Es geht tatsächlich nur dann, wenn wir auch über regionale Systeme und über Pool-Systeme nachdenken. Wir kennen alle die Pool-Glasflasche für Mineralwasser. Wenn die im regionalen Kreislauf läuft, ist das Mehrwegsystem ökologisch gesehen, auch in der Bilanz einer Einwegplastikflasche überlegen. Ähnliche Systeme gibt es auch oder könnten wir uns überlegen für andere einwegverpackte Lebensmittel. Das heißt Pool-Gläser, die regionale Produkte dann auch im Pfandsystem abpacken. Das wäre dann tatsächlich eine ökologische Variante. Wenn wir aber unser Produkt aus Übersee haben wollen, dann ist es leider so, dass es immer noch in Plastik verpackt wird.

Bioplastik ist "Scheinlösung"

Ehring: Ist denn Bioplastik eine Alternative?

Buschmann: Da muss man noch mal ganz deutlich sagen: Da ist schon der Begriff Bio eigentlich nicht richtig, weil wir unter Bio ja eigentlich auch erwarten würden, dass es sich um nachhaltig und pestizidfrei angebaute Produkte handelt. Wir haben da in der Regel Mais oder Zuckerrohr als Basis. Und die sind ökologisch gesehen leider in Massenproduktion pestizid- oder gentechnisch verändert hergestellt. Wir sprechen von biobasiert, wenn es nachwachsende Rohstoffe sind. Das ist ein Zielkorridor, auf den wir zuarbeiten müssen. Biokompostierbar ist leider momentan bioabbaubar in unseren Sammelsystemen nicht funktionabel. Wenn Sie eine Bioplastiktüte in den Kompost schmeißen oder in die Biotonne, muss die mühsam aussortiert werden.

Ehring: Das heißt, das ist dann aus Ihrer Sicht auch keine Alternative?

Buschmann: Das ist momentan noch eine Scheinlösung und leider, was das bioabbaubare Material betrifft, in unserem Sammelsystem und den Strukturen bisher nicht vernünftig zu verwerten.

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