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StartseiteSport am WochenendeMünchen 197201.09.2012

München 1972

Olympische Spiele mit zwei Gesichtern

Vor 40 Jahren fanden letztmalig Olympische Spiele in Deutschland statt. Viele Sportler und Zuschauer erinnern sich an die Spiele von München, die am 26. August 1972 eröffnet wurden. Damals war Leichtathletik als Olympische Kernsportart sehr populär. Und einige deutsche Athleten avancierten zu Publikumslieblingen bei den zunächst fröhlichen Münchner Spielen. Am 5. September jedoch wurde das weltgrößte Sportfest des Jahres schlagartig überschattet von einem palästinensischen Terroranschlag.

Von Gerd Michalek

Renate Stecher (links) unterliegt 1972 in München knapp der westdeutschen Läuferin Heide Rosendahl (picture alliance / dpa)
Renate Stecher (links) unterliegt 1972 in München knapp der westdeutschen Läuferin Heide Rosendahl (picture alliance / dpa)
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"Im Namen aller Wettkämpfer gelobe ich, dass wir im fairen Wettstreit an den Olympischen Spielen teilnehmen und die für sie geltenden Regeln achten und befolgen werden."

Die Leichtathletin Heidi Schüller sprach als erste Frau überhaupt den Olympischen Eid. Die Spiele von 1972 sollten ein weltoffenes Deutschland zeigen. Ein Kontrapunkt zu den Sommerspielen der Nazi-Zeit 1936. So der Präsident des Nationalen Olympischen Komittees, Willi Daume:

"Es war der Gedanke, es wäre eine gute Gelegenheit, der ganzen Welt zu zeigen, dass das jetzt ein anderes Deutschland ist als das von 1936 bei den Spielen von Berlin, also ein friedliches, ein gastfreundliches Deutschland!"

Die Spiele von München entfachten bei Zuschauern und Athleten große Euphorie. Von ihr ist der ehemalige Mittelstreckenläufer Paul Heinz Wellmann noch heute beeindruckt:

"Ganz präsent ist mir der Vorlauf, ich war ja auch erst 20 Jahre alt und ganz jung. Das waren meine ersten großen Meisterschaften und wenn man dann ins Stadion kommt, ins volle Olympiastadion, und plötzlich hört, dass die Menschen deinen Namen rufen. "Hallo mach`s gut, renn gut!" Das hat mich sehr beeindruckt, und hat einen auch gepushed. Und ich hatte eigentlich gar nicht gedacht, ins Finale zu kommen."

Schließlich wurde Wellmann im 1500-Meter-Finale guter Siebter. Ebenso angefeuert von den Landsleuten sorgte eine 16jährige Gymnasiastin für die Riesenüberraschung:

"(Live-Kommentar des Hochsprungs) Jetzt wieder das kleine nach hinten Zurückweichen, und jetzt der schnelle Anlauf – jetzt wird er noch schneller, die Drehung, der Absprung! Sie hat es geschafft, sie hat es geschafft. Ulrike Meyfahrt aus Wesseling!"

Mit ihrem 1,92 Meter-Sprung stellte Meyfahrt zugleich den Weltrekord ein. Und sie schrieb Sportgeschichte! Bis heute gilt sie als jüngste Leichtathletik-Olympiasiegerin in einer Einzeldisziplin.

"Das lief ab wie ein Film, ich stand neben mir, und habe es selbst nicht glauben können, es war nicht nur für die Fachwelt überraschend, sondern auch für mich."

Neben ihr avancierte auch Heide Rosendahl zum Publikumsliebling. Die 25-jährige Leverkusenerin – mit den Markenzeichen Nickelbrille und Ringelsocken - bestach nicht nur im Weitsprung, den sie mit 6,78 Meter gewann:

"(Live-Kommentator) Goldmedaille für Heide Rosendahl! Ein Schrei, ein Jubelsturm geht durch das Stadion!"

Rosendahl entschied auch das Prestige-Duell in der 4mal 100-Meter-Staffel gegen die Schlussläuferin der DDR-Staffel Renate Stecher für das BRD-Quartett. Im Speerwerfen gewann Klaus Wolfermann das Duell mit seinem sowjetrussischen Freund Janis Lusis um Haaresbreite: 90,48 Meter zu 90,46 Meter standen am Ende auf der Anzeigetafel. Die meisten Siege der Spiele hingegen holte ein US-amerikanischer Schwimmer.

"Vorne Mark Spitz, der hier sieben Goldmedaillen gewinnen will. Mark Spitz - noch drei vier kräftige Züge. Dave Spitz schlägt an, Entschuldigung – Mark Spitz! Spitz erster - mit neuer Weltrekordzeit!"

Mit einem Schlag jedoch verflog die fröhliche Olympia-Stimmung. Nur wenige Stunden nach ihrem Goldsprung vom 4. September erlebte Ulrike Meyfahrt das Attentat palästinensischer Terroristen, die im Olympischen Dorf israelische Geisel nahmen:

"Das war eine Mischung der Gefühle, von einem Extrem ins andere, von himmel-hoch-jauchzend bis zu Tode betrübt. Da habe ich auch gedacht - so im Nachhinein kann man sagen, dass es menschlich ist, dass man solche Vorfälle verdrängt und sich der guten Dinge erinnert."

Der Münchner Terroranschlag endete blutig: Bei dem Befreiungsversuch der Polizei wurden elf israelische Geisel und ein Polizist getötet. Die Wettkämpfe wurden unterbrochen.

Alle Sportler mussten nach dem 5. September mit einer ähnlichen Gefühlslage wie Ulrike Meyfarth klarkommen. Doch die Frage, ob abbrechen oder weitermachen, wurde von IOC-Präsident Avery Brundage klar entschieden:

"The Games must go on!"

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