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StartseiteInformationen am Morgen"Horst! Du alter Abgewrackter!"13.03.2019

Münchner "Derblecken""Horst! Du alter Abgewrackter!"

Mit dem "Derblecken", der traditionsreichen Abrechnung mit der Politprominenz auf dem Münchner Nockherberg, wird in Bayern die Starkbier-Saison eröffnet. Ob Horst Seehofer, Andreas Scheuer oder Andrea Nahles - alle bekamen sie in diesem Jahr "ihr Fett weg".

Von Michael Watzke

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Szene aus aus dem Singspiel auf dem Nockherberg (dpa/ Tobias Hase)
Christoph Zrenner in der Rolle des Bundesinnenministers Seehofer und Antonia von Romatowski in der Rolle der Bundeskanzlerin Merkel auf dem Nockherberg (dpa/ Tobias Hase)
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Derbleckn, überbayerisch

Gestern Abend auf dem Münchner Nockherberg: Endspiel zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer.

"Wer ist der Mann, der mir stets auf Wecker, Keks und Senkel geht? Horst! Du alter Abgewrackter!"

Die Kanzlerin rechnet mit ihrem Innenminister ab: "Ohne Dich, Du Ingolstädter Wurst, ohne Dich wär’s alles super, Horst! Ohne Dich hätt‘ ich mal meine Ruh‘ – das, was mich nervt, bist Du!"

Norgauer alias Nahles im roten bademandel auf der Bühne (dpa/ Tobias Hase)Nikola Norgauer in der Rolle der SPD-Bundesvorsitzenden Nahles tritt beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg beim Singspiel auf. (dpa/ Tobias Hase)

Humor auf derbe Art: Da wird Horst Seehofer zur Ingolstädter Wurst, Gregor Gysi zum Berliner Schluckspecht, Verkehrsminister Scheuer wird zum…

"… Autoschmuser Andi!" Und SPD-Chefin Andrea Nahles mutiert zur sado-masochistischen Wuchtbrumme:  "Ey liebe Leute – wir setzen jemanden in die volle Wanne, werfen den Fön rein – und wenn er‘s überlebt…" / "… hat er wirklich Dusel!" / "Meeega!"

Gaga-Singspiel auf Schenkelklopfer-Niveau

Geht’s noch? Willkommen beim Derblecken, das mal eine traditionsreiche Abrechnung mit der bayerischen Politprominenz war, aber dann zum durchgeknallten Gaga-Singspiel auf Schenkelklopfer-Niveau mutierte.

"Ich bin sogar im Parlamentskreis-Pferd. Hab' auch eins zum Geburtstag bekommen. War lecker, haha!"

Aufgenommen beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg. (dpa/ Tobias Hase)Hubert Aiwanger (Freie Wähler, 2.v.l), stellvertretender Ministerpräsident von Bayern, sein Double Florian Fischer (l), Markus Söder (CSU, M), bayerischer Ministerpräsident, sein Double Stephan Zinner (r) und Gerd Lohmeyer (2.v.r) als "Das Dusel" (dpa/ Tobias Hase)

Klopf, klopf. Witz komm' raus, Du bist umzingelt!  Live übertragenes TV-Bauerntheater zum Fremdschämen.  Im Mittelpunkt: CSU-Chef Söder als "Hans im Glück", als Massel-Markus mit bundespolitischen Ambitionen.

"Tschacka tschacka, da kriegt man gleich Phantasie und richtig Bock auf die Kanzlerschaft!"

Bayerische Prominenz im Publikum

Im Publikum: vor allem bayerische Gäste. Stoiber neben Hoeneß, Claudia Roth neben Hans-Peter Friedrich. Bundesprominenz: Fehlanzeige. Andrea Nahles hatte kurzfristig abgesagt, dafür saß SPD-Generalsekretär Klingbeil am Biertisch, neben SPD-Europawahl-Kandidatin Barley.

 "Katharina Barley hat jetzt gefordert, dass Jugendliche mit 16 wählen dürfen. Lieber Markus, da wird sich in Bayern nichts ändern. Du schaust einfach, dass Du den Wahltag künftig auf einen Freitag legst,  da sind die 16-Jährigen beim Demonstrieren."

Maximilian Schafroth ist das: Schauspieler, Kabarettist und der neue Fastenprediger auf dem Nockherberg. Der junge Allgäuer müht sich redlich. Jede Partei kriegt ihr Fett weg – von der CSU bis zu den Linken:

"Dietmar Bartsch, wo ist er? Servus! Du scheißt Dich auch nix, oder? Fliegt Business Class von Berlin runter, lümmelt sich in den Stuhl rein und lässt sich vom Klassenfeind das Bier zahlen!"

Schlimmer ist es, ungenannt zu bleiben

Die Derbleckten – also die verspotteten Politiker – lachen und jauchzen vor Freude darüber, dass sie Erwähnung finden. Schlimmer ist es, ungenannt zu bleiben. Wie CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, deren Name nur einmal fällt, als Telefon-Sidekick des Angela-Merkel-Doubles:

"Annegret, Du kannst doch Kanzlerin! Ja na und? Ich hab‘ doch auch kein Charisma!"

Interessant war, wer nicht auf den Nockherberg pilgerte: Christian Lindner schickte Wolfgang Kubicki, AKK schickte Armin Laschet  – und Bundes-Innenminister Horst Seehofer ließ sich gar nicht blicken:

"Ich find’s schade. Diese entsetzliche Lücke! Lieber Horst, wir wissen doch alle: Du schaust jetzt gerade zu, daheim mit dem Oettinger Dosenbier!"

Schwer vorstellbar, dass der CSU-Ehrenvorsitzende Seehofer tatsächlich trauerte, seinem Double im Singspiel nicht dabei zuzusehen,  die eigene Unsichtbarkeit zu beklagen.

"Alle behandeln mich wie Luft! Ignorieren die mich? Das kann doch nicht sein! Ich bin doch Horst Seehofer!"

Hofnarren, die den Adel erheitern sollen

Der seltsamste Teil des Nockherberg-Spektakels aber kommt, wenn Reporter des Bayerischen Rundfunks die derbleckten Politiker nach der Veranstaltung fragen, wie sie’s denn fanden? Ob sie zufrieden waren mit der Leistung der Komiker – als seien diese Hofnarren, die den Adel erheitern sollen. Kabarettist Schafroth, der als erster Bußprediger auf die traditionelle Verkleidung als Mönch verzichtete, bekam lauter gute Noten von links bis rechts. Wie ein Schüler nach dem Diktat.

"Ich fand’s großartig. Mich hat’s überzeugt, wirklich!" / "Mir hat am besten gefallen, dass er so allgäuerisch war. Seine liebevolle Art. So Anti-Macker-mäßig, würde ich jetzt im Grünsprech sagen. Großartig!" / "Wunderbarer Vortrag, war begeistert. Engagiert vorgetragen. Tolle Leistung!" / "Ich fand’s vom Gesamt-Eindruck gelungen. Glückwunsch Maxi!" / "Großartig! Wie sagt der Franke? Subba!"

Subba - ein solches Lob aus dem Munde des Ministerpräsidenten müsste einen politischen Kabarettisten fürchterlich wurmen. Aber auf dem Münchner Nockherberg gelten andere Regeln. Maxi Schafroth hatte als Ziel ausgegeben:

"Idealfall wäre, dass die Politiker am Abend alle heimgehen, sich zuhause in der Mediathek nochmal ansehen und denken: Verdammt, ich hab‘ da gelacht! Warum hab‘ ich das gemacht?"

Eine gute Frage, die sich gestern Abend bisweilen auch der Bayernkorrespondent des Deutschlandfunks stellte. Bei Pointen wie dieser:

"Wir haben den Armin Laschet da. Armin, Grüß Gott! Bist Du muskulär in der Lage, den schweren Krug zu heben? Ihr seid’s daheim ja kleinere Gefäße gewohnt. ‚Mensch, bin ich betrunken!‘ Das macht richtig Spaß!"

Darauf ein Prosit der Vergnüglichkeit!

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