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StartseiteKommentare und Themen der WocheDisruptive Zeiten brauchen neue Antworten15.02.2019

Münchner SicherheitskonferenzDisruptive Zeiten brauchen neue Antworten

Deutschland und Europa müssten in vielerlei Hinsicht umdenken, kommentiert Bettina Klein. Auch die deutsche Öffentlichkeit müsse beginnen, Realitäten zur Kenntnis nehmen, die sich etwa aus dem Ende des INF-Vertrags ergeben. Dafür müsse auch die Politik aus eingefahrenen Gleisen herauskommen.

Von Bettina Klein

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(190215) -- MUNICH, Feb. 15, 2019 (Xinhua) -- Munich Security Conference Chairman Wolfgang Ischinger makes his welcoming remarks at the opening ceremony of the 55th Munich Security Conference (MSC) in Munich, Germany, on Feb. 15, 2019. The 55th Munich Security Conference (MSC) kicked off here Friday, focusing on global order reshuffle. (Xinhua/Lu Yang) GERMANY-MUNICH-MSC-OPENING PUBLICATIONxNOTxINxCHN (imago / Xinhua)
Zum Auftakt der Münchner Sicherheitskonferenz zeigt sich deren Leiter Wolfgang Ischinger in einem pro-europäischen Kapuzenpulli (imago / Xinhua)

"Disruptiv – disruptive" heißt das neue Modewort, das mal mit störend übersetzt, meistens auf den Politikstil des US-Präsidenten bezogen wird und meistens negativ gemeint ist. Im Kern bedeutet es eine überraschende Unterbrechung gewohnter Abläufe. Von diesen Unterbrechungen, wenn nicht Abbrüchen, hat es in den vergangenen Jahren zu viele gegeben. Vielleicht ist es Zeit, den Begriff ins positive, wenigstens neutrale zu wenden.

Der deutsch-französische Motor zum Beispiel weigerte sich, die Münchner Sicherheitskonferenz anzutreiben. Mag die Absage von Emanuel Macron für einen gemeinsamen Auftritt mit der deutschen Kanzlerin streng innenpolitisch motiviert sein: Wenn es ihm wichtig genug gewesen wäre, hätte Emanuel gewiss ein paar Stunden Zeit für Angela gefunden.

Starkes Symbol für Europa

Doch völlig unabhängig von der Begründung: Die Abwesenheit dieses vermeintlich starken Symbols für Europa ist selber ein Symbol. Die Probleme sind längst größer und vielfältiger, als dass sie sich allein durch eine Achse Paris/Berlin lösen ließen. So kam Wolfgang Ischinger, dem so viel daran liegt, ein Signal der Einheit und Stärke Europas von München aus zu senden, selbst auf eine disruptive Idee: Statt in Anzug und Krawatte trat der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz im Kapuzenpulli vor das Publikum. Knallblau mit Europa-Sternen. In diesem Rahmen einigermaßen ungewöhnlich. Subversiv für einen guten Zweck, könnte man sagen. Auch ein starkes Symbol.

Deutschland und Europa müssen in vielerlei Hinsicht umdenken und in manchem ist der Anfang gemacht. Europa will die eigene Verteidigungsfähigkeit stärken - im Rahmen der Nato.

Auch die hochkomplizierten Dinge haben einen einfachen Kern: In welcher Welt wollen wir leben und wie verteidigen wir unsere Werte, wenn die gewohnten Kräfte sie vielleicht nicht mehr selbstverständlich schützen? Ohne transatlantisches Bündnis ist das im Augenblick undenkbar.

Phase eines brutalen Realitätschecks

Angesichts der jüngsten Entwicklungen muss auch die deutsche Öffentlichkeit beginnen, die Realitäten zur Kenntnis nehmen. Gerade nach dem Ende des INF-Vertrages ist etwa die Frage: Wer garantiert für die Aufrechterhaltung der freien demokratischen Gesellschaften, wenn sich kein Atomschirm mehr dafür findet? Was, wenn die USA sich tatsächlich eines Tages daraus zurückziehen?

Wir steuern auf eine Phase eines brutalen Realitätschecks zu, die die nächsten Monate und Jahre anhalten wird. Aus der Ruhe aufgeschreckt, müssen wir auch in Politik und Diskussion aus den eingefahrenen Gleisen herauskommen.

Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)Bettina Klein ist Korrespondentin des Deutschlandradio im Studio Brüssel. Zuvor war sie seit 2004 Moderatorin und Redakteurin der aktuell-politischen Sendungen im Deutschlandfunk, davor im Deutschlandradio Kultur. Korrespondentenvertretungen in Washington. Recherche-Jahr in den USA. Volontariat im RIAS Berlin und Studium der Fächer Religionswissenschaften, Geschichte und Politik.

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