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StartseiteKultur heuteMüßiggang und Sklavenarbeit11.11.2013

Müßiggang und Sklavenarbeit

"Leonce und Lena" und "Metropolis" am Schauspiel Bonn

In der Bühnenfassung von dem Film "Metropolis" am Bonner Schauspiel geht es um den Menschen, Maschinen und die Arbeit. Für die Inszenierung "Leonce und Lena" in Bonn hat Knarf Rellöm Büchner-Passagen dem Werk und aus dem "Hessischen Landboten" vertont - wie eine Anti-Arbeits-Revue.

Von Christiane Enkeler

Undatiertes Archivbild des deutschen Schriftstellers Georg Büchner (1813-1837) (picture alliance / dpa)
Undatiertes Archivbild des deutschen Schriftstellers Georg Büchner (1813-1837) (picture alliance / dpa)
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Theater Bonn

"Dummköpfe seid ihr! In euren Morgen, euren Mittag, euren Abend, eure Nacht schreit Metropolis nach Futter! Ihr seid das Futter! Ihr seid das Futter! Ihr seid das lebendige Futter, euch frisst Metropolis wie Häcksel und speit euch wieder aus!"

Sie ist, gelinde gesagt, etwas verworren, diese Bonner Bühnenfassung von "Metropolis", nach dem Roman von Thea von Harbou und dem Film von Fritz Lang. In dem ein Großteil der Menschen in den Rhythmus und die Geometrie von Arbeit gepresst wird. In dem ein Sohn der herrschenden, viel Muße genießenden Schicht in den geradezu versklavten Arbeitern seine "Brüder" erkennt. In dem eine Mensch-Maschine zum mystisch-teuflischen Abbild einer geliebten Frau wird und die Massen aufrührt. Am Ende steht der Held als "Mittler" zwischen Hirn und Hand, als Herz.

Nun ja. Der Film lebt von seinen Bildern. Und genau für die müssen auf der Bühne andere gefunden werden. "Metropolis" ist eine schwer lösbare Theater-Aufgabe.

"Den Mann kann ich brauchen. – Weil er vier andere erspart. – Ja, aber auch, weil er die Arbeit von vier anderen als Lust empfindet. Weil er sich in die Arbeit verkrampft – lustvoll verkrampft wie in ein Weib."

Die Welt hat sich weitergedreht seit 1927, inzwischen reichen die Maschinen weit ins Menschliche hinein, was Ersatzteile, Gedächtnis, Überwachung angeht. Andererseits ist Entfremdung, wie Lang sie noch inszeniert, einer ständigen Selbst-Inszenierung gewichen, überlegt der Dramaturg im Programmheft. Folgerichtig (und plakativ) reicht hier die Maschine dem Menschen den Schöpfungsfingertipp nach dem Vorbild von Michelangelos "Erschaffung Adams". Folgerichtig (und doch widersprüchlich) arbeiten die Bonner mit kunstvoll nach dem Vorbild der Darsteller gestalteten Puppen. Das Spiel damit gerät allerdings selten organisch und wenn es doch einmal geschieht – bricht die Regie von Jan-Christoph Gockel diese wie andere mühsam aufgebaute zarte Stimmungen mit einem Schrei, einem Wand-Durchbruch oder sonstigen Unsensibilitäten. Am Ende rebooten alle das System, starten also noch mal neu, indem sie in Fellen um einen Baum tanzen und buchstäblich das Rad neu erfinden?!? Das ist jedenfalls das Schlussbild, bevor sich die Bühne hinten wieder schließt.

"O meine müden Füße, ihr müsst tanzen
In bunten Schuhen.
Und möchtet lieber tief, tief
Ganz tief im Boden ruhen."

Andererseits zeigt die "Leonce-und-Lena"-Inszenierung am Vorabend mit ihrem Schwerpunkt auf dem Thema "Arbeit", was das für ein Wochenende hätte werden können! Knarf Rellöm führt als Musikant ein und von Szene zu Szene weiter. Er vertont Büchner-Passagen aus Leonce und Lena, aber auch aus dem Hessischen Landboten. Mit "Wicked Game" und von den Einstürzenden Neubauten "Stella Maris" kommen weitere Songs dazu, und überhaupt gestaltet das neue Hausregie-Duo Biel/Zboralski das Büchner-Werk wie eine Anti-Arbeits-Revue mit einem riesigen, umgekippten "P" als Bühne auf der Bühne, dem Anfangsbuchstaben des Königs "Peter" vom Reiche "Popo", aus lauter Glühbirnen, die für unterschiedliche Stimmungen sorgen können. Jeder Monolog eine Nummer, ein großer Auftritt. Dabei kitzelt das Team hintergründig und lustvoll viel Büchner-Witz aus dem Text und findet neuen dazu: Sören Wunderlich hält als Valerio eine betrunkene und dennoch darstellerisch geschickt ausbalancierte Rede mit Anteilen aus Manifesten der Hedonistischen Internationalen und der Glücklichen Arbeitslosen – ein weiser Narr. Die Rollen sind zusammengestrichen, der Text klug verteilt. Nur passagenweise wirken die Schauspieler-Improvisationen zu dick aufgetragen, und die beiden Faktoten "Philippe" und "Pierre" bekommen ein bisschen zu viel Raum.

"Das Leben der Bauern ist ein langer Werktag, das Leben der Reichen ist ein langer Sonntag ..."

Wie viel Potenzial doch in manchem Mitglied des neuen, sehr jungen Bonner Ensembles steckt, das mit erkennbarer Lust und Frische seine Aufgabe gestartet hat! Vielleicht müssen sich Spiel und Programmgestaltung einfach erst einpendeln.

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