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StartseiteForschung aktuellMütter sind wichtiger als Gene12.12.2007

Mütter sind wichtiger als Gene

Erziehung kann eine genetische Nachteile von Primaten ausgleichen

Wie wichtig war das soziale Verhalten für die Evolution des Menschen? Diese Frage ist ein wichtiges Thema auf den 6. Freilandtagen am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. Leblose Überreste unserer Vorfahren geben darüber nur wenig Auskunft. Das Verhalten von Affen, unseren nächsten Verwandten, könnte allerdings Erklärungen liefern.

Von Kristin Raabe

Dass im Laufe von Millionen von Jahren aus Affen schließlich Menschen wurden, ist wohl nicht nur den Genen zu verdanken.  (AP)
Dass im Laufe von Millionen von Jahren aus Affen schließlich Menschen wurden, ist wohl nicht nur den Genen zu verdanken. (AP)
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Die Gesetze von Mutation und Selektion bevorzugen immer die Lebewesen, deren Gene am besten an die jeweilige Umgebung angepasst sind. Dass im Laufe von Millionen von Jahren aus Affen schließlich Menschen wurden, ist aber nicht nur den Genen zu verdanken. Da ist sich der Amerikaner David Bjorklund von der Florida Atlantic University ganz sicher:

" Aspekte des menschlichen Verhaltens können Heranwachsende in einer Art und Weise verändern, die es ihnen ermöglicht, neue Nischen zu erobern. Und das trägt dann zur weiteren Evolution einer Spezies bei. Das steht nicht unbedingt im Gegensatz zu Darwins Evolutionstheorie. Aber es bedeutet, dass das, was einem Individuum während seiner Lebensspanne passiert, die Entwicklung und die Evolution einer Spezies beeinflussen kann. "

Der amerikanische Psychologe glaubt, dass das Verhalten von Müttern die sozialen Fähigkeiten ihres Nachwuchses nachhaltig beeinflusst. Und dass diese Flexibilität im Verhalten für die Evolution des Menschen von großer Bedeutung war. Um dieser Frage nachzugehen, hat David Bjorklund Schimpansen studiert, die von Menschen großgezogen wurden.

" Ihre Mütter oder ihre Eltern sprechen mit ihnen, sie lesen ihnen etwas vor, erklären ihnen Dinge und teilen Informationen mit ihnen. Das sind alles Sachen, die Schimpansenmütter in freier Wildbahn niemals tun würden. "

David Bjorklund und einige andere Arbeitsgruppen haben untersucht, wie sich die veränderte Erziehung auf die herangewachsenen Schimpansen ausgewirkt hat.

" Sie unterscheiden sich tatsächlich. Im sozialen Lernen sind sie viel besser, und auch wenn es um das Lernen durch Imitation geht. Sie können Handlungen auch dann noch nachmachen, wenn es schon eine Weile her ist, dass sie sie gesehen haben. Da sind sie drei- und vierjährigen Kindern viel ähnlicher als anderen Schimpansen, die von Schimpansenmüttern großgezogen wurden. Offenbar sind die Gehirne von Schimpansen so plastisch, dass sie wesentliche Aspekte ihrer sozialen Kognition verändern können. Höchstwahrscheinlich verfügten unsere Vorfahren auch über diese Fähigkeit, und Mütter waren die wesentliche Quelle für solche Verhaltensänderungen. "

Mittlerweile gibt es auch Berichte von freilebenden Schimpansen, die David Bjorklunds These stützen. Dort wurden Schimpansenmütter beobachtet, die ihren Nachwuchs im Nüsseknacken unterrichten. Es sind immer einzelne "Einstein-Mütter", die über diese Fähigkeit verfügen und sie an ihren Nachwuchs weitergeben. Dabei scheinen die Weibchen die besseren Lehrlinge zu sein. Männchen wurden niemals dabei beobachtet, wie sie Jungtieren etwas beibrachten.

Studien mit Rhesusaffen haben deutlich gezeigt, dass bestimmte Verhaltensweisen von Müttern - unabhängig von den Genen - über Generationen weitergegeben wurden.

" Der Nachwuchs von guten, fürsorglichen Müttern war freundlich, er reagierte angemessen auf Stress und zeigte insgesamt nur sehr wenig aggressives Verhalten. Wenn man den Nachwuchs von schlechten Müttern von den fürsorglichen Müttern aufziehen lässt, sind diese jungen Rhesusaffen ebenfalls weniger aggressiv und reagieren nicht so empfindlich auf Stress. Wenn die Weibchen dann selbst Mütter werden, erziehen sie ihren eigenen Nachwuchs auf dieselbe Weise, wie ihre Stiefmütter sie erzogen haben. "

Tatsächlich beeinflusst das Verhalten sogar die Gene, wie weitere Experimente mit den Rhesusaffen zeigen.

" Wenn wir ein Jungtier nehmen, das aufgrund seiner Gene empfindlich auf Stress reagiert, und es von einer fürsorglichen Stiefmutter aufziehen lassen, dann ist dieses Tier später Stress gegenüber viel toleranter und lange nicht so aggressiv. Gene können also mit dem Erziehungsstil der Mutter interagieren. Die Erziehung kann eine schlechte genetische Ausstattung wieder ausgleichen. Und das sieht man auch an der Konzentration von Stresshormonen im Blut dieser Tiere. Auch das wird über Generationen hinweg weitergegeben. "

Das fürsorgliche Verhalten der Mutter führt vermutlich dazu, dass die Stressgene nicht so stark aktiviert werden. Vielleicht sind also Affen und Menschen im Laufe der Evolution nur deswegen so erfolgreich gewesen, weil ihr hoch entwickeltes Sozialverhalten es erlaubt, das ein oder andere schlechte Gen auszugleichen.

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