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StartseiteHintergrund Wirtschaft (Archiv)Multiplexe in der Krise27.01.2002

Multiplexe in der Krise

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Andreas Baum

Die Entwicklung der Multiplexe in Deutschland könnte eines Tages Ökonomiestudenten als Lehrbeispiel dafür dienen, wie sich eine Branche trotz steigender Nachfrage in die Krise manövriert. Denn eigentlich wird Kino in Deutschland immer populärer. Noch 1991 ging der durchschnittliche Deutsche 1,5 mal pro Jahr ins Kino. Im Jahr 2000 waren es 1,9 mal pro Jahr. Noch deutlicher ist dieser Trend in den Neuen Bundesländern. Hier stieg der durchschnittliche Kinobesuch im vergangenen Jahrzehnt von 0.8 auf 1,8 mal. Obwohl Kino "in" ist, klagt die Branche seit etwa zwei Jahren über Verluste. Und Multiplexe sind besonders betroffen. Offenbar wirkt hier ein längst erkanntes ökonomisches Prinzip: Das jedenfalls behauptet Andreas Crüsemann, Distriktleiter Ost der CineMaxx-Gruppe.

In der Volkswirtschaft nennt man das das Schweinebauch-Prinzip, es gibt eine große Nachfrage, nämlich seitens Besuchern, auch seitens Filmproduzenten, die ja ganz tolle Filme produziert haben, und da haben plötzlich ganz viele Leute unheimlich viele Kinos gebaut. Und dann merkte man plötzlich in den letzten vier Jahren, vor vier Jahren hat es unsere Gruppe das erste Mal bemerkt, dass dann doch nicht so viel Nachfrage besteht, sprich: In Deutschland sind nicht plötzlich doppelt oder drei mal so viele Leute ins Kino gegangen, sondern es hat sich ganz leicht gesteigert, von 1,7 Besuche pro Kopf im Jahr pro Einwohner auf 1,8 Besuche pro Kopf, pro Jahr.

Die Cinemaxx-Gruppe bezeichnet sich selbst als Marktführer in Deutschland. Folgt man einer Erhebung der bundeseigenen Filmförderungsanstalt, so betrieb die Gruppe im Juli 2001 31 Multiplexe mit 281 Sälen und fast 76.000 Plätzen in ganz Deutschland. Zweitgrößter Multiplexbetreiber ist nach diesen Zahlen Cinestar mit 25 Großkinos und 56.000 Sitzplätzen. Dritter unter den Großen ist die Kinowelt-Tochter Village. Sie betreibt 16 Multiplexe mit 34.000 Plätzen.

Die Multiplexe sind ein Phänomen der neunziger Jahre. 1990 wurde das erste eröffnet, es hatte 14 Kinosäle. Im Sommer 2001 gab es 131 Multiplexe mit insgesamt 1.189 Sälen. Obwohl die deutschen Kinobesucher heute viel filmfreudiger geworden sind als noch vor 12 Jahren, haben sie die Hoffnungen der Branche nicht erfüllt. Eigentlich hatten Experten prophezeit, dass die Anzahl der Kinobesuche mit dem Angebot mitwachsen würde, ähnlich wie in anderen europäischen Ländern. Andreas Crüsemann:

Diese These, dass mit mehr Leinwänden mehr Besucher kommen, stimmt, zeigen andere Länger wie England zum Beispiel, wo der pro-Kopf-Besuch auf 2,6 hochgeschnellt ist, obwohl er auf einem ehemals gleichen Niveau wie in Deutschland war. In Frankreich stieg er auf 2,4, in Benelux, Spanien ähnlich hoch. Die Deutschen haben sich als relativ resistent dargestellt, obwohl unsere Filmtheater anerkanntermaßen technisch die besten auf der Welt geworden sind in den letzten Jahren.

Das klingt nach Enttäuschung: Die deutschen Kinobesucher haben die ungeheuren Investitionen in technisch ausgefeilte Multiplexe nicht gebührend honoriert. Konnten die Betreiber 1991 noch 120 Millionen Karten verkaufen, so waren es im Jahr 2000 zwar 30 Millionen mehr, das aber reicht angesichts der ungeheuren Ausweitung der Kapazitäten nicht. Die Deutschen haben sich den optimistischen Prognosen der frühen Neunziger nicht gefügt. Und nun ist man in der Branche ratlos über so viel Unartigkeit.

Die Zeiten, die im italienischen Streifen "Cinema Paradiso" wehmutsvoll beschrieben werden, in denen man sich den Kinobesuch sauer vom Munde absparte, sind nun einmal vorbei. Das heißt nicht, dass die Deutschen nicht gerne Filme sähen. Sie tun es aber eben lieber zu Hause.

Fakt ist, dass natürlich gerade in Deutschland der home video und home dvd Bereich hochinteressant ist, er ist relativ preiswert auch im Vergleich, wir haben ein hohes Pro-Kopf-Einkommen im europäischen Vergleich, die Leute können es sich leisten, ein home-Kino zu bauen und deswegen sind immer noch viele Deutsche der Meinung, zu Hause im Pantoffelkino ist es schöner als in einem wunderbar ausgestatteten hervorragenden Multiplex mit großer Leinwand und top-Tonsystemen.

Solange das deutsche Kinopublikum so undankbar ist, muss die Branche wohl oder übel Fehler an anderer Stelle beheben. Als Problem Nummer eins wird das so genannte Overscreening genannt. Auf deutsch: Auf zu wenig Platz konkurrieren zu viele Kinos. Gerade in Großstädten wie Berlin, Hamburg, Bielefeld, Magdeburg und Augsburg gehen die Menschen schon überdurchschnittlich oft ins Kino. Sie können aber eben nicht auf zwei Plätzen gleichzeitig sitzen.

In Deutschland wurden zu viele Kinos gebaut in den letzten Jahren, solche Kinos werden natürlich auch über vier Jahre projektiert und geplant und dann gebaut und als wir vor vier Jahren das ersten Kino hatten, wo wir merkten plötzlich, Mensch, die Besucherzahlen sind doch nicht so gut wie geplant, und merkten, jetzt ist so ein Sättigungsgrad erreicht, da hat es dann wirklich vier Jahre gebraucht, bis wir unsere Projekte quasi alle überdacht haben und n paar Projekte effektiv zurückgenommen haben, jetzt gerade vor zwei Monaten haben wir unser letztes Cinemaxx eröffnet, und ich kann sagen, hätten wir das vor fünf Jahren gewusst, hätten wir es wahrscheinlich nicht aufgemacht.

Die Katerstimmung ist die Folge einer groben Fehleinschätzung der Lage. Es sind aber nicht allein die Multiplexbetreiber, die dem Boom Anfang der neunziger Jahre allzu blauäugig gefolgt sind. Insbesondere externe Investoren, so die Klage, hätten ihnen die Suppe eingebrockt, die sie nun alleine auslöffeln müssten. Andreas Crüsemann von Cinemaxx erinnert sich:

Also das Kapital sucht sich Wege, in dem Fall gab es eine Riesen -Goldgräberstimmung, das weiß ich noch sehr gut, Anfang der neunziger Jahre, wo alle plötzlich merkten, Multiplex ist ein Riesenboom und jeder wollte Mulitiplexe bauen. Und jede Bank wollte es auch plötzlich finanzieren. Während unser Herr Flebbe am Anfang, unser Vorstandsvorsitzender, noch Banken erst mal fragen musste und ihnen zeigen musste, wie gut das in den USA läuft, standen die plötzlich nachher Schlange und wollten unbedingt und haben einem teilweise auch Projekte angeboten und hatten in Städten schon irgendwelche Grundstücke zur Verfügung, wo man unbedingt ein Multiplex bauen sollte.

Es wird hier eine ähnliche Dynamik beklagt, die auch zum Zusammenbruch des Neuen Marktes geführt hat: Das Geld drängt in einen Bereich, der überbewertet wird, auch und gerade weil das Geld in diesen Bereich drängt. Viele Investoren haben sich zudem von den enormen Wachstumszahlen in den Neuen Ländern blenden lassen. Zwar hat sich der durchschnittliche Kinobesuch hier mit dem steigenden Angebot mehr als verdoppelt. Er wuchs aber nur so lange, bis er das Niveau der Alten Bundesländer erreicht hatte und verharrte dann dort. In punkto Kinonutzung sind die Ostdeutschen den Westdeutschen immer ähnlicher geworden. Übertreffen werden sie sie aber voraussichtlich nicht.

Es gibt aber noch weitere Faktoren für die Krisenstimmung in der Multiplex-Branche. Und auch sie haben ihre Ursache im Erfolg, nicht im Misserfolg von Filmen. Die Verleiher treten mit immer mehr Kopien an, man drängt die Zuschauer, in immer kürzerer Zeit immer öfter ins Kino zu gehen. Vor 1996 gab es maximal drei Filme pro Jahr, die mit mehr als 600 Kopien in den Kinos liefen. Im Jahr 2000 waren es 25 Filme. "Star Wars: Episode I" war der erste Film, der mit über 1.000 Kopien in deutschen Kinos lief.

Der Film Harry Potter ist mit weit über 1.200 Filmkopien in Deutschland gestartet. Dass ein Film überhaupt über 1.000 Kopien kommt, könnte ich mich jetzt nicht daran erinnern, mit Herr der Ringe warens auch weit über 1.100 Kopien. Was natürlich bedeutet, dass fast jeder Kinosaal, der diesen Film haben will, in Deutschland, den spielen kann. Der Verleih hat natürlich höhere Kosten, lässt sich das bezahlen mit der Höchstverleihmiete, die über den 50 Prozent liegt, die so ein Verleih dann anteilig bekommt und damit natürlich der Rohertrag der Kinos sinkt und ein solcher Film dann nicht wie früher über Monate verwertet wird.

Wenn Zuschauer drei Wochen nach Filmstart an die Kinokasse kommen, sind die Werke allzu oft schon wieder abgesetzt.

Andererseits wird gerade in Deutschland die Qualität eigener Produktionen moniert. US-Amerikaner etwa gehen fast fünf Mal pro Jahr ins Kino, das hat auch damit zu tun, dass Filme in den Vereinigten Staaten zur Nationalkultur gehören. In Deutschland dagegen müssen sich Regisseure und Produzenten den Vorwurf gefallen lassen, dass es ihnen nicht gelingt, Stoffe zu entwickeln, mit denen sich der Durchschnittsdeutsche identifizieren kann. Dieser Standpunkt verwundert, denn einer der erfolgreichste Film letzten Monate kam aus Deutschland.

Der Kult-Winnetou "Schuh des Manitu" des Münchner Komikers Bully Herbig lockte bislang 10 Millionen Zuschauer in die Kinos. Sein spezieller Humor trifft offenbar das Lebensgefühl gerade junger Zuschauer. Allerdings glauben Experten, dass die Ereignisse des 11. September kurioserweise mit ein Grund für Bullys Erfolg gewesen sein könnten: Aufwändige Action-Streifen aus den USA wurden abgesagt, und in Krisenzeiten, das weiß man aus der Vergangenheit, gehen Komödien besonders gut. Immerhin ein Hinweis darauf, dass es sich lohnt, aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen in die Planung von Filmproduktionen mit einzubeziehen.

Von den 131 Multiplexen, die es bis Juli 2001 in Deutschland gab, sind nur 28 solche, die nicht einer Gruppe, sondern einem einzelnen Betreiber gehören. Zu ihnen gehört Wolfram Weber. Seine cinecitta in der Nürnberger Innenstadt ist nach eigenen Angaben das mit Abstand größte Kino in Deutschland. Und Wolfram Weber sieht keinen Grund, in das Gejammer der großen Betreiber mit einzustimmen.

Ja also wir haben uns ja hier in Nürnberg dauerhaft als das erfolgreichste Kino in ganz Deutschland etabliert, also wir haben mit Abstand die höchsten Besucherzahlen, also letztes Jahr waren es ganz genau 1,9 Millionen Besucher, also wir sind absolut zufrieden, es könnte nicht besser laufen.

Weber hat in Nürnberg schlicht keine Konkurrenz mehr. Da ist es nur folgerichtig, dass Overscreening für ihn kein Thema ist.

Also ich seh das Problem in Nürnberg nicht, also das overscreening, wenn's es denn gäbe, das hätten wir selber gemacht, es ist ja kein Multiplex mehr, sondern ein Megaplex, also wir haben ja 18 reguläre Kinosäle und Nürnberg ist ja ne vergleichsweise kleine Stadt, mit 500.000 Einwohnern man muss sich halt was einfallen lassen, und dann funktioniert es auch.

Webers Geheimnis ist, seinen riesigen Kinobau zum sozialen Zentrum der Nürnberger Innenstadt zu machen. Gerade weil der Filmgenuss in der cinecitta fast schon eine Nebenrolle spielt, gehen die Nürnberger aus anderen Gründen hin und dann eben doch mal ins Kino. Es liegt doch so nahe. Weber hat in Nürnberg eine Mall geschaffen, ähnlich wie in US-amerikanischen Städten, sie ersetzt das Stadtzentrum.

Also wir haben ja ein sehr offen konzipiertes Haus, man kann es von allen Seiten frei betreten und hat riesige Foyerzonen mit nem ganz großen Gastronomieangebot, also wir haben es irgendwie geschafft, für alle Bevölkerungskreise so eine Art Szenetreffpunkt zu sein, man geht ins cinecitta, man trifft sich dort und man kann ganz erstaunlich sehen, dass dort ne Schülergruppe und nebenan ne Seniorengruppe, die einen trinken Kaffee, die anderen ziehen sich popcorn und cola rein.

Sobald ein Mitbewerber auftauchte, erweiterte Weber sein Multiplex um genau das Angebot, das der Konkurrent hatte. Es ist allerdings wichtig zu wissen, dass Weber etwas hat, das er selbst als Heimvorteil bezeichnet: Ihm werden gute Kontakte zur Lokalpolitik nachgesagt.

Mit CINECITTA' hat Nürnberg das modernste Multiplex-Kino mit neuester Technik, mit bisher nicht gekanntem Komfort und mit einem einmaligen, urbanen Ambiente, das so kein anderes Multiplex-Kino in Deutschland aufweisen dürfte.

Kein Werbetext, sondern das Grußwort des Nürnberger Bürgermeisters Peter Schönlein zur Eröffnung der cinecitta im Jahre 1995. Es ist kein Einzelfall, dass Multiplex-Betreiber die Lokalpolitik zur Hilfe rufen, wenn Overscreening droht. Im Jahre 1998 bekniete der Berliner Filmproduzent Artur Brauner den Bezirk Prenzlauer Berg, nicht zuzulassen, dass Kinowelt ein Großkino mit 1500 Plätzen im Kiez eröffnete - es lag nur einen Steinwurf entfernt vom DDR-Traditions-Lichtspielhaus Colosseum, das Brauner aufwändig renoviert und an die Cinemax-Gruppe vermietet hatte. Für einige Monate tobte ein Kinokrieg im Prenzlauer Berg.

Der Bezirk blieb hart, Brauner verlor alle Klagen, heute teilen sich die beiden Multiplexe den Kuchen. Das Nürnberger Beispiel könnte jedoch in anderer Hinsicht einen Weg aus der Krise zeigen. Offenbar ist die Kalkulation von Sitzplätzen und Verleihmieten weniger entscheidend für den Erfolg als das Umfeld: Das meint auch Jan Oesterlin, Unternehmenssprecher der Kieft&Kieft Filmtheater GmbH, denen wiederum gehört der Muliplex-Riese Cinestar.

Kino ist ein soziales Ereignis. Also natürlich geht es darum, einen Film zu sehen. Das ist aber letztlich innerhalb dieser Freizeitgestaltung Kino nur ein Bestandteil: Es geht darum, Menschen zu treffen, gemeinsam sich über einen Film zu unterhalten, sich darauf zu freuen, sehen und gesehen werden, in den Kinofoyers hinterher vielleicht essen zu gehen und Kino hat einen Stellenwert, der nicht so hoch ist wie Theater, hat aber einen Stellenwert, der höher ist, als einfach nur in die Kneipe zu gehen.

Darauf müssen sich die Multiplex-Betreiber noch besser einlassen, als bisher, meint Oesterlin. Er erinnert an die kurze Geschichte dieser Kinos, die eigentlich genau deshalb entstanden, vor rund 12 Jahren, um nicht mehr nur reine Filmabspulstätten zu sein.

Die Situation Ende der achtziger Jahre war eigentlich, dass die Kinos zu Schachtelkinos mutiert waren, aufgrund der Entwicklung in den siebziger Jahren, nämlich dem Fernsehen entgegenzuwirken, das mit ner größeren Vielfalt lockte, wurden damals aus großen Einzelhäusern Schachtelkinos gemacht. Die Multiplexe haben dann die alte Qualität der Filmpaläste, so wie man sie in den fünfziger Jahren hatte und die Vielfalt der Schachtelkinos kombiniert.

Oesterlin besteht darauf, dass die Multiplexe nicht pauschal in der Krise sind. 2001 bezeichnet er als erfolgreiches Jahr, die Aussichten für 2002 und 2003 seien nicht weniger vielversprechend.

Es gibt vereinzelt Multiplexe, die Probleme haben, das bestreitet auch niemand, die aber in den Vordergrund rücken und es gibt auch Multiplex-Betreiber, die ihre Probleme zu Branchenproblemen erkoren haben, auch wenn das so nicht stimmt, das ist aber von Medien oder auch von Börsenanlegern so aufgenommen worden und wir versuchen also mit ner gezielten und positiven Politik klarzumachen: So ist es nicht.

Es sei die spezifische Stärke der Multiplexe, die besser ausgenutzt werden müsse. Der technische Standard, die Tonqualität, große Leinwände, die bis zum Fußboden reichen und die Anbindung an die Infrastruktur: all dies sind Faktoren, die dem Konzept Multiplex auch in Zukunft eine gesunde Entwicklung ermöglichen, glaubt Oesterlin. Deshalb ist für ihn das oft beklagte Overscreening auch nur eine vorübergehende Randerscheinung.

Also Overscreening gibt es zunächst einmal an sehr wenigen Standorten in Deutschland. Eigentlich ist die Entwicklung der Multiplexe, also auch der Kinos mit Multiplex-Standard also der neueren Generation seit Anfang der neunziger Jahre zu großen Teilen sehr sehr gesund verlaufen. Und die meisten Standorte funktionieren sehr gut.

Eine optimistische Haltung, mit der Oesterlin relativ allein steht. Die unabhängige Filmförderungsanstalt diagnostiziert an etlichen Orten ein Überangebot an Multiplexen. Und sie dokumentiert eine Reihe von Pleiten in den letzten Monaten. Aus einer Studie:

In Chemnitz, wo bereits ein Cinestar-Multiplex bestand, schloss ein halbes Jahr nach Eröffnung ein zweites Multiplex wieder. In Freiburg wurde im März 2001 das noch unter Ufa-Führung 1998 eröffnete Multiplex, für das mittlerweile Cinemaxx die operative Geschäftsleitung übernommen hatte, geschlossen. Dieses Kino stand in direkter Konkurrenz zum einige hundert Meter entfernt liegenden Cinemaxx-eigenen Multiplex.

Prinzipiell aber muss die Tatsache, dass mehrere Multiplexe an einem Ort stehen, nicht automatisch bedeuten, dass man mit ihnen weniger Geld verdient, das ist die Haltung von Cine-Star-Sprecher Jan Oesterlin.

Die Städte, in denen es Overscreening gibt, sind relativ überschaubar, und an den Märkten kann man sagen, dass Overscreening vielleicht im Moment existiert, dass wir aber bei einem Filmangebot wie jetzt in den letzten Wochen mit Herr der Ringe, Harry Potter, Oceans 11, Vanilla Sky jetzt in relativ kurzer Zeit sehr viel große Filme, die Kinos in der Gänze auch sehr gut ausgelastet sind. Und dass Overscreening sich dann schon relativiert. Plötzlich hat man dann nämlich die Kapazitäten, die man braucht, um solche großen erfolgreichen Filme auch zu zeigen. An den Standorten, wo es jetzt viele Multiplex-Kinos gibt mit vielen Leinwänden, wird man sicher auch noch mal überlegen müssen, ob diese Kinos sich dann stärker voneinander unterscheiden lassen.

Cinestar teilt sich in Berlin mit der Cinemax-Gruppe den umkämpften Standort Potsdamer Platz. Nur wenige Meter liegen die beiden Multiplexe hier auseinander, beide gehören zu den größten Lichtspielhäusern der Stadt. Im vergangenen Jahr hat Cine-Star damit begonnen, am Potsdamer Platz nur noch Filme in Originalversion zu zeigen - ohne Untertitel. Dies ist ein Beispiel dafür, wie die Multiplex-Branche beginnt, in Nischen neue Besuchergruppen zu rekrutieren. Zwar ist Berlin mutmaßlich der Ort Großstadt für ein Kino, in dem Filme nicht nur auf englisch, französisch und spanisch, sondern auch auf ungarisch, chinesisch und arabisch laufen können. Dennoch wartet diese Idee noch auf den durchschlagenden Erfolg: Die Deutschen, so scheint es, wollen zumindest auf Untertitel nicht verzichten.

Nach Angaben der Filmförderungsanstalt sind die 16 bis 29jährigen mit Abstand die häufigsten Kinogänger. Es ist aber wichtig für die Branche, damit zu rechnen, dass dies nicht immer so bleiben muss. Wenn die Prognosen stimmen, wird in dreißig Jahren jeder zweite Deutsche über 60 Jahre alt sein. Es ist daher hohe Zeit, sich schon jetzt um die Senioren zu kümmern.

Man muss grundsätzlich die Bedürfnisse einer Zielgruppe erkennen. Im Falle Senioren ist es eben so, dass wir wissen: die lassen sich nicht gerne in Menschenmengen drängeln. Die sind da unsicherer auf den Beinen und verlieren vielleicht den Überblick, kennen auch ein so großes Gebäude wie ein Multiplex-Kino nicht. Also bieten wir speziell für diese Gruppen Veranstaltungen an, die am Nachmittag liegen, in der Woche, wenn die Kinos üblicherweise nicht so überlaufen sind, wie am Samstag abend, so dass sie sich wohler fühlen. Wir haben Personal, die Leute, die nicht mehr so gut sehen oder gut zu Fuß sind, an die Plätze begleitet.

Ältere Leute sind eher mit konventionellen Produktionen in die Kinos zu locken: "Brücken am Fluss" oder der "Pferdeflüsterer" sind für sie attraktiver als technische Feuerwerke wie "matrix" oder experimentelle Filme wie "Memento". Andere Zielgruppen dagegen haben andere Bedürfnisse: Geschäftsleute beispielsweise sind eher bereit etwas mehr für die Kinokarte auszugeben, wollen dafür aber nicht Schlange stehen.

Wir arbeiten an den Systemen, also das ist im Moment noch nicht überall so gewährleistet, aber es wird sicherlich Ticket-Automaten geben, die man ähnlich wie ein Quick-check-in bei der Lufthansa benutzen kann.

Es mangelt in Deutschland nicht an Randgruppen, deren spezifische Bedürfnisse und Wünsche eine Branche wie die der Multiplexe entdecken kann. Dazu gehören zum Beispiel junge Türken aus der dritten Generation der Einwanderer, unter denen sich nach und nach eine zahlungskräftige und konsumfreudige Schicht herausbildet. Aber auch die ehemaligen Bewohner der DDR haben sich zehn Jahre nach der Wende einige Eigenheiten bewahrt, die zusätzliches Geschäft versprechen.

Wir veranstalten in Hellersdorf, in Berlin, der östlichste und jüngste Stadtteil der Stadt Mittwoch vormittags Kinderkino. Das ist in der DDR so geübt worden und die Eltern, die jetzt kleine Kinder haben, die kennen halt aus ihrer eigenen Kindheit noch:Am Mittwoch morgen geht man ins Kino.

Die Betreiber insgesamt scheuen wegen der hohen Investitionen die Schließung von Multiplexen. Deshalb wird der Trend zur Suche nach neuen Besuchergruppen sicher weitergehen. Insgesamt aber, das gibt auch Jan Oesterlin zu, ist die Goldgräberstimmung auf dem deutschen Kinomarkt beendet, die claims sind aufgeteilt, der Markt hat kaum noch Chancen zu expandieren.

Also in Deutschland sind die Kino-Entwicklungen im Wesentlichen abgeschlossen. Die Betreiber werden keine großen Kinos jetzt mehr realisieren, es gibt sicherlich noch einzelne Städte oder Gemeinden, in denen es Sinn hat, die Entwicklungsphase ist aber im großen Stile abgeschlossen.

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