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StartseiteInterview"Wir brauchen globale Standards"04.05.2017

Multiresistente Keime aus Indien"Wir brauchen globale Standards"

Mangelnde Standards am indischen Pharmastandort Hyderabad haben wohlmöglich zur Entstehung multi-resistenter Bakterien geführt. Die Grünen-Politikerin Kordula Schulz-Asche forderte im DLF, die Bundesregierung müsse ihre Strategie im Bereich der Antibiotika-Resistenzen endlich umsetzen. Nötig seien häufigere Kontrollen sowie eigene Kontrollsysteme vor Ort.

Kordula Schulz-Asche im Gespräch mit Daniel Heinrich

Ein Wissenschaftler untersucht am 03.05.2017 in einem Labor in der Zoologischen Staatssammlung München (Bayern) DNA. Beim DNA-Barcoding kann man anhand eines bestimmten Gens in den Mitochondrien fast alle Tierarten unterscheiden. Ein kleines Unternehmen bietet die Artbestimmung jetzt für jedermann an. (zu dpa "Sushi oder Springschwanz? DNA-Barcoding für jedermann" vom 05.05.2017) (dpa/Alexander Heinl)
Der Umgang mit Antibiotika sei "in diesen Ländern doch sehr lax", sagte die Grünen-Politikerin Kordula Schulz-Asche im DLF und forderte mehr Verantwortung auch vonseiten ausländischer Unternehmen. (dpa/Alexander Heinl)
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Daniel Heinrich: Große Antibiotika-Fabriken in Indien sollen durch mangelnde Abwasserreinigung mit zur Entstehung multiresistenter Bakterien beitragen. Ich spreche darüber nun mit Kordula Schulz-Asche von den Grünen. Frau Schulz-Asche, die Pharmahauptstadt Haidarabad wirbt mit dem Slogan "minimale Kontrolle, maximale Förderung". Überrascht Sie das jetzt eigentlich, was da jetzt rausgekommen ist?

Kordula Schulz-Asche: Nein, nicht wirklich. Ich meine, dieses Motto ist ja der Grund, warum viele Konzerne sich dort auch ansiedeln und dort produzieren lassen, weil die Standards zum Teil erheblich geringer sind als in Europa, und von daher muss man eigentlich ein Dankeschön an die Journalisten sagen, die sich dort hinbegeben haben, die diese Untersuchung begleitet haben und die das jetzt öffentlich machen, dass gerade im Umgang mit Antibiotika in diesen Ländern doch sehr lax umgegangen wird, vor allem was die Ausschüttung in die Umwelt angeht. Die Ableitung von Abwässern ist ohnehin problematisch, wenn man die Bilder sieht von dem Fluss - die haben wir ja alle gesehen, die Bilder -, dann sind da nicht nur Antibiotika drin oder Medikamentenrückstände, sondern da sind auch viele andere Sachen drin. Das heißt, es scheint, dass Unternehmen doch darauf setzen, dass der Zusammenhang zwischen einem guten Wirtschaften und dem Schutz der Umwelt bei einigen Unternehmen noch nicht angekommen ist.

Heinrich: Ich spiele mal, Frau Schulz-Asche, advocatus diaboli und sage, kann man das der Pharmaindustrie wirklich vorwerfen? Weil die sagen ja, wir halten uns an die Gesetze, die dort herrschen.

Schulz-Asche: Aber sie haben ja selber auch Probleme mit ihren Antibiotika hier in Deutschland. Aber die Verlagerung von Produktionsstätten gerade in einem Bereich, wo der Produktionsprozess nicht einfach ist, ähnlich wie bei Impfstoffen übrigens, sich dann in Länder zu begeben, wo insgesamt die Standards nicht dem entsprechen, was wir hier in Europa haben, das ist ohnehin schon problematisch. Aber umso höher ist ja die Verantwortung der Unternehmen, dann darauf zu achten, dass sie dort, wo sie produzieren und wo sie Medikamente produzieren, die ja nicht nur auf den deutschen Markt kommen, sondern die auch ihre Auswirkungen direkt vor Ort haben und die Menschen dort vor Ort krank machen, dafür die Verantwortung übernehmen. Daraus kann man die Unternehmen nicht entlassen.

Heinrich: Jetzt spielen Sie den Ball in die Hälfte der Unternehmen. Ich frage mal umgekehrt: Es gibt nur noch zwei Fabriken in Europa, in Österreich und in Slowenien, habe ich nachgeguckt. Wäre es nicht besser, Voraussetzungen zu schaffen, dass diese Unternehmen, die in solche Regionen abwandern, dass man Voraussetzungen hier in Europa schafft, damit die wieder hier herkommen, damit man sie im Umkehrschluss wiederum besser überprüfen kann?

Zu selten Kontrollen an ausländischen Produktionsstätten 

Schulz-Asche: Wie soll das sein? Ich denke, das Entscheidende ist, die wandern ab, weil die Produktionskosten in diesen Ländern billiger sind. Das gilt insbesondere auch für Generika, die dort billiger hergestellt werden können. Natürlich wäre es wünschenswert, gerade in Bereichen, wo die Probleme mit der Medikamentenversorgung ja auch hier zum Teil schon in den Praxen ankommen, dies damit zu lösen, dass wir die Produkte selber vor Ort haben. Das hilft aber jetzt den Menschen in Indien erst mal überhaupt nicht, wenn ich noch mal bei dem Punkt in Indien bleiben darf, denn dort wird ja die Umwelt im Moment belastet. Dort werden diese Keime gezüchtet.

Und ob jetzt die deutschen Unternehmen dort produzieren oder hier, trotzdem werden diese Keime praktisch gezüchtet, wenn man es genau nimmt. Deswegen glaube ich, dass wir insgesamt global mehr Kontrollen brauchen, wie gerade in dem Bereich der Antibiotika mit den Antibiotika umgegangen wird. Wir haben ja auf EU-Ebene eine Richtlinie, die sich gute Herstellungspraxis nennt, die auch kontrolliert wird. Auch das Paul-Ehrlich-Institut aus Deutschland ist daran beteiligt. Die fahren in diese Fabriken, auch in Indien, auch in China, und schauen sich dort die Bedingungen an. Aber da ist das Problem, dass diese Kontrollen zu selten stattfinden. Man müsste sehr viel mehr Teams haben.

Heinrich: Aber warum eigentlich, Frau Schulz-Asche? Warum finden diese Kontrollen so selten statt? Das Problem ist ja nicht neu.

Schulz-Asche: Nein, das Problem ist nicht neu. Aber darauf weisen im Prinzip auch die Beteiligten seit Längerem hin, dass die Kontrollen eigentlich häufiger stattfinden sollten, dass man im Prinzip auch Kontrollsysteme in den Ländern selber aufbaut, die einen ähnlich guten Standard haben wie hier bei uns, und dann diese Kontrollen häufiger stattfinden zu lassen und die Richtlinien auch dahingehend zu erweitern, weil das ist auch noch ein Problem, dass diese europäischen Teams zum Beispiel diese Umweltbelastungen selber gar nicht messen dürfen. Sie konzentrieren sich vor allem auf den Bereich der Produktionsstätte selbst, finden dort Verschmutzungen statt während des Produktionsprozesses und so weiter, aber die Fragen, welche Umweltbelastungen durch eine solche Fabrik dort vor Ort entstehen, werden gar nicht geprüft. Da, glaube ich, da ist wirklich Handlungsbedarf.

"Wenn global produziert wird, brauchen wir auch globale Standards"

Heinrich: Aber warum macht denn dann eine Partei wie gerade die Grünen, warum machen die da nicht mehr Druck, dass da was passiert?

Schulz-Asche: Na ja. Wir haben uns gerade auch nach den Erfahrungen in anderen Bereichen, wie die Produktionsbedingungen, wie die Sozialrechte sind, auch wie die Umweltbedingungen in anderen Produktionsbereichen sind, nicht nur im Medikamentenbereich setzen wir uns da seit Jahren dafür ein, dass die Standards dort sehr viel höher gesetzt werden und nach Möglichkeit auf europäisches Niveau kommen, im Bekleidungsbereich zum Beispiel und auch bei der Frage der Produktion oder auch der Überprüfung von Medikamentenproduktion im Ausland. Da sind wir auch seit Jahren dran, weil wir sagen, wenn global produziert wird, brauchen wir auch globale Standards, und zwar in Bezug auf die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen genauso wie auf die Umweltbedingungen.

Heinrich: Aber das scheint ja bisher nicht so viel gebracht zu haben.

Schulz-Asche: Das stimmt. Deswegen wollen wir auch gerne regieren, weil so was natürlich in der Regel auch nicht im Großen und auf der obersten Oberfläche von Politik stattfindet, sondern hier geht es um Rechtsverordnungen, hier geht es um Abstimmungsprozesse auf deutscher Ebene, auf europäischer Ebene und natürlich dann auch in den Ländern, in denen produziert wird, einschließlich der Frage, wie können wir denn diese Länder unterstützen, ähnliche Kontrollstrukturen aufzubauen, nicht nur die Hygiene einzuhalten, sondern auch wirklich staatliche administrative Strukturen aufzubauen, die in der Lage sind, solche Kontrollen durchzuführen.

Heinrich: Nun, Frau Schulz-Asche, waren die Grünen ja auch schon in Regierungsverantwortung. Das heißt, so einfach lasse ich Sie da nicht davon kommen. Eine letzte Frage: Im Juli steht das Treffen der G20-Staaten in Hamburg an. Was werden die Grünen tun, damit Ihre Forderungen, die Sie jetzt auch gerade wieder geschildert haben, auch die indische Delegation erreichen?

Das Marktversagen im Antibiotika-Bereich grundsätzlich angehen

Schulz-Asche: Na ja. Wir werden auf jeden Fall versuchen, mit der indischen Delegation zu sprechen. Deutschland hat ja die Antibiotika-Resistenzen, Frau Merkel, ganz oben auf die Agenda gesetzt. Und wir werden natürlich auch – und da sind wir ja ganz eng dran, was alles versprochen wurde seit dem großen G7-Gipfel – im Bereich der Antibiotika-Resistenzen. Wenn man genau hinschaut, ist in dem Bereich außerhalb von Deutschland nicht sehr viel passiert. Und da werden wir natürlich auch die Regierung noch mal auffordern, auch ihre eigene Strategie, die sie vorgelegt hat, und die Zusagen, die sie auf internationaler Ebene gemacht hat, auch einzuhalten. Dazu gehört auch, dass man den ganzen Bereich der Antibiotika-Resistenzen, die Forschung in größeren Umfängen vorantreibt. Und wir haben ja im Prinzip ein Produktionsloch. Das heißt, es werden deswegen zu wenig Antibiotika produziert, weil es sich einfach nicht mehr lohnt, weil zu wenig Patente darauf sind, weil man zu wenig damit verdienen kann. Dieses Marktversagen, was wir im Antibiotika-Bereich haben, das muss man grundsätzlich angehen, und das ist dann über den Skandal, den wir gerade in Indien sehen, hinaus auch noch mal eine grundsätzliche Frage, wie Umwelt-, wie menschengerechte Produktion dann tatsächlich auch sich im Antibiotika-Bereich umsetzt.

Heinrich: … sagt und fordert Kordula Schulz-Asche von der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Frau Schulz-Asche, vielen Dank für das Gespräch.

Schulz-Asche: Gern geschehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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