Donnerstag, 27.06.2019
 
Seit 12:00 Uhr Nachrichten
StartseiteSonntagsspaziergangKnotenpunkt der Musikgeschichte02.04.2017

Muscle Shoals und Florence im Norden AlabamasKnotenpunkt der Musikgeschichte

Im Nirgendwo der Abgeschiedenheit des Ufers des Tennessee Rivers sind über Jahrzehnte unzählige Dinge entstanden, die garantiert jeder kennt. Ein Besuch im legendären FAME Recording Studio in Muscle Shoals, Alabama.

Von Rudi und Rita Schneider

Muscle Shoals Studio Die FAME (Florence Alabama Music Enterprises) Studios in Muscle Shoals (Alabama) wurden 1959 gegründet und sind heute noch aktiv. Zahlreiche Hits in den Bereichen Blues, Soul, Rock, Pop und Country wurden hier produziert. Der Begriff „Muscle Shoals Sound“ (Rita und  Schneider)
Die FAME (Florence Alabama Music Enterprises) Studios in Muscle Shoals (Alabama) (Rita und Schneider)

Der Tennessee River zieht schon fast in südstaatlicher Ruhe zwischen Wiesen und fast unendlichen Sonnenblumenfeldern ruhig dahin. Vom Wind bewegt wiegen sich die Ähren horizontweiter Getreidefelder und bilden wellenartige Muster, als wäre es eine Wasseroberfläche.

Irgendwo fährt ein Güterzug der Southern Norfolk Railroad, und auf einer der vielen Farmen startet ein Traktor.

Dieser Traktor hat sich auf der "FAME Farm" in Bewegung gesetzt und im Sattel, wenn man das bei einem Traktor sagen darf, sitzt ein Mann namens Rick Hall. Es ist seine Farm, aber der Traktor ist weiß Gott nicht sein ureigenes Arbeitsmittel. Das waren Mikrophone und Bandmaschinen, Mischpulte und Aussteuerungsmesser in seinem anderen Arbeitsraum, dem legendären FAME Recording Studio in Muscle Shoals, Alabama. Aber, bevor wir seiner Geschichte folgen, gehen wir noch mal zurück auf die Felder.

Leighton ist ein kleines Nest, das direkt neben Muscle Shoals liegt. Und einer der Männer, die auf den Feldern von Leighton arbeiteten, war kein geringer als Percy Sledge. Und das ist der Song, dessen Ruhm sich von den Feldern rund um Muscle Shoals und Sheffield in die ganze Welt verbreitete.

Spulen wir ein wenig auf einer der alten Studio-Bandmaschinen, um einen Eindruck von den Hits zu bekommen, die hier entstanden.

Das eher schlichte Gebäude, das Rick Hall in den frühen Sechzigern in der Avalon Avenue gebaut hat, wurde seit damals kaum verändert. Aus diesem Studio kamen Hits von Aretha Franklin, Clarence Carter, Percy Sledge, Wilson Pickett, die Osmonds, Duane Allman, um nur einige zu nennen. Mit Rick Hall und den Musikern, die sich "Rhythm Section" und später "The Swampers" nannten, entstanden hinter diesen Mauern unzählige Welthits erzählt Karthyn Balch, mit der wir uns in Muscle Shoals auf eine musikalische Spurensuche begeben haben.

"Damals, als das Gebäude in den Sechzigern gebaut wurde, waren wir hier rundherum von Baumwollfeldern umgeben. Baumwolle aus Alabama hatte hier im Süden einen guten Ruf. Das berühmte Album Cover der Osmond Brothers wurde hier vorne, 30 Meter neben dem Studio, in den damaligen Baumwollfeldern aufgenommen. Heute ist das, wie man sieht, ein viel befahrener Highway".

"One bad Apple", das war einer der Songs, die die Osmonds hier in Rick Halls FAME Studio auf Magnetband aufzeichneten. Die Musiker der "Rhythm Section" waren Barry Beckett an den Keyboards, Roger Hawkins am Schlagzeug, David Hood spielte den Bass, und Jimmy Johnson die Gitarre. Nach vielen Jahren bei FAME gründeten diese Musiker 1969 ihr eigenes Studio und das befindet sich an der Adresse "3614 Jackson Highway". Nach der Eröffnung suchten die Jungs von "Rhythm Section" dringend nach einem Star, für ihre erste Recording Session im neuen Studio.

Die Produktion sollte dann möglichst ein Top Hit in den Charts werden. Sie fanden jemand: es war Cher

FAME (Florence Alabama Music Enterprises) Studios in Muscle Shoals (Alabama) wurden 1959 gegründet und sind heute noch aktiv. Zahlreiche Hits in den Bereichen Blues, Soul, Rock, Pop und Country wurden hier produziert. Der Begriff „Muscle Shoals Sound“ bezeichnet die hier entstandene Musik (Rita und Rudi Schneider)FAME (Florence Alabama Music Enterprises) Studios in Muscle Shoals (Alabama (Rita und Rudi Schneider)"Wir stehen vor dem Studiogebäude mit der Adresse: "3614 Jackson Highway". Viele Leute lassen sich hier fotografieren, weil das auch Cher tat. Sie stellte sich mit ihrer ganzen Produktionsgruppe hier vor den Haupteingang. Das Foto war dann auf dem Cover Ihres Albums zu sehen und diesem Album gab sie den Titel "3614 Jackson Highway", das war die Adresse dieses Studios. Die Jungs von "Rhythm Section" nutzen dieses Straßenzeichen mit der Hausnummer auch sehr oft bei allen möglichen Gelegenheiten. Heute ist das Logo eine Ikone. Viele Besucher aus der ganzen Welt kommen und lassen sich hier, wie damals Cher mit ihrer Gruppe, fotografieren".

10 Jahre später, 1979, entschlossen sich die Jungs von "Rhythm Section" in ein größeres Gebäude umzuziehen, und das steht am Ufer des Tennessee River.

"I learned at Highschool...", was Paul Simon in seinem Song Kodakchrome" in diesem Studio sang, ist eine nette Überleitung zu Tonya Suzanne Holly, der heutigen Besitzerin dieses Studios am Tennessee River. Sie empfängt uns mit ihrem quirligen Hund "Precious" im Foyer des Studios und ihr fällt gleich eine Geschichte zum Stichwort "Highschool" ein.

"Dieses Gebäude wurde ursprünglich 1903 als Kraftwerk erbaut. Danach wurde es als Gymnasium genutzt. Es ist so witzig, einige der Musiker wie David Hood von der "Rhythm Section" haben in diesem Gebäude früher in der Highschool Band gespielt. In ihrem späteren Leben haben sie dann in diesen Räumen weltberühmte Songs eingespielt. Als ich das Gebäude 2005 gekauft habe, haben wir es "Cypress Moon Studios" genannt".

Tonya ist eine Produzentin, die bereits für CBS, NBC und FOX, um nur einige zu nennen, gearbeitet hat.

Während "Precious" mal kurz in den Windschutz unseres Mikrofons beißt, geleitet Tonya uns zum berühmten Studio A. An der Wand des Foyers hängen noch alte Rechnungsquittungen der Rolling Stones und von Cher für die Studiozeit, die sie damals gebucht hatten. "Die großen Stars", so erzählt Tonya, "kamen auch gerade wegen der Abgeschiedenheit hier aufs Land, um in aller Ruhe, fernab vom Fan-Trubel, produzieren zu können. Sie kamen aber auch, weil hier jeder jeden kannte. Wir waren und sind hier einfach nur eine große Familie", sagt sie

"Meine Mutter lebt noch, sie ist eine Songschreiberin. Sie schrieb für George Jones, Tammy Wynette oder Carl Perkins und viele andere. Mein Vater war einer der Hanco Brothers und dann bin ich mit Elis Presley verwandt. Elvis Großmutter und mein Urgroßvater waren Geschwister. Elvis kam immer zu allen Familienfesten aus Tupelo, noch bevor ich geboren war. Also Musik spielt eine große Rolle in meiner Familie, beiderseits".

Bob Dylan, Dire Straits, Joe Cocker und Cher - alle waren da

Mit einer gewissen Ehrfurcht betreten wir das Parkett des Studios, weil wir ganz einfach die vielen schwarzen Vinyl Singles im Kopf haben, die auf unserem Plattenspieler so lange liefen, bis die Kratzer und Knacker überhandnahmen. Deren Ursprung war genau hier auf diesem Parkettboden und in diesen holzvertäfelten Wänden.

"Wenn ich mich richtig erinnere, der erste Musiker, der hier produzierte, war Dr. Hook. Nach ihm kamen so viele, Bob Dylan, Dire Straits, Alabama, die Oak Ridge Boys, Joe Cocker, es waren so viele... es waren Hunderte während der 27 Jahre, dieses Gebäude war der Muscle Shoals Sound."

Der Sound, der wird nicht nur von den Musikern gespielt oder gesungen, sondern auch vom Ton-Ingenieur mit gestaltet. Tonya Holly stellt uns Jimmy Nutt und Andreas Werner vor. Jimmy Nutt, der das "Nutthouse Studio" betreibt, ist einer der Künstler an den Schiebereglern des Mischpultes hinter der Glasscheibe:

"Ich hatte einen TASCAM Vier-Spur Kassettenrekorder in den frühen 80-ern, auf dem ich Demos produziert hatte. Für mich war es eine logische Weiterentwicklung, in das professionelle Studio zu wechseln. Von Haus aus bin ich zwar Musiker, aber die Arbeit als Ton-Ingenieur ist mein Ding, da bin ich einfach besser als Musiker".

Wo alte und neue Technik aufeinandertreffen

Seine Arbeitsgeräte sind heute einerseits Computer, mit denen man aufzeichnet und bearbeitet, früher waren das Mehrspur-Bandmaschinen. Heute zeichnet man zwar im Computer auf, aber eines hat die ganzen Jahrzehnte der Aufnahmetechnik überlebt, erzählt Jimmy. Es ist ein wirklich altes deutsches Röhren - Kondensator Mikrofon, das legendäre U47. Im Deutschlandfunk wird es noch heute für besondere Anwendungen eingesetzt. Welche Rolle dieser Oldtimer immer noch in Recording Studios spielt, weiß Jimmy ohne zu zögern:

"Das ist immer noch der Standard, an dem sich alle anderen Mikrofone messen müssen. Ich kam zu einer Zeit in das Studio-Geschäft, als man gerade von Analog- zur Digitaltechnik wechselte. Als ich 2000 begann, wurde die Digitaltechnik für alle Produzenten der Standard. Aber, das ist interessant, gerade jetzt finden viele den warmen Klang der Analogtechnik wieder toll. Meine Lösung ist ein Mix aus beidem. Wir verwenden beispielsweise alte Röhrenmikrofone und andere Analoggeräte, zeichnen aber auf dem Computer auf. Damit nutzen wir letztendlich alle Vorteile, die die digitale Technik bietet".

Andreas Werner stammt aus Zürich in der Schweiz und seine Liebe zur Musik, die aus dem amerikanischen Süden kam, brachte ihn nach Nashville und nach Muscle Shoals, wo er als Songschreiber, aber auch als Produzent unter anderem auch mit der "Rhythm Section" arbeitete.

"Wenn man auf dem Back-Cover der Schallplatten liest, es sind immer dieselben Musiker, Songwriter, die an unzähligen Veröffentlichungen mitgearbeitet haben. Vor allem im Süden, aber auch in den ganzen USA, alles ist irgendwie miteinander verknüpft. Auch in Muscle Shoals selbst, es ist wie eine große Musik-Familie, die alle miteinander verknüpft sind und miteinander auftreten, aufnehmen oder Musik schreiben".

Jimmy Nutt nickt heftig mit dem Kopf und erzählt vom Muscle Shoals Flair, insbesondere, wie es sich über die Jahrzehnte entwickelt hat.

"Als ich im Jahr 2000 von Austin, Texas, hier her zog, war Muscle Shoals ein ruhiges Örtchen auf dem Lande. Austin war die Hauptstadt der Life-Musik und hier war einfach in dieser Richtung nichts los. Hier gab es nur die Studios. Wenn das aber mit heute vergleicht, dann haben sie die Dinge gewaltig verändert. Der Film "Muscle Shoals", der vor einigen Jahren rauskam, hat in unserer Region eine unglaubliche Wirkung hinterlassen. Wir haben heute eine echte Life-Musik Szene, alle Studios sind involviert, es ist heute einfach eine tolle Zeit hier in Muscle Shoals.

Alles in Allem, in Muscle Shoals gab es und gibt es offensichtlich eine ganze Reihe magischer Momente, auf deren Spuren es sich zu wandern lohnt. Die Artefakte dieser Musikgeschichte finden sich im Nachbarort Tuscumbia in der "Alabama Music Hall of Fame", wo in hervorragender Weise alles zusammengetragen wurde, was über Jahrzehnte in dieser Region entstanden ist.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk