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StartseiteKultur heute„Zum Bayern-Bild gehört das Klischee dazu“04.06.2019

Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg„Zum Bayern-Bild gehört das Klischee dazu“

Der Löwenbräu-Löwe und der Märchenkönig Ludwig II. seien die bekanntesten Bayern, sagt Richard Loibl vom Haus der Bayerischen Geschichte. Im neu eröffneten Museum in Regensburg werden beide entsprechend gewürdigt. Doch auch die dunklen Kapitel der Freistaat-Historie werden thematisiert.

Richard Loibl im Gespräch mit Anna Kohn

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Richard Loibl vor einem Exponat im Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg. (picture alliance / Armin Weigel / dpa)
Richard Loibl, Direktor des Museums der Bayerischen Geschichte. (picture alliance / Armin Weigel / dpa)
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Horst Seehofer hat einmal versehentlich vom "Heimatmuseum" gesprochen. Was er aber tatsächlich getan hat, ist, den Bau eines neuen "Museums der Bayerischen Geschichte" anzustoßen.

Dieses Museum wurde jetzt vor knapp anderthalb Stunden in Regensburg eröffnet. Mit über 1.000 Exponaten wird dort die Geschichte des Freistaats von 1806 bis heute erzählt. Über ein Drittel der Ausstellungsstücke stammt von Bürgern.

Etwa 95 Millionen Euro haben Bau und Ausstattung gekostet, und zu sehen sind jetzt unter anderem die Taschenuhr des Märchenkönigs Ludwig II., Medaille, Speer, Trikot von den Olympischen Spielen 1972 in München - oder auch die Lederhose des Schriftstellers Oskar Maria Graf.

Richard Loibl ist Leiter des neuen Museums, und ich habe ihn gefragt: Herr Loibl, wir haben eben Horst Seehofer gehört. Würden Sie sagen, dieses Museum ist auch ein "Heimatmuseum"?

Richard Loibl: Wenn, dann ist das ein sehr großes Heimatmuseum, weil es ja die Geschichte des Freistaates Bayern behandelt, wie Bayern Freistaat geworden ist und was ihn so besonders macht. Aber in gewisser Weise kann man das sicher so sehen.

Kohn: Und soll dieses Museum denn auch eine Aussage über "Die Bayern" oder eine Art von bayerischer Identität treffen, und was wäre das für eine?

Loibl: Ich glaube, eine Aussage ist in diesen Zusammenhängen immer schwierig. Wir zeigen ja die bayerische Geschichte auf 40 Bühnen und in acht Kulturkabinetten. Wenn Sie so wollen, können Sie das so sehen: Das sind mögliche Anknüpfungspunkte, Traditionskerne, auf die man sich für die zukünftige Gestaltung des Landes beziehen kann. So ist es ja bisher, die letzten 200 Jahre, gemacht worden. Was jetzt genau die Punkte sind, die in die Zukunft führen, das ist schwierig zu sagen. Ich halte es da mit Karl Valentin, der gesagt hat: Prognosen sind schwierig, vor allen Dingen, wenn sie sich in die Zukunft richten.

Die ganze Welt beim Oktoberfest

Kohn: Wenn man jetzt bei Ihnen ins Foyer kommt, dann steht da ja direkt sehr präsent der Löwenbräu-Löwe vom Oktoberfest. Herr Loibl, ist das ein Traditionskern, oder ist das nicht ein bisschen viel Klischee?

Loibl: Zum Bayern-Bild, gerade wenn Sie jetzt vom Deutschlandfunk anrufen, gehört das Klischee natürlich dazu. Wir schauen hinter die Klischees, fragen das ab, schauen, was ist richtig, was ist falsch. Tatsache ist, dass der Löwenbräu-Löwe vielleicht mit Ludwig II. – die beiden sind die bekanntesten Bayern. In Amerika ist ja der über viele Jahrzehnte getourt. Löwenbräu war das beliebteste Bier vor Ort. Die ganze Welt kommt aufs Oktoberfest. Ich würde jetzt mal sagen, in Richtung auf die restliche Republik, mit Ähnlichem kann kaum ein weiterer Bundesstaat aufwarten.

Kohn: Sie haben gesagt, die Geschichte des Freistaats Bayern wird erzählt. Jetzt gibt es ja in dieser Geschichte natürlich auch Schattenseiten. Es gibt Bayern unter Napoleon, Bayern in der NS-Zeit zum Beispiel. Das sind ja auch die Zeiten, an die man vielleicht weniger gerne zurückdenkt. Wie gehen Sie denn damit in der Ausstellung um?

Loibl: Was heißt: weniger gerne? Wir sind ja in erster Linie Historiker, und die negativen Kapitel, die kann man nicht weglassen. Die gehören natürlich dazu. Wir zeigen das vor allen Dingen an persönlichen Schicksalen auf. Wir sind ja ein Bürgermuseum. Für die NS-Zeit, glaube ich, trifft das ganz gut ein Beispiel: Wir haben aus Amerika von der Firma Dottheimer ein Thora-Schild bekommen. Die Familie stammt ursprünglich aus Gunzenhausen in Bayern. Wie die Synagoge in der Reichspogromnacht zerstört worden ist, ist dieses Schild geplündert worden. Ein Kollege hat festgestellt, dass das aber dieser Familie gehört hat. Er hat die Familie in den USA aufgespürt, weil das Schild ist beim Brand gestohlen worden, es war im Besitz von einem SS-Offizier. Und wir haben die Familie gefragt, ob sie es uns denn für dieses Museum zur Verfügung stellen. Das haben sie dann gemacht. Der Familienrat hat getagt, und die sind heute zu zwanzigst aus den USA angereist. Ja, das ist ein Stück Frieden, das jetzt wieder kommt, und das ist natürlich auch ein Objekt, das durch diese Geschichte zum Nachdenken anregt. Und so haben wir es auch inszeniert in der Ausstellung. Man geht hier in eine ganz zerklüftete Museumslandschaft rein und ist dann mit so einem Objekt als Einzelbesucher auch allein und kann das auf sich wirken lassen. Und das ist unsere Stärke. Wir erzählen viele Geschichten.

Die Vorherrschaft der CSU

Kohn: Es gibt Kritiker, die sagen, der CSU werde ein wenig zu viel Raum eingeräumt im neuen Museum. Wie stehen Sie dazu? Wieviel Politik steckt im neuen Museum?

Loibl: Es kommen alle Parteien im Museum vor, so sie denn Bedeutung für die bayerische Geschichte gewonnen haben an den entsprechenden Stellen. Wir haben natürlich einen großen Teil zur Revolution, der ist natürlich ganz rot, wobei da nicht die SPD gemeint ist, sondern die USPD, eine Abspaltung. Wir haben ja dieses Generationenprinzip, bringen quasi für jede Generation drei bis vier Geschichten auf die Bühne.

Kohn: Das sind sozusagen die Kapitel, in die das Museum unterteilt ist?

Loibl: Ja, genau. – Und für die Generation 1975-2000 haben wir diese Dominanz auf die Bühne gebracht, diese Vorherrschaft der CSU, die ja unleugbar ist. In diesen Zeiten holen sie eine absolute Mehrheit nach der anderen, und die prägende Politikerpersönlichkeit ist Franz-Josef Strauß. In den bayerischen Wahlen sind sie unschlagbar. Sie werden nur einmal, das aber mit zumindest bundesweiter Resonanz, gestoppt, nämlich hier in der Nähe von Regensburg, in Wackersdorf, wo diverse Bürgerinitiativen - der Kern des Widerstandes ist der Landrat Schuierer. Und da kommen viele dazu, dann auch die Anti-Atomkraft-Bewegung aus dem ganzen Bundesgebiet. Hier stoppt man die CSU. Und das ist die Bühne, die der CSU-Bühne gegenübersteht. Und wenn entsprechende Filmausschnitte kommen, wo Strauß zum Beispiel bei einer Wahlkampfveranstaltung in Schwandorf von den Gegnern ausgepfiffen worden ist, dann erheben wirklich von der Wackersdorf-Bühne die Demonstranten die Stimme und pfeifen zum Strauß herüber. Das, glaube ich, ist hier sehr schön und auch realitätsnah präsentiert.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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