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StartseiteTag für TagDie Bibeldetektive von Münster18.12.2019

MuseumDie Bibeldetektive von Münster

In der westfälischen Stadt wurde das Bibelmuseum wieder eröffnet. Dort versuchen Fachleute, den Ausgangstext des griechischen Neuen Testaments zu rekonstruieren. Dazu benutzen sie die alten Handschriftenschätze des Museums – aber auch moderne Informatik.

Von Benedikt Schulz

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Das Bibelmuseum in Münster wurde im Dezember 2019 wieder eröffnet.  (Deutschlandradio/Benedikt Schulz)
Das Bibelmuseum in Münster wurde im Dezember 2019 wieder eröffnet. (Deutschlandradio/Benedikt Schulz)
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"Ehre sey Gott in der Höhe / Vnd Friede auff Erden / Vnd den Menschen ein wolgefallen".

Holger Strutwolf erklärt: "Also das hier ist Lukas 2, 14."

Er tippt mit seinen Fingern auf einem Tablet herum, vergrößert einen Ausschnitt aus einer Handschrift des Lukasevangeliums.

"Und jetzt war früher 'und den Menschen ein Wohlgefallen'. Das ist Eudokia."

Holger Strutwolf ist Direktor des Bibelmuseums der Uni Münster – und dort außerdem Direktor des Instituts für Neutestamentliche Forschung. Und in beiden Funktionen ist er so etwas wie ein Detektiv – sein Fall liegt allerdings 1900 Jahre zurück. Er und seine Kollegen versuchen, den Urtext der 27 Schriften des griechischen Neuen Testaments zu finden. Oder etwas präziser formuliert – ihm so nahe wie möglich zu kommen und den ältesten Punkt der Überlieferung zu bestimmen. Und so möglicherweise vertraute Texte zu korrigieren.

Frieden auf Erden, aber für wen?

"Und jetzt gibt es Handschriften, in denen tatsächlich Eudokia steht, aber da sieht man, dass da ein Sigma wegradiert worden ist. Und das ist der älteste Text. Man hat also: "den Menschen ein Wohlgefallen" - das klingt ja nach Friede, Freude, Eierkuchen - aber der Urtext hatte da ein S mehr, das heißt Eudokias, das heißt den Menschen des Wohlgefallens."

Holger Strutwolf (r.) leitet das Bibelmuseum in Münster.  (Deutschlandradio/Benedikt Schulz)Holger Strutwolf (r.) leitet das Bibelmuseum in Münster. (Deutschlandradio/Benedikt Schulz)

In den jüngeren Übersetzungen der Bibel wird der kleine Buchstabe inzwischen mitübersetzt – und deswegen klingt es jetzt so:

"Ehre sei Gott in der Höhe / und Friede auf Erden / den Menschen seines Wohlgefallens."

Der Kreis derjenigen, denen Friede gewünscht wird, wird eingeschränkt – und zwar dramatisch. Während zuvor im Grunde genommen die ganze Menschheit gemeint sein konnte, sind es im zweiten Fall nur noch diejenigen, die ihm, also Gott, wohl gefallen.

Das Bibelmuseum in Münster ist zwar klein – enthält aber dennoch eine beeindruckende Sammlung alter Handschriften, keineswegs nur Griechische, sagt Museumskustos Jan Graefe.

"Hier ist es auch Teil der Sprachenvielfalt, die wir hier zeigen, wir haben eben das Griechische, im Lateinischen, unten haben wir Äthiopisch, hier haben wir oben Koptisch, hier arabische Handschriften des Neuen Testaments, eine armenische Handschrift, oder auch, das ist jetzt ein Gebetbuchfragment, aber eben auch Deutsch aus dem 14. Jahrhundert."

An Luther führt kein Weg vorbei

Und auch an Martin Luther führt kein Weg vorbei. Der Reformator hat im Wortsinne Spuren in einem Ausstellungsstück hinterlassen.

Graefe sagt: "Das Spannende daran ist, dass ist eine Bibel letzter Hand, also 1544, 1545 gedruckt, also Luther hat in diese Bibelausgabe seine Änderungen noch eingebracht. Und auf der Widmung ist eben Johannes, 3, mit einer persönlichen Erklärung Luthers dazu, und das Spannende ist, Luther hat das unterschrieben und die Widmung ist datiert 1546. Luther ist am 18. Februar 1546 verstorben, er muss diese Bibel in seinen letzten sechs Wochen seines Lebens in der Hand gehabt haben." 

Auch sonst hat Martin Luther in gewisser Weise die Ausstellung und die Arbeit des Neutestamentlichen Instituts beeinflusst. Erst die Reformatoren griffen bewusst wieder auf die griechischen Texte zurück – während in der katholischen Kirche auch lange Zeit nach der Reformation noch die Vulgata, die lateinische Einheitsfassung der Bibel aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts maßgeblich blieb.

Doch der eigentliche Schatz des Instituts sind nicht die wertvollen Handschriften – zumindest nicht aus Sicht der Detektiv-Arbeit. Der Fundus des Museums enthält rund 90 Prozent der weltweit bekannten Handschriften des Neuen Testaments auf Mikrofilm oder Foto. Die kamen auf zahlreichen, teils abenteuerlichen Reisen des inzwischen verstorbenen Institutsgründers Kurt Aland nach Münster.

Jesus, Retter und Vernichter  

Anhand dieses Materials erstellen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts die sogenannte Editio Critico Maior, die inzwischen für Bibelübersetzungen weltweit maßgebliche Edition des griechischen Neuen Testaments. Aber nicht immer folgen alle Übersetzer den Erkenntnissen aus Münster – weil einem die korrigierte Fassung nicht geheuer ist.

Strutwolf sagt: "Ein Fall, wo die Lutherbibel sich gegen uns entscheidet und die katholische Bibel sich für uns entscheidet ist in Judas 5."

Der Brief des Judas ist einer der kürzesten Texte im Neuen Testament. Die umstrittene Stelle lautet:

 "Ich will euch, die ihr alles ein für alle Mal wisst, aber daran erinnern, dass der Herr, der das Volk aus Ägypten gerettet hatte, das andere Mal die umbrachte, die nicht glaubten."

Eine Möglichkeit, eine andere geht so:

 "Zwar wisst ihr alles ein für alle Mal; aber ich will euch dennoch daran erinnern, dass Jesus, nachdem er das Volk aus Ägypten gerettet hatte, später die vernichtete, die nicht glaubten."

Welche ist die richtige Lesart? Hat der Herr – oder hat Jesus sein Volk aus Ägypten gerettet? Nach Ansicht von Holger Strutwolf - Jesus:

"Zuerst hat der Herr das Volk aus Ägypten geführt und dann in der Wüste, weil sie nicht gehorsam waren, verdorben. Der Herr steht da. In den ältesten Handschriften, bei den Kirchenvätern, steht da Jesus. Wir haben lange daran gearbeitet, haben die Textgeschichte der Handschrift untersucht. Und da stellt man fest, dass tatsächlich diese Lesart - Jesus hat das Volk aus Ägypten geführt - die ursprüngliche Lesart ist."

Heißt aber auch: Jesus hat diejenigen, die nicht geglaubt haben, vernichtet.

Holger Strutwolf erzählt: "Das hat natürlich teilweise einen Aufschrei gegeben, wie kann man sowas sagen? Aber tatsächlich, die katholische Übersetzung ist uns gefolgt, die Lutherübersetzung hat sich nicht getraut und ist bei 'der Herr' geblieben."

Aber warum weiß man, welche Lesart näher am Urtext ist? Man kann theologisch-inhaltlich argumentieren.

"Rein von der Theologie des Judasbriefes her passt es gut, ist also eine sinnvolle Variante. Und auch im Rahmen der altkirchlichen Theologie durchaus sinnvoll, denn für die Theologie des Neuen Testaments, gerade Judasbrief, aber auch andere späte Schriften des Neuen Testaments ist ganz klar, dass Jesus derjenige ist, der für Gott schon vorher in der Geschichte handelt. Also Gott ist in Jesus Christus schon wirksam, auch bei der Schöpfung."

Wichtiger als die theologisch-inhaltlichen Argumente ist aber etwas anderes, um den ältesten Text zu bestimmen. Holger Strutwolf verwendet die kohärenzbasierte genealogische Methode. Klingt kompliziert und ist es auch. In einfachen Worten könnte man sagen: die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erstellen einen Familienstammbaum.

"Wenn wir jetzt jede Handschrift mit jeder vergleichen, dann kann man herausfinden, welche sind die nächsten Verwandten. Und wenn ich jetzt die nächstverwandten Handschriften ansehe, zwei Handschriften haben die Übereinstimmung 96 Prozent - sehr hoch - dann haben Sie aber vier Prozent Unterschied."

Und wenn man für die Varianten in diesen vier Prozent weiß, oder zumindest für den größten Teil der Varianten weiß, welche von ihnen älter sind, hilft einem das, auch für weitere Handschriften Schlüsse zu ziehen.

"In welchen Stellen hat Handschrift A älteren Text, und an welchen Stellen hat Handschrift B älteren Text. Und wenn die Handschrift A mehr älteren Text hat als jüngeren, dann nennen wir ihn einen potenziellen Vorfahren. Jede Handschrift hat mehrere potenzielle Vorfahren und wenn man jetzt diese potenziellen Vorfahren miteinander verbindet, dann bekommt man ein Textflussdiagramm, das zeigt, wie die Handschriftentexte miteinander zusammenhängen. Und jetzt kann ich bei den Einzelstellen gucken, wie verhalten sich diese Handschriften an dieser Einzelstelle, bei der ich noch keine Entscheidung gefällt habe."

Detektive bedienen sich immer der neuesten technologischen Hilfsmittel – das ist im Institut für Neutestamentliche Forschung nicht anders. Die mehreren tausend Handschriften werden in mühevoller Kleinarbeit digitalisiert – und dann Computer zur Hilfe zur genommen, um die genealogische Abstammung zu ermitteln.

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