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StartseiteKultur heuteMuseum für komische Kunst01.10.2008

Museum für komische Kunst

Die "Neue Frankfurter Schule" erhält ein eigenes Haus

Längst sind sie historisch, die Karikaturisten, Zeichner und Dichter der sogenannten Neuen Frankfurter Schule wie Chlodwig Poth, F.K. Waechter und Robert Gernhardt. Und nun haben sie auch ein Museum. Die "Caricatura", ein Haus für komische Kunst in der Mainstadt unweit des Römer gelegen, beherbergt viele Schätze der jüngeren deutschen Komikgeschichte.

Von Burkhard Müller-Ullrich

Der Dichter und Karikaturist Robert Gernhardt (AP)
Der Dichter und Karikaturist Robert Gernhardt (AP)

Die Neue Frankfurter Schule hat mit der alten Frankfurter Schule dies gemein, dass die Menschen sie entweder lieben oder verabscheuen. Adorno, Horkheimer und das Frankfurter Institut für Sozialforschung waren zweifelsohne intellektuelle Avantgarde, aber ihr Jargon hat in den Köpfen zahlloser Adepten tiefe Narben hinterlassen. Auch die Spaßvögel der Neuen Frankfurter Schule haben Fans, die schon beim Kürzel NFS in Verzückung geraten, anderen aber geht die Witzelei gewaltig auf den Senkel.

Einst tuschelte am Römerberg
Es war im Monat März
Ein feister, untersetzter Zwerg
Ins Ohr mir einen Scherz
Der war so säuisch, war so fies
Dass ich den Zwerg am Römerberg
Entrüstet stehenließ


Unweit vom Frankfurter Römerberg steht eins der ältesten Gebäude der Stadt: das Leinwandhaus. Seine vier Stockwerke mit 750 Quadratmetern Ausstellungsfläche sind ganz jener komischen Kunst gewidmet, die seit den sechziger Jahren, als die satirische Zeitschrift "Pardon" gegründet wurde, in Frankfurt besonders gepflegt und entwickelt wurde.

" Die Zentrale der Komik ist immer noch da. Wir haben hier in Frankfurt natürlich immer noch die Titanic, das endgültige Satiremagazin in der Bundesrepublik. Also ist Frankfurt immer noch die Hauptstadt der Satire, denn pro Quadratmeter ist die Satirikerdichte noch immer sehr groß in Frankfurt, "

sagt Achim Frenz, der Mann, der die Komische Kunst in Frankfurt zur Museumssache gemacht hat, der als Historiker auf die Neue Frankfurter Schule blickt und der jetzt, nach Jahren des Bittens und Barmens einen großen Erfolg feiern kann.

Die Basis sprach zum Überbau
Du bist ja heut schon wieder blau
Da sprach der Überbau zur Basis
Was ist?


Frenz: " Wir planen dieses Museum schon seit dem Jahr 2000 und da war noch nicht die Rede von Krankheit und Krebs. Alle haben es mitbekommen, Robert Gernhard und Chlodwig Poth wussten von diesem Projekt, dass wir ein Museum machen wollten. Es war nur nicht abzusehen wann, und man muss leider sagen, der Tod der Zeichner hat das ein bisschen beschleunigt und das hat uns Recht gegeben, dass wir ganz schnell schauen mussten, dass wir diese Sammlung zusammen halten und dann für die Stadt Frankfurt sichern. "

Chlodwig Poth, F.K. Waechter und Robert Gernhardt sind in den letzten Jahren gestorben. Sie, die vor Todes-Witzen nie zurückschreckten, würden es nicht für pietätlos halten, wenn man sagte, dass sie dadurch besonders museumsreif geworden sind.

Wussten Sie schon, dass man zwar mit Tischtüchern Tische, mit Kopftüchern Köpfe, mit Leichentüchern Leichen, nicht aber mit Taschentüchern Taschen bedeckt?

Komiker sind eigentlich Einzelgänger. Bloß in Frankfurt scherzten sie im Kollektiv. Und noch etwas fällt auf: Es waren sehr viele Doppelbegabungen darunter: zeichnende Dichter und dichtende Zeichner. Deren Werke werden jetzt in Bild und Text und Ton vorgeführt, denn im dritten Stock des Museums befindet sich eine Medienlounge, die sich hauptsächlich aus den Archiven des Hessischen Rundfunks speist, dessen fleißige Mitarbeiter viele der Genannten waren.

Am Eingang des neuen Museums hängt ein großes Schild, das einem Autobahnwegweiser nachempfunden ist: Es stammt von dem aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bekannten Zeichnerduo Greser & Lenz und zeigt die Ausfahrt "Neue Frankfurter Schule" an. In dieser Darstellung steckt eine Wahrheit: Man muss sich entscheiden, ob man zu dieser Art von Komik abbiegen will oder nicht. Der organisierte Assoziations-Irrsinn, der die Basis des satirischen Verfahrens bildet, kann anstrengend sein. Er kann fürchterlich nerven. Doch die Beharrlichkeit, mit der die Scherze nerven, ist Teil ihres Wirkungsmechanismus'. Den Künstlern der Neuen Frankfurter Schule war das durchaus bewusst; sie haben ihre wüsten Witze stets ganz nah am Blödelabgrund konstruiert.

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