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StartseiteHintergrundKultur am Fließband18.08.2019

Musicals in DeutschlandKultur am Fließband

König der Löwen, Aladdin, Mamma Mia - Musicals sind beliebt in Deutschland. Hinter den Shows stehen zumeist große Konzerne und Investoren, die möchten vor allem eins: Möglich viel Geld verdienen. Das bekommen vor allem die Servicemitarbeiter zu spüren – aber auch der Druck auf die Darsteller wächst.

Von Tom Schimmeck

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Hamburg: Blick vom Fähranleger auf das Stage-Theater in dem mehrmals am Tag das Musical "Der König der Löwen" aufgeführt wird (imago/Hommes Eibner-Pressefoto )
Im Stage-Theater im Hamburger Hafen wird mehrmals täglicher das Musical "Der König der Löwen" aufgeführt (imago/Hommes Eibner-Pressefoto )
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König der Löwen, Aladdin, Mamma Mia - Musicals sind beliebt in Deutschland. Hinter den Shows stehen zumeist große Konzerne und Investoren, die möchten vor allem eins: Möglich viel Geld verdienen. Das bekommen vor allem die Servicemitarbeiter zu spüren – aber auch der Druck auf die Darsteller wächst.

Mit der Hafenfähre, die an den Hamburger Landungsbrücken ablegt, ist man im Nu am gegenüberliegenden Ufer, wo auf einem ehemaligen Werftgelände zwei Musicaltheater stehen. Im silbrig schimmernden Gebäude links läuft gerade "Mary Poppins" aus, im September startet hier "Pretty Woman". Rechterhand wird, in einer gelben, wie ein riesiges Zelt anmutenden Halle mit gut 2000 Plätzen der Dauerbrenner schlechthin gegeben: "Der König der Löwen", eine Disney-Produktion, bis zu zehnmal in der Woche. 

Am Bühneneingang herrscht schon Stunden vor der Aufführung reges Treiben. "Bitteschön, auf ins Labyrinth hier." Stephan Jaekel, die Stimme der Firma Stage Entertainment, bittet herein:

"Man kann als Gast in ein Musical-Theater gehen, ohne das Libretto gelesen zu haben, und kann sich hineinziehen lassen in eine ganz andere Welt, als sie da draußen im Alltag herrscht und je nach Stück, Stoff, Musikrichtung kann man’s auch noch ganz, ganz toll finden."

Sieben Millionen Zuschauer jährlich

Stage Entertainment ist ein Musical-Gigant. Rund sieben Millionen Besucher kommen laut Auskunft der Firma jedes Jahr in ihre Spielstätten in den Niederlanden, Spanien, Frankreich, Italien, Russland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten. In Deutschland ist Stage mit zwölf Bühnen Marktführer - in Essen, Oberhausen, Stuttgart, München und Berlin. In Hamburg sind es gleich vier.

Darsteller vom Musical Der König der Löwen (imago/Christian Schrödter)Seit 2001 wird der "König der Löwen" in Hamburg aufgeführt - an manchen Tagen auch mehrmals (imago/Christian Schrödter)

"Ich bin schon von Anfang, vom allerersten Tag mit an Bord. 2001 war die Premiere." - Joachim Benoit spielt Zazu, den Vogel im "König der Löwen". Mindestens fünftausend Mal hat er ihn schon verkörpert: "Das fordert mich. Das ist sehr, sehr anstrengend. Das ist ein Handwerk, was man lernen muss. Ich wage was, ich riskiere was. Und die Zuschauer wollen dieses Wagnis auch sehen."

Die Darsteller, berichtet Benoit, bekämen zumeist Verträge für 12 bis 14 Monate. Heißt es danach: Wenn Du nicht das Allerbeste lieferst, bist du weg? "Man formuliert es etwas schöner. Aber das trifft die Sache auf den Punkt."

"Liebe Kolleginnen und Kollegen, es sind noch 30 Minuten bis zum Standby, noch eine halbe Stunde."

"Ja, ich heiße Melina, ich bin 33 Jahre alt und ich wohne in Hamburg. - Ça va."

Das Ensemble ist sehr international. Melina M’Poy, in der Schweiz geboren, hat bereits in London, Paris und Singapur beim "König der Löwen" gespielt: "Das Publikum ist immer anders. Für mich ist das überhaupt nicht langweilig. Ich liebe diese Arbeit." Acht-, manchmal neunmal in der Woche tritt sie auf. Um den Job körperlich leisten zu können, sagt M’Boy, müsse sie sehr viel Sport treiben. Für ihre Stimme, sagt sie, brauche sie mindestens acht Stunden Schlaf.

Ständig, berichtet Willy Welp, Künstlerischer Leiter der 54-köpfigen Truppe, werde am Produkt gefeilt: "Ich habe auch eine Vorgabe eben von Disney, die auch zweimal im Jahr kommen und, ja, ich muss schon aufpassen, dass es so in dem Sinne von Disney läuft. Aber mit der Mischung, mit dem was ich mir auch wünsche. Also ich kann relativ frei hier künstlerische Sachen machen, die ich dann Disney zeige und dann sagen die Ja oder Nein."

Die Vertreter der Walt Disney Company hüten ihre Marke wie Coca-Cola seine Rezeptur. Sie prüfen stets penibel, ob alles perfekt ist - nicht nur Tanz, Musik Inszenierung und Licht. Die Disney-Aufpasser, berichten Insider, rücken sogar mit einer Farbskala in die Garderobe ein, um zu gucken, ob die Knöpfe der vielen Kostüme exakt den vorgegebenen Farbton haben. "Ja, das ist ja ein Lizenzstück. Das muss einfach ja auch genial bleiben", sagt Willy Welp.

"Ein sehr riskantes Geschäft"

"Es ist auf jeden Fall ein sehr riskantes Geschäft, dieses Musicaltheater-Geschäft. Wir sind gegründet von einem verrückten Theaterliebhaber namens Joop van den Ende aus den Niederlanden", sagt Stephan Jaekel.

Johannes "Joop" van den Ende, Jahrgang 1942, hatte seine Karriere mit 15 Jahren als Tischler bei der holländischen Oper begonnen. 1988 produzierte er sein erstes Musical. Fünf Jahre später war van den Ende Mitgründer der berühmten TV-Firma Endemol, die der Welt Formate wie "Big Brother" bescherte. 1998 folgte Stage Entertainment. 2003 wurde in Hamburg die "Joop van den Ende Academy" gegründet – eine Musicalschule.

Der niederländische Musical-, Theater- und Filmproduzent Joop van den Ende (l-r), Nonhle Beryl Makhaya (Rolle der Rafiki), Henk Kivits und Johannes Mock-O'Hara (beide Stage Entertainment) posieren in Hamburg bei der Gala-Vorstellung anlässlich des zehnjährigen Bestehens von Disneys Musical "Der König der Löwen" im Theater im Hafen in Hamburg  (dpa/Georg Wendt)Stage-Entertainment-Gründer Joop van den Ende (l.) beim 10-jährigen Jubiläum von "König der Löwen" in Hamburg (dpa/Georg Wendt)

 "Ja, man kann mit Musicaltheater Gewinne erzielen. Aber das Risiko, das setzt sich eben daraus zusammen, dass jede Show aufs Neue erst einmal eine wahnsinnig hohe Investitionssumme voraussetzt und die Zuschauer danach erst kommen. Und wenn sie in hinreichender Anzahl kommen, kann das in dem Moment, wo man die Erstinvestition zurückverdient hat, natürlich dann schön werden. Weil in den Monaten, vielleicht sogar Jahren danach man nur noch gegen die laufenden Kosten anspielen muss."

Es gibt Kassenschlager. Und gähnend leere Säle. - "Dann ist das ein relativ großes finanzielles Desaster", so Stephan Jaekel.

Potenzial der Massenunterhaltung lockt Investoren an

2015 wurde van den Ende 73 Jahre alt, und wollte sein Musical-Reich neu ordnen. "Und aus einer Inhaber-geführten Firma eine Rendite erzielende Firma für den Markt da draußen, den bösen, umtosten, den musste er fertigmachen dafür." CVC Capital Partners kaufte 60 Prozent von Stage Entertainment. Der neue Mehrheitseigner, eine in Luxemburg ansässige, weltweit agierende Private-Equity-Gesellschaft - böse Zungen sagen "Heuschrecke" dazu - investiert in Bereichen wie Pharma, Banking und Chemie, lässt Verpackungsmaschinen, Tierfutter und Luxusuhren herstellen. Besitzt sogar ein Bestattungsunternehmen.

"Natürlich sind Gewinnerwartungen von am Kapitalmarkt agierenden Gesellschaften höher als das, was wir seinerzeit auf dem Papier zu bieten hatten", berichtet Stephan Jaekel. Die neuen Investoren schwärmten vom Potential der Massenunterhaltung. Doch zunächst wurde überprüft, was profitabel ist und was nicht. In Berlin wurde das Mauerfall-Musical "Hinterm Horizont" gestoppt, in Hamburg die "Joop van den Ende Academy" geschlossen.

"Das wurde richtig ratzfatz so schnell wie möglich geschlossen", erinnert sich Sören Fenner, langjähriger Lehrer an der Akademie. "Und das krasseste fand ich, dass Joop van den Ende zu der Zeit ja noch Mitbesitzer war und sozusagen live und in Farbe mitbeobachten konnte, wie sein Lebenswerk da zerstört wird."

Viele Städte wollen Musical-Standort werden

Am Ende zählt nur der Gewinn. Deutsche Städte und Gemeinden reißen sich darum, Musical-Standort zu werden. Angelockt auch von den Verheißungen der Veranstalter. Stage behauptet etwa: Hamburg verdiene dank der Musicals mehr als 600 Millionen Euro "Umwegrendite" pro Jahr – durch Übernachtungen, Nahverkehr, Gastronomie, Shopping.

"Die Städte sind sehr lieb zu uns. Wir werden umgarnt oftmals von Kommunen." Doch gebe es, meint Stage-Mann Jaekel, auch hier Grenzen des Wachstums: "Es ist eine landläufige Meinung, dass ein Theater irgendwo hingesetzt werden müsste auf die grüne Wiese, Busse Menschen in Horden irgendwo hin karren und die Leute dann das wahllos ausgesuchte Theaterstück sich anschauen wollen. Das ist ein völliger Irrglaube."

Stephan Jaekel, Sprecher der Firma Stage Entertainment bei der Premiere des Musicals "Die fabelhafte Welt der Amelie" im Werk7 Theater in MünchenFoto:xP.xSchönbergerx/xFuturexImage (imago/P. Schönberger/Future Image)Stage-Entertainment-Sprecher Stephan Jaekel: "Die Städte sind sehr lieb zu uns." (imago/P. Schönberger/Future Image)
2018 ging die Firma zu hundert Prozent an den US-Konzern Advance Publications, einen Medienkonzern, der Online-Plattformen, Veranstaltungs- und Marketingfirmen, Kabelnetze, den Discovery Channel und Zeitschriften wie "Vogue", "The New Yorker" und "Wired" besitzt. Steven Newhouse, Co-Präsident von Advance verlautbarte: "Mit unseren tiefen Wurzeln im kreativen Storytelling und unserem Appetit auf zusätzliche Investitionen glauben wir der richtige neue Besitzer von Stage Entertainment zu sein."

Hilfskräfte an externe Dienstleiter outgesourct

Viele Jobs jenseits der Bühne hat Stage schon vor mehr als zehn Jahren an einen Dienstleister abgegeben. Offenbar um Kosten zu drücken und möglichst wenigen Angestellten ein festes Gehalt zahlen zu müssen. Wird alles ausgelagert, was möglich ist?

 "Im Grunde ja. Und das Schöne ist: Im Theater ist gar nicht so viel möglich. Wir haben zwei Bereiche outgesourct: Die sogenannten Dresser, die Ankleider – das ist ein nicht ausgebildeter Beruf, der den Darstellerinnen und Darstellern während einer Show in die neuen Kostüme hilft. Und das ist das personalmäßig noch größere Team der Foyer-, also der Vorderhausleistungen bei uns. Wenn man begrüßt wird vom Doorman, wenn man seine Tickets entgegengenommen bekommt, wenn man seine Garderobe abgeben kann, seine Merchandise kauft und in den Bars Biere gezapft bekommt oder einen Kaffee ausgeschenkt."

Das Heer der Hilfskräfte in den deutschen Spielstätten von Stage wurde bislang von der Firma Onstage and Sports Service GmbH organsiert. Die Leistung der Mitarbeiter werde permanent überprüft, berichtet Laura Stonies, Betriebsrätin bei "Onstage" und Teamleiterin im Stage-Theater "Neue Flora" in Hamburg: "Also Pro Kopf Umsätze werden sich täglich angeschaut, verglichen auch mit anderen Theatern. Und da werden natürlich dann auch Maßnahmen ergriffen, um die Umsätze zu steigern. Dazu kommen natürlich ‚Testgast‘-Berichte, die uns immer wieder vorgelegt werden, den Service betreffend."

Sogenannte "Mystery-Reports": "Da kommen Gäste zu uns und kriegen vorab schon einen Fragebogen, den sie ausfüllen und eben dann an Stage Entertainment zurückschicken. Dort werden gewisse Dinge abgefragt, die unsere Servicestandards betreffen." Wie freundlich die Servicekraft auftrat, was sie offeriert hat, welche Formulierungen genau sie dabei benutzte. Ein "Herzlich willkommen" etwa. "Diese beiden Worte ‚Herzlich willkommen‘ sind essentiell und das wird natürlich dann auch in diesem Mystery Report abgefragt: ‚Wurden sie begrüßt an der Einlasskontrolle? Wenn ja, mit welchen Worten?‘"

Das sei auch völlig in Ordnung, findet der Betriebsratsvorsitzende Dieter Jahns: "Es ist sozusagen sogar hilfreich. Weil wir dann durchaus auch wissen: Wo muss was verbessert werden, wo muss nochmal wieder ein bisschen nachjustiert werden."

Externer Dienstleister muss nach Kündigung Konkurs anmelden

Auf der Facebook-Seite der Firma heißt es noch immer: "Werde auch DU ein Teil unseres Erfolges! Grandiose Bühnenhäuser und bekannte Sport-Eventlocations erwarten dich." Tatsächlich hat das Unternehmen längst Konkurs angemeldet. Stage Entertainment hatte dem Dienstleister Anfang des Jahres gekündigt.

"Der Betrieb endet zum 31. August und 1200 Menschen verlieren deutschlandweit ihren Arbeitsplatz." Betriebsrätin Stonies scheint den Tränen nahe. Blickt betrübt in ihre leere Kaffeetasse: "Wir haben eben noch darüber gesprochen, was wir mit dem Geschirr hier anstellen werden, ob wir das mit nach Haus nehmen oder wer das haben möchte."

Musical-Theater "König der Löwen" im Hamburger Hafen an der Elbe (imago/Chris Emil Janßen)Im Musical-Theater im Hamburger Hafen werden künftig keine Mitarbeiter mehr der Firma Onstage and Sports Service GmbH mehr arbeiten (imago/Chris Emil Janßen)

Erst 2015 war es gelungen, bei Onstage überhaupt einen Betriebsrat zu installieren. Nach heftigen Kämpfen, wie sich Agnes Schreieder erinnert. Sie ist bei der Gewerkschaft Verdi für die Theater und Musicals in Norddeutschland verantwortlich. Die Firma habe sich massiv gesträubt, auch mit Hilfe von Anwälten: "Die Initiatorinnen und Initiatoren der Betriebsratswahl aus dem Unternehmen selber wurden von heut auf morgen fristlos gekündigt und vor die Tür gesetzt, mit Hausverboten."

In einem zweiten Anlauf wurde ein Betriebsrat installiert, der firmenfreundlich agierte. Jetzt stehen die Mitarbeiter mit leeren Händen da. "Ich schätze, gerade in solchen Situationen wäre dann auch eine stärkere Anbindung an die Gewerkschaft sicherlich von Vorteil gewesen", meint Betriebsrätin Stonies.

Personalreduzierung und Arbeitsverdichtung

"Wir erleben Ausgliederung, Outsourcing seit ungefähr 15, 20 Jahren. Im Übrigen, muss man einräumen, nicht nur bei den Musicals. Das ist ja ein Phänomen, das wir leider auch in vielen anderen Branchen kennen. Uns gefällt das als Gewerkschaft überhaupt nicht." Die Verdi-Fachfrau ist ein Fan des bunten Cocktails Musical. Die Spielräume aber, sagt sie, seien dort oft enger als an jenen Theatern, die mit öffentlichen Mitteln arbeiten. Ihr Trost: Viele Künstler sind gewerkschaftlich organisiert:

"Wir haben, als in Deutschland die Musicalbranche überhaupt im Entstehen war, das liegt nun gut 20 Jahre zurück, eine sehr tolle Gruppe von Leuten gehabt, die mit uns gemeinsam Tarifverträge für diese Musicals, insbesondere für den größten europäischen Musicalkonzern Stage Entertainment, aufgebaut haben, durchgesetzt haben, auch mit Streiks damals durchgesetzt haben."

Die Bezahlung der Künstler, berichtet Schreieder, sei in Ordnung, auch der Gesundheitsschutz deutlich besser geregelt als bei anderen Privatbühnen. Doch trotz aller Anstrengungen werde das Personal in manchen Bereichen nahezu halbiert: "Das hat manchmal mit technischen Entwicklungen zu tun, aber häufig eben auch mit Arbeitsverdichtung und auch mit neueren Konzepten, die beispielsweise bei der Livemusik Einzug halten und dazu führen, dass viele Instrumente, die in der Partitur vorgesehen sind, nicht mehr live eingespielt werden."

Der Ex-Musicaldarsteller und -Lehrer Sören Fenner, heute Miststreiter von "art but fair", einer Organisation, die für bessere Arbeitsbedingungen im Kulturbetrieb kämpft, bestätigt den Befund: "Was wir mitkriegen ist, dass ganz viel Musik inzwischen vom Band kommt. Wir merken, wie die Orchester abgebaut werden dort. Und das ist natürlich auch ein Thema, wo man sagen muss: Wo geht das künstlerisch hin? Wollen wir uns alle gemeinsam treffen und uns eine CD anhören oder wollen wir Live-Musik?"

Als Fenner einst in Wien "Die Schöne und das Biest" spielte, erzählt er, saßen noch 50 Leute im Orchestergraben. Heute seien es oft weniger als die Hälfte. Wer immer nur einspare, meint Fenner, zerstöre langfristig sein Produkt: "Das ist genau wie im Restaurant, Wenn ich da irgendwann nur noch aus Pappbechern serviere, weil ich keine Lust mehr habe, einen Geschirrspüler zu betreiben und die Kraft zu bezahlen, die das macht, dann ist da Produkt weg. Dann ist da ein Schnellimbiss. Und ich glaube, das wurde noch nicht erkannt."

Theater-Impresario Littmann: Sparen nur wegen der Renditeerwartung

 "Ich glaube, Sparen im Sinne von Outsourcing und nur den Mindestlohn bezahlen, das ist nicht einer Notwendigkeit geschuldet", meint der Hamburger Theater-Impresario Corny Littmann. "Und wenn es eine Notwendigkeit gibt, dann ist es die Renditeerwartung der Investoren, nicht mehr und nicht weniger. Also die wollen Geld verdienen. Und wie könnten sie es besser tun, als dass sie möglichst minimale Löhne bezahlen und möglichst ökonomisch effektiv wirtschaften, damit der Investor befriedigt wird? Ganz einfach."

Corny Littmann, geschäftsführender Gesellschafter des Schmidt-Theaters (dpa/Georg Wendt)Theater-Impressario Corny Littmann: "Sparen im Sinne von Outsourcing und nur den Mindestlohn bezahlen, das ist nicht einer Notwendigkeit geschuldet." (dpa/Georg Wendt)

Littmann betreibt drei Bühnen auf der Hamburger Reeperbahn, darunter "Schmidt’s Tivoli", wo seit 16 Jahren das Musical "Heiße Ecke" läuft. "Wir haben über drei Millionen Besucher und demnächst die 4444. Vorstellung", so Corny Littmann. Die "Heiße Ecke" war eine legendäre Würstchenbude schräg gegenüber vom "Tivoli", in der die Reeperbahn-Kundschaft rund um die Uhr mit derben Sprüchen und schlechtem Kaffee bedacht wurde. Bis zum Abriss 1991. Die Musicalmacher um Littmann strickten daraus einen St. Pauli-Mythos. Dazu gibt es Curry-Wurst und Bier.

"Und es gibt keinen, der in dem Sinne kontrolliert, dass er sagt: ‚Dieser Schritt muss aber genau so sein, weil er in New York schon so gewesen ist.‘", sagt Littmann. Er legt Wert darauf, ganz anders zu agieren als der Musical-Gigant Stage.

"Hier ist der Aufenthaltsraum der Darsteller." - "Sag nicht, dass Du weißt, wie viel Male Du gespielt hast." - "Nee." - "Ich weiß es auch nicht. Ich habe bei hundert aufgehört zu zählen.
Und das ist vier, fünf Jahre her."

In den Regalen reihen sich die Perücken, darunter Boxen voller Accessoires. Und überall mit Kostümen vollgehängte Kleiderstangen. In der "Heißen Ecke" spielen neun Darsteller an die 50 Rollen. "Da sind die Frauen." - "Aber die sagen nicht so viel." - "Immer diese nichtssagenden Frauen."

In der Männer-Garderobe im Keller des "Tivoli" spricht Schauspieler Heiko Wohlgemuth am Schminktisch ein Lob der Routine: "Das ist wie so ein gut eingetragenes Paar Schuhe. Man kann irgendwann nachts aufstehen und das abrufen. Aber es macht immer noch einen Heidenspaß, weil es ist ja jeden Abend neu." Kollege Heiko Fischer nickt: "Hier ist Freiheit angesagt. Frei im Spiel und in der Versuchung."

Neuer Dienstleister sucht Servicekräfte

Zum 1. September soll die GVO Personal GmbH aus Osnabrück die "Vorderhäuser" der deutschen Stage-Theater bedienen. Der Sprecher von Stage ist voller Erwartungen: "Die sind a) etwas teurer, b) sehr viel besser." Und könnten all den ungelernten Studenten und Rentnern "zackzack erklären", wie man etwa die Garderobe effizient hängt. "Die rekrutieren nun. Und es ist in hohem Maße wahrscheinlich und denkbar, dass viele der Leute, die bei ‚Onstage und Sport‘ beschäftigt waren, dort ebenfalls angenommen werden. Eine Garantie haben sie nicht.

"Magische Momente: Mit Dir!", GVO sucht nun online nach Einsatzkräften: "Werde Teil des großen Musical-Erlebnisses in Deiner Stadt." Die GVO gehört seit 2017 mehrheitlich zur persona service AG & Co. KG, mit über 19.000 Mitarbeitern eine Größe im Leiharbeitsgewerbe. Nach Auskunft der Betriebsräte des alten Dienstleisters meidet der neue Dienstleister die Mitarbeiter des alten: "Die Servicekräfte, die sich dort beworben haben, denen werden durchaus Verträge angeboten, aber mit der klaren Ansage, dass sie eben bis Februar nächsten Jahres nicht im Theater eingesetzt werden. Einfach um den Betriebsübergang, den man damit rechtlich quasi schaffen würde, zu umgehen."

GVO teilt dazu schriftlich mit: "Selbstverständlich prüfen wir jede einzelne Bewerbung ergebnisoffen." Die Rekrutierung könnte schwierig werden, meint Agnes Schreieder von Verdi. Auch weil gute Tarifjobs so rar geworden sind: "Du kriegst diese Jobs nicht so einfach. Du kriegst Dienstleistungsjobs. Und die sind dann eben mit dem Mindestlohn bezahlt. Und da krieg ich halt irgendwo anders, selbst bei Lidl an der Kasse, möglicherweise einen Euro mehr."

Unter den Künstlern wächst der Wettbewerb

Früher, erzählt auch Musical-Veteran Fenner, war es für die wenigen Darsteller leicht, einen Job zu bekommen: "Heute gibt es Tausende. Und da muss man halt auf Schiffe ausweichen, auf Kreuzfahrtschiffe und so. Das ist schwieriger geworden. Aber es gibt auch mehr Shows."

Anläßlich des 15-jährgen Jubiläums des Musicals "Heisse Ecke" (2018) posieren Theatermacher Corny Littmann, Kultursenator Carsten Brosda, Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher und Norbert Aust in der Mitte der Musical Darsteller (imago/News4HH)Im vergangenen Jahr feierte das Musical "Heisse Ecke" 15-jähriges Jubiläum (imago/News4HH)

"Ja. Das ist ein Beruf, den ich keinem jungen Menschen unbedingt empfehlen kann." Auch bei den Künstlern, beobachtet Corny Littmann, wächst der Wettbewerb: "Wir haben eine Audition gemacht, eine sogenannte "open audition", kürzlich erst, und dazu haben sich 500 Darstellerinnen und Darsteller gemeldet. 50 davon haben wir eingeladen, also zehn Prozent, und fünf werden wir vielleicht verpflichten."

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