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StartseiteTag für TagSo tönt Gott29.04.2016

MusikSo tönt Gott

Das Kölner Brückenfestival widmet sich in diesem Jahr dem Verhältnis von Musik und Glauben. Zu hören sind zeitgenössische Kompositionen. Geistliche Musik im traditionellen Sinne ist das nicht. Die Künstler und Veranstalter sprechen lieber von Spiritualität als von Religion.

Von Benedikt Schulz

Eine Violine mit Notenblättern. (picture alliance / dpa / Rolf Kremming)
Die Werke der russischen Komponistin Galina Ustwolskaya sind eine zeitgenössische musikalische Auseinandersetzung mit Religion (picture alliance / dpa / Rolf Kremming)

O Sacrum Convivum, ein christlich-liturgischer Text, O heiliges Gastmahl bei dem Christus verzehrt wird. Thomas von Aquin, der vielleicht einflussreichste Philosoph und Theologe des 13. Jahrhunderts soll ihn geschrieben haben. Und damit führt der Text tief in die Geistesgeschichte des europäischen Mittelalters, und vor allem: tief in dessen christliche Tradition.

Das Gedächtnis des Leidens Christi wird erneuert, der Geist wird erfüllt mit Gnade. Es geht um das Abendmahl, die Eucharistie. Die Musik aber ist alles andere als mittelalterlich. Sie stammt aus dem Jahr 2013, geschrieben hat sie die niederländisch-französische Komponistin Camille van Lunen. Und mittelalterliche Ohren hätte sie damit vielleicht eher verschreckt als verzückt.

"Was ist Gratia für uns? Was heißt das? Und was heißt Christus? Was verbinden wir mit einer Figur einer Person, die so inspirierend für die Welt ist? Und auch so viele Auseinandersetzungen ins Leben gerufen hat?"

Camille van Lunen hält den Text immer noch für aktuell. Er ist unzählige Male in Musik gesetzt worden, die Geschichte seiner Vertonungen zieht sich durch die Geschichte der europäischen geistlichen Musik und beinhaltet Namen wie William Byrd, Thomas Tallis oder Franz Liszt. In ihrer Fassung hat van Lunen Thomas von Aquin mit der 2003 verstorbenen evangelischen Theologin und Dichterin Dorothee Sölle konfrontiert – aktualisiert, nennt die Komponistin das.

Das Kölner Festival "8 Brücken" steht in diesem Jahr unter dem Motto "Musik und Glaube". Und damit wird eine der ältesten Triebfedern für das Schreiben und Spielen von Musik in den Mittelpunkt gestellt: Religion. Allerdings: "8 Brücken" steht für neue, für zeitgenössische Musik – ist Religion überhaupt noch Anstoß für neue Musik?

"Wir meinen, dass Musik und Glaube ein sehr schönes Thema sein kann, gerade im 21. Jahrhundert, wo vielleicht Glaube als Art von religiöser Musik immer weniger vorkommt und deswegen wollten wir auch überhaupt nicht, dass Musik und Glaube aufgefasst wird als ein Festival von religiöser Musik. Es geht uns mehr um den Gedanken, was bringt Glaube an Inspiration für Komponisten."

Louwrens Langevoort, Intendant der Kölner Philharmonie und künstlerischer Leiter von "8 Brücken".

Das heißt: Spiritualität statt Religion. Es geht also nicht um den organisierten Glauben, für den etwa die Kirchen stehen, sondern eher um den Glauben an die transzendente Erfahrung überhaupt. Im Mittelpunkt des Festivals steht eine Komponistin für die dieser Unterschied zentral in ihrem Schaffen war. Galina Ustwolskaya, Schostakowitsch-Schülerin hat in ihren Werken immer wieder offene oder verdeckte religiöse Bezüge eingebaut, hat ein Stück "Amen", ein anderes "Dies irae", Zorn Gottes, genannt. Aber religiös wollte die 2006 verstorbene Russin nicht sein:

"Meine Werke sind nicht religiös, aber definitiv spirituell, weil ich alles von mir gegeben habe. Meine Seele, mein Herz"

"Sie hat einen wahnsinnig starken Ausdruckswillen, es ist eine Musik, die nie loslässt, die auch fesselt, in einem Stück steht dann irgendwann, ich soll mit Inbrunst spielen, es gibt kein Loslassen. Es hat mit diesem Existenziellen der Musik zu tun. Es gibt nichts Belangloses, jede Note hat ihre Berechtigung, ihr Eigenleben, ihr Gewicht, ihre Kraft, ihren Ausdruck, es ist eine unglaublich intensive Musik."

Hannah Weihrich, Violinistin bei der Kölner Musikfabrik, dem Kölner Ensemble für zeitgenössische Musik probt derzeit das Oktett von Ustwolskaya. Ein beinah schon bedrohliches Stück Musik, aber auch eines, das geistig-meditativ wirkt, meint Hannah Weihrich.

"Auch dieses Repetitive, diesen Satz, den wir gerade geprobt haben, dieser zweite Satz, es kommt immer das gleiche Motiv und wird unglaublich oft wiederholt, wie ein Gebet irgendwie."

Musik als Reflexionsfläche für eine individuelle Spiritualität. Und obwohl sie ihre Musik nicht religiös verstanden wissen wollte, wünschte sich Ustwolskya doch, dass man ihre Werke in Kirchen aufführt. Ihr Oktett etwa wird im Rahmen des Festivals in der Kölner St.-Michaels-Kirche gespielt.

Auch andere zeitgenössische Künstler haben Zugänge zu geistlichen Themen gesucht, etwa Arvo Pärt oder Olivier Messiaen, beide haben nicht nur spirituelle Werke geschrieben, sondern auch dezidiert kirchliche, Messen zum Beispiel, liturgische Gebrauchsmusik. Aber damit sind sie die Ausnahme. Die Zugänge zu Spiritualität sind anders. Louwrens Langevoort:

"Ich würde sagen, dass in den vergangenen Epochen ist religiöse Musik immer Gebrauchsmusik gewesen ist. Sie wurde komponiert, um in einer Liturgie gebraucht zu werden. Das ist mittlerweile total anders."

Allerdings nicht immer und vor allem nicht überall:

"Die Musik, die wir nicht aus dem Westen haben, vor allem die Programmpunkte, die aus Asien kommen, da hat sich diese Entwicklung noch nicht vollzogen, da ist die Musik noch vielmehr gekoppelt an die Liturgie, die Religion selber. Vielleicht weil die Religion noch eine andere Position in der Welt hat, in der Gesellschaft da. Und nicht wie hier."

Doch in einer Gesellschaft, in der einerseits die organisierte Religion immer weniger wichtig, andererseits die Sehnsucht nach Sinn, innerer Einkehr oder eben Spiritualität immer größer zu werden scheint, steht neu entstehende geistliche Musik unter ganz anderen Vorzeichen. Die zeitgenössische musikalische Auseinandersetzung mit Religion ist suchender, offener, möglicherweise auch zweifelnder. Oder, wie im Fall der russischen Komponistin Galina Ustwolskaya ist sie auch ver-zweifelnder.

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