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StartseiteKalenderblattMusikalischer Provokateur05.09.2012

Musikalischer Provokateur

Vor 100 Jahren wurde der Komponist John Cage geboren

Als der amerikanische Komponist John Cage in den 70er-Jahren in der Kölner Musikhochschule seine "Lectures" hielt, musste die Polizei eingreifen - zu bedrohlich wurde der Menschenandrang. Längst war Cage zur Kultgestalt der Avantgarde geworden - allein sein Erscheinen löste Begeisterung aus.

Von Stefan Zednik

Der amerikanische Komponist, Schrifsteller und Philosoph John Cage (Aufnahme aus dem Jahr 1979).  (AP)
Der amerikanische Komponist, Schrifsteller und Philosoph John Cage (Aufnahme aus dem Jahr 1979). (AP)

Es ist das längste Musikstück der Welt, das hier in der Buchardi-Kirche in Halberstadt erklingt. Sein Titel: "Organ2/ASLSP" von John Cage. In der Abkürzung liegt gleichzeitig seine Spielanweisung: As slow as possible. Es wird erst in 627 Jahren, am 5. September 2640 zu Ende gehen.

John Cage, geboren am 5. September 1912 in Los Angeles, dachte zunächst kaum daran, Musiker zu werden. Nach dem erfolgreichen High-School-Abschluss studierte er Literatur, überzeugte jedoch bald seine Eltern vom Sinn einer ausgedehnten Auslandsreise. 1930 ging er für 17 Monate nach Europa, hielt sich vor allem in Paris auf, beschäftigte sich mit Malerei, Architektur, Lyrik und – Musik.

"Damals war ich der Meinung, dass man alle Dinge machen könnte – Schreiben, Malen, sogar Tanzen -, und zwar ohne alle technischen Vorkenntnisse. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass man Komposition studieren müsste. Bedauerlicherweise hörten sich meine Eigenkompositionen für mich selbst ganz schrecklich an."

Zurück in Amerika begann er, sich intensiver auf Musik zu konzentrieren und studierte Harmonielehre bei Arnold Schönberg.

"Ich versuchte, Schönberg einige Male zu erklären, dass ich kein Gefühl für Harmonie habe. Ohne ein Gefühl für Harmonie, so sagte er mir, würde ich immer auf ein Hindernis, eine Mauer stoßen, die ich niemals durchbrechen werde. Ich erwiderte ihm, dass ich dann wohl mein Leben damit verbringen müsste, mit meinem Kopf gegen diese Mauer zu rennen, und vielleicht habe ich seitdem nichts anderes getan."

Dieses Ankämpfen gegen Konventionen, insbesondere Hör-Konventionen, wird Cages Leitmotiv, und viele seiner Stücke, die oft die Grenze zwischen Kunst und Performance, Happening und Musik überschreiten, werden zu Marksteinen der Neuen Musik.

Cage schreibt für präparierte oder Spielzeugklaviere, Radiogeräte und Plattenspieler. Mit dem Choreografen Merce Cunningham, seinem Arbeits- und Lebenspartner, entwickelt er Tanz-Performances, bei denen Bewegung und Musik fast vollkommen unabhängig voneinander sind. Er etabliert die Prinzipien von Autonomie und Zufall als Mittel des kompositorischen Prozesses, begreift dabei die ganze Welt als Quelle von Klang.

"...etwa das Brummen meines Kühlschranks und Geräusche, die hartnäckig scheinen, wie Alarmanlagen. Tatsächlich genieße ich nun alle diese Dinge, früher haben sie mich gestört, oder man hat sie einfach ignoriert. Jetzt schenke ich Ihnen Aufmerksamkeit."

Sein berühmtestes, 1952 uraufgeführtes Stück "4'33" gibt dem ausführenden Pianisten nur eine Spielanweisung: "Tacet". In vier Minuten und 33 Sekunden wird der Zuhörer gezwungen, die sonst nur als Störung empfundenen Geräusche eines Konzertsaals als "Musik" zu erleben. Nicht das Werk, sondern das subjektive Erleben wird zum eigentlichen Thema. Oft kommt dabei dem einzelnen Musiker eine Freiheit der Improvisation zu, mit der umzugehen die wenigsten gelernt haben. Cage erläutert eine seiner Kompositionen für Orchester:

"Alle meine Kompositionen sind Belege dafür, wie man Musik ohne Bezug zur Tonalität machen kann, hier jedoch geht es darum, atonale Musik zu machen, die nicht theoretisch ist, sondern in der jeder Klang sein eigenes Zentrum hat. Und in der jeder Musiker seine eigene Musik macht. So verstehen die Streicher, welche Art von Musik sie selbst machen, sie sind nicht nur Teil einer Gruppe, die die 1. Violine verstärkt."

Cage, der mit viel Sanftmut gegen die Mauern der Gewohnheit kämpfte, schien sich am Ende auch mit der Tonalität ein wenig versöhnt zu haben. In der Komposition "Litany for the whale" für zwei menschliche Stimmen, entstanden 1980, zwölf Jahre vor seinem Tod im Jahr 1992, ließ er Wale miteinander singen – in vollendeter Harmonie.

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