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StartseiteCorsoWie eine schwitzende Maschine24.03.2020

Musiker Gabi Delgado ist totWie eine schwitzende Maschine

Punk war für ihn eine weitere Form von Rock - und daher zu langweilig: Der Sänger von Deutsch-Amerikanische Freundschaft, Gabi Delgado, prägte Anfang der 80er-Jahre mit lyrischer Experimentierfreude und elektronischen Sounds nachhaltig die deutsche Popmusik. Er ist im Alter von 61 Jahren verstorben.

Jens Balzer im Kollegengespräch mit Bettina Schmieding

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Gabi Delgado-Lopez von DAF live auf dem M era Luna Festival 2014 auf dem Flugplatzgelände Drispenstedt.  (imago / Future Image / R. Keuntje)
Hang zum Dadaismus: Gabi Delgado von DAF (imago / Future Image / R. Keuntje)
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Gabi Delgado ist tot. Der Sänger der Band Deutsch-Amerikanische Freundschaft (DAF) starb im Alter von 61 Jahren in seinem Haus in der Nähe von Córdoba. Seine musikalische Bedeutung lag in der "Wucht und Durchlagkraft" seiner Musik, sagte Musikkritiker Jens Balzer. Das wird in dem Stück 'Der Mussolini' deutlich, das Anfang der 80er-Jahre einen ganz neuen Sound und eine "absolut revolutionäre Verbindung von Menschen und Maschinen" etablierte: "Ich glaube, es gibt für die ganze deutsche Popmusikgeschichte kaum einen anderen Song, der so prägend und grundstürzend wie dieser gewesen ist", so Balzer.

Prägend für Delgado, der mit seinen Eltern von Spanien nach Westdeutschland emigriert war, waren seine musikalischen Erlebnisse in Soldaten-Discos. Dort kam er mit der Disco-Kultur in Berührung, "vor allem mit der zweiten Welle von Disco, die ja schon von elektronischen Beats beherrscht war", sagte Balzer. "Ein lebensprägendes Erlebnis war ‚I Feel Love‘ von Donna Summer und Giorgio Moroder."

Aus den Klammern der Schlagermusik

Eine Besonderheit von DAF war die Verbindung von Disco und Punk. Allerdings gefiel Delgado viel mehr der Do-it-yourself-Gestus des Punk und nicht die Musik, die ihre Wurzeln im Rock hatte. "DAF wollten Musik machen, die wirklich ganz neu klingt", so Balzer. Sein musikalischer Partner, Robert Görl, programmierte die Beats mit japanischen Korg-Synthesizern, die damals auf den Markt kamen. "Und Delgado hat sich gewissermaßen an diese Maschinen angeschlossen und seine Parolen und Sätze herausgebellt, die manchmal provokativ waren, wie im Fall von ‚Der Mussolini‘, manchmal auch dadaistisch."

Besonders an Delgados Texten war, dass er versuchte, die deutsche Sprache für sich zu erobern und sie aus den Klammern der Schlagermusik zu befreien. "In den Texten von Delgado geht es immer um die Aneignung des Deutschen durch einen Migranten", so Balzer.

Wegbereiter von EBM und Techno

Die Karriere von DAF währte allerdings nicht lange. Das Duo löste sich schon 1982 auf. "Weder Delgado noch Görl haben nach der Auflösung von DAF in späteren Jahren wieder Musik gemacht, die an die Bedeutung dieses Duos heranreichen konnte", sagte Balzer.

Anderseits könne man diese Bedeutung von DAF auch gar nicht überschätzen, auch als Wegbereiter von Electronic Body Music und Techno. "Es ist eben nicht nur ein Hit, der ihr Werk ausmacht. Es sind drei Alben, die sie wie im Fieberwahn zwischen Ende 1980 und 1982 produziert haben: ‚Alles ist gut‘, ‚Gold und Liebe‘ und ‚Für immer‘. Und auf denen finden sich nicht nur Dancefloor-Marschmusik-Songs, sondern auch viele rätselhafte und zärtliche Liebeslieder", so der Musikkritiker. 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Corsogespräch (2015, Archiv): DAF-Musiker Gabi Delgado über sein neues Album "2" und warum er CDs mit 10 Songs nicht mag.

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