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StartseiteCorsoBand verloren, sich selbst gefunden09.05.2015

Musikerin Du BlondeBand verloren, sich selbst gefunden

Vor drei Jahren feierte die Britin Beth Jeans Houghton mit ihrem Debütalbum große Erfolge. Weird Folk, Psychedelic, Garage, Jazz und Soul wurden dort verhandelt. Nun hat sie eine überraschende Kehrtwende gemacht: Schweren Herzens hat sie ihre Band gefeuert und unter dem Namen "Du Blonde" ein Solo-Rockalbum herausgebracht.

Von Florian Fricke

Du Blonde 2012 noch als Beth Jeans Houghton auf dem Applecart Festival in London. Blonde Sängerin, rote Lippen, schwarze Lederjacke, schwarz-weiße Hose, eine E-Gitarre spielend und singend auf einer Bühne (imago/stock&people/United Archives International)
Du Blonde 2012 noch als Beth Jeans Houghton auf dem Applecart Festival in London. (imago/stock&people/United Archives International)

"Ich war in der großen David Bowie-Ausstellung. Im letzten Raum hingen all seine Kostüme aus unterschiedlichen Phasen. Es war, als ob man in den Kopf von jemand anders hieneinsteigen würde, ein genialer Kunstgriff. Da habe ich gespürt: Hier geht es um genau das, was ich schon immer machen wollte, schon vor der Musik: um Dinge, die direkt mit mir zu tun haben. Diesen direkten Bezug hatte ich verloren, schon vor Jahren. Stattdessen hatte ich mich immer mehr auf andere Leute im Business konzentriert. Also habe ich einen Schnitt gemacht."

Du Blonde hat eine Entscheidung getroffen, wie man sie nicht häufig erlebt in der Musikindustrie. Sie hat sich ihrer alten Persönlichkeit Beth Jeans Houghton radikal entledigt und lebt nun ein komplett neues Künstlerleben. Nicht ein Lied ihres alten Repertoires ist sie gewillt noch zu spielen. Dafür nun straighter Rock, ein Ausbruch an Gefühlen und Energie.

"Wie heißt dieser Film mit dem Nachrichtensprecher, der plötzlich schreit "Ich halte das nicht mehr aus!" und im Studio völlig zusammenbricht? So ungefähr war das auch bei mir. Und ich wusste, das ich was dagegen tun musste - für meine eigene geistige Gesundheit."

Beth Jeans Houghton ist gerade mit ihrer Band The Hooves Of Destiny in Los Angeles mit den Aufnahmen zu ihrem zweiten Album beschäftigt, als sie diese Entscheidung trifft. Sie feuert die Band - keine leichte Entscheidung, wenn man so lange so eng zusammen gearbeitet hat.

"Aber über die Jahre haben sie immer mehr die Kontrolle über ihre Parts an sich gezogen und ihre eigenen Ideen eingebracht - was total verständlich ist, es sind nun mal Musiker. Aber sie entsprachen nicht mehr meinen Ideen. Und es ist so schwer, Freunden zu sagen, dass sie das aber so und so spielen müssen. So habe ich die Leine immer länger gelassen bis zu dem Punkt, wo es nicht mehr meine Musik war, sondern eine gemeinschaftliche Arbeit. Aber das wollte ich nie."

Die Hälfte der zwölf Songs hat sie an nur einem Tag geschrieben

Aber das ist nur ein Aspekt von mehreren. Du Blonde ist von einigen Leuten in ihrem Umfeld genervt, auf die sie Rücksicht nimmt und sich deswegen schlecht fühlt. Sie hat ein Problem mit den Hatern in sozialen Netzwerken wie Facebook, die über sie herziehen, aber ihr das nie so ins Gesicht sagen würden. Sie ist immer desillusionierter über ihre Rolle als Frau im Business, weil sie als 25-Jährige noch genauso bevormundet wird wie als 18-Jährige. Und dann sieht sie die Band Future Islands mit ihrem charismatischen Sänger Samuel Herring. Herring verkörpert für sie den Idealismus, den sie mittlerweile so vermisst.

"Es gibt diese Textzeile im Film Almost Famous, als Philipp Seymour Hofmann als Lester Bangs sagt: Die Musikindustrie ist zu einer Industry of Cool mutiert. Das bezog sich auf die 70er, aber es ist auch der Zustand von heute. So viele Bands interessiert nur noch ihre perfekte Vermarktung, wie sie am meisten Geld einstreichen und die meisten Mädchen abbekommen können. Und so verlierst du all das, was die Fans einmal angezogen hat. Und das habe ich bei diesem Konzert mit den Future Islands gespürt - dass es immer noch anders geht."

Du Blonde hat Samuel Herring zu einen Gastauftritt auf "Welcome Back To Milk" überreden können. Die Hälfte der zwölf Songs hat sie an nur einem Tag geschrieben. Nur drei, nämlich die Balladen, überschreiten die Drei-Minuten-Marke. "Welcome Back To Milk" ist ein Befreiungsschlag, dem man das auch anhört. Aus ihrem alten Musikerleben hat Du Blonde die Fähigkeit herübergerettet unkonventionell zu schreiben. Ein Vergleich mit Courtney Love und ihrer Band Hole liegt auf der Hand, aber warum eigentlich? Bloß weil die beiden rocken und blond sind? In ihrer Vielseitigkeit und eruptiven Emotionalität und liegt Du Blonde näher bei Anna Calvi. Und falls sie ihrem Idol David Bowie weiter nacheifert, war das nicht die letzte künstlerische Häutung.

 

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