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StartseiteMusikjournalSakralmusik als Experimentierfeld 08.07.2019

Musikfest ION 2019 Sakralmusik als Experimentierfeld

Mit dem neuen Intendanten Moritz Puschke bekam die "Internationale Orgelwoche Nürnberg – Musica sacra" auch den neuen Namen "Musikfest ION". Die Vielfalt von Sakralmusik soll dadurch besser zum Tragen kommen. Außerdem startete bei der diesjährigen Ausgabe das ION Lab, das ungewöhnliche Konzertformate bieten will.

Von Claus Fischer

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Blick auf Christuskreuz in Hallenchor, St. Sebald Kirche in Nürnberg (picture alliance/dpa - imageBROKER)
Auch in der ältesten Kirche Nürnbergs, St. Sebald, fand ein Konzert statt (picture alliance/dpa - imageBROKER)
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Traditionsberuf Orgelbau Klingendes Kulturerbe mit Zukunft

Benedikt Kristánsson, der mit seinen langen dunkelblonden Haaren und seinem breiten Oberkörper durchaus etwas an das Klischee eines Wikingers erinnert, ist sowohl musikalisch als auch sakral stark vorgeprägt. Seine Mutter arbeitet als Konzertsängerin, sein Vater war bis vor kurzem Bischof eines Bistums in der isländischen Volkskirche. Für das Projekt, das das Musikfest ION in Kooperation mit dem Festival Podium Esslingen realisiert hat, war er als Protagonist also absolut prädestiniert. Inspiriert hat ihn besonders der Ort der Aufführung, die gedrungene, aber recht hohe spätgotische Nürnberger Johanniskirche.

"Es ist nicht gespielt – ich fühle alles, was ich sage. Die Nähe zu Gott ist zu spüren!"

"Ich glaube, dass Musica Sacra in unserer Zeit höchst relevant ist", sagt der neue Intendant des Musikfestes ION Moritz Puschke.

"Die Menschen sind auf der Suche nach Einkehr, nach Innehalten, vielleicht auch Spiritualität oder einer religiösen Erfahrung! Die kann man im Kirchenraum ganz anders machen als in einem Konzertsaal."

ION Lab will neue, ungewöhnliche Konzertformate bieten

St. Sebald – die älteste Kirche Nürnbergs. Hält man sich an einem klaren Sommertag während der Abenddämmerung in diesem Raum auf, dann kann man ein faszinierendes Lichtspiel bewundern. Durch die gotischen Fensterhöhlen fallen gebrochene Strahlenbündel im rechten Winkel hinein ins Kirchenschiff.

"Die alten Baumeister, die kannten sich mit Inszenierungen sehr gut aus", betont Folkert Uhde, der in den letzten fünf Jahren die ION geleitet hat und der in Zukunft mit speziellen Projekten weiterhin im Programm vertreten sein wird, die den Titel "ION Lab" tragen. Lab – also die englische Abkürzung für Laboratorium - steht für neue, ungewöhnliche Konzertformate.

Wanderung durch den Kirchenraum

Gemeinsam mit rund zehn Studierenden der Nürnberger Musikhochschule entwickelte Folkert Uhde ein einstündiges Programm, eine akustische Wanderung. Und das was durchaus wörtlich zu verstehen, denn das Publikum wanderte zum Teil in einer Art Prozession durch den Kirchenraum. Ein gutes halbes Jahr, so Folkert Uhde, dauerte die Konzeption dieses Abends, von den ersten Ideen bis zur fertigen Partitur.

"Ich versuche, immer den Studierenden beizubringen, dass man nicht mit der Musik anfängt. Wenn man mit der Musik anfängt, sitzt man schon in der Falle. Dann kommt jeder mit seinem Lieblingsstück oder mit dem, was er zuletzt gehört hat oder woran er gerade übt. Sondern es ist immer sehr, sehr hilfreich, sich erstmal mit dem Thema auseinanderzusetzen."

Das lautete prägnant "Spuren".

Die Spuren beim ION Lab führen vordergründig in die Geschichte von St. Sebald und in die Geschichte der Sakralmusik. Zu hören war ein akustisches Wechselbad aus Gregorianik, gesprochene Texten, polyphone Motetten der englischen Renaissance bis zur Musik der Gegenwart. Auch ein Tonbandgerät brachten die Studierenden zum Einsatz mit Ausschnitten aus einer Komposition, die 1972 im Rahmen der Internationalen Orgelwoche Nürnberg aufgeführt wurde, "Musik der Trauer" vom damaligen künstlerischen Leiter Werner Jacob. Thema, sagt Folkert Uhde, war die Unfähigkeit der Menschen in der Bundesrepublik, die Schrecken des Nationalsozialismus zu betrauern.

"Mit einer ungeheuren Emotionalität eigentlich, die ich sehr packend finde! Für mich war es eine große Überraschung, dieses Stück!"

Die akustische Wanderung führte am Ende des Lab-Konzerts zu Johann Sebastian Bach und dessen Sterbechoral "Vor deinen Thron tret´ ich hiermit". So konnten mit den Spuren durchaus auch die eines menschlichen Lebens gemeint sein, von der sprichwörtlichen Wiege bis zur Bahre.

Neuer Intendant Moritz Puschke

"Spuren" - das war übrigens auch das Motto, das Moritz Puschke als neuer Intendant über seine erste Festivalsaison in Nürnberg gestellt hat.

"Einerseits habe ich gesucht nach dem reichen Kulturerbe der Stadt, also auf Dürers Spuren bin ich gegangen. Ich hab aber auch geguckt, was sind die Spuren, die die ION hier hinterlassen hat, hab mich sehr genau mit den Programmen meiner Vorgänger beschäftigt, hab Recherchen betrieben: Wie geht´s der Kirchenmusik eigentlich in Nürnberg, also den hauptamtlichen Kirchenmusikern an St. Sebald und St. Lorenz, was machen die eigentlich, wie bringe ich die ein ins Festival?"

Dieser stärkere Blick nach innen wird vom Publikum positiv aufgenommen, ist das Festival doch vor nunmehr 69 Jahren aus diesen Wurzeln erwachsen. Auch der im nahen Windsbach residierende hervorragende Knabenchor ist in dieser Saison - nach langer Zeit - erstmals wieder im Programm vertreten. Kontrastiert mit internationalen Künstlern der Sakralmusikszene und mit experimentellen Konzerten wie dem ION-Lab oder der Johannespassion mit einem Sänger ergibt sich eine Dramaturgie, die in jedem Fall Zukunftspotenzial hat.

Dass das Festival seit dieser Saison nicht mehr "Internationale Orgelwoche Nürnberg", sondern "Musikfest ION" heißt, ist allerdings nicht nur positiv aufgenommen worden, denn die Orgel als wichtigstes Sakralinstrument rückt so verbal in den Hintergrund. Intendant Moritz Puschke kann diese Kritik nachvollziehen, ist aber der Meinung, dass der neue Name die Vielfalt des Genres besser zum Tragen bringt. Außerdem seien fast ein Drittel der Konzerte im diesjährigen Programm Orgelkonzerte, so viele wie seit Jahren nicht.

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