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StartseiteMikrokosmos - Die KulturreportageEin lebendiges Mixtape03.01.2020

Musikfestival SeanapsEin lebendiges Mixtape

Mit der Kassette wurde in den 70ern auch das Mixtape erfunden. Die Trägermedien veränderten sich, die Idee des Mixes aber blieb. Mit einer Mischung aus Musik, Performances und Gesprächen versucht sich das Leipziger Seanaps-Festival an einer experimentellen Interpretation.

Von Manuel Waltz

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Blick in das für vier Tage aufgebaute offene Radiostudio des Seanaps-Festival (Deutschlandradio / Manuel Waltz)
Festival mit Sendungsbewusstsein - Blick in das für vier Tage aufgebaute offene Radiostudio des Seanaps-Festival (Deutschlandradio / Manuel Waltz)
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Ein Festival wie ein Mixtape, das ist die Idee hinter dem Seanaps-Festival in Leipzig. Es darf experimentiert werden, Musikgenres werden wild gemischt, im Festival-Radio wird alles live kommentiert, werden Hintergrundinformationen geliefert. Nicht das fertige Kunstwerk steht im Vordergrund, sondern die Freude am Ausprobieren.

Musik aus dem Computer, mit traditionellen Instrumenten, erzeugt durch selbst gebaute Synthesizer, Improvisiertes und Einstudiertes, sphärische Klänge und wildes Staccato. Auf dem Seanaps Festival in Leipzig bekommt man all das geboten. Wie bei einem Mixtape, einer selbst aufgenommenen Kassette, sollen die Zuhörerinnen und Zuhörer durch die Genres gleiten, sollen sich auf die Sounds einlassen, sollen zuhören und sich treiben lassen. Und auch diejenigen, die die Musik machen, werden zu Rezipienten und treten in Kontakt mit dem Publikum.

Miteinander Musik machen

Exemplarisch für dieses Herangehensweise ist der Instrumenten-Workshop im "Noch besser Leben". Die Bar an der Karl-Heine-Straße im Westen von Leipzig ist in einem unsanierten Gründerzeit-Haus untergebracht. Der Putz bröckelt, aber das macht den Charme des Orts aus. Etwa zwölf Teilnehmende haben sich mit ihren teils selbstgebauten Instrumenten eingefunden und werden von den beiden Leitern des Workshops Kamil Korolczuk und Emilio Gordoa angeleitet. In mehreren Sessions probiert die Gruppe aus, wie sie mit den unterschiedlichen Instrumenten gemeinsam Musik machen können. Jeder ist frei in seinem Spiel und doch soll ein gemeinsamer Klang entstehen.

Die Instrumente sind vielfältig, teils skurril: Es gibt Trommeln, aber auch einen Milchaufschäumer, mit dem man an Blech und Glas rattern kann. In eine alte Margarine-Packung sind verschiedene Teile eingelötet, mit denen sich Klänge erzeugen lassen. Die Teilnehmenden sind aufgefordert, miteinander zu kommunizieren und aufeinander zu hören.

Eine weitere Bühne: Das Festival-Radio

Aus der Villa Plagwitz, ein paar 100 Meter weiter die Straße hinauf, sendet das Festival-Radio. Tina Klatte hat hier zusammen mit anderen ein Studio in die alten Räume gebaut. Normalerweise arbeitet sie für das freie Radio in Halle, jetzt koordiniert sie die Abläufe im temporären Studio. Teppiche liegen auf dem Boden, in der Ecke im Kamin flackert ein gemütliches Feuer.

Für vier Tage senden sie von hier - mal über die freien Radios in Halle und Leipzig, manchmal auch nur online. Auch das ein Experiment. Die Macherinnen und Macher kannten sich vorher nicht, doch es funktioniert, meint Tina Klatte. Das Radio sei ein Schatten des Festivals, sagt Jonas Petry, einer der Organisatoren. Das, was abends in den Konzerten passiert, was die Künstlerinnen und Künstler machen, soll inhaltlich noch einmal vertieft werden. Es soll eine Bühne für den Austausch untereinander geboten werden, um auch hier Neues zu schaffen.

Das digitale Experiment

Digital begleitet wird das Seanaps-Festival mit der Blockchain-my-Art-App. Enrico Mania erklärt mit seinem Smartphone in der Hand wie App funktioniert: Zum einen bietet sie Informationen rund um das Festival, zum anderen schafft sie Transparenz über die Finanzen. Jeder kann sehen, wofür die Eintritts- und Getränkegelder ausgegeben werden: Wie viel die Künstlerinnen und Künstler bekommen, wie viel die Miete für die Räume kostet oder wieviel Geld in die Logistik fließt.

Auch die Einnahmen können die Besucher live über die App verfolgen. Damit, so Enrico Mania, werden die Besucherinnen und Besucher zu "aktiven Teilnehmern der Kulturlandschaft". Sie sollen nicht nur konsumieren sondern sich mit der Kulturwirtschaft auseinander setzen, so dass sie – so die Hoffnung – ihr Bier lieber an der Festival-Bar kaufen als beim Kiosk nebenan.

Das digitale Museum

Wie sowohl die Kunst, als auch die Künstlerinnen und Rezipienten von der Digitalisierung profitieren können, darüber macht sich auch Chantal Eschenfelder Gedanken. Sie ist für die Umsetzung der digitalen Strategie am Städel Museum in Frankfurt am Main zuständig. Auch sie betont, wie wichtig das Experiment sei, da sich nur so herausfinden lässt, was funktioniert und was nicht so gut ankommt.

Und sie betont ebenfalls die bildungspolitische Komponente digitaler Angebote: "Mit Hilfe von digitalen Techniken kann man Erwerbungsgeschichten und Provenienz-Geschichten einem viel breiteren Publikum vermitteln. Und das eröffnet nicht nur einen tiefen Einblick in die Kunst sondern auch vor allem in die Gesellschaft und in die Politik."

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