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StartseiteCorsoAll That New Jazz08.06.2019

Musikszene in LondonAll That New Jazz

Der Jazz ist nicht tot: In London formiert sich abseits der etablierten Clubs und Konservatorien eine neue Jazz- und Soul-Szene. Sie vereint wie selbstverständlich Elemente von Hip-Hop, Indie-Rock und Pop und spielt gegen das bigotte Brexit-England an. Ihr Hauptprotagonist ist Musiker Jordan Rakei.

Von Christian Lehner

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Der britische Musiker Jordan Rakei steht im gestreiften T-Shirt vor einer Wand mit Bilderrahmen (Deutschlandradio/Christian Lehner)
Der britische Musiker Jordan Rakei (Deutschlandradio/Christian Lehner)
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"Als ich vor vier Jahren in London ankam, hatte ich Riesenglück. Alle sagten, dass nichts los sei in der Stadt. Und plötzlich war da wie aus dem Nichts diese junge Soul- und Jazz-Szene. Und jeder Stadtteil hat seinen eigenen Sound! In Südlondon ist es der Jazz, im Norden der Neo-Soul und im Westen ist die Musik sehr tanzlastig. Am besten sind die Jam-Nights. Da kann alles passieren! Jazz ist jung und hip."

Jordan Rakei gerät ins Schwärmen, wenn er vom "Neuen London" spricht, wie er die Jazz- und Soulszene jenseits der elitären Clubs und Konservatorien nennt. Die lose Szene Londons setzt sich zusammen aus Einwanderern und ihren Kindern. Und aus jungen Engländern und Engländerinnen, die genug haben vom Chauvinismus des alten britischen Pop-Establishments und seinen Brexit-Befürwortern wie Ringo Star, John Lydon oder Morrissey.

Eine zentrale Figur der neuen Szene ist der Soul-Musiker Jordan Rakei. Sein Name taucht auf vielen einschlägigen Produktionen auf – als Co-Produzent als Songschreiber oder einfach nur als Sänger. So etwa bei Rapper Loyle Carner.

Neben dem multikulturellen Selbstbewusstsein des jungen London sieht Rakai die Woke-Szene der US-Westküste mit Musikern wie Kamasi Washington oder den Star-Rapper Kendrick Lamar als wesentlichen Einfluss, und hausgemachte Crossover-Künstler wie King Krule und Londons Acid-Jazz-Szene der 90er-Jahre.

Schweren Inhalt mit Leichtigkeit präsentieren

Der in Neuseeland geborene und in Australien aufgewachsene Jordan Rakei nennt Stevie Wonder und andere sozial engagierte Soulmusiker der 1970er-Jahre als Inspirationsquellen für seine Musik. Einflüsse, die auch auf seinem dritten Album mit dem Titel "Origin" deutlich zu hören sind.

"Der Sound des Albums ist nostalgisch, die Texte handeln von der Zukunft, so trifft sich alles in der Gegenwart. Die Themen sind dystopisch und beschäftigen sich mit den Auswirkungen moderner Technologien auf die Menschheit. Ich wollte dazu aber keinen dunklen Sound mit verstörenden Synthesizern kreieren, sondern die Zuhörer mit einer gewissen Leichtigkeit zum schweren Inhalt führen."

Tatsächlich klingt Jordan Rakeis neues Album eher nach Urlaub auf den Ballearen als nach "Blade Runner"-Soundtrack. Soft-Jazz und Rock, R’n’B und Neo-Soul sind die bestimmenden Sounds. In Stücken wie "Mad World" oder "Mind’s Eye" beschäftigt sich Jordan Rakei mit virtueller Realität und künstlicher Intelligenz.

Stimme als emotionaler Anker

"Am Anfang war ich begeistert von diesen Themen. Doch je länger ich mich damit beschäftigte, desto tiefer wurden die Sorgenfalten. Mich beunruhigen die langfristigen Auswirkungen: Werden wir in einer Welt leben, die so perfekt ist, dass sie den menschlichen Faktor ausschließt? Was ist mit unseren Gefühlen und Fehlern, mit Liebe und Zwischenmenschlichkeit? Das ist es doch, was uns als Menschen definiert. Ich möchte das nicht verlieren."

Jordan Rakeis Stimme bleibt in allen Songs der emotionale Anker – sanft bis zerbrechlich scheint selbst in den bangsten Momenten ein Hoffnungsschimmer durch. Unser Schicksal ist noch nicht besiegelt, so die gefühlige Botschaft. Das Manko an "Origin": Die Songs sind beinahe zu perfekt und glatt. Die Hochglanzproduktion lässt jene menschlichen Unebenheiten vermissen, die der Text beschwört und für die die junge quirlige Jazz- und Soulszene Londons steht.

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