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StartseiteSprechstundeTrommeln gegen psychische Krisen14.04.2015

MusiktherapieTrommeln gegen psychische Krisen

Musiktherapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie soll die Entwicklung und Identität der Patienten fördern und die Ausdrucksmöglichkeiten jenseits der gesprochenen Sprache verbessern. Ein Instrument eignet sich besonders gut, um über Töne den eigenen Körper zu spüren.

Von Mirko Smiljanic

Schlagzeug (dpa / picture alliance / Polfoto)
Für Patienten, die sozial-phobisch sind und sich wenig zutrauen, kann Schlagzeug-spielen eine gute Erfahrung sein. (dpa / picture alliance / Polfoto)
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Weiterführende Information

Mit Tönen gegen Tinnitus
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 15.04.2014)

Der Körper wird zum Instrument
(Deutschlandradio Kultur, Elektronische Welten, 21.10.2013)

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Krankenhaus Holweide in Köln. Etwa 25 Quadratmeter misst der warm und wohlig eingerichtete Raum für Musiktherapie: Flöten und Klangschalen stehen auf Fensterbänken und Regalen, Glockenspiele und Fingerzimbeln, vorne ein Schlagzeug, rechts an der Wand ein Klavier, die Ecke ist den Trommeln reserviert.

"Genau, hier ist der Trommelbereich, mit Djemben, Panlogos, kleine Djemben, große Trommeln."

Teresa Schlummer, Musiktherapeutin, zeigt einer Patientin die Instrumente. Seit drei Woche wird das 15-jährige Mädchen wegen einer Depression stationär behandelt.

"Schön, dass Du da bist, wie geht es Dir denn heute?"
"Es geht."
"Ich würde gerne heute wieder mit Dir Musik spielen, selber spielen, dass Du mal schaust, wie es Dir heute geht und dass Du guckst, was gibt es für Klänge, Geräusche, die Dir jetzt gut tun."

Etwas ratlos schaut sich das Mädchen um, nimmt erst eine Klangschale in die Hand, dann eine Flöte und bleibt schließlich vor dem Klavier stehen. Für heute hat sie ihr Instrument gefunden.

"Dann zieh Dir mal den Hocken nach vorne. Möchtest Du alleine am Klavier sitzen oder möchtest Du zusammen spielen?"
"Zusammen."

Die 15-jährige setzt sich auf die rechte Seite, spielt also die hohen Töne, Teresa Schlummer sitzt links.

"Musik wirkt bei jedem Menschen"

"Musik wirkt bei jedem Menschen und Musik ist bei jedem Menschen mit Emotionen verknüpft. Das ist im sogenannten Limbischen System verankert im Körper, und dadurch können verschiedene Gefühle wieder hervorgeholt werden, fröhliche Gefühle, mir geht es wieder gut."

Musik ist für viele Patienten aber auch eine Art Sprache. Einigen fehlen die Worte, um sich auszudrücken, andere können mit Musik innere Spannungen lösen. Welches Musikinstrument Teresa Schlummer einsetzt, hängt vom individuellen Krankheitsbild ab.

"Schlagzeug ist immer ein schönes Ziel für Patienten, die sozial-phobisch sind und sich wenig zutrauen, sodass wir uns da langsam steigern vom Klang her. Ich darf mal aus mir rauskommen. Gleichzeitig kann das wunderbar benutzt werden mit Patienten, die eine Psychose haben. Nicht mehr im Akutzustand, sondern wo es sehr um Struktur geht, ich muss mich koordinieren, ich muss den ganzen Körper koordinieren und ich habe eine direkte Reaktion, die ich wahrnehmen kann."

Singen ist schambesetzt

Die meisten Kinder, so Teresa Schlummer, suchen sich intuitiv die für sie geeigneten Instrumente aus, nur hin und wieder müsse sie steuernd eingreifen. Mit einem Instrument stehen aber vor allem Jugendliche auf dem Kriegsfuß: mit ihrer Stimme. Singen sei schambesetzt. Ausgesprochen beliebt sei dagegen die Bass-Schlitztrommel:

"Das ist eine Holzkiste, die auf einer Seite Holzlamellen hat, aus einem anderen Holz, und diese Holzlamellen sind unterschiedlich lang, sodass sie, wenn man die anschlägt, einen unterschiedlichen Ton ergeben. Und oben auf der Holzkiste - setzt Dich da mal drauf, nimm mal die Füße hoch, setzt Dich mal ganz lang drauf. Und wenn ich jetzt anschlage, jetzt mach im mal den tiefen Ton."

Mit geschlossenen Augen sitzt das Mädchen auf der Trommel, es vibriert in den Waden – eine wunderbare Möglichkeit, über Töne den eigenen Körper zu spüren.

 

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