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StartseiteTag für Tag"Es gibt Muslime, die sind auch unheimlich zufrieden hier"08.05.2015

"Muslim Girl" Sineb El Masrar"Es gibt Muslime, die sind auch unheimlich zufrieden hier"

Die Autorin Sineb El Masrar plädiert für einen weltoffenen Islam. Sie ist jung und bekennt sich als Muslimin, war von 2010 bis 2013 Teilnehmerin der Deutschen Islamkonferenz. Ihr Buch "Muslim Girls" ist gerade neu aufgelegt worden. Die in Hannover geborene Deutsche mit marokkanischen Wurzeln in einem Gespräch über die Opferrolle vieler Muslime.

Sineb El Masrar im Gespräch mit Andreas Main

Sineb El Masrar , aufgenommen am 08.10.2010 auf der 62. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Sineb El Masrar (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
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Andreas Main: Sineb El Masrar, wir haben im ersten Teil unseres Gesprächs darüber geredet, welche Rolle der Islam in Ihrem Denken als junge Muslimin einnimmt. Jetzt wollen wir reden darüber, was falsch läuft in Sachen Kommunikation von, mit und über Muslime. Ich stelle mal die These auf, vielleicht wird es Ihrer Generation besser gelingen über Christen, Juden und Muslime und miteinander zu reden, weil Sie weniger befangen sind als ältere Menschen. Inwieweit teilen Sie diese Hoffnung?

Sineb El Masrar:. Jein, weil es auch in der Generation meines Vaters – also mein Vater ist Jahrgang '38, also auch schon ein ganzes Stück zurück – da gab es ja auch Menschen, die offen waren, die auch gar nicht engstirnig durch die Weltgeschichte gelaufen sind. Menschen waren immer neugierig, waren aber immer auch engstirnig. Und ich glaube, dass auch heute das nicht anders ist. Der Unterschied vielleicht zu damals, ist, dass es mehr Menschen gibt, die als Muslime hier sozialisiert sind in Deutschland. Das heißt, sie sind mit der deutschen Kultur, mit der deutschen Geschichte vielleicht etwas mehr vertraut als damals in den 60er, 70er Jahren oder wenn wir noch weiter zurückgehen. Und das kann helfen, muss aber nicht, weil wir vor allem – wenn wir jetzt wirklich von Muslimen sprechen – gibt es natürlich auch Muslim-Feindlichkeit, es gibt Rassismus, und das führt dazu, wenn wir von Muslimen sprechen, diese sich auch zurückgedrängt fühlen, auch ausgegrenzt und nicht angenommen. Und das führt wiederum dazu, dass man sich tatsächlich in eine "Parallelwelt" zurückzieht und die ganze Zeit dort schmollt und alles irgendwie doof findet und dann gerne auch dieses Opfertum selbstmitleidig schon fast zelebriert. Weil man sich dann zusammenfindet und dann erzählt jeder, wie schlimm das doch alles ist und wie schlimm Deutschland ist und eigentlich braucht man ja gar nichts mehr zu machen in diesem Land.

Main: Was empfehlen Sie der Mehrheitsgesellschaft? Wie müsste sich das Reden mit und über Muslime ändern in diesem Land?

El Masrar: Also ich glaube, Medien können da tatsächlich eine gute Rolle spielen. Medien sind ja nicht nur klassische Nachrichten, sondern auch Unterhaltung im Bereich Film, Kultur im Sinne von Theater, Oper. Und wenn man da die Lebensrealität, die es heute gibt, abbildet – in wirklich allen Facetten, also wirklich die schwierigen Seiten darstellt, aber auch die humorvollen, die guten, die schönen Seiten. Sie sehen das ja ganz stark im Comedy- und Kabarett-Bereich, da gibt es zunehmend Menschen, die dem muslimischen Glauben angehören oder eben eine Einwanderungsgeschichte haben. Das spiegelt sich in ihren Positionen und auch Anekdoten, Geschichten wider. Das kommt wiederum in der Mehrheitsgesellschaft an, bei denen, die nicht gewandert sind und immer noch in der abendländischen Religion des Christentums oder auch des Judentums angehören. Das führt dazu, dass man oft merkt, och – wir sind ja gar nicht so unterschiedlich. Da kann man sich natürlich viel besser begegnen und einfacher begegnen.

Main: Anders herum – wie müsste sich die Kommunikation von Muslimen mit der Mehrheitsgesellschaft ändern?

El Masrar: Das ist ein bisschen schwer, weil es nicht die große Gruppe von Muslimen gibt. Das liegt einmal daran, weil die Einwanderungsströme der Muslime sehr unterschiedlich sind. Also vom Iran, die sehr schiitisch sind und aufgrund der Revolution '79 einen ganz anderen Bezug zur Religion haben, was auch noch mal ganz anders ist als Marokko oder Syrien. Das ist ja ein ganz großer Strauß an Muslimen – und deswegen gibt es eben nicht die Muslime. Aber die Vertreter der Muslime, die sehr präsent sind, müssen – glaube ich - mal langsam wegkommen von diesem Anspruch, dass die Muslime die Ober-Opfer sind, und davon wegkommen zu glauben, dass die Meinung, die sie vertreten, und das Verständnis des Islam, was sie vertreten, dass das das Islamverständnis oder die Bedürfnisse sind, die sie glauben über die Muslime. Da müsste man tatsächlich ansetzen. Weil: Es gibt Muslime, die sind auch unheimlich zufrieden hier. Das kommt – glaube ich – ganz oft hier nicht so durch. Diese Lebensrealität müsste man medial darstellen und wiedergeben.

Main: Muslime als Ober-Opfer. Sie haben in einem Essay in der "Welt" geschrieben: "Die Opferrolle der Muslime in Deutschland nervt." Dieser Text hat lange bei mir nachgeklungen. Was meinen Sie genau, wie äußert sich diese Opferrolle?

El Masrar: Also die Opferrolle ist – glaube ich- ganz stark, das sage ich auch in dem Artikel, basiert auf einem ganz starken Minderwertigkeitskomplex. Das hat sehr viel auch damit zu tun, aus welchen Regionen diese Menschen kommen. Wir haben ja auch viele Muslime, die zum Islam konvertieren, die sind in Deutschland oder Europa sozialisiert. Von denen spreche ich jetzt nicht unbedingt. Die haben andere Beweggründe: Das ist manchmal spiritueller Natur, aber eben auch schon dieses Gefühl, man will sich einer Gruppe zugehörig fühlen, die eine ganz besondere Ideologie vertritt – oder ein Religionsverständnis. Während aber bei den Muslimen, die aus anderen Herkunftsländern kommen, da spielt schon die Geschichte des Landes eine Rolle. Und wenn wir so die Mittelmeer-, also die MENA-Region, uns anschauen, das sind Länder, die in erster Linie sehr stark vom Kolonialismus beeinflusst sind. Und das wird schon auf die Geschichte zurückgeführt und führt schon zu einem Gefühl, so – wir wurden eigentlich immer unterdrückt und eigentlich können wir viel mehr, man lässt uns nicht. Das hat schon etwas damit zu tun, dass wir immer untergedrückt worden sind. Dieser Minderwertigkeitskomplex führt dazu, dass man sich irgendwie ohnmächtig fühlt und dann relativ schnell in diese Opferrolle verfällt, dass man sagt, ihr seid schuld an unserem Leid, weil das liegt schon so viele Jahrhundert zurück und das können wir damit und damit beweisen.

Main: Auch diese Haltung haben Sie wiederum mit Humor beschrieben. Am Übel der Muslime seien Politik, Medien und der lästige Pollenflug schuld. Also, auch hier Humor als ein Weg herauszukommen aus der Opferhaltung?

El Masrar: Ja, natürlich, weil wenn ich sage Pollenflug, dann soll es ja vor allem darstellen, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Also, ich kann hier in Deutschland relativ gut leben und meinen Weg gehen. Ich habe Zugänge zu Bildung. Und selbst wenn es auch Diskriminierung gibt – die gibt es natürlich, die beschreibe ich ja auch in "Muslim Girls" - das finde ich dann immer ein bisschen kurz gegriffen, dass wenn es irgendwo klemmt in der Gesellschaft oder in der eigenen Community, dass man da nicht reflektiert und schaut, vielleicht liegt es ja auch ein bisschen an uns, sondern gleich den Rückgriff auf die große Historie und die ganz große Politik und Geschichte.

Main: Haben Sie aber eben auch gemacht.

El Masrar: Ja, ich sage ja, das wirkt ja alles zusammen. Aber wenn ich jetzt von mir alleine spreche, kann ich nicht sagen, dass Napoleon sich erlaubt hat, nach Ägypten zu gehen und dann nicht nur den Obelisken mitzunehmen als Geschenk, sondern eben auch mit dieser Expansionspolitik ganze Regionen unterwandert hat. Aber wenn ich nur von mir spreche, stehen mir viele Türen offen; und die muss ich dann auch durchschreiten. Und wenn es dann Rassismus-Erfahrungen gibt, dann tut das weh, das ist auch verletzend, das ist gar keine Frage, und das möchte ich auch unter keinen Umständen kleinreden. Aber interessanterweise ist es so: Es gibt Menschen, die erfahren noch viel mehr Rassismus teilweise als Muslime, und die kriegen es auch hin, sich einzubringen und es nicht ganz so persönlich zu nehmen und sich trotzdem nicht davon abhalten zu lassen, ihren Weg zu gehen. Sicherlich gibt es da eine Rückbesinnung auf die eigene ethnische Gruppe, aber sie bleiben dran am Ball, bilden sich weiter, studieren, machen sich selbstständig, haben nicht so einen großen Hass auf die große deutsche Gesellschaft. Das vermisse ich manchmal so ein bisschen bei den Muslimen. Wie gesagt, das ist nicht die große muslimische Gruppe, aber es gibt so eine Tendenz. Und die gibt es leider auch bei vielen jungen muslimischen Menschen, die teilweise schon in der dritten Generation hier leben. Da denke ich mir so, na ja, alles berechtigt, aber das kann jetzt auch nicht die Antwort auf alles sein.

Main:! Haben diese Trotz- und Abwehrhaltung und Schuldzuweisungen, die im Namen Ihrer Religion formuliert werden womöglich doch im Kern auch etwas mit der Religion zu tun?

El Masrar: Alles hat ja mit allem irgendwie was zu tun. Also auch immer die Aussage, der Terror, den wir jetzt leider Gottes in Syrien, im Irak, aber auch in anderen Regionen nicht erst seit heute erleben – also ich meine diese Menschen, diese Gruppen berufen sich ja auf die Religion. Sie finden natürlich auch eine Herleitung, sie finden Gelehrte, die das gut heißen. Aber eben auch religiöse oder koranische Verse. Dann zu sagen, das hat mit der Religion nichts zu tun oder das ist das falsche Islamverständnis, da muss man sich natürlich schon fragen, was ist denn das richtige Islamverständnis? Wenn man das auf die verschiedenen Bereiche, sei es auf die Rolle der Frau, auf politische Inhalte, aber auch auf den normalen Alltag bezieht, dann gibt es nicht die eine große Antwort. Das lässt sich relativ schnell feststellen, wenn man mit Muslimen verschiedener Gruppierungen diskutiert. Das führt dazu, dass man sich dann mit seiner eigenen Religion auseinandersetzen muss. Dann bringt es eben nichts mehr – oder man merkt, man kommt relativ schnell an Grenzen, und kann nicht mehr sagen, die anderen sind schuld, weil jetzt muss man sich in dem Kontext mit seiner eigenen persönlichen Geschichte, eigenen Sicht auf die Religion auseinandersetzen. Und eben auch: Warum sagt jemand, das ist das falsche Islamverständnis, jemand anders aber, das ist das richtige Islamverständnis, den Leuten den Kopf abzuschlagen – und der andere sagt, nein. Aber beide können sich darauf berufen.

Main: Sie haben mehrfach leichte oder zwischen den Zeilen auch deutliche Kritik an Vertretern der Islamverbände geäußert. Sie möchten jetzt sicherlich nicht als "Islamkritikerin" gecastet werden, aber es ist offensichtlich schon so, dass Sie was stört an dem, was die Funktionäre so äußern. Was ist es genau?

El Masrar: Als Islamkritikerin kann ich schon mal nicht bezeichnet werden, weil ich den Islam so schon mal gar nicht kritisiere, sondern die Akteure. Also vielleicht Muslimkritikerin, das würde es vielleicht ein bisschen besser treffen (lacht). Na ja, die Funktionäre haben natürlich Eigeninteressen. Und jeder Verband – wir haben ja mehrere in Deutschland – vertritt ein bestimmtes Islamverständnis und möchten politisch partizipieren über den Köpfen der Muslime hier in Deutschland. Das kann eben nicht funktionieren, wenn sich viele Muslime mit diesem Islamverständnis nicht identifizieren können. Wenn man dann im Namen einer großen Gruppe spricht, dann kann dann man das auch nicht unterschreiben. Damit habe ich ein Problem. Damit haben auch viele andere Muslime ein Problem, die sich da nicht organisiert sehen.

Main: Wie kommen Sie daraus? Müssten Sie sich auch organisieren?

El Masrar: Das kann man machen. Ich denke, was fehlt, ist, dass man diese Verbände ein bisschen in ihre Schranken weist. Das kann man öffentlich machen. Es gibt ja durchaus Muslime, die in der Öffentlichkeit stehen – auch als Publizisten oder eben auch als Theologen. Man kann das auch, indem man vor den Verbänden demonstriert. Die haben ja auch Dependancen. Man kann denen Briefe schreiben, denen mal sagen: Hallo, das kann ich so nicht unterschreiben, bitte nicht weiter so und so agieren! Es gibt verschiedene Protestformen, die es in anderen Religionen ja auch gibt – wir müssen das nicht groß neu erfinden.

 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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